Archiv für den Monat November 2015

Lob der Textkritik

Sprache ist ein diffiziles Gebilde. Sie verfügt über eine Architektur, die sich in Form der Grammatik abbilden lässt und sie ist belebt durch Wörter, Begriffe und Bilder, die dem Denken, Fühlen und Empfinden der Akteure entspringen. Die Bemühungen der informatischen Linguistik zielen vor allem auf die strukturellen und kontextuellen Fragestellungen. Das große Geheimnis, um das sich viele Untersuchungen ranken, ist die Frage nach dem Transfer vom Denken in das manifestierte Sprachbeispiel. Das ist eine spannende Sache, weil die Neuro-Informationen so schwer entschlüsselbar sind. Die Beschäftigung mit diesen Deutungsmustern wird auch in der Zukunft noch von großem Interesse sein.

Was linguistische Betrachtungen so interessant macht, sind die möglichen Rückschlüsse von Sprache auf soziale Beziehungen und die kulturelle Perzeption derer, die sie benutzen. In den Literaturwissenschaften kann so etwas erlernt werden. Es nennt sich Textkritik. Die Textkritik ist nicht mehr sonderlich en vogue in diesem Fach, weil eine gute Textanalyse in der Lage ist, das zu üben, was einmal Ideologiekritik hieß. Textkritik passt nicht in ein Zeitalter, in dem so gerne suggeriert wird, die Welt sei in Ordnung und diejenigen, die Texte professionell produzieren, hätten nichts anderes als die objektive Information im Sinn.

Praktische Beispiele für das Desaster existieren zuhauf. In den Texten der großen medialen Produzenten wimmelt es nur so von Insinuationen. Insinuationen sind bewusst eingesetzte Wörter, die scheinbar einen ganz normalen Informationsauftrag haben, die aber mit einer versteckten Agenda darauf abzielen, bei den Leserinnen und Lesern bestimmte Emotionen zu erzeugen. Es ist ein gefährliches Mittel, das nicht wirken würde, wenn in Schulen und Universitäten noch gelehrt würde, damit umzugehen.

Das Thema der Flüchtlinge ist durchsetzt mit solchen Insinuationen. Da wird von Fluten, Strömen und Lawinen gesprochen, Naturereignisse, die vermeintlich im menschlichen oder gar politischen Handeln keine Ursache haben, was natürlich nicht stimmt. Denn Flüchtlinge sind das Resultat sehr konkreter Politik. Sie haben etwas zu tun mit Waffenlieferungen an Despoten, sie haben etwas zu tun mit heißen Kämpfen um Ressourcen und sie haben etwas zu tun mit Koalitionen, die es in sich haben. Davon lenken Bilder über Naturereignisse natürlich ab.

Ein anderes, augenfälliges Beispiel sind Personifizierungen. Auch sie haben einen insinuativen Charakter. Der russische Präsident Putin ist so eine Figur, die zum zentralen Thema gemacht wird. Da sitzt ein ehemaliger Geheimdienstler im Kreml und hat alle Fäden in der Hand. Alles, was Russland als Staat nach außen vertritt und begeht, ist zurückzuführen auf diese eine Person. Sie soll es sein, die das ganze Land nach dem eigenen Willen knechtet. Eine Meinung der russischen Bevölkerung wird in solchen Kontexten nicht eruiert, es sei denn, man findet einzelne Individuen oder Gruppen, die sich einer im Westen geschätzten Verschwörungstheorie anschließen.

Oder es wird mit dem Mittel der Verallgemeinerung gearbeitet. Da ist es plötzlich der Grieche schlechthin, der über seine Verhältnisse gelebt hat, der einen unheilsamen Drang zu Bürokratie und Korruption an den Tag legt und der sich auf unsere Kosten ein schönes Leben machen und die Schulden an uns nicht zurückzahlen will.

Außer Naturgewalten, Personifizierungen und Verallgemeinerungen existiert noch eine Unzahl von wertenden Adjektiven, die in den Texten zu finden sind, mit denen die Gesellschaft traktiert wird. Der Instrumentenkasten, der sich da auftut, ist der, der eigenartigerweise in einer treffenden Definition vom Propaganda zum Tragen kommt: Propaganda ist die Reduktion komplexer Verhältnisse auf schlichte, emotionalisierende Erklärungen. Man muss nicht mit den Wölfen heulen, um als Hund zu überleben. Die Textkritik ist da so ein Mittel.

Krise und Charakter

Der verstorbene Helmut Schmidt pflegte zu sagen, dass sich in der Krise der wahre Charakter zeige. Damit hatte er wohl Recht. Der besondere Zustand ist es, der außerhalb der Komfortzone, der zeigt, inwieweit ein Mensch mit sich und seiner Umwelt im Einklang steht. Krisen sind nicht nur ein Prüfstein für den Charakter von Menschen, sondern auch eine hervorragende Gelegenheit, die Fähigkeit von Menschen und sozialen Systemen zu beobachten, mit dem Unvorhergesehenen umzugehen. Die jetzige Bundesregierung und ihre Protagonisten mögen nach dem, wie sie mit den gegenwärtigen Krisen umgehen, danach beurteilt werden, wie sie charakterlich dastehen. Und, sie können danach beurteilt werden, wie sie politisch, denn das ist ihr Auftrag, mit den Krisen umgehen.

Um es ganz alltäglich zu formulieren: Irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, das vieles der täglichen Routine in Frage stellt. Wie gehen Menschen damit um? Hadern sie mit dem Schicksal? Suchen sie nach Schuldigen? Versuchen sie den Schlag zu vertuschen? Werden sie hysterisch oder cholerisch oder depressiv? Oder versuchen sie, den Erfordernissen des Besonderen mit ihren Mitteln nachzukommen und die neue Situation als Grundlage für zukünftiges Handeln zu etablieren?

Das soziale und das politische System, nicht zu vergessen auch von Menschen gemacht und zu verantworten, wie reagieren deren Institutionen? Wie schnell akzeptieren sie die neuen Bedingungen? Wie erklären sie das, was passiert ist? Welche praktischen Schlussfolgerungen ziehen sie daraus für ihr eigenes Handeln? Oder deklarieren sie den neuen Zustand als eine Störung, die schnellstens zu beheben ist, damit der Status quo ante möglichst schnell wieder hergestellt ist? Und leistet vor allem das politische System den Erklärungstransfer, der zu seiner ureigensten Pflicht zählt: Stellt das politische System den Menschen den Zustand von Freiheit her, der es ihnen ermöglicht, Einsichten in das Notwendige zu entwickeln?

Bei dem Versuch, herauszufinden, was momentan bei den politischen Akteuren wie im politischen System der Bundesrepublik passiert, ist es hilfreich, unabhängig von der einzelnen Adressierung der einen oder anderen Analyse oder dem einen oder anderen Handlungsvorschlag das Grundrauschen zu identifizieren.

Auf diesem Kanal klingt immer wieder die Phantasie von einem Naturereignis, das auf keinen Fall mit der eigenen Politik auf der Welt etwas zu tun hat und wenn überhaupt etwas mit Politik, dann sind es andere Mächte, mit denen man nichts zu tun hat. Diese Befindlichkeit ist verhängnisvoll, weil sie keine praktischen Konsequenzen für die eigene Außenpolitik nahelegt, sondern das Bestreben erkennen läßt, so fortzufahren wie bisher.

Die Institutionen, die die Geschäftsführung des Staates zu verantworten haben, entwickeln keinerlei Konzepte, die das Handeln unter völlig neuen Bedingungen ermöglichen. Vielmehr versuchen sie die neue Realität in ihre eigene, alte zu zwängen. Die alten Strukturen wie Handlungsweisen werden als ultima Ratio gehandelt und es wird versucht, vor einer schwierigen Lage ein gutes System vor schlechten Menschen zu rechtfertigen. Das ist keine Krisenstrategie, das ist Apologetik!

Letztendlich sind die Protagonisten aus der Regierung Beispiele dafür, was Helmut Schmidt im eingangs bemühten Zitat zu fokussieren suchte. Ja, das wussten auch schon unsere weitaus profaneren Großeltern, bei Schicksalsschlägen zeigt sich der wahre Charakter. Und so ist es, angesichts der Tatsache, dass die Herausforderung eine extreme ist: Es geht um die Menschen, die kommen und es geht um die Menschen, die hier sind. Und angesichts dieser, wie gesagt Herausforderung, wie sieht denn da das Jonglieren mit der Spekulation auf die nächste demoskopische Erhebung aus? Zeigt es Charakter? Zeigt es die Fähigkeit, unter schwierigen Bedingungen arbeitsfähig zu sein? Oder zeigt es, dass dieses Personal deplaziert ist?

Über den Zweifel

Es mutet eigentümlich an, dass in Zeiten großer Ungewissheiten ausgerechnet der Zweifel tendenziell in dem Verdacht steht, ein Agent von Defätismus und Depression zu sein. Wäre damit eine programmatische Attitüde gemeint, die alles überschattet, könnte dieser Verdächtigung noch eine gewisse Sympathie abgerungen werden. Aber gerade darum geht es eben nicht. Denn das alles beherrschende Lebensgefühl basiert auf einer mulmigen Rezeption der allgemeinen Ungewissheit und wird alles andere als angenehm empfunden. Es ist der Zweifel, der gegenüber den Positionen des so genannten Mainstreams artikuliert wird. Das sind in der Regel sehr konkrete Fragen, um die es da geht. Die Diskussionen um Schulden sind so ein Beispiel, oder die alles bewegende Frage nach einer Position gegenüber den Flüchtlingen. Zu beiden hier genannten großen, konkreten Komplexen, existieren konträre Positionen, die vernünftig rekonstruierbar sind. Regen sich jedoch Zweifel gegenüber der einen wie der anderen Meinung, ist der Shitstorm von der jeweils anderen Seite gewiss.

Das menschliche Denken in politischen Kontexten unterscheidet sich nicht von dem in profanen Dingen. Eine bestimmte Entwicklung oder ein bestimmtes Ereignis verändern die Situation grundlegend. Da es sich, im profanen Leben wie in der Politik um komplexe Zusammenhänge handelt, ist es angebracht, die einzelnen Erscheinungen und Fakten wie auf einem Tableau auszubreiten und den Versuch zu unternehmen, den Bestand von dem Neuen zu trennen und vor allem die Wirkungszusammenhänge zu analysieren. Daraus ergeben sich Lösungsansätze, die ihrerseits als Optionen durchzuspielen sind und dazu geeignet sind, sich letztendlich für einen Handlungsweg zu entscheiden.

Was quasi als Axiom menschlicher Handlungsweisen gelten kann, ist die Frage nach Motiv und Interesse. Dass Menschen in komplexen Zusammenhängen unterschiedliche Interessen verfolgen, ist eine Binsenwahrheit. Die Interessen, die hinter bestimmten Handlungen stehen, bei einer Analyse zu kartieren ist demnach genauso wichtig wie die Dokumentation der Fakten. Und dass ausgerechnet bei den brennenden Fragen der gegenwärtigen Politik die Frage nach dem jeweiligen Interesse so diskreditiert wird, wie es zu beobachten ist, zeugt nicht nur von einem allgemeinen pathologischen Zustand, sondern es ist auch das Ergebnis einer Strategie, die sehr alt aber auch sehr einfach ist: Diejenigen, die nicht möchten, dass ihre Interessen als Motiv sichtbar werden, mobilisieren gegen die Untersuchung des Interesses. Und diejenigen, die sich der Analyse des Interesses widmen, neigen im einen wie im anderen Fall dazu, ein einziges, zumeist gegenteiliges Interesse gegenüber dem eignen zu verabsolutieren.

Es scheint also geboten, den Zweifel als Mittel des Erkenntnisprozesses etwas mehr in das Zentrum der Betrachtung zu ziehen bzw. ihn als Instrument zu benutzen, bevor die ganze Armada der eignen Argumentation ins Feld geführt wird. Der Zweifel kann helfen, die vermeintliche Gewissheit, sich für eine Option zu entscheiden, noch einmal zu relativieren. Es kann dabei helfen, nicht genau in jenen Fehler zu verfallen, der anderen so gerne vorgeworfen wird. Dieser Fehler, der sich zu einer programmatischen Massenerscheinung ausgeweitet hat, trägt den Namen Dogmatismus. Es ist die Weltsicht ohne Zweifel, die meistens zu einer destruktiven Entwicklung führt. Wo der Dogmatismus herrscht, ist die Inquisition nicht weit und wo die Inquisition tobt, da lauert die Finsternis. Wer in der Komplexität der Weltbewegung den Zweifel verbannt, der wird auf der Suche nach Wahrheit und Erkenntnis auf der Schattenseite landen. Allein diejenigen, die täglich mit neuen Gewissheiten aufwarten, um sie nach vierundzwanzig Stunden bereits wieder revidieren zu müssen, belegen das in einer illustren Weise.