Archiv für den Monat Mai 2014

Journalismus wie zu Zeiten des Bürgerkönigs

Honoré de Balzac war es, der in seinem Roman Verlorene Illusionen, der im Paris des neunzehnten Jahrhunderts entstand und spielte, in seiner atemberaubenden Art sehr detailliert beschrieb, wie der Beruf des Journalisten entstand. Die Figur, die aller Illusionen beraubt wird, ist ein junger talentierter Mann, der aus der Provinz in das lasterhafte, schnelle, korrupte und zu Kapitalismus und Börse stürmende Paris des Bürgerkönigs kommt und sich als Schriftsteller durchsetzen will. Das gelingt ihm nicht und er landet bei einer Zeitung. Ihn ehrt die Naivität, dass er nach der Wahrheit sucht und meint, das sei der Auftrag des Journalisten. Die Herausgeber der Zeitungen lehren ihn jedoch, was es heißt, sich auf einem Markt mit Konkurrenten behaupten zu müssen und wie man vorgehen muss, um hohe Auflagen zu erzielen. Der Roman ist neben vielem, was Balzac wie sonst in in vielen seiner Romane genial, aber in kaum einem in dieser Perfektion und Güte gelingt, ein Lehrstück über den Markt, auf dem sich Journalismus bewegt.

Die letzten Monate waren in vielerlei Hinsicht auch ein Lehrstück. Auch über den Journalismus. Aber hier und heute, in der Bundesrepublik Deutschland, in einer aus dem Selbstgefühl heraus definierten Demokratie, mit einem Monopol öffentlich-rechtlicher Berichterstattung in Radio und Fernsehen, mit dem Auftrag, der den Medien in der Verfassung zukommt: als kritischer Spiegel der Macht.

Alles, was wir erleben konnten, hatte mit diesem Auftrag nichts zu tun, mit den Geschichten hingegen aus Verlorene Illusionen des Honoré de Balzac sehr viel. Wir wurden Zeugen einer reinen Spekulation auf die politische Manipulation der Bevölkerung, was die Interessen der Mächtigen betraf und betrifft. Und wir wurden Zeugen, welcher Mittel man sich dabei bedient. Sie entsprechen ebenfalls den Tricks und Finessen des Genres aus den Zeiten des Bürgerkönigs zu Paris. Die großen Themen, mit denen wir es zu tun hatten, die Ukraine und die Europawahlen, gerieten zu Propagandafeldzügen, inszeniert mit ungeheuren Schauergeschichten, die immer nur an niedere Instinkte appellierten, die immer darauf aus waren, Opposition zu diskriminieren, selten aufklärten und zumeist den Mächtigen zunutze waren.

Die wilden Geschichten sollen hier nicht wiederholt werden, denn das führt zu nichts. Man kann nur reklamieren, dass der Auftrag, der in der Verfassung steht und aus dem der damalige Bundesverfassungsrichter Roman Herzog das geradezu unangefochtene Monopol der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten abgeleitet hat, nicht erfüllt worden ist. Das hat fast zu einem Krieg geführt und dazu beigetragen, Europa zu spalten. Denn bei dem Krim-Konflikt wurde bereits von militärischen Interventionen gesprochen, die nun notwendig seien und bei den Europawahlen wurden alle, die Kritisches zu der gegenwärtigen Führung der EU zum Ausdruck brachten, kurzerhand als Europahasser deklariert.

Man kann es von zweierlei Standpunkten aus betrachten. Einerseits ist es böse Propaganda, was die öffentlich-rechtlichen Anstalten, und als solche sollten sie weiterhin bezeichnet werden, produzierten. Andererseits sind dort Menschen am Werk, die schlichtweg in den Zeiten des ach so demokratischen Internets sozialisiert wurden, die gar keinen Schimmer davon haben, was guter, kritischer und seriöser Journalismus bedeutet. Frau Krone-Schmalz hat das in einem längeren Interview alles sehr kritisch unterlegt und es sei jedem empfohlen, weil sie immer sehr sachlich blieb und sich auf das journalistische Handwerk beschränkte.

Interessant ist es zu wissen, wie die Russen in dem Konflikt empfinden, wie die Opposition gegen Putin jenseits von Pussy Riot oder Chodorkowski aussieht und welche Mechanismen wirken bei der Meinungs- und Parteienbildung in diesem großen, untrennbar zu Europa gehörenden Land. Und ebenso wichtig ist es, eine Idee davon zu bekommen, wie sich die zahlreichen, und nicht unberechtigt zahlreichen Kritikerinnen und Kritiker der gegenwärtigen EU-Politik ein anderes Europa vorstellen, das besser funktioniert. Zu allem davon existiert kein Wort aus den Membranen eines zu 100 Prozent subventionierten Monopols. Wenn sich daran nichts ändert, blühen uns böse Zeiten. Man mache sich keine Illusionen.

Tragödien aus kosmischer Sicht

Irving D. Yalom. Und Nietzsche weinte

Wohl dem, der in der Lage ist, komplexe theoretische Zusammenhänge in Erzählungen verständlich zu machen. Eine Fähigkeit, die zumeist deutschen Wissenschaftlern abgeht, ganz im Gegenteil, es gab Zeiten, in denen diese sogar im Ansehen stiegen, je esoterischer ihre Ausdrucksweise war. Anders in den USA, sie galten schon immer als die Vereinfacher, nicht selten dieses allerdings aus deutscher Sicht wiederum mit einem Stigma behaftet. Dass es auch anders geht, und zwar mit einer narrativen Qualität, die ihresgleichen sucht, hat Irvin D. Yalom vor allem mit seinem Roman Und Nietzsche weinte bewiesen. Der 1931 in Washington D.C. als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geborene Yalom gilt heute als eine der Größen der USA als Weiterentwickler der Psychoanalyse zu einer adaptierbaren Form der Psychotherapie. Das hat er in zahlreichen Werken, die rein fachlich angelegt sind, unterlegt. Das Schöne an seinem Lebenswerk ist, dass er auch Romane schrieb, die nicht nur brillant erzählt sind, sondern auch die Leserschaft den Theorien näher bringt, die dort thematisiert werden.

Und Nietzsche weinte ist ein kurioses Buch, das tatsächliche Figuren der Zeitgeschichte, die sich teilweise nie trafen, in einen gemeinsamen Handlungsrahmen setzt und sie interagieren lässt. Vom Konstrukt her ist das alles sehr gut nachvollziehbar und so entwickelt sich eine Geschichte, die sich vor allem um den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche und den jüdischen Wiener Arzt und Pionier dialogischer therapeutischer Ansätze Josef Breuer dreht. Durch verzwickte und kuriose Umstände herbeigeführt, lassen sich die beiden auf einen teuflischen Pakt ein, der darin besteht, dass sich beide gegenseitig therapieren wollen.

Wenn es eine Referenz an die jüdische Fähigkeit gibt, Geschichte, leidvolle, tragische Geschichte zu reflektieren, ohne dass es an die große Glocke gehängt würde, dann ist es dieses Buch. Das, was Yalom hier veranstaltet, ist in gutem Sinne revolutionär. Nicht nur, dass es ihm gelingt, den vor allem durch unglaubliche Nachlassschmuddeleien und Schändungserlaubnisse Richtung Nazis in Deutschland ramponierten Nietzsche zu reinstallieren als einen grandiosen radikalen Denker, sondern auch der Verweis auf die Nützlichkeit nietzscheanischer Betrachtung im Hinblick auf die Verkraftbarkeit des jüdischen Schicksals. In dialogischen Settings kommt die ganze Radikalität des kränkelnden, zweifelnden, vereinsamten deutschen Philosophen ebenso zum Tragen wie die üppige, bürgerliche, bildungsvolle, nonchalante und doch moralisch strenge Lebensweise der Wiener Juden des Fin de Siecle. Breuer lehrt Nietzsche, dass es der Freundschaft bedarf, um das eigene Leben zu heilen, und Nietzsche lehrt Breuer, dass es vor allem der konsequente Weg zu sich selbst ist, der der schwerste auf dem Weg zur Besserung sein wird.

Nietzsche heilt Breuer, der unter großen Selbstzweifeln leidet, obwohl er alles erreicht hat mit der Erzählung, dass sich das Leben immer wieder wiederhole und jede Entscheidung, die die falsche war und aus mangelndem Mut getroffen wurde, daher immer wiederkehrt. Daraus entwächst die Radikalität, die Nietzsche zumindest in seinen Werken gegen sich lebte. Nicht umsonst arbeitete er in dem Jahr der Handlung, 1882, an seinem Buch Also sprach Zarathustra, einem Werk, dass übrigens die damalige deutsche Jugend in eine anti-autoritäre Aufbruchstimmung versetzte. Breuer selbst wiederum vermag in der grandiosen Erzählung Nietzsche nicht zu heilen, aber zu rühren, zumindest ein Ansatz kathartischer Läuterung. Am Schluss steht der Satz Nietzsches, dass selbst die großen Tragödien der Menschheit aus kosmischer Ferne winzig erscheinen. Er geht einem durch Mark und Bein!

Vierzig Jahre Nelkenrevolution

Die Portugiesen sagen von sich selbst, sie seien immer und überall mit der Geschichte verbunden. So ist es nicht verwunderlich, dass heute, im Mai 2014, überall darüber gesprochen wird, was aus dem Land geworden ist. Denn nahezu genau vor vierzig Jahren, in der Nacht zum 25. April 1974, wurde zunächst das Lied Despois do Adeus im Radio gespielt, das als Signal vereinbart war. Danach fielen Schüsse im Lissabonner Nachthimmel und um 0.20 Uhr dann wurde wiederum aus dem Lied Grandola, Vila Morena rezitiert und damit klar, dass eine Diktatur, die 1932 mit Salazar begonnen hatte und seit 1968 durch Caetano weitergeführt wurde, vorbei war. Das Militär selbst hatte dem Spuk, der über vierzig Jahre das Land gelähmt, die Gefängnisse gefüllt und die Exilquote nach oben getrieben hatte, ein Ende bereitet. Ohne großen Widerstand wurden die wichtigsten strategischen Punkte eingenommen. Insgesamt forderte der Aufstand der Militärs vier Tote und e sollte als einer der friedlichsten von Uniformträgern in die Geschichte eingehen. Als Zeichen der Sympathie steckten die Menschen den Soldaten überall, wo sie auftauchten, rote Nelken in die Gewehrläufe.

Dass zum Zeitpunkt des Aufstands der junge Führer der sozialistischen Partei, Mario Soares, zufällig beim Vorsitzenden der Sozialistischen Internationale, Willy Brandt, in Berlin weilte, wird bis heute von den Zeitzeugen als purer Zufall beschrieben. Deutlich wurde jedoch, dass die portugiesischen Militärs keiner Demokratisierung im Weg standen und der Bildung von Verfassungsorganen nicht nur zustimmten, sondern sich diesen unterordneten. Es wurde sehr schnell deutlich, dass es einen Masterplan seitens der Sozialistischen Internationale, analog zu Spanien, auch für Portugal gab. Der sah eine verfassungsmäßige Demokratie und die Integration in die Europäische Union vor. Der Gedanke, der sich dahinter verbarg, war die nachvollziehbare Einsicht, dass das Land dringend Hilfe bei der Entwicklung einer zeitgemäßen Infrastruktur brauchte und zunächst auch Zugang zu den europäischen Märkten.

Heute, wenn sich Portugiesen über die Entwicklung seitdem unterhalten, dominiert zumeist der Zwiespalt. Der Wechsel von der Diktatur zu Verhältnissen, in denen sich die Bürger ohne Repression und politische Verfolgung äußern können, wird als großes Verdienst der damaligen Revolution und der Folgejahre bewertet, die wirtschaftliche Entwicklung ebenfalls, bis zu dem Punkt, an dem die Geldpolitik der EU einem qualitativen Wandel unterlag, unter dem das gesamte Südeuropa gelitten hat. Die Geldmenge, ins Land getrieben und nahezu gepresst von den Banken und großen Fonds des europäischen Establishments, hat die mit dem Risiko spielenden Kräfte im Land inspiriert und auch den Staat zu einem Konsumverhalten verleitet, der in keiner Relation zur tatsächlichen Liquidität stand. Bei vielen steht allerdings nicht die Sorge um die Verschuldung im Vordergrund, sondern die Unfähigkeit, in den nächsten Jahren zu investieren. Dass die EU dem Sparcredo des IMF in allen Belangen folgt, steht in umgekehrter Relation zu dem vorherigen Verhalten, als regelrecht mit dem Geldsack auf das Land eingeschlagen wurde.

Neben der mangelnden Fähigkeit, in die wirtschaftliche und wissenschaftliche Erneuerung zu investieren kommt eine Arbeitslosenquote von knapp sechzehn Prozent hinzu. Zudem ziehen viele junge, zumeist die qualifiziertesten Menschen ins Ausland ab, weil sie in Portugal selbst keine Perspektive sehen. Das ist, und da werden die Debattierenden jedesmal sanguinisch, das schlimmste, was uns passiert. Wer einem die Jugend raubt, der hat kein Herz. Das geht an die Adresse der Mächtigen in der EU, die hier, wo so vieles begann, das mit der europäischen Aufbruchstimmung beschrieben wurde, zunehmend als Problem, und nicht als Lösung betrachtet werden.