Archiv für den Monat Juni 2015

Ego-Shooter

Sie sind zu einem Massenphänomen geworden. Und sie spiegeln genau die Irritation, die allen Phänomenen einer Zeit gemein ist, in der kaum noch Unmittelbares zum Erfahrungshorizont gehört und dafür Herz wie Hirn von Mittelbarem überschwemmt werden. Es geht um Sein und Schein. Der Schein wird oft als bare Münze genommen und das Sein hat so zarte Konturen bekommen, dass sie kaum jemand noch identifizieren kann. Das, was im Allgemeinen als die virtuelle Welt gefeiert wird, entpuppt sich als ein Spiegelkabinett für falsche Erscheinungen. Doch zur Sache.

Das Phänomen, um das es hier geht, ist eine gesellschaftliche Schicht, die in hohem Maße von den Bemühungen ihrer Vorgängergeneration profitiert hat, die einen gewissen Grad an gesellschaftlicher Emanzipation über Bildung erreichen wollte. Verschiedene Bildungswege wurden auch für Mittellose zugänglich gemacht und ein Teil von ihnen, die erfolgreich waren, bekamen gute Jobs, teils in der öffentlichen Verwaltung, teils wurden sie qualifizierte Freiberufler wie Ärzte oder Anwälte. Womit niemand derer, die diese Karrieren ermöglicht hatte, rechnete: Sie mauserten sich zu einer sozialen Schicht, die sich in hohem Maße von dem verabschiedeten, was man eine gesellschaftliche Verantwortung nennen könnte.

Die Muster sind bekannt und werden von einer alten, traditionellen Elite, die lange schon keine mehr ist, vorgelebt: Da wird Baugrund erworben, der unter dem durchschnittlichen Preis liegt, weil in der Nähe eine Schnellbahn verläuft oder ein Flughafen liegt. Sobald sich eine Siedlung dieser Schicht gebildet hat, beginnen die vehementen Proteste gegen die Projekte, die via Preis ihr erst ermöglicht hatten, dort zu siedeln. In einer Schule wird um ein Obulus gebeten, um teures Gerät anschaffen zu können. Die Kinder werden mit einem teuren SUV zur Schule gebracht und sie haben einen IPOD im Ohr, dessen Gegenwert den Obulus bei weitem übersteigt. Aber die Eltern drohen dem Schulträger mit Staranwälten, um die Lehrmittelfreiheit einzufordern. In Schulen der Arbeiterviertel wird dieser Beitrag ohne große Diskussionen entrichtet. Oder sie fordern Subventionen für genau die kulturellen Institutionen, die von ihnen frequentiert werden, während sie vehement gegen alle polemisieren, deren Weltbild sie nicht teilen. Und überhaupt: Sie sind die mit Abstand am moralisch überlegenste Schicht, die existiert unter der Sonne.

Wer Ihnen das Recht auf Einzigartigkeit abspricht, hat es schwer. Gegen den wird ein moralischer Feldzug angezettelt, der nichts anderes als die Kaschierung der eigenen Unfähigkeit ist, in einer Gemeinschaft zu leben. Was dieses, im Stil so modern daherkommende Ensemble in der Republik aufführt, ist eine Renaissance der guten alten Dekadenz. Sie gehen bio-dynamische Produkte einkaufen, deklarieren vielleicht auch das vegane Zeitalter, bringen es aber gleichzeitig fertig, für die eine Invasion hier oder den gewaltsamen Sturz einer anderen Regierung dort zu votieren. Sie sympathisieren mit Drohnentechnologie und schwadronieren gleichzeitig über das Völkerrecht. Es sind kaum zu verdauende Antagonismen, die nur versteht, wer die soziale Verlorenheit dieser Ansammlung von Individuen begreift.

Der Journalismus, der politische und soziologische Analysen eingetauscht hat gegen die Umschreibung von Befindlichkeiten in ein Faktum, hat, ganz dem Schein erlegen, den Begriff des Wutbürgers geschaffen. Mag sein, dass sie zuweilen wütend sind, aber es charakterisiert sie nicht. Unbürger wäre das bessere Wort gewesen, denn zu einem Leben in einem sozialen System eignen sie sich nicht. Wer es fertig bringt, in Wutgeheul über den Streik unterbezahlter Erzieherinnen auszubrechen, während er seelenruhig im Fernsehen beobachtet, dass die Bundeswehr in Waffenschauen kleinen Mädchen zeigt, wie Schnellfeuergewehre funktionieren, hat sich unwiderruflich auf das Terrain der Dekadenz begeben. 

Die Menschen sind keine Esel

Es ist die Zeit für kulturpessimistische Visionen. Zu vieles entwickelt sich in Richtungen, die nicht unbedingt positive Prognosen erwarten lassen. In den Foren der zeitgenössischen Diskussion und Meinungsbildung wird immer eindringlicher beklagt, wie sehr die so genannte Wissensgesellschaft die Unwissenheit protegiert, wie sehr der öffentliche Diskurs, der doch so vieles möglich macht, die Barbarisierung des Umgangs fördert und wie sehr im Zeitalter des freien Zugangs zu Informationen das Mittel der Massenmanipulation erfolgreich angewendet wird.

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Gesellschaft, in der wir uns befinden, sich vehement entfernt hat von einer bewussten Formulierung unterschiedlicher Interessen und der Auseinandersetzung über sie. Stattdessen rauscht sie in atemberaubendem Tempo in die Sphäre des Unbewussten, des Spekulativen und des Irrationalismus. So, als habe es nie eine Aufklärung und die mit ihr verbundene Zusteuerung des modernen Menschen zum handelnden, gestaltenden Subjekt gegeben und so, als habe das Dritte Reich nicht dokumentiert, wie aus stolzen Subjekten beschämende Objekten werden können. Gelernt aus der Geschichte? Rituell vielleicht ja, spirituell, eher nein.

Täglich demonstrieren uns die medialen Kanäle den geistigen, den moralischen und damit auch den politischen Zustand der res publica, der Sache der Öffentlichkeit. Und es sind immer wieder die Medien, die uns weismachen wollen, dass die Themen, die sie setzen, diejenigen sind, die uns zu interessieren haben. Da geht es immer wieder um Themen wie Sicherheit, Sauberkeit oder das eine oder andere Projekt. Eines jedoch hat das ganze Szenario gemein: Es geht nie um die Zukunft. Wie das Gemeinwesen morgen aussehen soll, auf das wir zustreben, das wird geflissentlich ausgespart. Zynisch und böse, aber dennoch berechtigt, muss diese Art der Inszenierung des politischen Diskurses als das letzte Gefecht der aussterbenden Objekte bezeichnet werden. Es ist nicht unbedingt nur eine Frage der Generationen, denn es gibt, wie wir wissen, die wilden Jungen und die ängstlichen Alten, aber es gibt auch die jungen Greise und die Alten mit Löwenherzen. Worum es aber denen geht, die den Diskurs mit Themen der Vergangenheit durchtränken, das ist die Täuschung über die eigenen Pläne für die Zukunft.

Und diese Pläne sind zumeist durchtrieben, im Interesse Einzelner und kleiner Gruppen, die sich berauschen an einem Reichtum, der mit den qualitativen Merkmalen der Spezies im 21. Jahrhunderts nichts gemein haben, aber eben den Zugang zur und den Erhalt der Macht ermöglichen. Same Old Story! Haben wir alles schon gehabt. Aber warum ändert sich nichts?

Vielleicht ist es der falsche Weg, sich über die Unfähigkeit der Zeitgenossen zu beklagen. Vielleicht wäre es klüger, ihre Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen und sich mit ihnen über die Zukunft zu unterhalten. Die Aufklärung hat das getan. Nach dem Tadel an der selbst verschuldeten Unmündigkeit durch den strengen Protestanten aus Königsberg kam der Mut, den die lebensgeneigten französischen Philosophen den vernunftbegabten Wesen zusprachen. Und der Mittler zwischen diesen Welten, Heinrich Heine, der nach Frankreich exilierte, seinerseits „jüdisch beschnitten, evangelisch getauft, katholisch getraut,“ der brachte es auf den Punkt:

„Seit aber, durch die Fortschritte der Industrie und der Ökonomie, es möglich geworden ist, die Menschen aus ihrem materiellen Elend herauszuziehen und auf Erden zu beseligen, seitdem Sie verstehen mich. Und die Leute werden uns schon verstehen, wenn wir ihnen sagen, dass sie in der Folge alle Tage Rindfleisch statt Kartoffeln essen sollen, und weniger arbeiten und mehr tanzen werden. – Verlassen Sie sich darauf, die Menschen sind keine Esel. -“ (An Heinrich Laube am 10.7.1833.)

Trotz aller aufklärerischen Ziele sollten wir diesen Glauben nicht ablegen.

Eine neue Form des Parteiorgans

Es sei in Erinnerung gerufen, dass der Begriff des Parteiorgans aus einer Zeit stammt, in der die Bedingungen der freien Meinungsäußerung nicht gegeben waren. In Russland, nach der Revolution von 1905, waren die Bolschewiki in die Illegalität gedrängt und wurden verfolgt. In seiner berühmten Schrift „Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung“ gab Lenin darauf Antworten. Er riet dazu, die geheime Organisation der Bolschewiki um eine Zeitung herum aufzubauen und diese dazu zu nutzen, eine programmatische Einigkeit bei den in der Illegalität lebenden Parteimitgliedern herzustellen. Als die Legalität keine Frage mehr war, blieb die Zeitung bestehen, um die Standpunkte der Partei in die Welt zu tragen. Prawda, Die Wahrheit, wie das Organ hieß, existierte auch nach der Oktoberrevolution weiter und wurde so etwas wie das amtliche Organ der neuen Herrscher. Eine Auffassung eines kritischen Journalismus, der Herrschaft kontrolliert, existierte nicht und so wurde das Blatt zu einem Hort des Dogmatismus und der Manipulation.

In der Verfassung der Bundesrepublik ist der Presse eine andere Rolle zugedacht als der der Regierungsverlautbarung oder der einseitigen Parteinahme. Der Schutz, den das Presserecht den Zeitungen verleiht, entspringt der ihnen verfassungsgemäß zugedachten Rolle der demokratischen Kontrolle. Es geht vor allem darum, die Amtsführung der Mächtigen zu hinterfragen und die politischen Alternativen, die die Opposition entwickelt, auf ihre Validität zu überprüfen. Im summa bedeutet dieses, dass die ausdrücklich geschützte Presse etwas tun soll, was bei denen, die es betrifft, Dissens auslöst. Unbequem soll sie sein, aber eben auch fair.

Die schlimmsten Zeiten des XX. Jahrhunderts wurden geprägt durch autokratische Herrschaft und die Nutzung der Presse zu einem Herrschaftsinstrument. Die Rolle, die sie in der beschriebenen Weise wahrnehmen soll, konnte sie durch den Einfluss der Herrschaftsgewalt über lange Perioden nicht einnehmen und daraus resultierten die großen Tragödien dieses Jahrhunderts.

Umso dramatischer ist es, dass heute, in einer sich als Demokratie bezeichnenden Republik, vielerorts die Presse eine Entwicklung erfährt, die an die alten, längst als überwunden geglaubten Bilder des Parteiorgans erinnert. Ob durch ökonomische Maßnahmen, d.h. den Kauf bestimmter Zeitungen oder Portale durch Oligarchen, oder durch ein selbst entwickeltes Verständnis von Parteinahme, viele Zeitungen und Onlineportale, der eine große Leserschaft immer noch die Vergangenheit kritischer Berichterstattung unterbewusst bescheinigt, haben längst ihren Auftrag ad absurdum geführt und sich zu einem Parteiorgan neuer Prägung gemausert. Sie agieren nicht für eine politische Partei im exklusiven Sinne, auch wenn das vorkommt, sondern sie vertreten Standpunkte bestimmter Interessengruppen.

Ihr Handwerk besteht darin, bestimmte Themen, die zur Durchsetzung dieser Interessen aktiviert werden müssen, erst einmal zu setzen. Dann wird versucht, den Eindruck zu erzeugen, es seien genau diese Themen, die über das Schicksal der Zukunft des Gemeinwesens entscheiden. Die Themen selbst werden von einem einseitigen Aspekt heraus betrachtet, damit letztendlich der Eindruck entsteht, dass genau die erzeugte Meinung das einzige ist, worauf man sich besinnen kann. Alle Vorschläge, Konzepte, Alternativen, die von anderen Parteien oder Gruppen formuliert werden, werden polemisch marginalisiert und als absurde Anwandlungen dargestellt. Dieses Vorgehen lässt sich gut im nationalen Maßstab und noch besser in der Provinz rekonstruieren.

Die Renaissance des Parteiorgans ist ein weiterer Schritt, die der konservative amerikanische Politologe Francis Fukuyama das Ende der Geschichte genannt hat. Es wäre ein Fehler, die Geschichte der Zeitung mit dieser Episode ad acta zu legen. Es ist wichtig, guten, kritischen Zeitungen wieder den Weg zu ebnen. Da kann man auch nochmal „Was tun?“ lesen. In der historischen Phase, als es geschrieben wurde, war es klug und richtig.