Archiv für den Monat Juli 2014

Organisation und Entscheidung

Entscheidungen sind so eine Sache. Kaum eine Angelegenheit des Willens und des Intellekts erweckt so viele Emotionen wie die Entscheidung. Ganze Kulturkritiken setzen gar an ihnen an. Und tatsächlich: Wenn etwas das Leben einzelner Menschen und ganzer Gesellschaften bestimmt, dann sind es Entscheidungen. Dafür, dass dieses so ist, was sicherlich auch kaum jemand bezweifeln wird, machen wir uns allerdings wenig Gedanken zu dem Thema. Ganz versteckt, in den Kammern der Wissenschaft oder der Philosophie, werden leise Diskurse über das Wesen der Entscheidung geführt, aber dort, wo diese laufend getroffen werden, da regiert die Situation und der Bauch.

Manche gehen so weit, dass sie das Wesen eines Gemeinwesens anhand der von ihm und in ihm geführten Entscheidungen glauben diagnostizieren zu können. Einer von ihnen war der Soziologe Niklas Luhmann, hierzulande als Mentor und Protagonist der soziologischen Systemtheorie bekannt. Aber selbst er, der wenig Ehrfurcht vor Tabus hatte, hatte entweder innerlich noch nicht mit dem Thema abgeschlossen oder nicht die Courage, eine Erkenntnis noch zu Lebzeiten in den Diskurs zu speisen, die vielleicht eine bittere Diagnose zur Folge gehabt hätte. Nämlich eben die, dass der Zustand von Organisationen ablesbar ist an der Geschwindigkeit, mit der sie in der Lage sind gute, d.h. richtige, vorausschauende und nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Das war die Erkenntnis, die gewissenhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in seinem Nachlass fanden und zu dem letzten Buch dieses außergewöhnlichen Autors formten. Es trug den Titel „Organisation und Entscheidung.“

Nicht umsonst haben wir in der deutschen Sprache bestimmte Begriffe, die in der Lage sind, eine gewisse Komplexität zu erfassen als auch das zu charakterisieren, was gerade passiert. Obwohl wir in einer Phase der virulenten Globalisierung leben, existieren dennoch kulturelle Unterschiede, die vielleicht das ausmachen, was die positive Spannung in der Welt genannt werden kann. Im Deutschen heißt es nämlich, wir hätten hier Entscheidungsträger. Gemeint ist damit, dass diejenigen, die über Macht verfügen, auch die Konsequenzen der Entscheidung tragen müssen. Da liegt die Konsequenz des Aktes schon im eigenen Begriff, was nicht überall so ist. Im Englischen z.B. wird von decision maker gesprochen, d.h. der Akt des Entscheidens als aktive, willentliche Tat beschrieben, deren Konsequenz in der begrifflichen Beschreibung bedeutungslos bleibt. Der deutschen Version wohnt bereits eine moralische Verpflichtung inne, die nicht immer entscheidungsfördernd wirkt.

Da schöne chinesische Sprichwort, das da besagt, keine Zeit zu haben heißt, sich für etwas anderes zu entscheiden, trägt vom Charakter her den nächsten Kern, der hierzulande Entscheidungsprozesse in gewisser Weise entschleunigt. Bei Entscheidungen geht es nämlich nicht nur um die Frage, was durch sie bejaht, sondern auch um die, was durch sie verneint wird. Eine Entscheidung zwischen fünf Alternativen bedeutet eine Absage an vier Optionen. Letzteres verursacht schon bei vielen, die für das Entscheiden engagiert sind, einen gewissen Stress. Nein zu sagen gehört vielleicht gegenwärtig zu den größten Schwierigkeiten, vor der unsere Gesellschaft steht. Absage, Trennung, Abschied und Negation sind schicksalsbeladene, emotional überaus komplexe Gebilde, mit denen unser kultureller Kontext, der sich immer aus holistischen Weltbildern gespeist hat, nur sehr schwer umgehen an. Im Gegensatz zu dem Pragmatismus der anglophonen Welt, die dagegen gefühlsarm und extrem kalt wirkt. Vielleicht deshalb auch das Ressentiment. Hier fällt das Nein-Sagen schwerer als die Bejahung. Ein Diskurs über die Entscheidung, ihre Entstehung, die Belohnungen, wenn keine getroffen wird und die Kräfte, die sie beflügeln, steht noch aus.

Terror und Tiraden

Nein, es ist nicht zum Lachen. Nein, es wäre schöner, wenn solche Dinge nicht vorkämen. Ja, es ist ein neuer Tiefpunkt im internationalen politischen Prozess. Die Folter und Hinrichtung von Kindern und Jugendlichen im alten, klassischen Konflikt zwischen Juden und Palästinensern. Die Chronologie der Ereignisse ist wichtig, aber nicht entscheidend. Zunächst würden drei israelische Jugendliche entführt und ermordet. Danach verschwand ein palästinensisches Kind und wurde auf bestialische Weise hingerichtet. Beide Taten sind eine Katastrophe. Diejenigen, die versuchen, egal auf welcher Seite, das eine Opfer gegen das andere für sich zu instrumentalisieren, sind das eigentliche Problem. Es handelt sich um Moralisten, die wie die Broker des Holocausts ihre eigne Bilanz schreiben. Wer sich auf diese infernalische Logik einlässt, ist für Freiheit wie Humanität verloren.

Wenn man sie liest, die internationalen Verlautbarungen, dann könnte man sich die aktuellen Kapitalverbrechen auf beiden Seiten auch schenken. Die Meinungsfronten sind so, wie sie vorher auch waren. Und wenn die Scharfmacher glaubten, der Konflikt brauche eine neue, emotionale Befeuerung, dann hatten sie Recht, was die Eskalation des Konfliktes betrifft, aber nicht, was eine Verschiebung der Konstellation bewirken würde. Die HAMAS bombardiert israelisches Territorium, Israel den Gaza-Streifen. Ändern wird es nichts, Israel wird militärisch stärker bleiben und, da sollten sich die vermeintlichen Freunde des palästinensischen Volkes mal nichts vormachen, in Gaza wird die Bevölkerung auch weiterhin durch den Terror der HAMAS beeinträchtigt werden. Wer die Zustände bagatellisiert, macht sich unglaubwürdig. Fragt die Palästinenserinnen und Palästinenser, die lieber das Exil wählen, als den internen Terror noch länger hinzunehmen.

Es ist so schön und einfach, die Welt in Schwarz und Weiß zu zeichnen. Wer die historische Existenz Israels und ein daraus resultierendes Recht bis heute leugnet, der hat aus der Geschichte nichts gelernt und nichts begriffen. Und wer auf israelischer Seite glaubt, durch Konfrontation und Expansion dieses Recht zu verteidigen, der missbraucht es. Und wer die Palästinenser, die auf dem heutigen israelischen Territorium lebten wie eben auch die Juden, wer ihnen ein neues, nationales Selbstbestimmungsrecht zubilligt, der sollte sie nicht über Jahrzehnte als willkommene Geisel für eine menschenverachtende, kriegstreibende und terroristische Politik missbrauchen. Die Verharmlosung dieser schäbigen Seite des Konfliktes ist eine üble Sache. Und wem nicht aufgefallen sein sollte, dass der Antisemitismus in der arabischen Welt blüht wie einst im deutschen Reich, der braucht gar nicht so weit zu blicken, denn die hier so kritischen Geister sind von diesem Virus gehörig ergriffen, dass man Augen und Ohren nicht mehr traut.

Hier, im Land der Täter, in dem die Juden industriell vernichtet wurden, trauen sich allen Ernstes Leute, das schäbige Verbrechen gegen das palästinensische Kind als Begründung gegen Israel anzuführen, ohne das Meucheln an den drei jüdischen Kindern zu erwähnen. Das sind Propagandamethoden, die von den Nazis stammen könnten, und diejenigen, die damit hausieren gehen, haben in keinem Forum etwas verloren. Sie sind verloren. Verloren für Anstand, Demokratie und Humanität. Dafür kann es keine Toleranz geben. Wer Verbrechen gegen die Menschlichkeit bagatellisiert oder aufrechnet, hat das Recht verwirkt, sich an einem Diskurs zu beteiligen, der die Lösung eines Konfliktes zum Ziel hat, denn er ist Bestandteil des Problems. Die Geiselnahme und Ermordung von Kindern, egal ob jüdisch oder palästinensisch, ist ein Tabu. Absolut.

The Eagle flies on Sunday

In der Branche heißt es, alles was zählt, sind Titel. Das stimmt nur bedingt, ist aber auch nicht falsch. Titel haben die Aura, dass sie in die Annalen eingehen. Deutschland ist zum vierten Mal Fußballweltmeister. Chapeau! Das ist für die Annalen, daran wird sich nichts ändern. Was von den Spielen allerdings übrig bleibt, wenn nach zehn oder zwanzig Jahren darüber berichtet wird, das sind nur bestimmte Szenen. Die prägen das kollektive Gedächtnis. 1954 war es der Schuss von Helmut Rahn und der Radiokommentator, der diesen begleitete, 1974 war es der Elfmeter von Paul Breitner und das Siegtor von Gerd Müller, 1990 der Elfer von Andreas Brehme und die Tränen des Weltfußballers Maradona, und heute? Im berüchtigten Maracana, unterhalb des Corcovado in Rio de Janeiro, da war es natürlich das alles entscheidende Tor von Mario Götze.

Was aber mehr beeindruckte als dieses wunderbar herausgespielte und von Götze grandios vollendete Tor waren zwei weitere Ereignisse, über die zumindest die, die es erlebt haben, ewig sprechen werden. Es war der wohl letzte Einsatz von Miroslav Klose, der rackerte wie ein Tier, der gefährlich blieb bis zum Schluss und der mit seinen 36 Jahren noch einmal die Welt beeindruckte. Der polnische Immigrant, der in der Pfalz in der Regionalliga begann und heute noch die Fans im fernen Rom verzaubert, holte sich in seinem letzten Spiel noch den WM-Titel. Ein großartiger Sportler hat die große Bühne für immer verlassen und als er ausgewechselt wurde, bekam er stehenden Applaus. Der beste WM-Schütze aller Zeiten verließ das Feld.

Und da war noch Bastian Scheinsteiger, der, wie manche andere wusste, dass es wahrscheinlich auch seine letzte WM sein würde, legte sein ganzes Leben in dieses Spiel. Als die argentinische Mannschaft entschied, ihn durch böse Fouls aus dem Spiel zu nehmen, agierte er wie ein Boxer aus dem Ghetto. Er wusste, wenn nicht heute, dann nie. Immer wieder stand er auf, vom Schmerz gezeichnet, zuletzt mit einer klaffenden Wunde im Gesicht deutete er an, dass er diesen Kampf nicht verlieren würde. Er hat ihn gewonnen und gezeigt, wie so etwas geht. Das wird hängen bleiben, das hat das Zeug zur Legende.

Über den Teamgeist, über die wissenschaftliche Unterstützung, über das große Kontingent der Spitzenfußballer, auf die Löw aufgrund einer im letzten Jahrzehnt statt gefundenen Aufbauarbeit zurückgreifen konnte, auf all das wurde zu Recht verwiesen. Was zudem gegen einen Gegner wie Argentinien fehlte, war eine Leistungsbereitschaft, die über die Grenze ging. Sie war da, und der Titel ist die verdiente Ernte.

Wir wären keine Deutschen, wenn wir nicht noch das Mittel der Kritik suchen würden. Das werden wir tun. Es gibt viel zu sagen über die FIFA und die Medien, über Korruption und Ressentiment. Und es wird eine Stimmung aufkommen, die auf diesen Titel verweisen und die Notwendigkeit der Veränderung leugnen wird. Doch das wird Morgen sein. Noch fahren die vielen Fans durch die Straßen und von überall aus der Welt treffen Glückwünsche ein. Ein Freund schrieb mir gerade aus Los Angeles und frühere Kollegen aus Jakarta feiern, weil Deutschland Fußballweltmeister ist. So etwas sollten wir genießen. Es ist ein schöner Moment. Der Weg war schwer, der Gegner im Finale großartig und die Mannschaft hat den Titel verdient. Zollen wir ihnen Respekt, genauso wie dem vom Fußball besessenen Land Brasilien. Das Licht geht jetzt aus. Morgen ist ein langer, arbeitsreicher Tag. Wir sind hier in Deutschland!