Archiv für den Monat Oktober 2014

Bauernopfer

Die Stadt Kobane, wie sie zumindest von ihren zumeist kurdischen Einwohnerinnen und Einwohnern genannt wird, wird wahrscheinlich als Bezeichnung eines tragischen Ereignisses in die Annalen eingehen. Vieles spricht dafür, dass die mittlerweile durch Flüchtlinge auf 100.000 angestiegene Bevölkerung in einem grausamen Spiel agierender Mächte geopfert werden wird. Das aus der Ferne betrachtete Chaos sich bekämpfender Mächte hat eine relativ klare Struktur. Es geht um Interessen, die auch in der Ukraine präsent sind und die wohl versteckt werden hinter dem Schicksal der jeweiligen Zivilbevölkerung.

Der seit zwei Jahren tobende Bürgerkrieg in Syrien hat etwas mit der Infrastruktur der Ölwirtschaft zu tun. Genau genommen geht es darum, ob eine Liaison von Syrien, Iran und Russland den Zugang für eine Pipeline ans Mittelmeer bekommt bzw. optional behält. Das steht den Interessen vor allem der USA und Saudi Arabiens entgegen, die ihrerseits diesen Zugang ein für alle Mal verhindern wollen. Um diese Interessen durchsetzen zu können, wurden vor allem Schergen sunnitischer Couleur protegiert, die diesen ökonomisch motivierten Auftrag politisch und religiös interpretieren. Dass letzteres dazu geführt hat, dass die einfachen Kämpfer nun auch gegen die USA mobilisieren, ist ein Kollateralschaden, der einst auch bei Al Qaida in Afghanistan zu verzeichnen war und der wohl einfach nicht auszuschließen ist.

Die Mobilmachung der öffentlichen Meinung in den USA, in Großbritannien und in Frankreich setzte erst ein, als jeweilige Landsleute von ISIS-Mitgliedern vor laufender Kamera geköpft wurden. Das ging auf die Galle, die Zigtausend zählenden Opfer im Irak, die dem voraus gingen, reichten im Emotionsdepot nicht aus, um eine militärische Intervention gegen ISIS zu begründen. So funktioniert das, selbst die moralische Entrüstung hat einen zentralen rassistischen und nationalistischen Aspekt. Dass bei dem Vormarsch von ISIS nun ausgerechnet die Kurden um ihre Existenz bangen müssen, hat einen besonderen Geschmack. Denn die Kurden waren vor allem im letzten Jahrzehnt in der Region der treueste Bündnispartner der USA in der Region.

So wundert es nicht, dass die USA offiziell vorgeben, Kobane vor der ISIS-Invasion retten zu wollen, andererseits aber eigenartigerweise mit ihren Drohnenschlägen dort nichts mehr treffen. Und die benachbarte Türkei, ihrerseits NATO-Vollmitglied, begreift erst jetzt, dass die Hinnahme des sunnitischen Blutrausches gegen die Kurden in der Grenzstadt den Bürgerkrieg im eigenen Land zu Folge haben kann. Es wird deutlich, dass insgesamt einige Verwirrung entstanden ist bei der Inszenierung des Chaos. Big Oil, bzw. Big Oils Kommissionäre sind gegenwärtig gezwungen, die verschiedenen Bündnispartner zu priorisieren. Dabei kann es vorkommen, dass die eine oder andere Volksgruppe dem fundamentalistisch begründeten Flächenbrand zum Opfer fallen kann. Es wird deutlich, dass die wirtschaftlichen Interessen alles andere dominieren, sozusagen im vollen Spektrum.

Umso schwieriger wird es nun, die geplanten militärischen Operationen moralisch zu begründen bzw. die Nicht-Intervention zu erklären. Letzteres wird momentan mit grotesk schwachen Phänomenen erläutert. Das Weiße Haus erzählt der staunenden Weltgemeinde, dass die Drohnen ihre Ziele verfehlen und die hiesige Verteidigungsministerin stellt sich vor die Kameras und erzählt dem verwirrten Publikum, die Flugzeuge der Bundesluftwaffe schafften es aufgrund technischer Mängel nicht bis an die kurdische Grenze. Nein, da wird eine Stadt geopfert, um danach moralisch begründet noch einmal so richtig aufrüsten zu können. Aber es sollte klar sein, dass es weder um Moral noch um Menschen geht. Es geht um die Legitimation gewaltsamen Zugriffs, jenseits von Wert und Moral. Um das zu erreichen, wird Kobane geopfert.

Die Beobachtung der Oberfläche in Erwartung des Fisches

Es gibt einen Schnitt in der Wahrnehmung. Hirnforscher sind davon überzeugt, dass spätestens seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts etwas mit der Reaktionsgeschwindigkeit des Gehirns geschehen ist. Alle, die vorher geboren wurden, sind aufgrund ihrer Perzeption in der Lage, das, was seit dem 19. Jahrhundert als Epik in der Literatur Eingang fand, in der entsprechenden Form zu verarbeiten. Diese Fähigkeit setzt voraus, dass das zugrunde liegende Bild des Menschen und der ihn ereilenden oder der von ihm inszenierten Geschehnisse ein langsames, vom Unterbewusstsein gesteuertes Tempo aufweist. Die Beobachtung dieser schleichenden Prozesse ist das eigentliche Medium dieser Epik. Die Erzählweise ist sanft, fühlend, und sie nimmt sich die Zeit, die sie braucht. Für die Generationen, die nach 1980 geboren sind, hat diese Epik etwas Langweiliges, Lebloses an sich. Das Tempo ist zu langsam und die Bobachtung des Unbewussten zu unspektakulär.

Eine literarische Stimme, die schon seit Jahrzehnten wie aus einem historischen Off ertönte, war die des Schriftstellers Siegfried Lenz. Breits den Nachkriegsgenerationen wurden seine frühen Werke durch didaktisch mäßig ausgebildete Lehrer aufgedrängt. Wer es schaffte, diese Werke später durch Verfilmungen noch einmal zu erleben und dann so rechtschaffen war, ihnen durch eine zweite Lektüre eine zweite Chance zu geben, erlebte dann sogar ihre Rehabilitation. Das Feuerschiff oder die Deutschstunde sind gute deutsche Literatur und es gehört zu dem Phänomen dieses speziellen Genres, dass sie dazu beitrug, nach Faschismus und Krieg dieses Land im Ausland kulturell zu rehabilitieren.

Nach Aussagen Siegfried Lenz´ konzipierte er seine Werke stets nach dem Modell, eine spezielle, menschliche Fragestellung auszuwählen, die er thematisieren wollte. Dann suchte er nach der geeigneten Geographie, dem sozio-kulturellen Milieu und den Figuren, die dazu passten. Es ist eine analytische, intellektuelle Herangehensweise, die eigentlich gar nicht zu der Tradition der Epik passt. Denn diese entstammt der mündlichen Erzähltradition und nicht der literarischen Konzeption. Dass Siegfried Lenz dennoch eine hohe epische Qualität gelang, weil er eine Sprache benutzte, die Figuren wie Landschaft entsprach und die das Unbewusste in der fortlaufenden Handlung der menschlichen Existenz erahnbar machte, dokumentiert die Klasse, in der sich dieser Mann bewegte. Er hatte als Schriftsteller den Gestus des Gewerbes nicht nötig. Seine Worte sprachen für Viele für sich.

Und obwohl Siegfried Lenz Universalthemen, die ja immer hoch politisch sind, in seinem Werk immer wieder thematisierte, wie die Verantwortung des Einzelnen, wie den Kampf des Individuums um sein Recht, wie die Bedrohung der Umwelt durch die Kräfte der Zivilisation, wie das Gebot des Widerstands und wie die Loyalität aus Liebe, Siegfried Lenz kam auch ohne den ostentativen Gestus des politisch denkenden und handelnden Menschen aus. Das Geheimnis seiner zeitgenössisch stets virulenten Aussagen ohne das Beiwerk des Showgeschäfts liegt tatsächlich in der genauen Beobachtung des Unbewussten als Faktor menschlichen Handelns. Darin war Siegfried Lenz ein Meister. Er folgte den Menschen mit Empathie, mit Akkuratesse und mit großer Zuneigung. Er kannte jede Regung der Menschen, über die er schrieb und er wusste, dass nichts, was sie taten, dem Zufall entsprang, sondern alles seine Vorgeschichte hatte. Wer ihm bis dahin folgte, dem erklärte sich auch vieles. Heute könnten ihm nicht mehr viele folgen. Die meisten wollten es nicht einmal, weil es ihnen zu langweilig wäre. No Action! Keine Zeit für feinsinnige Erklärer. Keine Zeit für die Dechiffrierung von Volkes Seele.

Angekommen und von der Gestaltung ausgeschlossen

Das alles inspirierende Element menschlicher Erfüllung ist die gelungene Leistung. Nichts motiviert mehr, als etwas lernen zu können, dass bei seiner Tätigkeit quasi als Nebenprodukt vonstatten geht. Alle ernst zu nehmenden Anthropologen der Moderne hatten auf diesen Umstand hingewiesen. Gemeint ist der zivilisatorische Prozess. jeder Mensch durchlebt seine eigene Entwicklungsgeschichte. Und wer nicht gefordert wird, der langweilt sich nicht nur, dem werden auch die Chancen genommen, sich zu entwickeln. Der Prozess der Erkenntnis ist untrennbar mit dem „Stoffwechsel“, der Interaktion des Individuums mit seiner Umgebung bei Gestaltungsprozessen verbunden.

Die Bundesrepublik Deutschland ist nicht nur eines der exportfreudigsten Länder dieser Welt. In der Natur der Sache begründet liegt die Tatsache, dass hier eine Menge Verfahren zur Verfügung stehen, die für Volumen wie Güte der Produktion verantwortlich zeichnen. Das erfordert menschliche Leistung in hoher Konzentration und in hohem Ausmaß. Genau dieser Umstand führt dazu, dass die Verantwortlichen für den leistungsbezogenen Output im Land angesichts der demographischen Entwicklung seit langer Zeit die Warnung aussprechen, das Ende der Exportnation sei in Sicht, wenn nicht intelligente und leistungswillige Menschen hinzukämen. Momentan wird versucht, diese Menschen zu akquirieren, indem auf anderen europäischen Arbeitsmärkten wie in Spanien und Portugal die Zukunft dieser Länder abgeworben wird, um die deutschen Optionen zu erhöhen. Außerhalb Europas tut man sich schwer, wären dann doch Anstrengungen erforderlich, die kulturell anspruchsvoll und weit jenseits der reinen Wissensvermittlung angesiedelt wären.

Wegen seiner Attraktivität hinsichtlich der Leistung streben immer mehr junge Menschen Richtung Europa. Sie kommen aus allen Teilen der Welt. Ihnen gemeinsam ist die Perspektivlosigkeit in den Arealen, aus denen sie kommen. Im Zeitalter der digitalen Kommunikation sehen sie zwar die Bilder der güterlichen Hochzivilisation, aber sie dürfen sie nicht genießen. Weltweit führt das zur Verstädterung, deren Ende erst für die fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts prognostiziert wird, und nicht, Weil diese Menschen sich eines anderen besännen, sondern weil dann die Landflucht abgeschlossen ist. Diejenigen, die sich auf den Weg in die Metropolen der Leistung machen, können zweifellos als die Alphatiere der Unzufriedenen bezeichnet werden. Unzufriedenheit allein kann auch zu nachhaltiger Depression führen. Unzufrieden zu sein, und es gegen ein autokratisches Regime, über bewachte Grenzen und unwirtliche Meere hinweg in die entfernten Zentren der ersehnten Metropolen zu schaffen erfordert Mut, Widerstandskraft und Permanenz. Kurz, wer hier ankommt, der hat ein Assessment Center hinter sich, wie es die Privatwirtschaft wohl nie bieten wird.

Nun wäre es sicherlich nicht nur ein Zeichen von Souveränität, sondern auch eine Geste des Respektes, wenn man denjenigen, die die weite, beschwerliche und nicht selten riskante Reise hinter sich gebracht haben, an den gestalterischen Möglichkeiten hierzulande teilhaben ließe. Ja, richtig verstanden, anstatt sie in irgendwelchen alten Immobilien unter fragwürdiger Bewachung zu kasernieren, könnte man ihnen Zugänge gewähren zu Lehrwerkstätten wie Produktionsstätten, zu Volkshochschulen wie zu Lernprojekten. Statt bewacht auf das Ende eines bürokratischen Aktes abwarten zu müssen, könnten die Immigranten sehr genau sehen, wie sich dieses Land definiert, in nützlichen, gestalterischen Prozessen. Und es könnte bei denen, die hierher mit all ihrer Hoffnung gekommen sind, dafür werben, dass es eine positive Perspektive sein könnte, sich in diesen Prozess der entstehenden Werte einbringen zu können. Man nennt so etwas Perspektiven schaffen. Dagegen stehen die übliche Phalanx derer, die sich hinter Rechtsverfahren verschanzen und eine phlegmatische Wirtschaft, die ihr eigenes Geschrei so richtig wohl nicht zu glauben scheint.