Archiv für den Monat Juni 2015

Reise ohne Kompass

Ödon von Horvath war es, der in einem seiner stets lapidar daher kommenden Sätze eine kulturelle Disposition beschrieb, die nach ihm noch weitaus verbreiteter wurde als er es sich selbst vielleicht in den schlimmsten Visionen ausgemalt hätte.

„Ich gehe, und weiß nicht wohin,
mich wundert,
dass ich so fröhlich bin“

hieß es in den Geschichten aus dem Wienerwald. Kulturkritisch betrachtet handelt es sich bei dem Zitat um eine Umschreibung wachsender Strategielosigkeit bei der Gestaltung des Existenziellen. Horvaths Figuren haben gegenüber den realen Zeitgenossen, denen der Autor Botschaften senden wollte, einen großen Vorteil. Sie wirken durch die dick aufgetragene Naivität selbst wie Spielfiguren, mit denen die Betrachtenden sich nicht identifizieren müssen. Insofern ist es eine charmante Strategie, wenn Horvath einen Scherz anbietet und es den Zuschauern überlässt, ob sie die Pointe auf sich selbst anwenden.

Ob sich die gegenwärtige Gesellschaft als eine strategielose bezeichnen würde, steht dahin, dass sie es ist, darüber besteht kein Zweifel. Und sicherlich stehen schon die chaos-theoretischen Argumente auf der scharfen Rampe, die von der modernen Art der massenintelligenten, zufällig entstehenden Qualität schwadronieren. Selbst bei dem Zugeständnis, dass Chaos selbst ein gewaltiges Konstitutionsprinzip darstellt, so ist die Strategielosigkeit von Individuum und Gesellschaft ein Problem.

Das Vorhandensein einer Strategie beantwortet die Frage von Subjekt und Objekt. Individuen oder Gesellschaften mit einer Strategie haben sich für das Agieren entschieden. Auch wenn sie auf diesem Weg Fehler machen oder ihre Ziele nicht erreichen, so haben sie dennoch als handelnde Subjekte einen zweckgesteuerten Lernprozess eingeleitet, der ihnen Erkenntnisse über die Funktionsweise ihrer Welt übermittelt und ihnen die notwendigen Substanzen zur Verfügung stellt, um als handelndes Subjekt zu überleben.

Ohne Strategie haben sich Individuen wie Gesellschaften auf die Domäne der Reaktion eingestellt. Sie kommen nicht zum proaktiven Handeln, sondern ihr gesamtes Spektrum ist die Reaktion. Somit degenerieren reaktive Ensembles zu Objekten, d.h. mit ihnen wird etwas gemacht, und, wieder ein schönes Wort aus der alten Begriffswelt der Grammatik, sie verschreiben sich dem Passiv, so treffend übersetzt als Leideform. Linguistik und Etymologie liefern, wie so oft, gelungene Querverweise auf gedankliche Zusammenhänge.

Die zeitgenössischen Individuen wie die aktuelle Gesellschaft vermitteln den Eindruck, dass die eingangs zitierten Worte Ödon von Horvaths in starkem Maße das umschreiben, was als ein strategieloses Dasein, als eine Reise ohne Kompass und als eine Mutation vom Subjekt zum Objekt beschrieben werden kann. Dort, wo der Wille zur Gestaltung, der dem historischen Subjekt zugeschrieben werden muss, nicht mehr vorhanden ist, dort etablieren sich in der Regel allerlei Profiteure.

Sie profitieren von einem sowohl im individuellen wie im gesellschaftlichen Leben entstandenen Machtvakuum, in das sie schleichend eindringen, um den Geschäften nachzugehen, die sich für sie als profitabel darstellen, die sich für das Gros der Gesellschaft allerdings desaströs auswirken. Der Wirtschaftsliberalismus ist ein solcher Profiteur, der von der Degradierung zum Objekt, ob selbst gewählt oder durch äußere Gewalt begünstigt, seinen Nutzen zieht.

Dem Wirtschaftsliberalismus wie allen anderen Profiteuren eines Machtvakuums kann nur Paroli geboten werden, wenn Strategien formuliert werden, die den eigenen Willen zu Gestaltung und Verantwortung öffentlich machen.

Ministerielle Akrobatik

„Jetz ma ehrlich!“ war nicht nur eine Phrase eines längst verstorbenen Karikaturisten des Ruhrgebiets, sondern ist immer noch eine Sentenz, die den Zweifel an den Aussagen des Gegenübers zum Ausdruck bringt. Jetz ma ehrlich bedeutet, dass nicht geglaubt wird, was als Botschaft überbracht wurde und unterstellt, dass doch bis zu dem jetzigen Zeitpunkt eine gute Dosis Humor mit im Spiel war. Wer allerdings nach der unverblümten Aufforderung, nun endlich mit der Wahrheit rauszurücken, immer noch bei der vorgetragenen Erzählung oder Position bleibt, der oder die riskiert, im Weitergehenden ziemlich rüde angefasst zu werden. Und das ist dann nicht mehr angenehm, denn wer sich als notorischer Lügner herausstellt, der wird sehr schnell nicht mehr akzeptiert in einer Welt, in der Verlässlichkeit einen höheren Stellenwert einnimmt als alles andere. So ist nun einmal das Ruhrgebiet: liberal und tolerant, aber auch hart und ehrlich. 

Wenn es eine Bewerberliste für die zu erwartende Ungnade im Falle ausschweifender Reden und wahrheitsferner Geschichten gäbe, dann stünde Ursula von der Leyen sicherlich auf einem der ersten Ränge. Das Phänomen, das sich in ihr äußert, ist die momentan absurde Differenz zwischen kuscheliger politischer Korrektheit und imperialistischem Größenwahn. Noch am Tage ihres Amtsantritts als Verteidigungsministerin sprach sie von ihrer Vision einer neuen Bundeswehr, die Charaktereigenschaften aufwies, als handele es sich um eine partizipativ geführte Sozialstation. Da war von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Rede, von Chancengleichheit und einer wachsenden Fokussierung auf den Genderaspekt und von den Möglichkeiten berufsbegleitender Qualifizierung die Rede. Das hörte sich alles so an wie die Perpetuierung der Rolle der Bundeswehr als einer Operettenarmee ohne besonderen Interventionszweck.

Dabei gehört es nicht zu den immer wieder gern gestellten schlechten Absichten einer gerne formulierten Kritik an der Bundeswehr. Denn diese entspringt nicht mehr den Quellen der Notorik, sondern den tatsächlichen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, denn es waren nicht nur deutsche Piloten, die 1998 ihre tödliche Fracht über dem serbischen Belgrad abluden, sondern auch Afghanistan, wo in einem offiziellen politischen Wording die bundesrepublikanische Freiheit mit der Armee verteidigt wird. Wer allerdings sowohl Bombardements als auch Panzereinsätze als zu den Kernaufgaben zählt, der darf nicht der Naivität bezichtigt werden.

Was die Verteidigungsministerin bei ihrem Mainstreamgendergefasel besonders verdächtig macht, ist der materialisierte Wahnsinn, den sie von sich gibt, wenn sie in nahezu frenetischer Begeisterung von der Drohnentechnologie spricht. Da fällt sie in unbeschreibliche Entzückung, weil sie genau da vermutet, den Spagat zwischen Krieg und beschaulichem Familienleben machen zu können.

Die Vernichtung eines Gegenübers über lange Strecken ohne die Beschwerlichkeit einer Reise, die klinisch reine Abwicklung eines nichts ahnenden Gegenübers ohne Kollateralschaden, die elektronische Botschaft eines nicht angekündigten Massentodes sind es, die die Verteidigungsministerin vor Augen hat. Es geht um die Anwendung von Techniken, die völkerrechtswidrig, menschenverachtend, zynisch und barbarisch sind. 

Das Perverse an dem Konstrukt ist die Behaglichkeit, mit der in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit über diese Optionen diskutiert wird. Es entsteht der Eindruck, als herrsche ein gesellschaftlicher Konsens über die Etablierung der Völkerrechtswidrigkeit bei dem noch geplanten Spiel Krieg. Dass die gleiche Person gegenüber Russland auch noch mit dem Säbel rasselt, vor allem in Fragen des Völkerrechts, macht die Sache noch schlimmer. Zeitgleich überziehen Waffenschauen das ganze Land, bei denen Kinder an Schnellfeuerwaffen stehen und in Helikoptern sitzen dürfen. Es ist der Versuch, den Mord an Dritten als sozialverträgliches Geschäft zu kommunizieren. Mal ganz ehrlich, so werden Kriege vorbereitet, und der Mob mit Hochschulabschluss, Biomenü und Karrierequote merkt es nicht. 

Europa und die Intellektuellen

Was war die Stärke, die die Nationenbildung auf dem europäischen Kontinent beflügelt hatte? Oder was machte den gewaltigen Durchbruch aus, der schon vorher auf diesem Kontinent geschah, als die Planken des Mittelalters verlassen und der Marmor der Aufklärung betreten wurde? Und später, nachdem die Nationen in den Wettbewerb miteinander traten, wer hatte, in diesem manchmal schnöden Kampf um die Macht, den Weitblick, um auch andere Möglichkeiten der Entwicklung zu eröffnen? Neben den Klassen, die eine soziale Formation des gesellschaftlichen Antriebs sind, waren immer wieder Denker, Wissenschaftler, Philosophen am Werk, die den europäischen Kontinent in Schwung brachten.

Sie, die Intellektuellen, hier aufzuzählen, dazu reichten weder Raum noch Zeit. Europa, von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, war gesegnet mit hervorragenden Intellektuellen, die an den Reibungsflächen der Erkenntnis die Augen offen hielten und sich zu Wort meldeten. Entweder warnten sie vor Entwicklungen, in die eine unbedarfte und unreflektierte Gesellschaft zu schlittern drohte oder sie wiesen Lösungswege, die Ansätze einer tatsächlichen oder vermeintlichen Befreiung zeichneten. Denn auch sie irrten, zuweilen sogar gewaltig. Aber sie waren das Salz in der Suppe, d.h. sie brachten Geschmack in die Substanz des Daseins.

Die Intellektuellen wurden, analog zu der wechselvollen Geschichte des Kontinents, zum einen zu Nationalhelden, zum anderen wurden sie verfolgt und gemeuchelt. Auch darin unterschieden sie sich nicht vom Rest der Gesellschaft, deren Teile immer auch beiden beschriebenen Schicksalen erlagen. Dennoch, ohne sie wäre vieles anders verlaufen und ohne sie wäre die Geschichte der verschiedenen europäischen Nationen eine fade Angelegenheit.

Irgendwann, in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts, da setzte eine Entwicklung ein, die als das Verschwinden der Intellektuellen als markante Gruppe in Europa bezeichnet werden kann. Vielleicht hat es Milan Kundera in einem Essay aus dieser Zeit nolens volens am besten auf den Punkt gebracht. In dem immer noch lesenswerten Essay „Un occident kidnappée oder die Tragödie Zentraleuropas“ beschrieb er, wie er und ein Freund durch die Straßen Prags irren und sich vergeblich überlegen, welchen europäischen Intellektuellen von Format sie denn anrufen könnten, der Partei für sie als zensierte und verfolgte Schriftsteller ergreifen könne. Schließlich fanden sie ihn in Jean Paul Sartre doch, aber der freie, renitente, politisch unabhängige Intellektuelle war in Europa eine Rarität geworden.

Leider lässt sich feststellen, dass sich dieser Zustand verstetigt hat. Die politischen Krisen, in denen sich das heutige Europa befindet, haben an Qualität wie Komplexität zugenommen, aber ein Votum seitens europäischer Intellektueller, die eine internationale Anerkennung aufgrund ihrer eigenen Leistungen genießen, bleibt beharrlich aus. Wie aufreizend wäre es, wenn europäische Intellektuelle aus verschiedenen Ländern den Wahnsinn in der Ukraine, die Brandlegung im Kosovo, den Kulturmord in Portugal, das Auslöschen einer kompletten Generation in Spanien und die Abwicklung einer ganzen Nation in Griechenland anprangern würden. Da wäre es vorbei mit den vermeintlichen Sitten derer, die im Rampenlicht der politischen Öffentlichkeit stehen und von einer primitiven Journalistenschar dafür gelobt werden, dass sie den Weg der Barbarei dem der Zivilisation vorziehen.

Vielleicht ist es gerade der Medienbetrieb, der vieles zunichte gemacht hat, was das freie Denken betrifft. Aber vielleicht sind es auch die Charaktere heute, die so etwas wie schlichte Standfestigkeit vermissen lassen. Emile Zola drohte für sein „J´accuse!“ das Gefängnis und dennoch zögerte er keine Sekunde, den Artikel zu veröffentlichen. Heute, wo die Gebildeten alles spannend finden, was Geld einbringt, scheint das eine Eigenschaft zu sein, die eher befremdet.