Archiv für den Monat Februar 2015

Innovation und soziale Kohorten

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie sich die siebziger oder achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts auf die allgemeinen Lebensbedingungen ausgewirkt haben, ist es ratsam, sich Filme aus dieser Zeit anzuschauen. Dabei sticht einiges ins Auge: insgesamt geht alles langsamer, es wird unablässig geraucht und getrunken und so etwas wie einen politisch korrekten Code scheint es nicht zu geben. Es gab anscheinend weniger Stereotypie und weniger affirmative Einstellungen zum herrschenden System. Alles war dunkler, schmutziger und weniger komfortabel. Und, eigenartigerweise, viele derjenigen, die sich an diese Zeiten erinnern können, möchten das Rad nicht zurück drehen. Letzteres zeugt davon, dass wir es zumindest in Teilen mit einer Generation zu tun haben, die aus dem Raster fällt.

Zumeist werden Generationen in der Retrospektive nostalgisch. Alles, was sie erlebt haben, erscheint Ihnen aus der Ferne revolutionär, es erforderte eine geniale wie mutige Jugend. Im Gegensatz zur Gegenwart war alles besser, was in der zynischen Formulierung zusammengefasst werden kann, dass früher alles besser war, selbst die Zukunft. Entsprechend verklärt und unkritisch ist der Blick.

Die Generation, die die siebziger und achtziger Jahre als ihre Jugend definiert, ist aus heutiger Sicht in ihrer Wahrnehmung jener Zeit tief gespalten. Während der eine Teil, der sich zu einem etablierten Mittelstand im Laufe der Jahrzehnte gemausert hat und den politischen Mainstream kontrolliert, fest davon überzeugt ist, die Geschichte in eine goldene Zeit gewendet zu haben, hat der Teil, der eine kritische Distanz zu der eigenen Existenzform hat wahren können, eine sehr reflexive Sicht. Nach ihm war sowohl die beschriebene wie die darauf folgende Zeit ein Prozess der Irrungen und Lernprozesse.

Umso erklärlicher ist es, dass ein und die selbe Generation von allen anderen wahr genommen wird als eine von Triumphalismus und Defätismus zu gleich getriebene und letztendlich als volatil und instabil begriffen wird. Zur Beruhigung muss gesagt werden, dass diejenigen einer Generation, denen die soziale Etablierung gelingt, immer zur Festschreibung der eigenen Verhältnisse tendieren und die Underdogs der Revolution treu bleiben. Zum anderen ist der Riss durch eine einzige Generation selten so tief wie der durch die hier beschriebene. Die Ursache liegt in ihren sehr unterschiedlichen Lernkapiteln und der gewaltigen Innovation aller Lebensbereiche, die mit ihr in Verbindung gebracht werden müssen.

Eine relativ alte Erkenntnis der Soziologie besagt, dass die Kluft, die zwischen der selbst erlebten Sozialisation und dem tatsächlichen Hier und Heute liegt, die Dimension der eigenen Irritation bestimmt. Aus dem Blickwinkel der folgenden Generationen ist das ein epistemologischer Glücksfall. Die nämlich relativ geringe Irritation bei den per se nicht zu den Gewinnern Gehörenden zeugt von einer gewachsenen Kritikfähigkeit bei immens rätselhaften Innovationsprozessen. Das ist neu und ermutigend. Der Umstand, dass die Profiteure des Wandels zu aggressiven, wehrhaften Apologeten des Status Quo mutiert sind, sollte nicht über das tatsächlich vorhandene Lernpotenzial in der Gesellschaft hinwegtäuschen. Wenn man so will, ist das vieles auf dem Weg zum Guten, wäre da nicht die wachsende Unfähigkeit, in historischen Dimensionen zu denken. Diesem Defizit muss das Augenmerk derer gelten, die die Korridore zum totalitären Denken wie den damit verbundenen Folterkellern des freien Geistes bereits identifiziert haben. Denn nur der historische Bezug lehrt das wahre Maß der Veränderung. Es ist mit der Weisheit verbunden, dass alles nicht an die Existenz einzelner Individuen gebunden ist.

Sencha-Tee-Broker und Bellizisten

Der Kredit muss jetzt bedient werden. Und es ist viel schlimmer als alles, was im Zusammenhang mit der Weltfinanzkrise und der Verschuldung einzelner Länder in den Medien diskutiert wird. Es geht gar nicht ums Geld. Es geht um das Verständnis von internationaler Politik und die Todsünde. Letztere wurde begangen von den Kindern einer unter extremer Autorität sozialisierter Eltern. Letztere waren einer Großmachtphantasie gefolgt und landeten in Ruinen. Ihr nackter Überlebenswille ließ sie alles ausblenden, um wieder auf die Beine zu kommen. Das gelang ihnen, ihre Geschichte blieb aber unter Verschluss. Das empfanden die Kinder als Affront. Obwohl sie sich im Frieden befanden und obwohl es ihnen an nichts fehlte, stellten sie die Eltern an der Pranger: Als Verdränger und als Dogmatiker.

Die Generation derer, die rebellierte, appellierte an Vernunft und Humanismus. Als das nichts half, orientierte sie sich an der realen Macht der sozialistischen Staaten. Und als diese untergingen, entdeckte sie die bürgerliche Empfindsamkeit für sich. Aber da waren viele sozial saturiert. Ihr Revolutionsprogramm reduzierte sich bereits auf Essgewohnheiten und Landschaftszustände. Und ihre Lehre aus der doch so verzwickten und verzwackten Vergangenheit war die Einsicht, dass die Werte, mit denen sie sich seitdem zu Tisch setzten, die einzig wahren seien, die es zu verteidigen gälte.

Mit der Einführung ihrer Werte, die, einmal ganz kalt formuliert, als eine sozialromantische Variante eines saturierten bildungsbürgerlichen Mittelstandes im verendenden 20. Jahrhunderts benannt werden müssen, torpedierten sie die Realpolitik als Grundlage internationaler Beziehungen. Alles, was ihrem Wertekanon entsprach, wurde zu den Guten auf dieser Welt gezählt, und alles, was dem nicht entsprach, fand sich bei den Schlechten wieder. Gegen die Schlechten durfte man auch mit dem Militär vorgehen. Das ist seitdem gesetzt. Insofern sind die Schöngeister der einstigen Rebellengeneration dann doch zur kalten Machtpolitik gereift.

Der berühmte Satz von Clausewitz, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, ist in seiner ganzen Bedeutung nie so transparent geworden wie bei der postmodernen Reformhausbewegung. Wer, auch im Inneren, nicht mit ihren Wertvorstellungen korrespondiert, der wird gemobbt, ausgegrenzt und letztendlich terrorisiert. Fleischfresser, Raucher, Autofahrer, Kampfsportler, Historiker, Hedonisten und Liebhaber oder wie sie alle heißen, die Schattierungen einer heterogenen, offenen Gesellschaft, sie werden diffamiert und demontiert. Nur wer sich beugt, hat eine Chance auf eine einigermaßen unbelästigte Biographie.

Wie, so können wir fragen, perpetuiert sich ein solches Bild in der Außenpolitik? Genau! Genauso! Und das erleben wir momentan in verschiedenen Dimensionen. Wer sich nicht dem zur Doktrin gemauserten Wertekanon unterwirft, dem wird unverhohlen gedroht. Sollte das gar in einen Krieg münden, na wenn schon. Wobei die Vorstellung spannend wäre, wie sich wohl die nach dem Desaster von Fukushima als Sencha-Tee-Broker mit Vorkatastrophendatum auf brennenden Straßen in der Ost-Ukraine machten, so zwischen zwei Söldnerheeren, auf die kaum jemand noch Einfluss hat. Das Schicksal wäre ein lehrhaftes, wie so oft in der Geschichte. Wer Böses propagiert, sollte es selbst in die Tat umsetzen müssen, dann wäre Heilung wahrscheinlich.

Aber, wir wissen, so funktioniert das alles nicht. Um reale Politik und ein Verständnis dafür zurückzuholen, müssen die ethischen Kreuzritter unserer Tage aus dem Verkehr gezogen werden. Ob das geschieht, entscheidet der Souverän, wobei bezweifelt werden muss, ob er das tatsächlich noch ist.

Luz

Manchmal ist es sinnvoller, die Komplexität des Daseins mit seinen unterschiedlichen Wirkungsfaktoren zunächst auszublenden. Die einfache Beobachtung allein reicht in glücklichen Momenten aus, um das ganze Gewebe um das Sein von selbst hervorzuzaubern. Da braucht es weder geographische noch kalendarische Daten, weil das Profane alles verrät. Der Mikrokosmos ist oft stärker als die ganze Wucht des Makrokosmos.

Auf einem Platz vor einem kleinen Café direkt am Meer, wo vorwiegend Gäste aus England verkehrten, die vor allem wegen der dort angebotenen Scones mit Clotted Cream erschienen, bediente eine junge Frau. Sie bestach durch ihre Übersicht und Eloquenz. Die junge Frau ging von Tisch zu Tisch, während sie stets alle Gäste im Auge behielt. Bei jeder Bestellung und jeder Auslieferung unterhielt sie sich mit den verschiedenen Gästen. Hier war es eine kurze Unterhaltung auf Englisch, dort verfiel sie ins Portugiesische oder Spanische, mal brillierte sie mit einem guten Deutsch und selbst Niederländisch hatte sie in ihrem Repertoire. Über ihre sprachliche Kompetenz hinaus wirkte sie mit ihrer Fähigkeit, auf die konkreten Bedürfnisse und die unterschiedlichen Vorstellungswelten der Gäste einzugehen. Letztere dankten es ihr mit freundlichen Gesten und üppigen Trinkgeldern.

Doch da war etwas, was auch auffiel. Immer, wenn sie zurück in das kleine Café ging, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie wurde ernst. Ab und zu rauchte sie eine Zigarette mit dem Staff hinter der Theke. Dann wirkte sie sehr geschäftsmäßig und unterschied sich in keiner Weise von den zumeist gestressten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer jeden Gastronomie. Und jedes Mal, wenn sie zurück auf den frei liegenden Platz mit den Tischen kam, der eine wunderbare Sicht auf das Meer bot, verwandelte sie sich in die Meisterin der Interaktion, die allen Gästen so sehr gefiel. Sie war schätzungsweise dreißig Jahre alt, sah sehr gut aus und verriet durch ihre Physiognomie eine gewisse Extravaganz.

Wie gesagt, bei genauer Betrachtung fiel ein sich immer wieder vollziehender Rollenwechsel auf. Wenn sie ins Café ging, dann schien es, als kehrte sie hinter die Kulissen zurück. Und immer, wenn sie von neuem auf dem Platz erschien, wirkte es, als betrete sie eine Bühne. So verwunderte es eigentlich nicht, als sich in einem Gespräch herausstellte, dass sie von Beruf Schauspielerin war und im fernen Lissabon gearbeitet hatte. Auf die Frage, was sie hierher, ans Meer, in einen Ort getrieben habe, in dem sich Touristen aus anderen Ländern herumtrieben, antwortete sie, dass ihre Bühne habe schließen müssen, weil es keine Zuschüsse mehr gegeben habe. Aber, und das schoss aus ihr heraus, obwohl sie gar nicht gefragt wurde, als Kellnerin verdiene sie nicht nur besser als in ihrem eigentlichen Beruf, sondern die Einkünfte seien sogar regelmäßig und sie habe geregelte Arbeitszeiten.

Dennoch wurde deutlich, dass sie etwas vermisste, das ihre von ihr gewählte Rolle mit den Scones nicht kompensieren konnte. Wie es so ist, derartige Gespräche setzen sich manchmal nach Tagen fort. Und so ergab sich, dass sie an einem Nachmittag, an dem relativ wenig Betrieb war und sich über dem Meer Wolken gebildet hatten, mehr von sich gab, als es ihr ihre Rolle erlaubt hätte. Da wurde deutlich, dass ihr Lebenstraum zerstört worden war. Nicht nur ihre Bühne, so berichtete sie, hätte schließen müssen, sondern alle Bühnen und Arrangements, die noch irgend eine Möglichkeit geboten hätten, in ihrem Beruf als Schauspielerin weiter zu arbeiten. Sie töten alles, sagte sie, sie töten alles in Portugal, die Kultur und die Hoffnung. Dabei blickte sie aufs Meer und für einen kurzen Augenblick traten dieser so lebenslustig wirkenden Frau Tränen in die Augen. Doch ehe sie in sich zusammenbrach, fand sie Halt am Horizont und sie zwang sich ein Lächeln zurück ins Gesicht. Wie gesagt, die Frau hatte Talent. Als sie den Tisch abräumte, hätte das auch eine Metapher sein können für die Jugend Europas. In Luz, am Meer, als die Wolken am Himmel waren.