Archiv für den Monat Januar 2016

Der Souverän, die Kolportage und die Hysterie

Es handelt sich längst nicht mehr um ein Grundrauschen. Es ist zum Orkan geworden. Das viel beschworene Netz hat sich zu einem Fokus etabliert, in dem die Volksseele oder das, wofür sie gehalten wird, brennt. Im Sekundentakt poppen Meldungen über schreckliche Geschehnisse auf. Dort ein Raub, hier eine sexuelle Belästigung, dort eine Pöbelei und hier eine Sachbeschädigung. Es reicht das Hörensagen, zuweilen auch die eigene Phantasie. Nicht, dass Delikte gegen die öffentliche Sicherheit nicht verfolgt und geahndet werden müssen, aber der Wahrheitsgehalt ist bis auf wenige Fälle nie verbürgt. Keine Recherche, keine Nachfrage, keine Sicherung der Information. Es reicht ein Hinweis, woher auch immer. Und es ist klar: Dahinter stecken in der Regel die Flüchtlinge. Sie sind zur Plage unserer Tage geworden, soviel Gewissheit muss sein.

Kein Wunder, dass eine ganze Klasse von Politikern ihre Stunde, die sonst nie angebrochen wäre, gekommen sieht. Auch sie vergeuden keine Zeit damit, die Recherche abzuwarten. Nein, sie überbieten sich damit, Drakonisches zu fordern, an Verurteilung, an Aufrüstung und an Konsequenz. Bei genauer Betrachtung derjenigen, die sich auf diesem Feld am meisten profilieren, fällt auf, dass es sich um diejenigen handelt, die noch nie dadurch auf sich aufmerksam gemacht hätten, dass sie Politik gestalten. In vielerlei Hinsicht handelt es sich um diejenigen, denen eine positive Phantasie für die Zukunft fehlt. Sie wussten schon immer sehr genau, was gefährlich und nicht zu tun ist, sie haben immer gewarnt, nur vorgeschlagen, wie etwas im positiven Sinne geformt werden kann, das haben sie noch nie.

Die Bevölkerung ist hin und her gerissen. Am schlimmsten trifft es die Teile, die all dem, was kolportiert wird, Glauben schenken. Sie sind verunsichert und blicken Hilfe suchend um sich und warten auf eine schnelle Lösung im Urwald der Phantasmagorien. Und die Teile, die an dem Schützenfest der Kolportage zweifeln, die darauf hinweisen, dass es immer notwendig ist, einen kühlen Kopf zu bewahren und sich die Folgen vorgeschlagener Reaktionen genau zu überlegen, die finden sich sehr schnell wieder auf der Anklagebank der selbst ernannten Volksgerichtshöfe, die in ihren Worten nicht mehr weit entfernt sind von dem historischen Vergleich. Ihre Begriffswelt ist das Indiz schlechthin für ihre Absichten. Sie stehen in keiner Relation mehr zu dem Ansinnen eines demokratischen Gemeinwesens, sie desavouieren sich mit jedem Satz.

Der Begriff Terror steht für den Umstand, Angst und Schrecken zu verbreiten. Das ist die Stoßrichtung der Kolportagehysterie. Sie erzeugt Ängste, sie verbreitet Schrecken. Politiker, die sich dabei profilieren, haben die Legitimation verloren und ihr Handeln ist durch nichts zu entschuldigen. Auch und gerade nicht durch den Rausch, den demoskopische Erhebungen bei Ihnen zu erzeugen vermögen.

Eine Krise, die dadurch zustande kommt, dass die Befindlichkeit des Gemeinwesens nicht auf sie eingestellt ist, kann nur dadurch gelöst werden, dass eine vernünftige, besonnene Politik sich mit den Notwendigkeiten auseinandersetzt, das Gemeinwesen zu befähigen, mit diesen Erscheinungen klar zu kommen, ohne zu riskieren, die Gesellschaft dabei zu spalten und gravierende Verwerfungen in Kauf zu nehmen. Und das Volk, diese abstrakte Größe, die dennoch in all ihrer Vielschichtigkeit existiert, hat die Aufgabe, die Qualität von Politik danach zu beurteilen. Auch das erfordert einen kühlen Kopf. Der Preis für das Nachgeben der Vernunft gegenüber der Hysterie ist hoch. Ein Souverän, der die Besonnenheit verliert, hat seine Souveränität verwirkt.

Eine Busladung beherrscht die halbe Welt

Die Meldung kam daher wie eine sekundäre Lokalnachricht. So, als sei im Bistum Münster, im fernen Hoetmar, eine neue Sakristei eingeweiht worden, ratterte die Nachricht durch den Ticker, dass 62 Individuen reicher seien als die restliche Hälfte der Weltbevölkerung. Ja, richtig gehört, 62 Menschen sind reicher als über vier Milliarden andere zusammen. Und so, wie die neue Sakristei in Hoetmar im kollektiven Bewusstsein versickert wäre, wie vieles, was es in die Schlagzeilen schafft, so versickerte auch diese Nachricht. Eine Nachricht, die mehr sozialen Sprengstoff in sich birgt als alles andere, was dazu dienen könnte, auf die Notwendigkeit radikaler Veränderungen hinzuweisen.

Die Qualität, die sich hinter dieser Kontur von Besitzverhältnissen offenbart, ist neu. Weder Monarchien noch Diktaturen waren in der Lage, die Menschheit aufgrund des Besitzes derartig zu spalten. Das, was die Epoche des Finanzkapitalismus an Besitzverhältnissen produziert hat, sprengt heute, im Jahr 2016, alles, was noch vor wenigen Jahrzehnten denkbar gewesen wäre. Und Lenins Schrift vom Imperialismus als höchstem Stadium des Kapitalismus erscheint aus heutiger Sicht als eine Empörungsschrift gegen relativ beschauliche und sozial verträgliche Verhältnisse. Übrigens, auch Orwells 1984 liest sich heute ähnlich, die kontrollierende Macht des Staates dort, als Schreckensvision inszeniert, mutet aus der Jetzt-Perspektive nahezu an wie die gute, alte Zeit.

Aber wenn sich eine Busladung Menschen über den halben Globus erhebt und sich zumindest hunderte Millionen Menschen in den Teilen der Welt, in denen sich die Gattung historisch Gedanken gemacht hat über die Konstitution einer gerechten Gesellschaft, nicht zumindest mental dagegen erheben, dann riecht es nach Fäule. Keine Putsch, kein Staatsstreich und keine Revolution vermochten bis dato Verhältnisse zu schaffen wie die existierenden. Die Interessen dieser einen Busladung bestimmen das Geschehen, sie investieren und lassen verrotten, sie blasen zu Kriegen und verheeren die Natur, sie zerstören Lebensbedingungen und schaffen Ungerechtigkeit.

Die Gesellschaften, die die Modernisierung voran getrieben haben, die für sich verbuchen können, an dem harten, aber glücksbringenden Brot der Aufklärung geknabbert und Verfassungen geschaffen zu haben, die Grundrechte und Freiheiten wie gesellschaftliche Pflichten verbriefen, die sogar das Recht auf Glück eines jeden garantieren, diese Gesellschaften nehmen im Moment die Auflösung all dessen durch die Realität zur Kenntnis wie eine lokale Petitesse. Der Aufschrei, der kommen müsste, bleibt aus.

Aufklärung, schrieb Immanuel Kant, Aufklärung ist das Heraustreten des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Und unmündig ist der Mensch, wenn er es zulässt, sich bevormunden zu lassen. Das Aufbegehren gegen Verhältnisse, die entmündigen, ist die Geburtsstunde der Aufklärung. Und Besitzverhältnisse sind die sicherste Grundlage für alle Arten der Bevormundung.

Die Akzeptanz einer Busladung von Besitzenden, die mehr in Händen halten als vier Milliarden andere, ist die Gegenzeichnung einer Kapitulationserklärung in Sachen Aufklärung. Die Reaktion der medialen Öffentlichkeit meldet den Vollzug dieser Kapitulation. Angesichts der fortgesetzten Verheerungen, die diese Besitzverhältnisse produzieren, ist allerdings sehr sicher, dass die Revolte gegen den Monopolismus erneut erfolgen wird. Er wäre kein Zeichen der Zerstörung, sondern ganz im Gegenteil, ein Lebenszeichen der Zivilisation. Alles, was an heutiger Lebensfreude noch existiert, ist dem Umstand des Zivilisationsprozesses, der aus der Aufklärung hervorging, zu verdanken. Und alles, was den zivilisierten Menschen unserer Tage erzürnt, entstammt dem Beuteverhalten einer Busladung von Individuen. Noch einmal Kant: Aufklärung ist das Heraustreten des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Innovation auf Basis der Tradition

Jazz Ensemble Baden-Württemberg. The Doors Without Words

Wie oft mündet das Covern von großen Pop- oder Rocktiteln durch Jazz-Ensembles in einer grandiosen Enttäuschung. Zumeist basieren solche Einspielungen auf dem Kalkül, durch eine Form der Verseichtung noch einmal Kasse zu machen. Was dabei herauskommt ist nicht selten die Herausfilterung der Authentizität, die zu Kaufhaus- oder Fahrstuhlmusik führt. Umso mutiger ist es, sich ausgerechnet an die großen Titel der Doors zu machen. Stand diese Band in ihrer Zeit mit dem Frontmann Jim Morrison doch für das épater-le-bourgeois in der Tradition Charles Baudelaires und Arthur Rimbauds, für den Affront gegen den Mainstream und alle Illusionen von einer unbeschwerten, seichten Welt. Vielmehr waren The Doors ein Fanal für den Untergang, die Desillusionierung und die Herrschaft des Bösen. Das Jazz Ensemble Baden-Württemberg, welches sich aus mittlerweile durchaus etablierten, aber noch jungen Jazzmusikern zusammensetzt, hat dieses Wagnis unternommen. Was dabei herauskam hat allen Gefahren getrotzt und kann als ein famoses Beispiel dafür gelten, wie Rockgeschichte durch den Jazz im Forum der Weltmusik neuen Bestand erhält.

Insgesamt acht Musiker, von Thomas Siffling bis Jo Ambros haben insgesamt neun Doors-Titel eingespielt und ihre Essenz zum Tragen gebracht. Der Vorteil, den die Jazz-Improvisation mit sich bringt, ist dabei voll zur Geltung gekommen. Das Melodie-Thema, welches natürlich nicht fehlen darf, um die Kernaussage zu unterstreichen, ist sehr reduktionistisch eingebracht worden, um dem interpretativen Teil mehr Raum zu geben.

Ob es ein grandioses Solo des Baritonsaxophonisten Sebastian Nagler bei Light My Fire ist, das die ganze Willenskraft und Dynamik materialisiert, oder die eher sphärische Interpretation bei Blue Sunday durch das Tenor Peter Lehels, die funkigen Gitarrenriffs Jo Ambros´ bei Break On Through, die Verfremdungen an der Hammond Orgel durch Johannes Bartmes, flankiert durch die unheilvoll klingende Posaune Uli Rosers bei Riders On The Storm, die mysteriöse Melodieführung des Baritons bei The Spy, die immer wieder von Thomas Sifflings Trompete zur Ordnung gerufen wird, die vom ganzen Ensemble eingespielte und von Sopransaxophon gelöste Atmosphärik, es handelt sich immer um ein Spiel zwischen Bekanntem und Ungewissem, was als ein Wesensmerkmal alle Originale ausmacht. Die Essenz der Doors-Titel besteht gerade in dieser Führung zwischen Vertrautem und Unbekanntem, zwischen der euphorisierenden Stimmigkeit des Daseins und seines desaströsen Schattens.

The End, auf dieser CD folgerichtig das letzte Stück, beginnt mit einem kakophonischen Tusch und nähert sich dann der Melodie durch eine Bedachtsamkeit, die nur durch das Thema des existenziellen Endes zu erklären ist. Das ist große Kunst und produziert alles, nur kein Easy Listening. Das Covern der Doors durch ein Jazz Ensemble ist zu einer Reise geworden, die dem Original würdig ist. Wer das im Fahrstuhl hören würde, wünschte sich ein schnelles Ende des Transports. Wer sich einen neuen Kompass zum Verständnis dieser großartigen Musik erschließen möchte, der hat ihn gefunden. In den Nischen sind nicht nur die Werkstätten der Innovation zu finden, sondern auch die Qualitätssicherung großer Tradition. Doors Without Words ist so ein Nischenprodukt, das mit beidem brillieren kann.