Archiv für den Monat April 2014

Paradigmenwechsel im Spionageroman

John le Carré. A Delicate Truth

Wenn es ein Synonym für den Spionageroman gibt, der sich aus dem Kalten Krieg gespeist hat, dann ist es der von John Le Carré. Letzterer, Jahrgang 1931, ist Brite mit kosmopolitischer Provenienz. Studiert hatte er in Oxford und Bern, bevor in Eton selbst lehrte und danach kurzzeitig dem Britischen Geheimdienst während des Kalten Krieges diente. Seitdem, und das sind mittlerweile mehr als fünfzig Jahre, lebt er von seinen Büchern. Es wundert kaum, dass genau die Periode, deren Zeitzeuge aus nächster Nähe war, den Stoff für seine zahlreichen Romane bildete, die seitdem folgen sollten. Wer allerdings glaubte, mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes habe sich le Carré entweder in das Schweigen oder der Thematisierung des ewig Gestrigen begeben, der wurde positiv enttäuscht. Hatten im Machtkampf der USA und der UdSSR die profilierten und stereotypen Spione eines revanchistischen Weltbildes dominiert, so wechselte le Carré die Felder seiner Plots mit der Morgendämmerung neuer, ganz anderer Probleme der internationalen Politik.

Der neue Roman von John le Carré, A Delicate Truth, hat nichts mehr von den alten Konflikten und dem alten Ambiente. In einem wie immer scharf geschnittenen Handlungsrahmen wird die Leserschaft Zeuge einer neuen Dimension der Gefährdung, indem der nicht legale Einfluss privater Security Firmen auf das Management heißer, militärischer Konflikte thematisiert wird. Das, was der moderne Durchschnittsmensch bei der Betrachtung weltweiter Konflikte in den Nachrichtensendungen wenn überhaupt nur aus den Augenwinkeln wahrnimmt, die Präsenz privater Firmen beim Einsatz politisch beauftragter Gewalt, ist in A Delicate Truth das Hauptthema. Der gesamte Roman dreht sich um dieses Phänomen. Ohne die wie immer spannende und sprachlich exzellent geschilderte Handlung ausplaudern zu müssen kann zusammengefasst werden, dass es um eine missglückte militärische Operation auf international brenzligem Territorium geht. Akteure direkt vor Ort sind von einem Verteidigungsminister beauftragte offizielle Truppen der Krone sowie private paramilitärische Einheiten aus den USA.

Das Misslingen der Operation wirft Fragen auf, die sich um die Legitimation der Handlung selbst drehen, um die politische Moral, die bei der Erteilung des Auftrages im Spiel war und um die tatsächliche Macht der privaten Auftragnehmer, die weder vor Gewalt noch Nötigung zurückschrecken, um ihren Einfluss innerhalb der Apparate von Politik zu wahren und auszubauen. Da ist nicht nur aktuell, sondern im Hinblick auf die neuen Dimensionen politischer Funktionswahrnehmung auch sehr spannend. Da stellen sich Fragen nach dem zuweilen fragwürdigen Utilitarismus der Politiker genauso wie die nach der Korrumpierbarkeit eindimensionaler Karrieretypen, die ihr Vaterland bereit sind für recht schnöden Mammon zu verkaufen.

Für alle, die dem Genre des Kriminal- und Spionageromans gewillt sind, etwas abzugewinnen, könnte eine sehr inspirierende Fragestellung sein, wie sehr doch Motivlagen und Handlungsmuster in den Romanen le Carrés aus der Epoche des Kalten Krieges und der jetzigen auseinandergehen. Es lieferte weitgehende Erkenntnis, die vom Übergang von der heroischen zur post-heroischen Gesellschaft genauso berichten wie über die Sublimierung von Feindbildern. Mit Werten und Weltbildern haben beide Romantypen etwas zu tun, aber auch diese unterscheiden sich sehr. John le Carré hat sich mit seiner Zeit weiterentwickelt. Er ist dabei weder wehmütig noch nostalgisch geworden. Er hat gelernt. A Delicate Truth ist der beste Beweis.

Der Strömung die Stirn bieten

Man sagt den Deutschen nach, sie seien konfliktscheu geworden. Bei der Betrachtung der Felder, auf denen es tatsächlich beobachtbar ist, auf denen der Kommunikation, könnte der Eindruck gewonnen werden. Die Zeiten, in denen Tacheles geredet wurde, scheinen lange vorbei zu sein. Vor allem die heutigen Politiker kommen einem vor wie Weichspüler, vergleicht man sie mit Urgesteinen wie Herbert Wehner, Franz Josef Strauß oder Helmut Schmidt. In deren Debatten flogen noch richtig die Funken und Journalisten, die aus Dummheit dazwischen gerieten, zitterten die Hände.

Es ist evident, dass diese Zeiten nicht mehr den unseren entsprechen. Und es liegt nahe, dass sehr schnell mit dem Hinweis argumentiert wird, das sei gut so und eine Folge der Zivilisierung der Gesellschaft durch den wachsenden Einfluss der Frauen. Das mag stimmen, denn tatsächlich haben sich die Verkehrsformen geändert. Ebenso evident sollte allerdings für jeden denkenden Menschen sein, dass durch einen Gender-Shift in der öffentlichen Kommunikation nicht die Konflikte aus der Welt sein können.

Doch, bei allem Wohlwollen, wo sind sie hin, die Konflikte? Die offene Konfrontation hat Vorteile, die auf der Hand liegen. Der Dissens wird benannt und offen, um nicht das heutige magische Wort der Transparenz zu bemühen, wird darüber gestritten, welche Argumente die besseren sind oder wo man eben nicht zusammenkommt. Das hat den Charme der Klarheit, aber es erfordert eine bestimmte emotionale Beschaffenheit der Interakteure. Sie müssen fähig sein, den Gegenwind eines Diskurses auszuhalten. Wer das nicht kann, geht unter im Disput.

Letzteres ist mit dem phantasmagorischen Idyll, welches durch die dominierenden politischen Strömungen seit den achtziger Jahren geschaffen wurde, dessen Paradigmen Frieden, Ökologie und Vielfalt geschaffen wurde, verdrängt worden. Nicht, dass die Treiber dieser Politik Weichspüler wären, das sind knallharte Jungs und Mädels, die sich schon morgens beim Aufstehen eine Linie Macht auf dem Spiegel der Eitelkeit reinziehen. Nein, aber deren Klientel hat sich das Idyll durch Weltfremdheit und einen katastrophalen Akt der Entmündigung erkauft. Sie sind degeneriert zu Objekten, die aufgrund der eigenen Diskursunfähigkeit ihr Mandat als gestaltende Subjekte abgetreten haben.

Die Akteure, die den öffentlichen Diskurs bestimmen, sind Ideologinnen und Ideologen der Seichtigkeit. Aus einem Geschwurmel von Friedensduselei, Naturverbundenheit, Gendergerechtigkeit und göttlicher Vielfalt leiten sie eine Rhetorik der knallharten Ausgrenzung ab, die den Entmündigten in aller Schärfe vorführt, was ihnen blüht, wenn sie sich vom Tugendpfad des Universalkonsenses abwenden und die Sünde begehen, selbst zu denken.

Gleich Inquisitoren kommen sie daher, und sobald gar eine Autorin oder ein Autor ein Buch verfasst, in dem der Mainstream als herrschaftliches Mittel der Unterdrückung entlarvt wird, starten sie multimedial einen Folterfeldzug, der sich nicht einmal zufrieden gibt, wenn die jeweils bürgerliche Existenz vernichtet ist. Es herrscht Krieg in diesem Land. Krieg gegen den eigenen Willen. Krieg gegen die eigene Sprache. Krieg gegen den eigenen Verstand. Was als Rebellion gegen die autoritären Väter begann, die sich aus den imperialistischen Feldzügen des organisierten Größenwahns gerettet hatten, endet hier und heute mit einer der perfidesten Formen der psychologischen Diktatur. Da ist nichts links, da ist nichts frei, da ist nichts tolerant. Jedem sei geraten, die Probe aufs Exempel zu machen und der Strömung die Stirn zu bieten. Die Reaktion des ach so demokratischen Mainstreams wird das beste Dokument seines autoritären Charakters sein. Doch wer die Angst einmal überwunden hat, der wird sich nie mehr fürchten. Es ist den Versuch wert.

Scharlatane im Vollzug, Demagogen auf Sendung

Die Diffusion der Begrifflichkeiten zwingt dazu, weiter auszuholen und auf die theoretischen Grundlagen der parlamentarischen Demokratie zurück zu greifen. Im Gegensatz zur direkten oder Rätedemokratie gehört es zum Wesen der parlamentarischen, dass in freien, gleichen und geheimen Wahlen das Volk bestimmte Kandidatinnen und Kandidaten mit einem Mandat ausstattet. Dieses Mandat berechtigt dazu, die wählenden Bürger formal und nach Auftragsinhalt zu vertreten. Zwar sieht die deutsche Version des Parlamentarismus noch so etwas vor wie das Gewissen, gespeist aus den despotischen Imperativen des Dritten Reiches, aber die Delegation des Volkswillens gilt dennoch.

Nun, in der Ära des Post-Heroismus und der Glorifizierung des individuellen Glücks, unterliegt dieser Demokratiebegriff einer Revision. Der wortführende Mainstream manifestiert sich in erster Linie in den öffentlich-rechtlichen Medien, deren Finanzierung über ein Staatsmonopol garantiert ist. Ausgerechnet die Verfassung des Staates, der ihre Existenz sichert, wird von ihnen dahingehend konterkariert, dass sie Sinn und Legitimation der politischen Delegation infrage stellen. Da die politischen Mandatsträger in den letzten Jahrzehnten zunehmend durch die Bezweiflung ihrer Legitimität und Kompetenz verunsichert wurden, geben sie tendenziell dem Wunsch nach demokratischer Erosion nach. Diese verläuft nicht direkt, d.h. das formale System der Demokratie wird nicht kritisiert, sondern die Ausführung der politischen Entscheidungen. Diese Taktik ist subversiver als offene Sabotage und Bomben.

Zu einem politischen Mandat zählt nicht nur das Recht auf eine Entscheidung, was politisch umgesetzt werden soll, sondern auch auf das Wie. Die Bewertung der Qualität der Wahrnehmung des politischen Mandats bezieht sich auf beides und wird in den nächsten Wahlen vorgenommen. Durch die zunehmende Beeinflussung der Ausführung, d.h. des operativen Geschäftes der Regierungsführung ist der Dilettantismus zu einem festen Bestandteil des politischen Systems avanciert.

Das, was als Basisdemokratie vom Tenor der opportunistischen Weltanschauung gepriesen wird, führt zum einen zu einer Explosion des bürokratischen Apparates, d.h. unzählige und aufgeblähte Gremien der Partizipation schießen wie die Atompilze aus dem Boden, sie repräsentieren vor allem die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft und zeichnen sich dadurch aus, dass im besten Falle der Minimalkonsens zum Tragen kommt, was in der Regel Dekonturierung und Mediokrität zur Folge hat. Zum anderen revidieren sie den durch Wahlen manifestierten Willen von Mehrheiten, indem Nischenaspekte in der Realisierung in den Mittelpunkt geraten. Neben dem Verlust an Kontur leidet das ganze Verfahren noch an einer chronischen Verzögerung. Der Todesstoß für die parlamentarische Demokratie liegt in der Demokratisierung der Detailausführung.

Wer dem durch eigene Beobachtung nicht zustimmen kann, der sehe sich noch einmal die vom Oberdemagogen Geisler inszenierten Livestream-Befragungen und – Debatten anlässlich des Projektes Stuttgart 21 an, auf der Rentner und Hausfrauen aus der schwäbischen Provinz mit Ingenieuren über die Beschaffenheit und Kopfgrösse von Mineralbohrern stritten oder man vergegenwärtige sich einige der Brutalo-Brainwash-Happenings während des letzten Bundestagswahlkampfes im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, als Menschen ohne Ausbildung und Beruf in der Lage waren, Vertretern der deutschen Energiewirtschaft zu erklären, dass die bestehenden Stromnetze durch Atomstrom verseucht seien. Das klingt zwar als Reminiszenz ganz amüsant und dokumentiert die Chuzpe derer, die in diesem Lande Meinung machen, ist aber mehr als eine nur kulturell zu verortende Krise, sondern bereits ein sicheres Indiz für die rasende Auflösung des bestehenden politischen Systems respektive für das Einstürzen seiner letzten Residuen. Wir brauchen keine Scharlatane im Vollzug und keine Demagogen, die das als Demokratie verkaufen. Vielmehr sollten wir darüber räsonieren, was mit den ca. acht Milliarden Euro Notwendiges gestaltet werden könnte, die gegenwärtig für die ideologischen Quacksalbereien der öffentlich-rechtlichen Medien jährlich verbrannt werden.