Archiv für den Monat Dezember 2013

Satter Blues aus dem Old Absinth House

Bryan Lee. Play One For Me

1943 in Two Rivers, Wisconsin geboren, verlor er bereits mit acht Jahren komplett sein Augenlicht. Dann griff er zur Gitarre und ließ sie nicht mehr los. Nachts lauschte er den Sendungen von WLAC-AM aus Nashville, die viele seiner Generation prägten. Dort hörte er zum ersten Mal Elmore James, Albert King und Albert Collins. Seine erste Band coverte Songs von Elvis Presley, Little Richard und Chuck Berry. Da war er noch Teenager. Und dann entdeckte er den Chicago Blues, dem er bis heute treu blieb. Mit seiner ersten Blues Band nahm er das Album Beauty Is not Always Visual auf, ein Hinweis auf sein eigenes Erleben. Und ab 1982 folgte etwas, was von der typischen Blueser Karriere des modernen Amerika abweicht, aber gerade das geformt hat, was ihn ausmacht. Er wechselte nach New Orleans und erhielt ab 1982 ein Engagement im Old Absinth House in der Bourbon Street, wo er in den folgenden 14 Jahren fünfmal in der Woche auftrat. Das prägt, das ist eine richtig harte Schule, jede Nacht die Wünsche von besoffenen Touristen zugerufen zu bekommen, sie und die wenigen Kenner bei Laune zu halten und gegen das Geklimper von Flaschen und Geschirr, das Geschrei der Überhitzten und das Anmachen der vom Gingrößenwahn Befallenen anzuspielen.

Bryan Lee hat das alles mit Bravour überstanden und die Musik, die er mit seinem neuen Album Play One For Me ist eine gelungene, wunderbare und herzliche Referenz an all die Jahre On-Stage, in denen der wahre Musiker seine Kunst entwickelt. Lee fährt alles auf, was ihm zur Verfügung steht und er beginnt mit einer Hommage an Aretha Franklin unter dem schlichten Titel Aretha, bei dem nicht nur seine siebenköpfige Band, sondern auch noch sieben Bläser und drei Streicher mitwirken. Satter geht es nicht und es hört sich nicht nur an wie eine Liebeserklärung an Aretha Franklin, sondern auch wie ein Treueschwur auf B.B. King, denn Bryan Lee greift die Riffs und akzentuiert die Gitarre wie die große Ikone des Blues. Die folgenden Songs sind das, was von einem im Blues Sozialisierten zu erwarten ist: Lebensweisheiten, die niemand widerlegen kann, Gefühle, die jedes enttäuschte Herz kennt und Erkenntnisse, die die Härte des Lebens unterstreichen. When Love Begins (Friendship Ends) oder You Was My Baby (But You Ain´t My Baby No More) unterstreichen das in nahezu zu deutlicher Form, aber da spricht wohl der Bühnenpädagoge aus dem Old Absinth House.

Das Phänomenale an der mit insgesamt zehn Titeln eingespielten CD ist die Atmosphäre, die sie herüber bringt, obwohl sie im Studio aufgenommen wurde. Bryan Lee und seinen Mitstreitern gelingt es, Idee wie Atmosphäre eines Blues House zu entfachen. Und das, was dort gelingt, spiegelt eben das pralle, durchsichtige, etwas oberflächliche Leben der Bourbon Street. Die eher besinnliche, selbst reflektive Version des Blues ist auf dieser CD nicht zu erwarten. Aber wer das satte, raue, und auch politisch renitente des Blues mag, der hat mit Bryan Lees Play One For Me einen guten Griff gemacht. Da fließt die berühmt berüchtigte gute Zeit und man kommt nicht in Versuchung, sich über das Morgen den Kopf zu zerbrechen.

Bob Dylans Klarheit der Sprache

Wer seinen Augen und vor allem Ohren traut, der war immer gut beraten, eine Stimme zu hören, die seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts das verschlafene, verklemmte, verbrämte und verklebte Bürgertum heftig aufschreckte. Das Märchen von der christlich bürgerlichen Ehe, natürlich einer weißen, von der abendländischen Kultur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wurde von diesem daher gelaufenen Immigranten, der mit einer schrottigen Westerngitarre daherkam, einfach geschreddert. Er schrieb und sang von den Verwerfungen des amerikanischen Lebens, von den Lügen und ihren Dekors und es gelang ihm wie keinem, in der Alltäglichkeit des rauen Daseins eine Poesie zu begründen, die atemberaubend war und ist.

Immer stand er gegen den Mainstream, er spielte Folk, als der Swing zur schalen Tanzmusik verkam, er rockte, als das Rebellenestablishment in den Folk zog und als dieses begann zu rocken, zog es ihn zu Stille und Innerlichkeit. Auf jedem seiner avantgardistischen Wege hinterließ er Musik, die auf allen Kontinenten Resonanz fand und er formulierte Texte, die zur großen Kunst des 20. Jahrhunderts zu zählen sind. Und wenn es je einen qualitativen Nachweis für die mögliche Fusion von Rebellentum und Ästhetik gegeben hat, dann ist sein Name an vornehmer Stelle zu nennen.

Nun, immer wieder existieren historische Phasen, die sich dadurch kennzeichnen, dass sie wie die Eiszeit über die Zivilisation herziehen und alles erstarren lassen, woraus eine attraktive Kultur ihr Leben zog. Das kann mal in der Form von glatt rasierten Schädeln und Uniformen geschehen und mal im verlotterten, vermeintlich demokratischen Gewande. Oder, und das ist die perfideste Form der zivilisatorischen Zerstörung, die schneidigen Barbaren bedienen sich der vermeintlichen Demokraten, um ein Marionettentheater aufzuführen. Ein Beispiel für diese Variante bietet, stellvertretend für andere westeuropäische Länder, das politisch korrekte Frankreich unter der Regierung Francois Hollandes.

Bob Dylan, die Ikone gegen Rassismus und Verlogenheit, wurde in Paris von einer kroatischen Vereinigung wegen Rassismus und Aufruf zu Hass angezeigt, weil er in einer Ausgabe des Rolling Stone im Jahr 2012 ein Interview gegeben hat. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Da es sich um eine monströse Interpretation handelt, hier die Sätze im Wortlaut, zitiert direkt aus dem Magazin Rolling Stone:

„Dieses Land ist einfach zu abgefuckt, was die Hautfarbe angeht. (…) Leute gehen sich gegenseitig an die Kehle, nur weil sie verschiedene Hautfarben haben. Es ist der Gipfel des Wahnsinns und wirft jede Nation – oder Nachbarschaft – zurück. Schwarze wissen, dass einige Weiße die Sklaverei nicht aufgeben wollten, dass, wenn es nach ihnen gegangen wäre, die Schwarzen immer noch unter ihrem Joch stünden. Sie können nicht so tun, als wüssten sie das nicht. Wenn du das Blut eines Sklaventreibers oder eines Klan-Mitglieds in deinen Venen hast, spüren diese Schwarzen das. Diese Sachen klingen bis heute nach. Genauso wie die Juden Naziblut ausmachen können, oder die Serben das Blut von Kroaten.“

Im Falle der Kroaten spielt Dylan auf das faschistische Ustascha-Regime während des II. Weltkrieges an, das sich schlimmer Pogrome an Juden, Serben, Sinti und Roma schuldig gemacht hatte. Die juristische Finte, mit der der Rat der Kroaten in Frankreich (CRICCF) Bob Dylan vor Gericht und zur Verurteilung bringen will und der Eifer, mit dem die französische Staatsanwaltschaft die Causa vorantreibt dokumentieren nur eines: Die Zeiten, dass Political Correctness eine Zeiterscheinung einiger verirrter Hardliner zu sein schien, sind längst vorbei. Im Herzen Europas konstituieren sich gegenwärtig Terrorregime gegen die freie Meinungsäußerung und sie suchen einen diktatorischen Code zu etablieren, der die Differenzierung zwischen Gut und Schlecht gar nicht mehr zulässt.

„No reason to get excited (…)
There are many here amoung us
Who feel that life is but a joke
But you and I, we´ve been through that
And this is not our fate
So let us not talk falsely now, the hour is getting late.”

Aus: Bob Dylan, All Along The Watchtower

Die Schöne und das Biest

Nun haben wir wieder eine Diskussion, die, fast schon stereotyp, das Unwesentliche in den Mittelpunkt stellt. Es geht um Emotion. Es geht nicht um den Inhalt des gesprochenen Wortes. Und genau das ist es, was den öffentlichen Diskurs in Germanistan so oft ausmacht. In einem Interview der vermeintlichen Nachrichtensendung Heute Journal nahm sich die Moderatorin Marietta Slomka den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel vor. Sie fragte nach der Mitgliederbefragung der SPD hinsichtlich der Ergebnisse der Verhandlungen zum Koalitionsvertrag und gab zu bedenken, ob die Verfassungsmäßigkeit einer solchen gegeben sei. Das wiederum brachte den SPD-Parteivorsitzenden in Rage. Zwar berief sich Frau Slomka auf einen Leipziger Verfassungsrechtler, aber auch Gelehrte sind nicht gefeit gegen Abwegigkeit. Frau Slomka steigerte sich jedoch in eine Position, die, einmal zu Ende gedacht, dahin führen müsste, dass vielleicht nur ein Volksentscheid über einen Koalitionsvertrag entscheiden könnte. Gabriel wiederum verwies auf die Breite der eigenen Mitgliederbefragung und die Enge auf Seiten der CDU und CSU, wo ein kleiner Konvent respektive eine Vorstandssitzung ausreichten, um Klarheit zu schaffen. Mal abgesehen davon, dass es wiederum auch als Führungsschwäche angesehen werden könnte, was die SPD dort treibt, bietet sie jedoch innerparteilich von den Beteiligten ihren Parteimitgliedern die größt mögliche Fläche an Demokratie. Frau Slomka verwies dennoch immer wieder auf die Verfassungsbedenken, beide ließen nicht nach, beide wurden biestiger und endlich forderte Gabriel, mit dem Quatsch aufzuhören.

Was die Rezeption dieses Disputs anbetrifft, so hat diese nahezu diagnostischen Charakter. Es geht nicht um die Inhalte, sondern um die Form. Gabriel gilt als der Aggressive, der um sich gebissen hat und die Journalistin Marietta Slomka avanciert zur Ikone des unbestechlichen, investigativen und unbequemen Journalismus. Dieser Eindruck wird unterstrichen durch eine SMS des CSU-Vorsitzenden Seehofer an den Intendanten des ZDF, in der er sich über das Verhalten der Moderatorin empörte. Nicht zu Unrecht wird das als eine Intervention der Politik in die Medienlandschaft gewertet. Die Empörung ist allerdings angesichts der Funktionsweise der öffentlich-rechtlichen Propagandamaschinen die pure Heuchelei.

Gerade Journalistinnen a la Slomka, die akkurat nach der Beauftragung durch ihren Arbeitgeber vorgehen, haben aus dem, was man kritischen, investigativen Journalismus nennt, eine Mainstreamsuppe gemacht, die exklusiv an das Bauchgefühl appelliert und den Gebrauch des Verstandes als ein penetrantes Störsignal betrachtet. In wie vielen Sendungen hat Frau Slomka bereits ein aberwitziges, vielleicht in verdauungsphilosophischen Sekten akzeptables Sortiment an Fragen vor die verdutzten Akteure geworfen und diese damit an den Rand der Contenance getrieben! Eskortiert werden diese wundersamen Standpunkte jeweils mit einer stimmlichen Intonation, die an das Gewusel in einem Kinderhort erinnert und einem Gesichtsausdruck, der sich mal auf das Antlitz des Bösen und mal auf die Inkarnation des Liebesentzugs fokussiert.

Mit kritischem Journalismus hat das alles nichts zu tun und der Versuch seitens des ZDF, das eskalierte Interview als eine Nagelprobe auf den solchen zu deklarieren, dokumentiert in beeindruckender Weise, wie sehr das Ziel der Täuschung und Manipulation im Denken der dortigen Akteure bereits verankert ist. Auch wenn es schwer zu ertragen ist: Wir leben in einer konstitutionellen Demokratie, in der die Verfassungsorgane sehr genau beschrieben sind. Und es existiert eine Bewegung, die dabei ist, die politische Legitimation der Verfassungsorgane zu unterminieren, in dem sie das Votum jeder dahergelaufenen Mischpoke über das von demokratischen Wahlen stellt. Die heilige Johanna des kritischen Journalismus gehört zu denen, die immer in dieses Horn blasen. Und kaum versucht sie es mal anders herum, entsteht ein Wirbelsturm der Irritation.