Archiv für den Monat September 2013

Narzisstische Verblendung

Auch wenn es zu den Ritualen eine Demokratie gehört, sollten Wahlkämpfe nicht einfach als irrelevant abgetan werden. Zum einen haben sie zuweilen Unterhaltungswert, auch wenn die meisten Wählerinnen und Wähler wissen, dass es sich um eine Inszenierung handelt, deren Verfallsdatum mit dem Wahltag feststeht. Vielleicht erfährt man auch Dinge, die einfach wissenswert sind, zum anderen entlarven sich die konkurrierenden Parteien so manches Mal, indem sie den Mitbewerbern das System ankreiden, zu dem sie selbst gehören. Das ist zumindest amüsant.

 Was allerdings dem Volke bleibt, ist die Möglichkeit, den Geistes- und Gemütszustand derer, die sich um ein Amt und die Macht bemühen, zu diagnostizieren. Denn aus jeder Wortmeldung sprechen ein Geist und eine Haltung, und wenn es sich um puren Opportunismus gegenüber dem Zeitgeist handelt. Manchmal ist es auch eine Mischung aus allem, Statement, Appell und Schönwetter. Analytisch sind sie alle interessant und jeder Spot, der im Fernsehen ausgestrahlt wird, ist es wert, auf seine offenen und versteckten Botschaften durchleuchtet zu werden.

 Der wohl bis dato denkwürdigste und meisterhafteste Beitrag in diesem Wahlherbst stammt allerdings von der CSU. Jenseits aller Wahlkampfklischees werden hier Botschaften übermittelt, die konzentrierter und streitbarer nicht sein könnten. Da sitzt ein laut vor sich hin räsonierender Horst Seehofer im Oberhemd in einer bayrischen Küche. Vor der obligatorischen Holzwand. Es sieht so aus, als sei es während einer frugalen Brotzeit, auf dem Tisch steht ein Glas Wasser, ein bereits leicht bräunlich schimmernder geschnittener Apfel, ein Salzstreuer und ein Kanten Brot. Die dann eingespielte Mimik, in der sich der Räsonierende immer wieder im Bilde von Rodins Denker ans Kinn fasst, verdeutlicht, dass es sich um das karge Mal des Philosophen handelt. Es soll wirken wie der einsame Monolog des abwägenden, aber sich seiner Sache sicher seienden strategischen Denkers, der die Geheimnisse des Daseins kennt und den Erfolg nur deshalb so seriell einfährt, weil er sich selbst genug ist und die Dialektik des Gewinnens als Erkenntnis mild belächelt. In einem Satz wie „der Erfolg von heute ist der Feind der Zukunft“ wird das deutlich. Und dass Bayern als Referenzstück für erfolgreiches Agieren verstanden werden will, versteht sich dann bereits von selbst.

 Trotz der Professionalität in Aufbau, Wortwahl, Bild und Metaphorik unterliegt auch dieser Beitrag dem Schicksal aller seiner Konkurrenten: Die Betrachter neigen nun einmal dazu, die erzeugte Illusion mit ihrer realen Welt abzugleichen. Diese sieht individuell sehr unterschiedlich aus und es ist bekannt, dass in Bayern auch überproportional viele wirtschaftlich Erfolgreiche wohnen. Aber es gibt auch die Kehrseite, diejenigen, die aus den Metropolen ziehen müssen, wenn sie ihre Jobs verlieren, weil sie die astronomischen Mieten nicht bezahlen können oder einfach nur diejenigen, die in Neuperlach darauf warten, dass das Fass in die Luft fliegt. Und auf der Referenzliste dieser Regierung stehen nicht nur erschütternde Justizskandale, sondern auch das Milliardengrab einer gigantomanisch von Dilettanten betriebenen Alpenbank. Diverse, fragwürdige und verschleierte Polizeieinsätze, Korruptionsvorwürfe, die erst gar nicht untersucht wurden und Steuervergehen, die schon wenige Tage nach der Wahl zu den Akten gelegt werden, sind auf dieser Liste ebenso zu finden.

 Und vieles spricht dafür, dass es einen Archetypus unter den Protagonisten dieses Musterlandes gibt, der so gekonnt in dem Spot der CSU inszeniert wurde. Es ist der der narzisstischen Verblendung.

Der Mann im Parka

Er bot der Strömung die Stirn. Immer. Schon in den siebziger Jahren, als viele noch mit einem Parka bekleidet waren. Er trug den zwar auch, aber er blieb dabei. Als die Rebellen sich ihre Formen suchten, fand er seine eigene. Ihm war es fremd, sich einem Dogma zu unterwerfen. Als alle noch dachten, Computer seien Teufelszeug, setzte er, der Soziologe, sich damit auseinander und wurde ein Fachmann. Gefragt von den eigentlichen Profis, wenn die nicht mehr weiter wussten. Er kam dann und löste ihre Probleme. Für sehr viel Geld. Als diese seine Fähigkeiten erkannten und ihn zu kaufen suchten, zeigte er ihnen den Mittelfinger. Er spazierte in den Etagen ein und aus, in denen man maßgeschneiderte Anzüge trug und in handgemachten Schuhen über dicke Teppiche schritt, aber er hatte keine Lust, dort zu verweilen. Mit dem Geld fuhr er in die Welt, aß und trank gut, aber lebte ansonsten einfach. Kein Kontinent, den er nicht wie ein Penner betrat und als geschätzter Gesprächspartner wieder verließ.

Zu Silvester, wenn die Feste gefeiert wurden, pflegte er in die Sahara zu gehen, weil dort die Skyline so prachtvoll sei und er sich Inspirationen holen konnte. In Japan saß er in den Fresstempeln der Sumo Ringer und diskutierte mit ihnen über die Mitte. In Chile kochte er mit den Müttern derer, die nach dem Putsch gegen Allende in den Fußballstadien zu Tode gefoltert wurden. In den USA kannten sie ihn auf jeder Greyhound Station und in den Diners, die sonst nur die Trucker unter sich und vorgehaltener Hand empfahlen. Er tauchte in China auf und hielt vor tausenden wissbegierigen Studenten in einem Fußballstadion einen Vortrag über empirische Sozialwissenschaften. Er verschiffte Jeeps nach Afrika und Taxis in den Libanon. Er reiste nach Kurdistan, als viele noch gar nicht wussten, dass es dieses Volk überhaupt gab. Als Khomeini noch in Paris weilte, pilgerte er nach Teheran und in die persische Wüste. Und natürlich fuhr er mit dem Zug die komplette transsibirische Eisenbahn. Wenn er zurück war, in Deutschland, dann kaufte er sich Festivalpässe. Für den Film, für Jazz und elektronische Musik. Dann war er komplett absorbiert. Der Mann mit dem Parka kannte alles aus diesen Genres. Was es ihm antat, das war immer das Innovative, die Avantgarde, das Unregelmäßige und Rebellische. Er sprach schon von der Verbürgerlichung des Jazz, dem er eine ähnlich verhängnisvolle Entwicklung prognostizierte wie der Oper, als dort die Großen alle noch in der Blüte standen.

Seine Sprache war ein breiter pfälzischer Dialekt, den er nie ablegte. Sein Englisch war perfekt, nur mit dieser unverkennbaren pfälzischen Intonation. Zwischendurch, wenn er nicht wieder etwas erkunden wollte oder einen dieser kniffligen Jobs machte, von dem das technische Gelingen einer Bundestagswahl oder die Logistik eines Weltkonzerns abhing, räsonierte er über die Zeit, wenn er einmal alt wäre. Mal plante er sein Alter in Japan, natürlich wegen der Spiritualität seiner Bewohner, mal in der Schweiz, wegen der grandiosen Landschaft. Ab und zu wollte er auch zurück in die Pfalz. Jeder, der ihn kannte, verlor ihn immer wieder mal für ein oder mehrere Jahre aus den Augen. Aber wenn er wieder auftauchte, auch im 21. Jahrhundert immer noch im Parka und mit zerschlissenen Jeans, dann griff er in die zeitgenössischen Debatten mit einer Kraft und Präsenz ein, die ungemein inspirierte.

Allmählich jedoch verschwand er aus den Städten, nur wenige wussten, dass er zurück in das Dorf gegangen war, woher er kam. Und obwohl er erkrankte und die Ärzte ihm geraten hatten, seine Lebensweise umzustellen, ging er seinen alten Gewohnheiten nach, aß zu üppig und liebte den Wein. Die letzten, die ihn sahen, sprachen davon, dass er innerhalb weniger Monate ein alter Mann geworden sei. Grau sei er geworden und am Stock sei er gegangen. Den letzten, zu denen er Kontakt gehabt hatte, erzählte er, er ginge demnächst ins Krankenhaus, um sich behandeln zu lassen. Kürzlich wurde er gefunden. Tot in einem leeren Haus. Sein letzter Wille stand auf einem Blatt geschrieben, bitte keine Todesanzeige, keine Zeremonie, nur verbrannt wollte er werden. Diejenigen, die sich von ihm verabschiedeten, spielten schweigend einige Free-Jazz-Platten ab, die neben seinem Leichnam gelegen hatten. Der Mann im Parka wurde 63 Jahre alt.