Archiv für den Monat April 2014

Altes in besonders gelungener Form

The Robert Cray Band. In My Soul

Mit Nothin But Love meldete er sich nach langen Jahren der relativen Stille im Jahr 2012 zurück. Das Album war eine Referenz an die Wurzeln und eine Hommage an den Süden. Dort scheint Robert Cray nun wirklich angekommen zu sein. Der Mann aus Georgia, 2011 in die Hall of Fame des Blues aufgenommen, hat zur Sprache zurück gefunden und intoniert den Blues nicht wie in alten Zeiten, sondern er hat ihn angereichert mit den Silben des Soul, der Stimme des alten amerikanischen Südens schlechthin. In My Soul heißt das neue Album daher wohl nicht umsonst. Nach Nothin But Love eine zweite CD in kurzer Zeit. Und, um es gleich zu sagen, beide haben hohe Qualität und bilden keine Redundanz, wenn man sie besitzt.

You Move Me, der erste Song, kommt nah an das heran, was an Robert Crays Schaffenszeit in den achtziger und neunziger Jahren erinnert, eine melodiöse Form des Blues mit Gitarrenriffs, die bei jedem anderen markige Zäsuren wären, während sie bei Cray irgendwie sanft und hübsch anzuhören sind. Nobody´s Fault But Mine, der nachfolgende Titel, ist eingespielt mit einem Bläsersatz, der in nostalgischen Intonationsmustern an die gute alte Zeit auf dem Chitlin´ Circus erinnern, als die Bands noch mit warmem Bier und Soulfood bezahlt wurden. I Guess I´ll Never Know ist dann Soul pur, textlich wie musikalisch, eine Liebeserklärung an die Ungewissheit, eine Hommage an die melancholische Lebensweise, ein Flirren in den Mangrovenwäldern. What Would You Say erinnert mehr an Otis Redding als an die Jetzt-Zeit, wer Authentizität liebt und nicht alles dem Preis des Neuen zu opfern bereit ist, der wird dieses Stück lieben. Und der Titel Hip Tight Onions ist ebenso wenig ein Zufall, erinnert er doch an die schwerelose Profanität eines Booker T.. You´re Everything hingegen ist der von einer schwirrenden Gitarre getragene Blues, wie er nur im Süden zu hören ist. Und auch Deep in My Soul ist eher Retro, eine Reminiszenz an die Musik, die Cray wohl hörte, als er nach Norden aufbrach, um mit seiner Gitarre die urbanen Zentren zu erobern.

Robert Cray hat mit In My Soul ein Album aufgenommen, das in noch stärkerem Maße als Nothin But Love auf die Rückkehr zu den Wurzeln verweist. In My Soul ist eine Rückschau auf die Elemente des Blues und Soul, die Cray selbst mitnahm auf seine Reise in den Norden und die im Süden die Zeit überdauert haben. Lebensweise wie Seele kommen in diesen insgesamt 11 Songs zum Ausdruck und Robert Cray verleiht ihnen durch seine Stimme, die tropisch weich daher kommt, einen nahezu heimatlichen Ton. Dazu kommt seine nie herausgestellte Virtuosität auf der Gitarre, die elektrisch flirrt, Gewitter ahnen lässt, aber immer ohne Verzerrungen die Melodie zum Vorschein bringt. Das hört sich alles ganz leicht und spielerisch an, ist aber ohne Können, Seele und Empathie nicht machbar. In My Soul ist nichts Neues, aber Altes in besonders gelungener Form. Und was gut klingt und die Seele anspricht, das musst du nicht ändern. Es sei denn, du hast den Sinn des Lebens nicht verstanden.

Ein Konvolut aus Befindlichkeiten

Wie weit ist die Gesellschaft bereit zu gehen bei einer Utopie, die keine ist? Alles, wofür die Geschichte dieses Landes in den letzten 250 Jahren steht, ist die der Erfindung, Innovation, Industrialisierung und Implementierung neuer Verfahren. Die technische Intelligenz ist das Asset dieses Landes. Nicht die politische Finesse, da sind wir wohl eher Rabauken. Nicht umsonst frotzelte Europa immer vom Land der Dichter und Denker. Das war kein Kompliment, sondern die Arroganz gegenüber einem Flickenteppich von Kleinfürstentümern und Miniaturkönigreichen, die es nicht zuwege brachten, eine Nation zu bilden. Dennoch, technische Entwicklungen fanden hier wiederholt ihren Ursprung, die Industrialisierung führte zu einer Wohlstandsentwicklung, die für ein rohstoffarmes Land eher untypisch ist.

Immer wieder gab es Strömungen gegen den technischen Fortschritt und die damit verknüpfte Werteproduktion. Das begann mit der Romantik, die sich den Anfängen der Moderne entgegenstellte und die – aus heutiger Sicht – die wohl intelligentesten Fragen stellte angesichts der robusten Unterjochungsmechanismen des aufziehenden Kapitalismus. Die unter dem Siegel des Fin de Siècle firmierende Kritik stand dem Industrialismus von Angesicht zu Angesicht gegenüber und ahnte bereits die desaströsen Aufteilungskriege, die kommen sollten. Avantgarde und Dada folgten und stellten nicht zu Unrecht die Sinnfrage, die sich stellte nach der Beziehung zwischen Produktivität und gleichzeitigem Destruktionspotenzial.

Bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts reüssierte eine neuerliche Kapitalismus- und Technikkritik, die unter dem Slogan Zurück, oh Mensch, zur Mutter Erde zusammengefasst werden konnte. Flankiert von den ersten anthroposophischen und ökologischen Traktaten entspann sich ein Kult um tradierte Naturverfahren und einer der Natur analogen Lebensrhythmik. Nicht, dass diese Bewegung per se eine politische Radikalisierung in sich barg, aber gute Teile derselben fanden sich in der Blut- und Bodenideologie des Faschismus wieder, während andere in verdauungsphilosophische und seifenferne Kommunen nach Ascona entflohen.

Wieder konnte dieses Land große Fortschritte im Industrialismus vorweisen und wieder mündete der vermeintliche Wohlstand in einem sozialen Desaster, das den Krieg nach sich zog. So wundert es nicht, dass nach der Etablierung der Nachkriegsordnung, die wiederum auf Technik, Innovation, Industrialismus, Warenproduktion und Export setzte, eine romantisierte Gegenbewegung auf dem politischen Schirm auftauchte. Mit der Ökologiebewegung etablierte sich der historisch bereits verschiedene Male aufgetretene kulturelle Gegenreflex zur industriellen Verwertungsgesellschaft erstmals politisch. Zu verdanken hat die Bewegung dieses ihrem multiplen Ursprung: Naturverbundenheit, Anti-Modernismus, traumatisierte Teile der maoistischen Bewegung, Friedensbewegung, unterschiedliche sexuelle Orientierung und Gender-Emanzipationsprogramme kamen in der ersten Stunde zusammen und sicherten für lange Zeit die Existenz der Bewegung über aktuelle Anlässe hinaus.

Die konstante Präsenz dieser Bewegung als politische Partei in einem etablierten Spektrum ist aus dieser Diversität der Ansätze zu erklären. In allen thematischen Bereichen, in denen ein zum Teil nicht unberechtigtes Unbehagen immer wieder zum Durchbruch kommt, ist allerdings kein Gesellschaftsentwurf zu erkennen, der ein neues Paradigma gegenüber der immer noch dominierenden Existenz der Industriegesellschaft deutlich machen würde. So ist ein öffentlicher Diskurs entstanden, der sich immer wieder um Teilaspekte des Daseins dreht, dem großen Wurf, der nötig wäre, um eine andere Zukunft als der programmierten zu gestalten, bleibt jedoch aus. Insofern handelt es sich um eine Bewegung, die historisch alle Attribute zum Scheitern erneut mit sich trägt. Daher ist es abenteuerlich, von einer Alternative zu sprechen. Die existiert nicht, die Programmatik bleibt diffus wie eh und je. Ein Konvolut aus Befindlichkeiten ist nicht die Grundlage eines neuen Entwurfs.

Maslows Vermächtnis

Nicht nur der 1908 in Brooklyn geborene Abraham Maslow hatte eine Vorstellung von den Motivationslagen des Menschen. Im Rahmen seiner Arbeiten zur humanistischen Psychologie entwickelte er jedoch ein Schema, dass bis heute eine gute Orientierung darüber liefert, wo sich Menschen und Gesellschaften befinden. Berthold Brecht, der große Zuspitzer und Vereinfacher, hatte das Maslow´sche Schema auf den Punkt gebracht: Erst kommt das Fressen, so hieß es bei ihm, dann kommt die Moral. Maslow war da anders vorgegangen, hätte sich aber kaum gegen die Brecht´sche Pointierung gewehrt.

Maslows Ausführungen, die in die Geschichte als Bedürfnispyramide eingegangen sind, können wie folgt zusammengefasst werden: Bevor sich der Mensch mit dem befasst, was ihn als kulturelles und zivilisiertes Wesen ausmacht, müssen bestimmte Bedürfnisse gesichert bzw. befriedigt werden. In Stufen bedeutet dieses in besagter Pyramide, dass zunächst Grund- und Existenzbedürfnisse befriedigt werden müssen, danach die Sicherheit gewährleistet sein muss und dann erst das Sozialbedürfnis zur Geltung kommt. Ist das alles geschehen, treten Wünsche nach Wertschätzung und zu guter Letzt die Selbstverwirklichung in den Vordergrund. Aus heutiger Sicht klingt das alles andere als sensationell, als Gradmesser für den Entwicklungsstand einer Gesellschaft ist die Anwendung der Pyramide allerdings eine brisante Angelegenheit.

Es ist ein Screening wert: Welche Themen auf den Titelblättern der wichtigsten Tageszeitungen, welche Themen in den digitalen Nachrichtenkanälen beschäftigen sich in unserer Sphäre eigentlich mit welchen Stufen der Maslow´schen Bedürfnispyramide? Ganz so einfach, wie zunächst zu vermuten wäre, ist es nämlich nicht. Die gegenwärtige Gesellschaft ist kein homogenes Gebilde, dem man eindeutige Charaktermerkmale zuweisen könnte. Bezogen auf die Nachrichtenmagazine kann eine Tendenz ausgemacht werden, die bis auf die Stufe der Grund- und Existenzbedürfnisse alle Fragen abdeckt. Es scheint davon abzuhängen, unter welcher Rubrik die Sache beleuchtet wird.

Bezogen auf die unterschiedlichen sozialen Gruppen und Klassen ist die Sache jedoch klar: wenn Jobs vorhanden sind, dann geht es mehr um Wertschätzung und Anerkennung und je besser sie sind, desto mehr geht es um Selbstverwirklichung. Die, die keine Arbeit haben, die finden meistens gar nicht statt, dass es denen allerdings zunächst um die Sicherung der Grundbedürfnisse gehen wird, liegt auf der Hand. Gesamtgesellschaftlich spielt das Thema Sicherheit eine Sonderrolle, was keine Frage des sozialen Status, sondern eine des biologischen Alters der Gesellschaft ist. Je älter die Population, desto mehr fürchtet sie um ihre Sicherheit.

Betrachtet man die Themen in besagten Kanälen, so ist sehr schnell zu erfahren, dass unsere Gesellschaft gehörig altert, dass sie die tatsächlich vorhandene Kohorte derer, die um die Existenz kämpfen, konsequent ignoriert und dass die Form von Herrschaftsideologie darüber kommuniziert wird, wie Wertschätzung und Selbstverwirklichung erlangt werden können. Saturiert wäre ein Attribut, das für den Status Quo zuträfe, wäre da nicht das Phänomen der Tabuisierung. Denn die Ignorierung der Mittellosigkeit betrifft nur einen, allerdings nicht zu unterschätzenden Teil der Gesellschaft, aber die Frage nach dem Sozialbedürfnis betrifft alle. Letzteres ist in der Ära der Digitalisierung einer Deprivationsoffensive ausgesetzt gewesen, wie sie vorher noch nie in der Geschichte stattgefunden hat. In einer Gesellschaft, die ihren gesamten Wohlstand dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu verdanken hat, ist es verständlich, dass die Vorbehalte gegen die Technisierung der sozialen Beziehungen nicht so groß waren, wie die angerichteten Verheerungen es verdient hätten. Das Kommunikationszeitalter hat das mittlere Glied aus Maslows Pyramide geschossen und alle starren ins Leere.