Archiv für den Monat September 2015

Das griechische Votum

Es ist erst ein paar Wochen her, und dennoch erscheint es, als lägen Jahre zwischen der Ankündigung von Konsequenz und Strafe gegenüber einem Griechenland, das sich angemaßt hatte, an dem Sinn und dem Gebaren der europäischen Sanierungsbürokratie massiv zu zweifeln. Vorausgegangen waren Neuwahlen, aus denen eine vormalige linke Splitterpartei mit dem größten Stimmenanteil hervorgegangen war. Deren charismatisches Duo, Varoufakis und Tsipras, hatten die Chuzpe besessen, die so genannte Troika nach ihrem Mandat zu fragen und aus den Athener Regierungsfluren zu verjagen. Die Verursacher der Krise, die Regierungen, die unsolide Kreditvergaben an Länder wie Griechenland gedeckt hatten, schrien nun, angesichts eines linken Gespenstes, die Welt gehe unter und man lasse sich nicht erpressen.

Ganz nach dem Kodex der Mafia machte man das, was einer befürchteten Erpressung ebenbürtig ist, man erpresste selber. Und zwar eine demokratisch gewählte Regierung, die versuchte, sich an ihr eigenes Wahlversprechen zu halten. Auf beiden Seiten wurde mit harten Bandagen gekämpft und im Nachhinein muss konstatiert werden, dass beide Seiten gewonnen wie verloren haben. Verloren die EU wohl ihre Maske als Erneuerer, und die Regierung Syriza ihr Versprechen, die modernen Invasoren aus dem Land zu treiben. Gewonnen beide, weil sie sich auch in Zukunft als Verantwortliche gegenüber sitzen werden. Das ist ein tragischer Klassiker. Und es müsste der Einschätzung vieler gefolgt werden, die in der Beobachtung des Zerwürfnisses zwischen der offiziellen EU und einem Mitgliedsland mit einiger Kontinuität gefolgt sind, dass es sich um ein Desaster sondergleichen handelt, das sich dort ereignet.

Wären da nicht die griechischen Wähler, die nicht nur Syriza über Nacht zu einer Regierungspartei gemacht hätten, die angesichts der Starrköpfigkeit der europäischen Wirtschaftsliberalen in einem Volksentscheid mit Nein gestimmt hätten und die jetzt, nach dem die letzte Kraft fehlte, sich noch einmal aufzulehnen, Syirza im Vertrauen bestätigte und die alten Kollaborateure der EU im eigenen Land zu Splitterparteien degradierte. Das ist bemerkenswert und sollte auch von denen registriert werden, die im Zentrum Europas für eine chauvinistische Stimmung sondergleichen erzeugt hatten. So wie es aussieht, laufen jenseits vor allem der deutschen Grenzen in Europa bestimmte Wahrnehmungs- und Lernprozesse, von denen zumindest die hiesige Presse unbeeindruckt bleibt.

So sind die Reaktionen im deutschsprachigen Raum auf die Bestätigung von Syriza ein Orkan des Grauens, wenn man sich die Konzentration von Ignoranz vor Augen führt, die damit verbunden ist. Da wird immer noch auf Griechenland als einem Land eingeschlagen, das sich dem europäischen Regelwerk willentlich widersetzt habe, da wird darüber geschrieben, dass es sich als richtig erwiesen habe, von einem Schuldenschnitt abzusehen und es wird das Verhökern des griechischen Tafelsilbers auf dem privaten Auktionsmarkt als der Höhepunkt jeglicher Reformkultur gefeiert.

Angesichts der wie auch immer begründeten brachialen Verletzungen gegen europäische Regeln in der Flüchtlingsfrage, angesichts eines von niemandem legitimierten Schuldenschnitt gegenüber der Ukraine und angesichts terroristischer Angriffe auf nationalstaatliche Institutionen lässt sich nur noch die Frage wiederholen, wann im Land des 14-Stundentages und des Lohnstillstandes die Bevölkerung einen Zusammenhang entdeckt wird zwischen der Plünderung anderer Länder und Fluchtbewegungen, zwischen den doppelten Standards in der moralischen Begutachtung von Handlungsweisen und der Sinnimplosion des europäischen Gedankens und der Zerstörung von Gemeingut und dem Schwinden von Gemeinsinn?

Wie die Wahlen in Griechenland gezeigt haben, ist es nicht so, als änderte sich nichts. Doch dort, wo die Veränderungen nicht mehr wahrgenommen werden, lebt sich letztendlich am gefährlichsten.

Gehe an die großen Dinge mit Leichtigkeit

Ein roter Faden zieht sich durch das menschliche Handeln und seine Deutung. In jedem Kontext wird die Betrachtung angestellt, inwieweit jedes Individuum in der Lage wäre, in großen Zusammenhängen zu wirken. Und es hat den Anschein, als ob viele Menschen einer Art optischer Täuschung unterlägen, die das Bild erzeugt, jeder für sich könne nur den profanen Kleinkram verrichten, in dem er oder sie sich bewege, aber nichts ausrichten in der großen Choreographie des menschlichen Seins. Die daraus resultierende Sentenz lautet dann auch immer: Was kann ich in diesem großen Spiel schon ausrichten?

Eine bessere Illustration für einen Defätismus, der aus einer mangelnden Reflexion des gesellschaftlichen Seins, sprich einer philosophischen Überlegung über die Welt und sich selbst entsteht, kann es nicht geben. Es ist der Endpunkt eines Entmündigungsprozesses, der damit begann, die Fähigkeiten und Fertigkeiten einer Selbstreflexion im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Sein nicht mehr zu vermitteln und stattdessen die Befindlichkeit in den Fokus jeglichen Räsonnements zu stellen. Sprich, die Menschen haben verlernt, sich kritisch distanziert in ihrem existenziellen Kontext zu analysieren und sind stattdessen zunehmend ausgestattet worden mit Befriedigungsskalen, die alles über Sättigung, aber die nichts aussagen über Notwendigkeiten und Zusammenhänge des Seins. Der daraus entstandene politische Defätismus führte zu der politischen Passivität, in der sich dieses Land trotz Turbulenzen seit einiger Zeit befindet. Es wird gejammert, aber nicht gehandelt, weil das Handeln vermeintlich keine Änderung bewirken kann.

Die europäische Philosophie hätte genügend Figuren aufzuweisen, die auf den Zusammenhang des „kleinen“ Handelns auf die großen Zusammenhänge zu verweisen. Sie werden in den Bildungsplänen selten protegiert, was angesichts der beschriebenen Wirkung kein Zufall sein dürfte. Die Widerspiegelung des Kosmos im Detail ist durchaus eine der vernünftigeren Positionen in der Aufklärungs- und Aufbruchstheorie der Neuzeit. Das einzige, was sie nicht zu vermitteln in der Lage war, ist eine existenzielle Demut, die dem neuzeitlichen Kult der Individualisierung widerspricht. Wenn es aber darum geht, die absurde Entwicklung eines überhöhten Individuums zu einem entmündigten Ichkannnichtsausrichten zu stoppen, dann wäre es an der Zeit, sich aus anderen globalen Kontexten wie des asiatischen Reflexionen Hilfe zu suchen.

Dort wird immer wieder auf den Konnex zwischen Kosmos, Individuum und Gesellschaft verwiesen und es ist dort geradezu ein Gassenhauer, dass die Welt im Detail liegt. Der menschliche Mikrokosmos und der Stoffwechsel des Individuums mit ihm prädestiniert den großen Zusammenhang, ohne dass daraus eine zeitlich messbare Prognose würde, was das Individuum, ist es einmal entschlossen in der Dimension der Konsequenz zu leben, aushalten muss. Das, was diesen Betrachtungen nicht abgewonnen werden kann, ist die Garantie einer festen sozialen Pragmatik. Insofern ist es immer heikel, mit den Erwartungen aus der einen Hemisphäre in die andere zu wandern und umgekehrt. Was hilft, ist die Überlegung an sich. Sie heißt: Du kannst nicht nur, du wirst etwas bewirken.

Ein Partikel der menschlichen Existenz als Setzung für das kosmische Regelwerk führt zudem zu Konsequenzen, die sehr inspirierend für das eigene Handeln sein können. So heißt es auch, man solle die großen Dinge mit Leichtigkeit, die kleinen, profanen Aktionen aber mit großer Mühe und Konzentration erledigen. Das ist nicht nur folgerichtig, weil es darauf hinweist, dass das Große von dem Kleinen abhängt, sondern auch darauf deutet, dass die Meister des Kleinen keine Angst haben müssen, sich des Großen anzunehmen. Darüber sollten wir nachdenken.

Machtkampf im Regierungslager

Es hat nicht lange gedauert. Kaum waren die ersten Zugladungen von Menschen aus Syrien am Münchner Hauptbahnhof gelandet, kaum waren diese von freundlichen Helferinnen und Helfern begrüßt worden, kaum hatte die ausländische Presse erstaunt und beeindruckt die Haltung von Kanzlerin Merkel und vielen Deutschen auf der Straße zu Kenntnis genommen, da schossen die besorgten Politiker aus ihren dunklen Ecken und verkündeten, so könne es nicht weitergehen. Es herrsche Chaos im Land, die logistische Kapazität sei bereits überfordert und die Grenze der Belastbarkeit sei bereits erreicht. Die Kanzlerin, bekannt für lange Denkpausen und den Slogan Never make your move to soon, überlegte gar nicht lange und sprach flugs in die Mikrophone, wenn wir uns jetzt dafür entschuldigen sollen, dass wir freundlich zu Menschen in Not sind, dann ist das nicht mehr mein Land. Das war sehr deutlich, ungewohnt deutlich, und zeugt von einem Machtkampf im eigenen Lager, der sich gewaschen hat.

Unabhängig von der Frage, die sich schon Jahrzehnte stellt und die immer wieder vermieden wurde politisch zu beantworten, wer unter welchen Umständen in diesem Land politisches Asyl erhält und wen dieses Land als ganz normalen Einwanderer begrüßt, sind die Anforderungen, die die nach Deutschland Flüchtenden momentan an das Land stellen, kein Problem logistischer, monetärer oder sonstiger Natur. Wir sprechen von einem der wirtschaftlich potentesten Land der Welt. Die starke Dichotomie von privatem Reichtum und zunehmender Verarmung der öffentlichen Hand, vor allem der Kommunen, die die Herausforderung gegenwärtig zu organisieren und zu finanzieren haben, sind die Ursache für die angespannte Situation. Die Sieger der globalen Wirtschaft, deren Renditen ungeheure Margen erreicht haben, blicken besorgt aus dem Fenster und wissen von nichts. Und die Politik, mit Ausnahme der Linken, stellt diesen Zusammenhang nicht her. Er ist aber herzustellen, und die momentane Organisation der Einwanderungsbewegung setzt sie auf die Tagesordnung.

Die CSU, die sich zur Avantgarde des Aufstandes gegen Merkel im eigenen Lager etabliert hat, ist ein besonderes Phänomen. Im Grunde vereint diese Partei alles, was es an Vorurteilen über den Balkan gibt in sich und macht daraus eine deutsche Realität. Gerade in diesen Tagen, in denen unter Biergerülpse die glorreiche Zeit unter Franz-Josef Strauß anlässlich dessen 100. Geburtstag begangen wird, kommt das ganze Repertoire noch einmal ans Licht, die Vetternwirtschaft, der Populismus, die Korruption, die dunklen Geschäfte, die Steuerskandale und die Spendentransfers, die Waffendeals und die dreckigen Freundschaften zu Tyrannen und Diktatoren. Dieser Haufen, der auch immer die Reputation einer ganzen Region beschädigt hat, dieser Haufen nun maßt sich an, die Haltung der Nation zu dringenden Fragen der internationalen Politik mitbestimmen zu wollen.

Unabhängig von den politischen Akteueren, die mit einem Regierungsmandat ausgestattet sind, muss sich die Nation mit der Frage befassen, wie mit den Menschen umzugehen ist, die sich in Bewegung gesetzt haben aufgrund von Krieg und menschenunwürdigen Verhältnissen. Jetzt auf die Ursprungsländer zu verweisen, hilft im Moment nicht. Aber es ist eine Kausalität, die bis dato bestritten wurde. Wenn deutlich und bewusst wird, dass man nicht mal eben den Balkan so zerschlagen kann wie geschehen, ohne dass sich das auf das eigene Land auswirkt, dann könnte das einen Wandel im politischen Denken bewerkstelligen, der längst überfällig ist. Weitsicht wäre der Lohn für eine kritische Reflexion dessen, was momentan geschieht. Diejenigen jedoch, die jetzt ins Geschäft der Panik investieren, suchen diese Reflexion zu verhindern.