Archiv für den Monat Dezember 2014

Das Mädchen von Java

Niemand wäre auf die Idee gekommen, welch hartes Schicksal ihr Leben geprägt hatte, wenn sie über die Hauptstraße schritt. Eine große Frau mit krausem Haar, dass sie mit einem Seitenscheitel trug. Stolz schritt sie durch ihre Stadt und sie kannte jeden und alle kannten sie. Für einen Weg, der in Minuten hätte zurück gelegt werden können, brauchte sie Stunden. Hier wurde sie angesprochen, dort warf sie jemandem einen lakonischen Kommentar entgegen. Daraus entwickelten sich dann Gespräche, über das Geschehen im Ort, über diese oder jene Figur des Stadtgeschehens, über Politik, und manchmal sogar über Fußball. Über das Leben eben. Dabei wechselte sie eloquent zwischen Hochdeutsch und Platt, je nach dem, mit wem sie es zu tun hatte. Und, auch entsprechend der Situation, mal war sie vornehm, mal derb. Es schien, als kannte sie die Welt. Da war sie schon gar nicht mehr so jung. Und viele nannten sie eine Dame. In dem eher proletarisch-bäulerlichen Milieu eine Seltenheit.

Das Mädchen von Java, wie sie die meisten nannten, hatte es hart getroffen im Leben. Früh verlor sie ihren Vater im I. Weltkrieg, ihre Mutter heiratete noch einmal, für die damaligen Zeiten eher eine Seltenheit und das trieb sie schnell aus der verbliebenen Familie. Mit ihrem Mann, ihrem Hermann, den sie sehr jung heiratete, hatte sie zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Das bescheidene Glück, das sie gefunden zu haben glaubte, währte nicht lange. Der Junge ging noch nicht zur Schule, da starb Hermann an einem viel zu großen Herzen. Ohne große finanzielle Mittel schlug sie sich und die beiden Kinder durch. Doch das Mädchen von Java ließ sich nicht verbittern. Sie sagte Ja zum Leben und gab nicht bei. Kaum eine Feier, auf der sie nicht das Tanzbein geschwungen hätte und mit einer Zigarette im Mundwinkel das patriarchalisch geprägte Publikum herausgefordert hätte. Nach dem Motto, na Jungs, was habt ihr drauf, gab sie den Takt vor.

Kurz nachdem der Sohn in einer großen Stahlradiatorenfabrik begonnen hatte, kamen Vertreter der Firma in ihr Haus und teilten ihr mit, dass der Sohn bei einer Gasexplosion ums Leben gekommen war. Sie stellte sich die Frage, ob es schlimmer kommen könne und beantwortete die Frage mit einem Nein. Aber, so der ihr eigene Schluss, wozu sind wir denn hier, und damit meinte sie das irdische Dasein. Die Antwort war eindeutig, sie wollte sich das alles nicht bieten lassen. Ihren Namen, den alle kannten, und von dem kaum noch einer wusste, woher er stammte, hatte sie von einem Schlager aus den Zwanziger Jahren. Oh Mädchen von Java, ich hab dich tanzen gesehen hieß der. Und sie hatte sich in einer Gaststätte, in der er aus dem Radio schallte, auf den Tisch geschwungen und dazu getanzt. Seitdem war sie das Mädchen von Java, oder auch nur Java.

Als ihre Tochter aus dem Gröbsten heraus war, wie sie es nannte, und in die ferne Welt zog, lebte sie ihr Leben weiter. Und sie half, wenn es anderen schlecht ging. Mit ihrer vom Rauch dunkel gegerbten Stimme spendete sie manchen Trost, nur eines duldete sie nie, und das war die Weinerlichkeit. Dann konnte sie mit schnarrender Stimme wie ein Offizier auf dem Kasernenhof die armen Seelen zur Räson rufen. Selbstmitleid duldete sie nicht, das hatte ihr auch nicht geholfen und das ließ sie bei keinem zu. Sie blieb so, wie sie immer war. Graziös, burschikos und couragiert. Wer sie kannte und im Laufe der Jahrzehnte sah, glaubte immer, die Zeit stehe still. Selbst im hohen Alter wirkte sie jung und wem sie gut zuredete, der hatte wieder Mut gefasst und wem sie den Marsch blies, riss sich zusammen. Das Mädchen von Java wurde 95 Jahre alt und die Letzten, die kurz vor ihrem Tod noch mit ihr sprachen, den sie als die große Reise beschrieb, die vor ihr läge, verließen ihr Haus voller Lebensmut.

Die Empathie des Dr. de Maizière

Die Sorgen und Ängste vieler Menschen vor den Herausforderungen unserer Zeit müssen wir ernst nehmen. So der gegenwärtige Minister des Innern, Thomas de Maizière. Das hört sich vernünftig an, bei genauer Betrachtung ist es jedoch für einen Politiker, der sich professionell um die Angelegenheiten der Allgemeinheit kümmert, eine niederschmetternde Plattitüde. Aber wahrscheinlich nimmt er es in der Regel nicht so ernst, wer weiß. Interessant ist natürlich, aus welchem Anlass der Minister des Innern plötzlich so rührselig wurde. Es waren nämlich die Demonstrationen in Dresden unter dem schauerlichen Namen Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Über zehntausend Demonstranten marschierten unter diesem Slogan durch Dresdens Straßen. Und damit nicht genug, sie skandierten auch noch den Slogan Wir sind das Volk!

Nun muss tatsächlich vieles, was in den letzten Jahrzehnten in Deutschland an Einwanderung vonstatten ging, kritisch unter die Lupe genommen werden. Dabei ist allerdings sehr deutlich, dass die Menschen, die sich in diese Gesellschaft eingebracht haben, zu ihrem Wohlstand beitrugen. Das politische Design, das Zuwanderung zu regeln hat, muss allerdings als ein kleingeistiges, provinzielles und dilettantisches Gemurkse charakterisiert werden.

Es wurde in unsinnige Bürokratie investiert und Fehlentwicklungen wurden durch sozialtherapeutische Apparate festgeschrieben, anstatt Lösungsansätze zu entwickeln. So entstand eine Armee von Integrationsspezialisten, die längst eine Eigendynamik entwickelt hat, die mit dem ursprünglichen Auftrag sehr wenig zu tun hat. Und es hat eine Entwicklung gegeben, die mit traditioneller und religiöser Rückständigkeit weitaus verständnisvoller umgeht, als es angebracht zu sein scheint. Aber, und das sei gesagt, angesichts der vorliegenden Ergebnisse der Internationalisierung der deutschen Gesellschaft muss von einer positiven Weiterentwicklung gesprochen werden, die noch ganz andere Möglichkeiten in sich birgt. Und was die Dimension der Einwanderung anbetrifft, liegt Deutschland in keiner wie auch immer gearteten dramatischen Zone.

Eine dramatische Zone hingegen scheint ein Pflaster wie Dresden zu sein. Eine Stadt, die im Rahmen der Wiedervereinigung und der letzten zweieinhalb Jahrzehnte tatsächlich aus der Ruine zurück in die Prachtarchitektur aus der Vergangenheit zurück geholt wurde. Diese Stadt, die sich wunderbar für Fotoserien eignet, wenn man Steine fotografieren möchte, in der man allerdings nach lebenden Motiven suchen muss, die dazu passen. Denn es fehlen die Menschen, die mit dem steinernen Protz korrespondieren. Dort, wo der Ausländeranteil unter die Promillegrenze fällt, dort, wohin Transfermilliarden aus den Rentenkassen flossen, ausgerechnet dort mobilisieren die vermeintlichen Patrioten gegen eine Islamisierung der Gesellschaft. Entschuldigung, wer diesem Unsinn mit Verständnis begegnet, der hat entweder den Verstand verloren oder er folgt einer politischen Programmatik, die nicht minder problematisch ist als die organisierte Xenophobie.

Thomas de Maizière, der gebürtige Rheinländer, aufgrund der Rolle seines Berliner Onkels Lothar zu Zeiten der Wende schnell in den Windschatten der Kanzlerin geraten, hat die Ochsentour durch eine ostdeutsche Sozialisation konsequent hinter sich gebracht. Staatsminister im Kultusministerium in Mecklenburg-Vorpommern, dann Chef der Sächsischen Staatskanzlei, Sächsischer Staatsminister der Finanzen, Sächsischer Staatsminister der Justiz und Sächsischer Staatsminister des Innern. Danach war er Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes. Als Karl Theodor von Guttenberg dem öffentlichen Druck wich, machte Merkel ihn zum Bundesverteidigungsminister, im neuen Kabinett Minister des Innern. De Maizière, Merkels Funktionsmaschine, dreht mit seinen Äußerungen an einer Schraube, die genau die Ursache für wachsende gesellschaftliche Verwerfungen ist. Er führt den Double Standard innerhalb Deutschlands ein. Für die Sorgen im Osten hat er Verständnis, in Duisburg oder Köln fordert er brachiale Härte. Der Putsch, so scheint es, hat längst stattgefunden.

Nur Wanderjahre führen zur Meisterschaft

Irgendwann galt es als antiquiert. Es passte nicht mehr in eine Zeit, in der alles nicht schnell genug gehen konnte. Das Heranreifen eines Menschen sollte im Schnellverfahren geschehen, weil die Verhältnisse andere geworden waren. Im Wahn der sinkenden Halbwertzeiten technischer Innovationen reifte die fixe Idee, mit den Verfahren, mit denen der Fortschritt beschleunigt wurde, auch die Menschen zu traktieren. Und diese ließen sich von dem Gedanken verführen, mit höherem Tempo ans Ziel zu kommen. Wobei das Ziel immer verschwommener wurde. Ganz nach Goethe begannen alle den Genuss der Höhe zu verherrlichen, ohne sich der Anstrengung des Aufstieges unterziehen zu wollen. Das Ergebnis sind zumeist Funktionsträger, die das eigentliche Leben gar nicht mehr begreifen. Weltfremd administrieren sie große Apparate, ohne die Sprache derer, die sie administrieren, zu verstehen und ohne deren Probleme zu erkennen. Dieses System ist zu einer Garantie des Versagens herangereift und viele, die zwar begreifen, dass da etwas nicht mehr funktioniert, sehen sich ratlos an.

Manchmal hat man das Glück, irgendwo im Straßenbild noch Handwerker zu sehen, die mit einem Bündel auf dem Rücken auf Wanderschaft sind. Sie haben ihren Beruf gelernt, und die Überlieferung des Gewerbes fordert von ihnen, auf Wanderschaft zu gehen und ihre Dienste anzubieten. Diese Wanderschaft ist der Reifeprozess zur Meisterschaft. Mit keinen Mitteln außer ihrem Können müssen sie sich an fremden Orten unter ungewohnten Bedingungen durchschlagen. Sie lernen andere Regionen, andere Kulturen und andere Menschen kennen. Von letzteren werden sie aufgrund ihrer Leistung anerkannt und sie erhalten dafür einen Lohn. So ist neben dem Prozess, seine Fähigkeiten und Fertigkeiten in unterschiedlichen Kontexten anwenden zu lernen noch eine weitere unschätzbare Lehre mit im Rucksack. Nämlich die, dass die eigene Leistung zählt. Beides sind wichtige Voraussetzungen, um im späteren Leben bestehen zu können und Kenntnisse weiter geben zu können, die niemand erhält, der sich nur den mittelbaren Lernmedien hingibt.

Nicht umsonst sind die Zünfte derer, die manchmal auf der Straße noch aufscheinen wie eine letzte Illusion, vom Aussterben bedroht. Der Grund hierfür sind andere, unzählige Male revolutionierte Produktionsweisen oder die schlichte Verlagerung dieser Arbeiten in andere Regionen dieser Welt, wo sie noch in vollem Umfang gewürdigt werden, aber wesentlich billiger sind. Was jedoch fälschlicherweise untergegangen ist, das ist die Vorstellung davon, wie die Persönlichkeit eines Menschen reifen kann. In übertragenem Sinne ist es nach wie vor erforderlich, unmittelbar zu erleben, wie es sich anfühlt, nicht über Apparate und Strukturen zu verfügen, wie es wirkt, in der Fremde zu sein und sich einbringen zu müssen in eine Welt, die nicht die eigene ist. Und wie förderlich es ist, aufgrund eigener Leistung und Erfahrung eine Akzeptanz zu erhalten, die durch kein Gesäusel der Wertschätzung und Fremdmotivation herbeigeführt werden kann. Der wirksamste Treibstoff für die menschliche Motivation ist der eigene Erfolg und die Gewissheit, auch unter widrigen Bedingungen bestehen zu können, ist der Zaubertrank, der das Selbstwertgefühl beflügelt.

Nur Wanderjahre führen zur Meisterschaft. Nehmen wir es als Metapher für die Wege, die Menschen gehen müssen, um irgendwann Verantwortung für Aufgaben übernehmen zu können, von denen das Schicksal von Menschen und Organisationen abhängt. Führung aus der Retorte ist verhängnisvoll. Nur wer den beschwerlichen Weg erlebt hat, begreift das Wesen des Daseins. Nichts, gar nichts kann diesen Weg ersetzen.