Archiv für den Monat Oktober 2015

Cargo aus Kunduz

Vielleicht ist es auch ganz normal. Die wirtschaftlichen Krisen um uns herum, die immer tiefere Spaltung zwischen Arm und Reich im eigenen Land, die Massenflucht in unser Land, der Verlust an Vertrauen in die Politik und die daraus resultierende, erodierende Wahlbeteiligung, die esoterischen Subkulturen und die dekadenten Eliten, die kasernierte Arbeiterklasse, für die es keine Arbeit mehr gibt und die Drückerkolonnen, für die außer schlechten Zigaretten und schlechtem Essen nichts mehr bleibt. Vielleicht ist das ganz normal für eine imperiale Macht. Denn die großen Player unserer Tage, die haben eine solche Bilanz in ihren Ländern. Weder die amerikanische, noch die russische oder chinesische Bevölkerung finden Verhältnisse vor, die sich deutlich von denen unterscheiden, die wir hier beklagen. Ja, denen geht es noch schlechter, da kann man sogar auf dem elektrischen Stuhl oder in einem Strafgefangenenlager landen, wenn es dumm läuft. Nur, weil die beiden deutschen Staaten, aber vor allem Westdeutschland unter dem temporären militärischen Schutz einer Supermacht waren, kann der Zustand der Befreiung der Kosten eines imperialistischen Krieges auf dem Markt und im Feld nicht ohne Kosten vonstatten gehen.

Wieviele Vietnamesen, die einst mit den USA kollaborierten, kamen danach in das Land? Wie viele Afghanen waren es? Wie viele Südamerikaner machten sich auf ins Zentrum der Aggression, als eine Militärdiktatur nach der anderen auf dem Subkontinent installiert wurden? Wir sollten uns umschauen in der Welt, bevor wir Zustände beklagen, die normal sind für ein Verhalten und Vorgehen von Bundesregierungen, die frei gewählt wurden. Alle lieferten Waffen in die arabische Welt, sie beteiligten sich am Sturz vieler Regime, ohne die Herstellung akzeptabler Verhältnisse danach ernsthaft zu unterstützen, sie unterstützten militärisch einzelne Parteien des syrischen Bürgerkrieges, sie beteiligten sich an der Polizeiausbildung im Irak und sie waren mit militärischen Einheiten über Jahre als Kriegspartei in Afghanistan. Die Demokratie, so hieß es, wurde auch am Hindukusch verteidigt. Dass es dort um Rohstoffe ging, erwähnte nur ein Bundespräsident, aber der musste dann schnellstens gehen.

Nach Abzug der Truppen zeigte sich schnell, dass die dort etablierte Ordnung nicht die Güte hatte, um lange zu bestehen. Längst haben die Taliban Teile des Landes erobert. Kunduz, die Region, in der die Bundeswehr stationiert war, ist längst in ihrer Hand. Und nun, wen wundert es, sind diejenigen, die als die Kollaborateure der Deutschen gelten, mit Leib und Leben bedroht. Bis dato liegen sogar Fälle vor, in denen deutsche Behörden deren Anträge auf Asyl als unbegründet abgelehnt hatten, ein Verhalten, das weitaus düsterer ist als das der USA, die immer ihre Kollaborateure mit einem Visum belohnten. Aber nun, da wir uns als Land mit einer Willkommenskultur geoutet haben, werden sicherlich auch die armen Seelen aus der afghanischen Region Kunduz bei uns landen, die einmal an die Zuverlässigkeit der Deutschen geglaubt haben.

Alles, was wir momentan erleben, ist normal für ein Land, das sich entschieden hat, sich am Kampf um Märkte und Ressourcen zu beteiligen. Der Preiskampf kann schon sehr heiß werden und die Sicherung von Arbeitsplätzen in einer Waffenfabrik dazu führen, dass in Mexiko Studenten von einer korrupten Junta abgeknallt werden die Hasen bei einer Jagd des französischen Sonnenkönigs. Da geht es nicht um Gut und Böse, da geht es um Interessen. Bei jedem Afghanen, der es geschafft hat und den ihr in Zukunft trefft, denkt daran, der ist jetzt hier, weil wir Seltene Erden brauchten, damit das Smartphone in deiner Hand gebaut werden konnte.

Silberhochzeit

Die Feiern, so wie sie abgehalten werden, machen deutlich, dass die Kernfrage, um die es geht, nicht angekommen ist. Sich in Reminiszenzen zu wälzen ist nett, den Fortschritt zu preisen ist schön, aber die Frage nach dem Sinn zu stellen ist schwierig. Der größte Irrtum in Bezug auf die deutsche Einheit ist denn auch heute, zur Silberhochzeit, das zentrale Thema. Die Unterschiede zwischen Ost und West. Es wird immer beklagt, sie existierten noch, womit nur die Einkommensverhältnisse gemeint sein können, aber, so die Hoffnung, bald sei das Vergangenheit. Gut, aber dann? Die Eigenheiten und Unterschiede der einzelnen Teile sind der Reichtum, das sollte festgehalten werden, auch wenn es erstaunt, dass es bemerkt werden muss. Eine Vorstellung über Wesen und Charakter eines geeinten Deutschlands herrscht nicht. Schlimmer, diese Frage wagt niemand zu stellen, weil die zeitgenössische absolutistische Ideologie diejenigen, die das täten, gleich in eine extremistische Ecke stellten.

Die Wiedervereinigung beider deutscher Staaten folgte der westdeutschen Regie. Westdeutschland, oder die alte BRD, hatte keine Vorstellung von der Rolle eines geeinten Deutschland im internationalen Kontext. Ostdeutschland noch weniger. Die westdeutsche Regie führte zu einer sehr schnellen Herstellung eines gemeinsamen, funktionierenden Staates, der sich vor allem um die ökonomische Entwicklung kümmern konnte. Die damaligen Akteure wussten, wie riskant ein eigenes nationales Profil gewesen wäre, waren doch die Bedenken in Sachen Wiedervereinigung in der westlichen Hemisphäre größer als im Osten. Dass sie es deshalb unterließen, an einem Prozess an einer nationalen Vision arbeiten zu lassen, hatte verschiedene Gründe, war aber kein Verdienst.

Eine Nation ist mehr als ein Staat. Eine Nation hat zwei Dinge, die weit über die staatliche Funktionalität hinaus gehen, die Sprache wie die Geschichte. Aus ihnen heraus leitet sich ein kollektives Gedächtnis ab, das aus schmerzhaften Lernprozessen und besonderen Fähigkeiten eine Vorstellung von einer gemeinsamen Zukunft generieren kann. Nur muss diese Frage gestellt werden. Da allerdings das oft zitierte gemeinsame Haus im Westen stand, war es schwer, die Frage zu stellen, ohne sofortige Reibung in den eigenen Bündnissen zu erzeugen. Das aus den USA angekündigte Zeitalter vom Ende der Geschichte wie der Taumel, in dem sich die Europäische Union aufgrund wirtschaftlicher Erfolge befand, führten zu der Wunschvorstellung, die sich als Illusion herausstellte, das Stadium nationaler Selbstbestimmung sei im Zeitalter der Globalisierung längt überwunden. Ideologisch eskortiert wurde dieser Trugschluss von den Zirkusnummern eines neuen Mittelstandes, der an Feiertagen an den Rechauds eines multikulturellen Büffets anstand und glaubte, es handele sich um ein reales Abbild der Welt.

Die gegenwärtige Krise der EU führt zu unterschiedlichen Schlüssen. Seltsamerweise bestärken die meisten dieser Schlüsse nur die Ursachen der Krise. Weder wird von der wirtschaftsliberalistischen, privatistischen Ideologie, die den Einfluss der Politik zurückdrängt, Abstand genommen noch die Forderung fallen gelassen, die Organe der EU zu stärken, anstatt die nationalen Verfassungsorgane zu stärken. Dass das bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste Land Europas, die Bundesrepublik Deutschland, diese riskante und destruktive Politik maßgeblich inszeniert, ist das Dramatische, ja Monströse an dieser Entwicklung. Und dass die Bevölkerung dieser Inszenierung individueller Bereicherung und der Übergabe nationaler Souveränität an ein Netzwerk kaum noch identifizierbarer Bürokratien zusieht, liegt nicht nur, aber in starkem Maße auch daran, dass sie keine Vorstellung darüber entwickelt hat, was das Land, in dem sie lebt, für einen Charakter haben soll. Diese Vorstellung muss entwickelt werden, und jede Stunde, die verstreicht, spielt denen in die Hände, die jetzt schon Antworten haben, die uns nicht gefallen werden.

Thrill und Existenzphilosophie

James Ellroy. Clandestine

Die menschliche Existenz ist ein Panoptikum. Alles, was aus ihr resultiert und alles, was in sie hineinleuchtet, erzeugt ein großes Bedürfnis nach Deutung. Philosophische und erkenntnistheoretische Abhandlungen nehmen Position zum Wesen des Menschen und nicht selten kommen sie zu Schlüssen, die von denen, die im Hier und Jetzt leben, nicht geteilt werden. Denn die Realität zeigt immer noch ein anderes Gesicht der menschlichen Existenz als der gelehrte Diskurs. Und die höchste Form der Herausforderung für diese Verfremdung von Wahrnehmung liefern Kriminalberichte und Kriminalstatistiken. Da erfahren wir, zu was Menschen nicht nur potenziell, sondern tatsächlich in der Lage sind und nichts von dem, was wir uns als Superlativ des Grauens denken, ist schlimm genug, um dieser Art von Realität zu entsprechen.

James Ellroy, der mit seinen Tetralogien über Los Angeles und deren Verfilmungen zu pikantem Weltruhm gelangt ist, liefert in seinen frühen Romanen geradezu eine lupenreine Dokumentation der oben aufgestellten Thesen. Während er eine immer in Schuld verstrickte, aber vom Wesen unschuldige Person, die stark autobiographische Züge trägt, als Protagonisten fungieren lässt, versammeln sich um diese Figur herum die Prototypen von Dekadenz, Gewalt, Perfidie und Geschmacklosigkeit. In der Stadt des Traumtheaters, denn Los Angeles ist und bleibt die Bühne dieses großartigen Schriftstellers, verführen sich ständig alle zu einem Leben ohne Halt. Das ist in seinem Debütroman Brown´s Reqiem genauso wie in seinem zweiten Werk, Clandestine.

Von der Konstruktion her ist Clandestine wesentlich elaborierter als Brown´s Requiem. Es geht um einen ehrgeizigen Cop, der durch Zufall ein Mordopfer kennt. Aus Empathie wendet er sich dem Fall zu, beginnt Wirkungszusammenhänge zu konstruieren und den Täter heraus zu deuten. In der Folge werden die Leserinnen und Leser Zeugen einer rasenden Geschichte, die um die Karriere- und Machtkämpfe im Polizeiapparat geht, um menschliche Abhängigkeiten und kriminelle Organisationsformen dessen, was gerne als Zivilgesellschaft beschrieben und für schlechthin gut gehalten wird, um Drogenhandel und Prostitution und um Liebe, die immer wieder scheitert, in ihrer bürgerlichen Formalisierung wie schäbiger Illegalität. Aber, bei all dem Wahnsinn, der sich ausbreitet, sind neben den Abgründen, an denen immer alle entlanglaufen und in die immer wieder welche hinabstürzen, Liebe und Sympathie die einzigen Regungen, die zumindest etappenweise zum Überleben verhelfen können.

Clandestine spielt im Zeitraum 1951 – 1955, es ist, wie gesagt, der zweite Roman Ellroys, aber er schildert eine Welt, die sich bis heute in Los Angeles und anderswo nicht besänftigt hat. Die Lektüre auch dieses Romans ist neben dem Thrill, den Ellroy-Werke übertragen, eine sehr geeignete Lektion für alle, die die Welt und ihre Veränderung zum Besseren mit einer normativen moralischen Position zu erreichen suchen. Der heutige Kanon der political correctness versinkt in der reißenden Strömung menschlicher Realität, die sich dem Triebhaften verschrieben hat. Und die Triebe, um die es geht, streben sowohl nach nacktem Überleben als auch nach Macht, sie zielen auf Eitelkeit und Herrschsucht, auf Gerechtigkeit, wie Verständnis. Die Dominanz des Triebes, egal ob als gut oder schlecht eingestuft, zeitigt immer etwas Barbarisches, das dann als typisch menschlich erscheint.

James Ellroy, und gerade der junge Schriftsteller, ist ein phänomenaler Dokumentar dieser Triebwelt, in der er immer besser Regie zu führen in der Lage ist. Clandestine ist ein Kriminalroman mit einem genialen Plot und ein immenses Reservoir für Reflexionen zur menschlichen Existenz.