Archiv für den Monat Dezember 2014

Zivilisation und Fundamentalismus

Bewegungen, die sich gegen den Lauf der Zeit wendeten und sich dabei auf eine eigene Identität beriefen, die zugrunde zu gehen drohte, hat es schon immer gegeben. Bewegungen, die sich beim Lauf der Geschichte gar darauf verstiegen, letzteren wieder rückgängig machen zu können, hat es ebenso gegeben. Ihnen haftet die Erinnerung an, dass ihre Mittel zumeist sehr drastisch waren und dass sie letztendlich alle scheiterten. Das bedeutet nicht, dass diese Bewegungen mit allem falsch lagen, was sie kritisierten. Aber sie lagen falsch mit einer Selbsteinschätzung, die systemisch schon gar nicht mehr haltbar war.

Und vielleicht ist es diese eigenartige Selbsteinschätzung, die dem Massenphänomen des Fundamentalismus gemein ist, egal zu welchem Anlass oder zu welcher Stunde er entstand. Sowohl die christliche Reconquista mit der aus ihr hervorgegangenen Inquisition, sowohl die geheimen wie öffentlichen Terrororganisationen der faschistischen Herrschaft der Neuzeit, als auch die Revolutionsgarden im Iran des Ajatollah Khomeini, als auch die Taliban, Al Quaida und ISIS, sie alle sind der organisierte Ausdruck eines wie immer gearteten Fundamentalismus. Ihre Massenbasis ist und waren soziale Klassen, Milieus oder Individuen, die aus einem bestimmten Beschleunigungsprozess der Geschichte ins Abseits geworfen wurden, obwohl sie noch eine Lebensperspektive vor sich hatten. Was sie erlebten, war zumeist ein Abgleiten ins soziale Aus, eine Ächtung ihres Gedankengutes und ein nicht mehr in die Zeit passendes Verhalten. Was sie verstörte, war die Tatsache, dass genau das, was heute keinen Pfifferling mehr zählte, ihnen gestern noch zu Ruhm und Ansehen und zu einem wirtschaftlichen Auskommen verholfen hatte. Das war dann irgendwann aus ihrer Sicht quasi über Nacht passé. Und dann trafen sie Schicksalsgenossen, denen es ähnlich gegangen war. Und zusammen trafen sie Erklärungsmuster, die die eigene Rolle verklärten und das Neue verdammten. Und schon waren sie der Ansicht, sie könnten das beseitigen, und zwar für immer, was sie bereits selbst beseitigt zu haben schien.

Und genau das ist eines der Wesensmerkmale des Phänomens, das so gerne als Fundamentalismus bezeichnet wird. Es ist der Protest gegen eine Gegenwart, die der verklärten Vergangenheit nicht mehr entspricht. Und es ist der Versuch, die veränderten Lebensbedingungen durch einen Akt der Gewalt wieder rückgängig machen zu können. Bei der Betrachtung dessen, was ihnen fehlt, wird deutlicher, wer sie sind: Es fehlt ihnen die Fähigkeit, Strömungen der Geschichte zu erkennen und zu erklären. Ihnen fehlt die Möglichkeit, sich selbst in einem Prozess der Veränderung von einer anderen Warte aus mit zu betrachten und es fehlt ihnen eine Tugend, die nur aus einer geistigen Distanz zum eigenen Ich entstehen kann: Es fehlt ihnen die Gelassenheit bei der Betrachtung des Unausweichlichen.

Und so ist es hilfreich, beim Aufkommen neuer, vermeintlich neuer Bewegungen den Blick nicht nur auf diese selbst zu richten. Fundamentalisten sind in ihrer Verzweiflung über die Welt kein allzu großes Rätsel. Schwerer ist es nachzuvollziehen, woher es kommt, dass sie sich wie andere so wenig respektieren. Aber spannender und aufschlussreicher ist es, wie die Gesellschaft mit der neuen Form des Fundamentalismus umgeht. Bleibt sie gelassen, handelt aber konsequent, so ist die Prognose erlaubt, dass sie das Zeug hat, den aufgekommenen Fundamentalismus zu überleben. Reagiert sie jedoch hysterisch und begibt sich auf eine destruktive Augenhöhe mit dem Fundamentalismus, so ist sie schnell als ein Bestandteil des Problems zu identifizieren. Diejenigen, die den Fundamentalismus überwinden wollen, sollten sich immer vor Augen führen, dass es weder um Rasse, Gott oder Hemisphäre geht, sondern um die Zivilisation gegen die Barbarei. Da ist letzteres auch für die vermeintlich Guten verboten.

Denkfabriken

Irreführung gehört zum Konzept. So und nicht anders ist vieles von dem, womit wir konfrontiert werden, zu erklären. Eine dieser irreführenden Zauberworte ist der Begriff der Denkfabrik. Suggeriert werden soll mit ihm, dass positive Kräfte in einem industrialisierten, verfleißigten Verfahren vereint werden, um etwas zu leisten. Wie immer übersetzen die Deutschen sehr eigenwillig aus fremden Sprachen. Der Brain Trust, ein wehrhaftes Bündnis der Gehirne, wird da schon einmal so mir nichts dir nichts heruntergeorgelt zu einer Denkfabrik nach dem Muster Henry Fords. Arbeitsteilung und Arbeitszersplitterung als Basis für den positiven Prozess des eigenständigen Denkens zu benutzen zeugt vom Versagen des Horizonts. Die Taylorisierung der Fabrikproduktion zu benutzen für die Synergie von intellektuellen Leistungen zeugt von der Verinnerlichung der Unterordnung in einer Perfektion, die sprachlos macht.

Doch nehmen wir es so, wie es ist. Sieht man sich das an, was so genannte Denkfabriken in unserem Lande leisten, dann drängt sich doch der Eindruck auf, dass das harte Urteil für einen Übersetzungsfehler vielleicht doch zu Unrecht verhängt wurde. Denn die Denkfabrik hierzulande arbeitet wie eine Fabrik, genauso wie Controlling in Deutschland bekanntlich mit „K“ geschrieben wird und folglich nicht Steuern, sondern Kontrollieren bedeutet. So entstehen Arten, die unverkennbar sind. In den Denkfabriken unseres Breitengrads werden Serienprodukte erstellt und wird nicht nach einem innovativen Design gesucht.

Jüngstes Produkt einer solchen fabrikmäßigen Auftragsarbeit ist signifikant für den Vorgang. So gibt die sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung eine Reihe heraus, die unter dem Label Internationale Politik und Gesellschaft figuriert. In diesen Publikationen wird versucht, die Betrachtungsweise einzelner politischer Ereignisse, Prozesse und Personen positiv zu beeinflussen. In ihrer neuesten Ausgabe erschien ein Artikel unter dem Titel „Mythos Ostpolitik“, in dem sich der Autor darüber auslässt, dass der Slogan der sozialdemokratischen Vertreter der neuen deutschen Ostpolitik und der Entspannung, der einen Kontrapunkt zum Kalten Krieg gesetzt hatte und das in Gang gesetzt hatte, was lange Zeit als „Wandel durch Annäherung“ bezeichnet wurde, ein kläglicher, historisch bedeutungsloser Versuch war, die Sowjetunion in die Knie zu zwingen. In Wahrheit, so der Autor, sei mit dieser politischen Programmatik die Hegemonie der UdSSR nur zementiert worden. Was er nicht ausführt, wohl auch, weil er sich auf sozialdemokratischen Druckfahnen bewegt, wäre die Schlussfolgerung, dass letztendlich das Aufrüsten den Frieden gebracht hat, und nicht die wachsende Durchlässigkeit der Systeme. Für sozialdemokratische Ohren muss das starker Tobak sein, aber es steht dort Schwarz auf Weiß.

Womit das Thema Denkfabrik noch einmal eine neue Dimension erhält. Anhand dieser von der Qualität her einzigartigen Leistung. Mit der historische Erkenntnisse über einen sehr erfolgreichen Weg der Diplomatie derartig manipuliert und in ihr Gegenteil verkehrt werden, stellt sich die Frage, ob die Industrialisierung von Denkleistung nicht genau das produziert, was als Grundlage der Dialektik der Aufklärung gelten kann. Die Überhebung der Methode über das Subjekt führt zu einer Technik des Denkens, die systematisch Erkenntnis ausblendet und das Subjekt in eine passive Rolle drängt. Die Mitglieder solcher Denkfabriken zeichnen sich nicht aus durch einen wachen Geist oder ein hohes Maß an gestalterischer Individualität, sondern durch die Hemmungslosigkeit der Auftragnehmer im Hinblick auf die Zweckausrichtung. Wenn es darum geht, Aggression zu verharmlosen und Friedensperspektiven zu diskreditieren, so haben wir es mit einem Vorgang zu tun, der sich nicht von maschineller Waffenproduktion unterscheidet. Das macht die so genannten Denkfabriken äußerst unsympathisch. Gäbe es dort noch so etwas wie ein Schamgefühl, wären alle ihre Gebäude in ein warmes Rot getaucht. So sind sie nur grau und kalt.

Ein amerikanischer Blick auf Berlin

Mein Gott, hat dieser Mann Sympathien beschert bekommen! Sein Buch erklomm die Bestsellerlisten und setzte sich dort wochenlang fest. George Packer, so seine Charakterisierung auf dem Klappentext, gilt als einer der besten Sachbuchautoren Amerikas, er ist festes Mitglied der Redaktion des „New Yorker“ und er hat Preise eingeheimst wie ein vorwinterliches Eichhörnchen die Nüsse. Zuletzt sogar den Fellow an der American Academy in Berlin. Der Grund für das große Lob hierzulande war sein Buch Die Abwicklung! Und das zu Recht. In diesem Buch schildert Packer gekonnt und in beeindruckender Weise, wie sehr sich der Charakter seiner USA in den letzten eineinhalb Jahrzehnten geändert hat, wie sich die Hoffnungen derer, die initiativ wurden, um zu überleben, zerschlugen und wie diejenigen, die die großen Seifenblasen produzierten, das Land weiterhin mit ihrem Unwesen beeinflussten.

Das kam sehr gut an, vor allem in einem Land wie Deutschland, das traditionell eher eine psychopathologische Beziehung zu den USA pflegt. Einerseits vertrieben die USA, natürlich mit den anderen Alliierten, Hitler und brachten Jazz, Kaffee und Kaugummi, andererseits wurden sie dadurch ein Weltimperium, das Deutschland als ein Mosaik in seiner imperialen Mengenlehre betrachtete. Alles, was die Macht dieses Landes ein bißchen anzuzweifeln scheint, alles, was dort politisch vonstatten geht, mit ein bißchen Dekadenz zu schattieren, kommt richtig gut an in Germanistan, vielleicht, weil es die eigene Bedeutungslosigkeit relativiert.

Und nun der Schock. Genau dieser George Packer weilte für längere Zeit in Berlin und er kam nicht, um einen Preis abzuholen, sondern er widmete sich seinem Beruf. Packer beobachtete das politische Berlin in seiner gewohnten professionellen Art. Das Ergebnis ist leider keine Schmeichelei. Wie spiegel online berichtete, auch das zu erwähnen gehört zum Stil, war George Packer sogar entsetzt über das, was sich vor ihm ausbreitete.

Zum einen beobachtete er die Kanzlerin. Er versuchte zu entschlüsseln und stellte fest, dass diese eigentlich überhaupt keine Politik betreibe. Vergeblich suchte er nach politischen Kernaussagen, mit denen ein irgendwie auch geartetes Programm beschrieben werden könnte, aber er fand nichts. Packer stellte fest, dass sich die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland auf minimale Aktionen zur Sicherung der Macht reduzieren lässt. Dabei, und das die zweite, Entsetzen auslösende Beobachtung des amerikanischen Journalisten, lässt das Volk sie gewähren und ist nicht einmal irritiert. Solange sich Mehrheiten in einer Bequemlichkeitszone befinden, sind sie bereit, sich das Wesen der Demokratie sukzessive abkaufen zu lassen.

Die dritte Erkenntnis, die George Packer im politischen Deutschland sammelte, war allerdings die, die ihn als Journalisten am meisten schockierte. Die Journalisten in Deutschland, so sein Fazit, nehmen den Prozess der De-Demokratisierung hin wie ein Naturereignis. Schlimmer noch, die meisten, die er traf, schienen sogar die Machtmaschine Merkel gewählt zu haben. In weiteren Deutungen tut sich der Landesfremde allerdings schwer. Er selbst sucht Erklärungen in der Geschichte Deutschlands, in der Nazi-Diktatur, dem verlorenen Krieg, der DDR etc. Da entpuppt er sich dann doch als ein Amerikaner, der zu wohl wollend auf jene blickt, die mit der Demokratie nicht soviel am Hut haben. Der Stillstand, der sich in Machterhalt manifestiert, ist keine Erfindung Merkels. Insgesamt bringt es die Republik jetzt auf mehrere Jahrzehnte, in denen der von Packer beschriebene Prozess vonstatten ging. Das Fazit, das der Amerikaner nicht zieht, ist aber notwendig. Das Einmischen muss sich verstärken, der Widerspruch lauter werden und der Journalismus, der muss regelrecht gerettet werden. Sein Zustand ist Symptom des Stillstandes. Seine Re-Vitalisierung für eine Demokratisierung lebenswichtig.