Archiv für den Monat Dezember 2013

Die Macht und der Schein

Nun wird wieder einmal Bilanz gezogen. Das alte Jahr nähert sich seinem Ende, in den Medien sind die Rückblicke längst zusammengestellt und die Printmedien, die sich diesem Thema widmen, liegen längst auf den Wühltischen des aldisierten Buchhandels. Symptomatisch für unsere Zeit ist nicht die Tatsache, dass zu bezahlende Medien sich des Rückblickes versuchen. Symptomatisch für unsere Zeit ist, dass diejenigen, die das letzte Jahr bewusst miterlebt haben, selbst ein persönliches Fazit nicht ohne manipulative Unterstützung mehr anstellen. Das, was die Kerners, Lanzens und Beckmänner in den TV-Medien kredenzen werden, wird wie jedes Jahr ein Trash aus Herzschmerz und handfester politischer Demagogie sein, die aus der repressiven Kraft der political correctness gespeist werden wird. Neu wird es nicht sein, die Frage, die letztendlich interessiert, ist die, wie lange diese schlecht gemachte Propaganda noch ohne Revolte durch den Äther dringen mag.

Sähen wir uns das letzte Jahr aus unseren eigenen Augen an, so würden wir etwas ganz anderes zu beschreiben haben, als es die Jahresrückblicke tun. Wir hätten es mit einer anderen wirtschaftlichen Wirklichkeit zu tun, als die täglichen Nachrichten suggerieren. Da spielten ganz plötzlich andere Menschen eine Rolle als Aktionäre, Banker, Berater und Manager. Da tauchten allein erziehende Frauen auf, die 48 Stunden pro Woche in einer Bäckerei arbeiten und dafür monatlich 1.200 Euro verdienten. Oder Akademiker, die Werbetexte korrigieren und pro Seite dreißig Euro bekommen. Wir sähen die Akteure des Sports in einem anderen Licht, die jenseits der Hochleistungsakrobatik und des Spitzenverdienstes an jedem Wochenende an ihre Grenzen gehen, die nicht nur da liegen, wo die eigene Physis sie setzt, sondern auch dort, wo die Notwendigkeiten des Lebenserwerbs beginnen. Wir sähen die Armseligkeit derer, die sich als die Mächtigen ausgeben und die Unverfrorenheit derer, die die Macht tatsächlich haben.

Wir sähen die Unterschiede des monetären und des spirituellen Reichtums. Und wir sähen die Entwicklung zur Expansion der monetären Prosperität und den tendenziellen Fall des spirituellen Wohlbefindens. Die zunehmende, fast flächendeckende digitalisierte Taktung unserer Arbeitsprozesse würden nämlich freigelegt von dem ganzen ideologischen Unsinn von Autonomie und als das identifiziert, was es tatsächlich ist: Die Ausweitung und durchperfektionierte Kontrolle, die Liquidierung jeglicher Selbstbestimmung und die inquisitorische Verfolgung des freien Willens. Es würde deutlich, wie uniform das digitalisierte Zeitalter geworden ist, wo aus jeder Fernbedienung und jedem Sensor ein Programm lauert, das standardisiert und vereinheitlicht. Und es würde wie die Schuppen von den Augen fallen, dass bei allem Individualisierungsbrimborium nur noch serienmäßige Stereotype geduldet werden.

Ein Rückblick wie dieser wiche doch in hohem Maße ab von der propagandistischen Aufbereitung. Und er ließe Schlüsse zu, die die Medien systematisch verhindern. Es würde nämlich die ganz einfache Wahrheit ersichtlich, dass unser Wunsch nach Freiheit und Gestaltung, nach Selbstbestimmung, Glück und Gemeinschaft in der Welt der gegenwärtig Mächtigen nur noch als Chiffre besteht, als Illusionspops in einer virtuellen Welt, die die tatsächliche Lebenspraxis gar nicht mehr repräsentiert. Und dann würde klar, dass der permanente Widerspruch von Illusion und Wirklichkeit dazu führt, dass wir tendenziell den Verstand und ein unverbrüchliches Gefühl für Gut und Böse verlieren, wenn wir dem Spuk nicht schleunigst ein Ende machen. Das, was unser Leben ist, muss das Zentrum unserer Betrachtung sein. Alles andere ist Mystifikation!

Organisationskultur

Der Terminus alleine hat schon einen artifiziellen Geschmack. Dennoch ist er aus kaum einer Diskussion wegzudenken, die sich mit dem Fortschritt in der Arbeitswelt wie im politischen System der Demokratie befasst. Zumeist taucht der Begriff auf, wenn das real Angetroffene als Krise begriffen wird und man sich Erlösung wünscht. Die Rede ist von Organisationskultur. Wenn, so die allgemeine Auffassung, im positiven Sinne eine Organisationskultur erkennbar ist, dann ist vieles gut bestellt. Dann stimmt nicht nur die Atmosphäre, dann resultieren aus dieser auch gute Leistungen und eine erhöhte Produktivität. Organisationskultur ist ein Gütesiegel und Organisationskultur ist ein Credo. Und wie so oft, steht der Begriff der Kultur im Deutschen für das Gute, Wahre und Edle. Der hehre Anspruch birgt aber auch das Vage.

Wie immer ist es wohltuend, genauer hinzusehen und den frommen Wunsch nach einem Gütezustand der Kultur zu entmystifizieren. Denn egal wie schlimm der zu betrachtende Zustand auch sein mag, jeder Zustand in einer Organisation weist eine bestimmte Kultur auf. Die kann barbarisch sein, aber sie hat ihre Werte, Regeln und Rituale, das eigentliche Wesen von Kulturen. Das Ausblenden von Organisationskulturen, die keinen Konsens hervorbrächten, gehört zu den epistemologischen Krankheiten, an denen die deutschen Diskussionen erkrankt sind. Das Hineindeuten des Guten in die Kultur per se entbindet nämlich vermeintlich von der Pflicht, die erstrebte Kultur definieren zu müssen.

Dabei wäre es gar nicht so schwer, eine Organisation zu definieren die viele Ansprüche an eine gute Kultur aufwiese. Natürlich müsste sie ein attraktives Ziel haben, sie müsste transparent und effizient sein, was ihre Entscheidungen betrifft und sie müsste eine sehr hohe soziale Kohärenz aufweisen, was in der Regel heißt, dass Aufrichtigkeit und Solidarität gelebt werden. Nun reklamieren nicht wenige Unternehmen, Verbände und politische Parteien genau das für sich. Viele, die sich in diesen Spähren bewegen oder bewegt haben, verfügen über eigene Erfahrungen, die von dieser Darstellung abweichen. Das wundert nicht, wissen wir doch alle, wie groß der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit zuweilen sein kann.

Um herauszufinden, in welchem Zustand sich Organisationen befinden, die für sich eine positive Kultur reklamieren oder auch nicht, sind diagnostische Instrumente erforderlich, die leicht und schnell zu handhaben sind. Ohne einer populistischen Version der Diagnose das Wort reden zu wollen sei dennoch vorgeschlagen, sich eine menschliche Verhaltensweise genauer anzusehen, die in allen sozialen Systemen von Relevanz ist und war. Es handelt sich um den sozialen Vergleich, d.h. die Reflexion der einzelnen Glieder einer Organisation über ihre eigene Stellung und Wertigkeit innerhalb der Organisation in Beziehung zu den anderen. Dass dieses geschieht, ist so sicher wie eine Bank. Wie dieses geschieht, das sagt mehr aus über die Kultur der Organisation als alles andere.

Wahrscheinlich müsste hier gar nichts mehr ausgeführt werden, weil alle Leserinnen und Leser bereits wissen, wovon die Rede ist. Je mehr Zeit, Energie und Emotion in einer Organisation aufgewendet wird, um den sozialen Vergleich anzustellen und je mehr darüber kommuniziert wird, umso weniger ist der eigentliche Zweck der Organisation noch im Fokus. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, wie groß die Aufwände sind, die in Unternehmen, Verbänden, Vereine und Parteien betrieben werden, um den sozialen Vergleich anzustellen. Zum Teil handelt es sich um schreckliche Kulturen, die sich durch das Ausmaß von Neid und Missgunst derartig diskreditieren, dass man ihre Zweckbestimmung gar nicht mehr ernst nehmen kann.

Existenzielles am Heiligen Abend 1957

Frederick Forsyth. The Shepherd

Zuweilen ist für einen Schriftsteller nichts hinderlicher als ein Welterfolg. Darunter haben viele von ihnen gelitten und immer wieder hat das Messen der Nachfolgewerke am großen Erfolg einen kontraproduktiven Effekt auf das weitere Schaffen gehabt. Entweder waren es regelrechte Blockaden oder, auch das nicht minder bedauernswert, es reduzierte den Drang, etwas Neues zu schaffen und prolongierte das Mühen um eine ähnlich erfolgreiche Kopie. Nun käme das etablierte literaturwissenschaftliche Kolleg nie auf die Idee, den gelernten Journalisten Frederick Forsyth zu den Schriftstellern von Rang zu zählen, aber näher hinschauen sollte man schon, denn auf seinen Spionage-Weltbestsellerthriller Der Schakal folgten auch kleinere Schriften, die durch eine hohe epische Qualität und Handlungen jenseits der die Welt bewegenden Geheimdiplomatie überzeugen.

Frederick Forsyth, geboren 1938 in Ashford, Kent, England, war, bevor er den Beruf des Journalisten erlernte, von 1956 bis 1958 Pilot bei der britischen Luftwaffe, der Royal Air Force. Mit 19 Jahren erhielt er sein Patent und war damit der jüngste Pilot. Danach arbeitete er als Reporter für die Nachrichtenagentur Reuters, für die er in England, Frankreich, Spanien, Belgien, der DDR, der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechoslowakei unterwegs war. Vor allem seine Berührung mit der internationalen Politik an den Nahtstellen des Ost-West-Konfliktes brachten ihm die Kenntnisse, die er in seinen späteren Romanen umsetzte. Mit Der Schakal landete er 1972 seinen größten Erfolg. Nur drei Jahre später erschien eine Art Weihnachtsgeschichte unter dem Titel The Shepherd, die auf seine Zeit als Pilot bei der Royal Air Force zurückgreift.

Die insgesamt auf 120 Seiten erfasste Erzählung hat als Handlungsrahmen den Flug eines britischen Piloten von einer Basis im deutschen Niedersachsen nach England. Es ist der Heilige Abend 1957, im Cockpit sitzt ein blutjunger Pilot, der feststellen muss, dass sämtliche elektronischen Instrumente nach Verlassen der Maschine des europäischen Festlandes ausfallen. Den weiteren Verlauf der Handlung kann und muss man den Leserinnen und Lesern empfehlen, auch wenn die Handlung gar nicht das ist, was den Text ausmacht. Vielmehr geht es um die Vermeidung sprachlicher Redundanz und den Einsatz einer suggestiven Metaphorik.

Was der vom Welterfolg ereilte Autor im Alter von 37 Jahren mit dieser Erzählung inszenierte, ist erwähnenswert, weil es einer Weigerung seiner Reduktion auf den Thriller-Intendanten gleichkommt. Mit einer sehr restringierten, aber zutreffenden Sprache, die sich terminologisch auf die Sphären von Technik, Geographie und Naturbeschreibung beschränkt, gelingt es Forsyth, in der Stille des Heiligen Abends einen non-verbalen Diskurs über das Verhältnis des Individuums zwischen Natur, Technik und seiner sozialen Systeme zu führen. Die Bilder, die Forsyth in diesem Kontext einsetzt, sind so stark, dass sie keiner weiteren Deutung bedürfen, um die Botschaft zu dechiffrieren. Wenn die sozialen Systeme sich auf den Zustand der Stille einigen und die Technik versagt, dann bleibt nur die Rückbesinnung auf die eigenen Fähigkeiten und die Aktivierung der Gattungsgeschichte, um das Überleben zu erreichen. Natürlich ist es gewagt, im Zeitalter der positivistischen Weltverklärung auf eine existenziell philosophische Haltung zu verweisen, die primordial ist zum Überleben.

Auch wenn Der Schakal, Cobra, The Afghan, Dogs of War, The Odessa File und wie die Erfolge alle heißen das Bild des Autors Frederick Forsyth geprägt haben mögen, mit der kleinen Erzählung The Shepherd hat er bewiesen, was er wirklich kann.