Archiv für den Monat Oktober 2014

Der rote Zar

Oft ist nicht die Frage interessant, dass uns eine Erinnerung wieder einholt, sondern, warum sie ausgerechnet zu einem bestimmten Zeitpunkt auftaucht. Diese Frage werde ich beantworten müssen und auch wollen, aber sie geht nur mich etwas an. Aber die Erinnerung selbst ist es wert, erzählt zu werden.

Es handelt sich nämlich um eine Frau, die in ihrer Zeit Furore machte und die viele Menschen durch ihr Tun und Handeln geprägt hat. Geboren wurde sie Ende des neunzehnten Jahrhunderts in einer kleinen Industriestadt an der Schnittstelle zwischen Ruhrgebiet und Münsterland. Sie heiratete, wie das in der Zeit und der vom Katholizismus geprägten Gegend üblich war früh. Ihr Mann war ein Kaufmann, der sehr jung ein damals so genanntes Kolonialwarengeschäft aufgemacht hatte. Dort gab es neben den westfälischen Kartoffeln und Rüben eben auch Nüsse und besondere Obstsorten. Der Mann der jungen Frau, die auf den Namen Maria hörte, gehörte zu denen, die in dem kleinen Städtchen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands gegründet hatten. Das war, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Provinz, ein schweres Vergehen. Als dann 1914 ganz Europa von denen, die das Treiben des jungen Kolonialwarenhändlers nicht mochten, in den Krieg geritten wurde, bekam der sofort einen Stellungsbefehl. Ihm erging es nicht anders als vielen anderen, die seine Auffassung teilten. Sie steckten ihn sofort in Todeskommandos in die erste Frontreihe und nur kurze Zeit nach Kriegsbeginn bekam Maria die Nachricht, dass sie jetzt Witwe sei.

Maria ging zu diesem Zeitpunkt mit einem zweiten Kind schwanger. Eine Tochter war bereits geboren und der Sohn, der es dann wurde, sollte seinen Vater nie kennen lernen. Doch Maria war eine starke Frau. Sie übernahm den Kolonialwarenladen in eigener Regie, was das gesamte Umfeld in helle Panik versetzte. Eine Frau ist kein Geschäftsmann, hieß es. Doch sie ließ sich nicht beirren. Sie führte den Laden mit eiserner Hand und behauptete sich gegen eine von Männern dominierte Welt. Und schon wenige Jahre nach der Geburt heiratete sie wieder und bekam mit einem zweiten Mann noch einmal zwei Kinder. Der Glaube, in dem sie tief ruhte, gab ihr Kraft und Vertrauen, Pfarrer, die auf sie einredeten, sie dürfe so nicht leben, schmiss sie kurzerhand auf die Straße. Legendär waren auch ihre Auftritte auf den Hamburger Märkten, zu denen sie fuhr, um für ihr Geschäft die Überseeware einzukaufen. Auf diesem Pflaster des Männermonopols schlug sie auf, feilschte wie ein alter Fuchs und kaufte sich windige Zeitgenossen. Schon bald kannten alle die Maria aus dem Münsterland, wie sie dort genannt wurde und so manch einer war sogar enttäuscht, wenn er sie nicht traf.

Als sich die Nacht über dem ganzen Land ausbreitete, war es für Maria keine Frage, dass sie, als die Verfolgungen zur Tagesroutine wurden, den jüdischen Viehhändler, den alle im Beinamen Männken nannten, über den ganzen Krieg mit Lebensmitteln belieferte, die sie selber zu dem Bauern brachte, der ihn versteckte, da sie nicht wollte, dass andere der Gefahr des Erwischtwerdens ausgesetzt würden. Als der krieg vorbei war und Männken, der später ein bekannter und bedeutender Mann wurde, sich bei ihr bedanken wollte, antwortete sie nur „Dummes Zeug“ und beendete das Gespräch.

Maria und ihre Stadt überlebten die Nazis wie den Krieg, während dessen sie den Bergarbeiterfamilien mit Lebensmitteln half, deren Männer wegen ihrer politischen Überzeugungen von den berüchtigten LKWs im Morgengrauen abgeholt worden waren. Mittlerweile war Maria eine respektable Person geworden, die auch physisch durch ihre Größe und ihre tiefe Stimme beeindruckte. Wegen ihrer Eigenschaften, dem Glauben an einen Gott, dem Herzen, das links schlug und der Existenz als Geschäftsfrau und wegen ihres Auftretens, das mit fortschreitendem Alter noch ein breiter Pelzkragen und ein Stock mit einem mächtigen Silberknauf gekrönte, wurde sie im Volksmund der rote Zar genannt.

So ist sie auch mir in Erinnerung geblieben. Ich lernte sie als bereits betagte Frau kennen, die in einem Sessel saß, sich auf den mächtigen Stock stützte und mit allen, die sie besuchten, über Politik diskutierte. Seitdem sie die Geschäfte abgegeben hatte las sie die Zeitungen und Bücher und war bestens über alles informiert. Sie wurde zu einer politischen Enzyklopädie und vertrat mit einer ungeheuren Dynamik ihre politischen Ansichten, die immer links blieben, aber stets das Dogma mieden. Im Zentrum ihres Lebens stand die Menschlichkeit, zu der sie sich gegen alle Widerstände bekannte. Als sie merkte, dass es ans Sterben ging, rief sie nach dem Pfarrer und beorderte die gesamte Familie an ihr Bett. Bevor sie sich die letzte Ölung geben ließ, rief sie diejenigen, die aufschluchzten, zur Ordnung und verwies auf die Vergänglichkeit eines jeden. Dann forderte sie alle auf, das Lied Maria, breit den Mantel aus zu singen. Danach empfing sie den Segen und starb. Der rote Zar war tot. Der rote Zar war eine Frau.

Der Iwan und der Winter

Die Anstrengungen der EU, mit Russland über die Deeskalation des Ukraine-Konfliktes ins Gespräch zu kommen, haben eine sehr nahe liegende Ursache. Der Winter steht vor der Tür und ohne russisches Gas wird es nicht nur in der Ukraine sehr kalt werden. Selbst bei der Nachbetrachtung um die vergangenen Drosselungen von Gaslieferungen durch Russland an die Ukraine werden wilde Legenden gesponnen, die zur emotionalen Aufladung dienen, aber nicht den Tatsachen entsprechen. Die seinerzeit von Russland zu lediglich 40 Prozent des Weltmarktpreises an die Ukraine gelieferten Gaskontingente wurden von der damaligen Präsidentin, Frau Timoschenko, für den vollen Weltmarktpreis weiter ins Ausland verkauft. Als das aufflog, verabschiedete sich Russland von der Subvention eines befreundeten Nachbarstaates, weil die Unterstützung korrupter Oligarchen dort nicht zu dem Kampf gegen dieselben im eigenen Land gepasst hätte.

Die vereinnahmten Journalisten hierzulande machen daraus die Geschichte, dass der unberechenbare Iwan wie schon immer den Winter bei seinem heimtückischen Kampf gegen die Zivilisation nutzt. Dabei sind Ursache und Wirkung sehr klar und im schlimmsten Falle als völlig normales kaufmännisches Verhalten zu kritisieren. In diesem Kontext ist es geradezu frivol, wie sich die deutsche Kanzlerin in den Verhandlungen mit Russlands Präsidenten aufspielt und Bedingungen stellt, um zu normalen diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zurück kehren zu können. Auch die Rondo-artige Wiederholung des Themas der Krim macht den Wahrheitsgehalt nicht größer: Ein durch keine Wahl legitimiertes Regime der Ukraine kann allen Ernstes nicht als Anwalt des Völkerrechts zitiert werden. Wer zu tief ins Glas der Legendenbildung schaut, den bestraft das Leben.

Vielleicht sollte die Tatsache des bevorstehenden Winters die eine oder andere Figur doch mit der Nase auf die Fährte stoßen, die zu den Ursachen und nicht den Anlässen des Konfliktes führt. Denn es geht von Anfang an um die energetischen Rohstoffe, über die Russland verfügt und auf die man gerne Zugriff hätte. Russland hat zu viel eigenen Willen. Die Brain Trusts in den USA, die ihre schaurige Philosophie des European Heartlands, auf die man Zugriff haben müsse, um das Spektrum der uneingeschränkten Dominanz herstellen zu können, erwägen es, durch Krieg und Bürgerkrieg dem Ziel näher zu kommen. Diese Strategie hat hitlerische Dimensionen, der bekanntlich auf von der ukrainischen Kornkammer und den Ölfeldern um Baku faselte, bis ihm die Völker Russlands im Großen vaterländischen Krieg bei Stalingrad das Licht ausbliesen.

Dass ausgerechnet eine Kaste aus der protestantischen Pastorenopposition in staatlich zentralen Funktionen des Nachfolgestaates des deutschen Reiches an einer Rekonstruktion dieser Expansionspläne beteiligt ist, hat die Qualität, die eine revolutionäre Opposition herausfordert. Die Metamorphose des Weltherrschaftsgedanken hat allerdings derartig abstruse Phasen durchlaufen, dass es auch nicht so einfach ist, ihn zu identifizieren. Denn es ist nicht nur der ostdeutsche Protestantismus, der den Charakter eines deplatzierten Revanchismus angenommen hat. Hinzu kommt die Variante des ökologischen Moralismus, dem seit dem Bombardement Belgrads bei jeder Weltregung, die nicht den Vorstellungen der eigenen Frömmlerethik entspricht, nach einer militärischen Intervention schreit. Das ist schlecht und nicht gut, und ein gutes Ende wird es auch nicht haben. Wenn sich keine Opposition gegen dieses Hasardspiel im eigenen Land bildet, dann kann nur gehofft werden, dass uns ein langer und kalter Winter bevorsteht. Der klärt vielleicht mehr auf über die Kräfteverhältnisse in der Welt als die Berichterstattung über Konferenzen, die der Inszenierung größerer und kleinerer Märchen dienen.

Eine semantische Todesfalle

Das Muster ist immer das gleiche. Aus einer Position der Selbstüberschätzung und beheimatet in einem zentralistischen Weltbild wird das Geschehen, egal wo und unter welchen Umständen es stattfindet, gedeutet und bewertet. Und natürlich leitet sich das Urteil ab aus der Überzeugung, selbst die globale Dominanz zu besitzen in der Frage, wer die beste Staatsform erlangt hat und diese im praktischen Leben pflegt. Die Rede ist von der Überzeugung, hier im Herzen Europas in dem Land zu leben, das als Muster zu gelten hat für Fortschritt und Demokratie. Der Vergleich mit anderen Ländern, egal mit welcher Geschichte und in welchem Kulturkreis, wird vorgenommen mit einem quasi einbetonierten Kompass. Und selbstverständlich unterliegen die anderen Staatsformen. Doch damit nicht genug. Der Rest der Welt wird gerügt und moralisch verurteilt, weil er in seinem Denken und in seinen Handlungsschritten nicht zu einer Kopie dieser einen zentralen Welt gelangt.

Zurückgeführt wird die qualitative Dominanz auf die demokratischen Institutionen, die laut Verfassung in diesem Land errichtet wurden. Und, ehrlich gesagt, funktionierten sie so wie in der Verfassung gefordert und wie sie auch zu manchen Zeiten in der Vergangenheit funktionierten, dann besäße das Modell auch einen großen Charme. Dem stehen aber bestimmte Phänomene im Wege. Diejenigen, die in medialer Zunft wie Politik das eigene Regime anpreisen, sollte vor Augen geführt werden, dass bestimmte Organe im lebenswichtigen demokratischen Körper momentan versagen. Zwei große Funktionsblockaden seien stellvertretend für den Gesamtcheck, der unbedingt noch gemacht werden muss, genannt: Die Entwicklung der Justiz, die fern der Unabhängigkeit agiert und sich vor allem in bestimmten Teilen der Republik mehr und mehr dem Vorwurf aussetzt, käuflich zu sein. Und zum anderen die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten. Letzteren wurde das Recht auf ihr Monopol abgeleitet aus dem Verfassungsauftrag, die Politik kontrollieren zu sollen. Das gelingt von dort aus schon lange nicht mehr und die Qualität dessen, die dort entsteht, gleicht mehr dem Modell des Embeded Journalism, der Kreation der George W. Bush Administration während des Irakkrieges, als man sich absichern wollte gegen zu viel Wahrheit in einem schmutzigen Krieg.

Nun kann man die Institutionen, die im Gefüge der demokratischen Ordnung ins Schlingern geraten sind, dafür kritisieren und anprangern. Das ist nicht falsch und muss gemacht werden, denn irgendwann muss ja auch damit angefangen werden. Ob es zielführend ist, ist eine andere Frage. Denn die Quelle der langsamen Erosion der demokratischen Idee liegt nicht in den Institutionen, die nur das zum Ausdruck bringen, was die Menschen, die in ihnen aktiv sind, tatsächlich dort treiben. Der Fauxpas des ach so demokratischen Systems liegt in der mechanischen Vorstellung von Demokratie. Demokratie wird nicht durch Institutionen, sondern durch Menschen und ihr Handeln hergestellt.

Das setzt voraus, dass die Menschen, die in diesem System glücklich werden sollen, das Besteck der Aufklärung dahingehend beherrschen, als dass sie in der Lage sind, kritisch zu hinterfragen, eine Sache von mehreren Perspektiven aus zu beleuchten, in den Disput zu gehen, Konflikte nicht zu scheuen, andere Positionen zu respektieren und um einen Konsens im Sinne des Gesamten bemüht zu sein. Das ist eine große Herausforderung. Dazu müssen die Menschen erzogen, ermutigt und für ihr Bemühen gelobt werden. Das bräsige, selbstgefällige Verhalten unserer Moralisten, die dem Rest der Welt ein Urteil geben, ob der es will oder nicht, hat mit diesen Qualitäten nichts gemein.