Archiv für den Monat August 2013

Detroit reloaded?

Das einstige Symbol für Boom und Prosperität ist in diesen Tagen endgültig zu einem konträren Bild mutiert: Detroit, der Stadt des amerikanischen Kapitalismus, der Sonne der Mobilitätsindustrie schlechthin, wurden förmlich die Lichter ausgeschossen. John Lee Hooker, der selbst einige Jahre seines Lebens an Detroits Produktionsbändern gestanden hatte, ahnte es vielleicht, als er dort sein Boom Boom Boom Boom einspielte. Für europäische und vor allem deutsche Städte undenkbar, im Land der losen Sicherheitsnetze aber gar nicht so abwegig, erklärte die Stadtverwaltung Detroits in der letzten Woche die Insolvenz.

Die Geschichte des Niedergangs ist in diesen Tagen überall nachzulesen. Hatte die Stadt in den fünfziger Jahren noch 1,8 Millionen Einwohner, so sind es heute noch gerade einmal 700.000. Mit der Krise der Automobilindustrie fing der Abstieg an, die architektonische wie ausgabenbezogene Megalomanie kam recht abrupt zum Ende, die Arbeitsplätze zerbarsten wie die Luftblasen, die Kreativen zogen ab, dann der weiße Mittelstand. Es wurde leer, die Immobilien verfielen und deren Preise gingen in den Keller. Der durchschnittliche Preis für ein Einfamilienhaus beträgt momentan 10.000 Dollar. Heute sind 80 Prozent der Bewohner Afro-Amerikaner, die durch Straßen flanieren, die das Diktum aktivieren, die Erde sei unbewohnbar wie der Mond.

Und obwohl das Deskriptive an vieles erinnert, was man vorher aus den Kohlegebieten um Pittsburgh gelesen hatte und auch so mancher Erfahrung aus Englands Black Country oder dem deutschen Ruhrgebiert ähnelt, ist die Feststellung der Insolvenz der Kommune noch einmal eine andere Sache. Eine Stadt, die es sich nicht einmal mehr leisten kann, die Batterien der Parkuhren zu wechseln und, schlimmer noch, die basalen Gesundheitsinstitutionen zu finanzieren, die braucht Hilfe, oder sie geht unter.

Die USA wären nicht die USA und der Kapitalismus wäre nicht der Kapitalismus, wenn es nicht eine Kraft gäbe, die sich über Ideologien hinwegsetzte und in rasendem Tempo Energien freisetzte, die Neues in sich bergen. Schon wird die Finanzierung der Gesundheitsversorgung durch ein Regierungsprogramm diskutiert und vorbereitet und schon hat eine Gentrifizierung eingesetzt, die alles, was es bisher gab, in den Schatten stellen könnte. Aufgrund der unglaublich niedrigen Preise und der ungeheuren Leerstände geht der Teil der kreativen Klasse nach Detroit, der selbst noch weit von der Verbürgerlichung entfernt ist und somit die produktiven Energien in sich birgt, um Revolutionäres gestalten zu können. Innerhalb der USA spricht man bereits von einem neuen Portland oder Brooklyn und vieles deutet darauf hin, dass es eher zu einer Rekonvaleszenz als zu einem Untergang kommt.

Natürlich kann man angesichts der desaströsen Situation in einer Stadt wie Detroit über die Destruktionspotenziale des Kapitalismus räsonieren. Und natürlich gibt es sie. Was beeindruckt, ist der Pragmatismus, mit dem der Innovation der Weg bereitet wird. Während das europäische Paradigma immer daraufhin deutet, als Prämisse für etwas Neues einen institutionellen Rahmen schaffen zu müssen, resultiert die amerikanische Innovationsgeschwindigkeit immer aus dem Spielraum, den individuelle Initiativen dort erhalten. Es spricht vieles dafür, dass aus dem typisch amerikanischen Desaster, wie es in Europa wieder einmal interpretiert wird, ein inspiratives Set für neue Denkansätze wird. Wie vormals in Pittsburgh, wie in San Antonio oder in Boston. Genaues Hinschauen und Lernen wäre ratsamer als die wiederholte, schale Entrüstung.

Massenpsychologie

Wilhelm Reich, der Verfolgte und später in seinem Exil Belächelte war es, der sich dezidiert der Fragestellung widmete, welche psychischen Wirkungsformen es waren, die dem Faschismus eine Massenbasis gaben. In seinem Buch Die Massenpychologie des Faschismus ging er methodisch und pedantisch vor: Er ließ nichts aus, was nicht betrachtenswert gewesen wäre. Von der militärischen Hierarchie und ihren Ritualen bis zu den Uniformen, vom Marschrhythmus bis zu den Marschformationen betrachtete er die Inszenierung eines totalitären Systems als psychologisch wirksamen Gesamtkunstwerk, das von seiner Wirkung her den Sexus wie den Todestrieb mobilisierte. Wilhelm Reich wurde bekanntermaßen in seinem amerikanischen Exil zu einem gefährlichen Sonderling. Dennoch hat er der Nachwelt manch wichtiges Werk zurück gelassen, das bis heute lesenswert ist. Die Massenpsychologie des Faschismus steht in verstaubten Regalen.

Obwohl die westliche Welt nach dem II. Weltkrieg vor allem über die USA und dem dortigen Einfluss der Psychoanalyse einer umfassenden Psychologisierung ihrer Deutungssysteme unterlag, ist eine Aktualisierung der Psychologie der gängigen Formen von Herrschaft ausgeblieben. Das mag zum einen daran liegen, dass die verschiedenen Ausprägungen der Demokratie, die sich über den Westen legen, nichts mit einem totalitären System gemein haben. Zum anderen ist die Kritik an den gegenwärtigen Daseinsformen von Herrschaft nach Auflösung der bipolaren Weltaufteilung 1990 nahezu verstummt.

In diesem Kontext ist es interessant, dass die gesamte Organisationsberatung nahezu flächendeckend auf therapeutische Ansätze zurückgreift, die allesamt aus der Begutachtung des Individuums stammen und Massenphänomene ignorieren. Bei näherer Betrachtung unserer Deutungsmuster fällt auf, dass weder in der Arbeitswelt noch im politischen Orkus umfassende Studien oder auch nur kritische Extrakte bekannt sind, die sich mit der Psychologie der Masse beschäftigen. Das ist bemerkenswert, weil es große Aufschlüsse über die Wirkungsweise von Arbeit und Politik geben könnte. Der Grund liegt wahrscheinlich in dem Trugschluss, dass die Masse als solches nur in totalitären Regimes eine Rolle spielt.

Betrachtet man die Veranstaltungen in unserem Alltag, in der Masse wirkt, dann wird deutlich, wie wichtig eine derartige Betrachtung ist. Ob in Fußballstadien, auf Volksfesten oder im virtuellen Raum des Internets, das Auftreten der Masse hat nirgendwo die Aura einer aufklärerischen und kritischen Instanz. Die Wirkungsweise ist zumeist eine eher raue, rohe, zumeist arm an Sinn und unreflektiert. Auch die viel beschworene Sphäre des Internets ist alles andere als kritisch und emanzipatorisch. Bei Ansicht bestimmter Foren politischen Inhalts wäre wahrscheinlich selbst ein Wilhelm Reich davon überzeugt, als herrschten noch die Rutenträger.

Und natürlich existieren im Verborgenen haargenaue Studien über psychologische Wirkungen auf die Masse. Nur sind diese nicht Gegenstand eines öffentlichen Diskurses. Sowohl bei der Werbung als auch bei der Vermittlung politischer Botschaften geht es nie ohne psychologische Consultants. Das Heer der Berater war wohl nie größer als heute. Umso mehr ist es erforderlich, die Rezeptionsmechanismen der Masse zu analysieren. Die Frage, die sich mit dieser Notwendigkeit verbindet ist die nach dem kritischen Potenzial in der psychologischen Wissenschaft. Manchmal scheint es, als sei dieses von der Consultingblase absorbiert und die „Spannung“, die mit jedem Honorarauftrag erzeugt wird genügt, um jede Form der Kritik zu verhindern. Das gilt natürlich auch für andere Wissenschaften. Da passt das Wort eines früheren Lehrers, der die Rolle der Germanisten im Dritten Reich folgendermaßen beschrieb: Sie haben mit den Wölfen geheult, um als Hunde zu überleben!

Die profane Geburt einer Weltmacht

Gore Vidal, Washington D.C.

Literatur, die sich daran wagt, einer bestimmten Epoche ihre Signatur zu verleihen, lebt immer gefährlich. Denn nichts ist vergänglicher als der Geist ihrer Epoche und nichts unterliegt dem gleichen Wandel wie der Geist, in dem sie interpretiert wird. Wagt sich ein Romancier gar an die Verarbeitung ganzer Jahrhunderte, dann unterliegt er in der Regel einem extremen Sendungsbewusstsein oder er ist einfach ein Spieler und Enfant terrible, das die Vergänglichkeit nicht fürchtet. Umso dankbarer muss die Nachwelt sein, wenn es derartige Charaktere gibt. Denn die mit dem Sendungsbewusstsein sind zumeist Produzenten schlechter Literatur. Nur die mit der Spielermentalität haben das Potenzial, sich nicht um die Wirkung auf die Nachwelt zu scheren und vermitteln eine Authentizität, die in der Lage ist, zu berauschen.

Der 1925 in West Point geborene Gore Vidal hat durch sein gesamtes Schaffen wie seine Biographie bewiesen, wie gleichgültig ihm das Denken der Nachwelt sein wird. Mit unverhohlener Schadenfreude hat er sich der Entzauberung der amerikanischen Welt verschrieben, ohne in die billigen Sphären der Trivialität abgeglitten zu sein. Mit seinen Narratives Of Empire ist er der epische Chronist der Vereinigten Staaten von Amerika geworden. Mi insgesamt sieben Romanen hat er die Geschichte der USA von ihren Gründungsmythen bis zur Dominanz der Weltmacht in Folge des ii. Weltkrieges beschrieben und dabei nicht nur entzaubert, sondern auch erklärt und mit klandestiner Empathie humanisiert.

Der vorliegende Roman, Washington D.C., zwischen 1962 und 1966 geschrieben und 1967 zum ersten Mal veröffentlicht, ist der vorletzte Band der Narratives Of Empire und bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 1937 und die frühen fünfziger Jahre. Beschrieben wird die Hauptstadt der USA, die mehr einem Relikt der beschaulichen und provinziellen Südstaaten-Grandezza ähnelt als einer Metropole. Die politischen Figuren sind von Machthunger und Ehrgeiz getrieben und ihre Vorgehensweise, vor allem in der Konkurrenz zueinander, ähnelt einem Schachspiel mit unerlaubten Mitteln. Zwar spielen die tatsächlich historischen Figuren wie die Präsidenten Roosevelt und später Truman eine Rolle und auch an den konkreten historischen Ereignissen wie dem Desaster von Pearl Harbour, der Bombardierung deutscher Großstädte und dem Korea Krieg mangelt es nicht. Aber die Handlung, die sich hinter der historischen Faktizität vollzieht, die aber die Entscheidungsprozesse beeinflusst, die das machen, was Geschichte genannt wird, diese Handlung ist eher banal und provinziell.

Gore Vidal gelingt es, gleich einem bürgerlichen Bildungsroman ein Arrangement von Figuren zu entwerfen, die das Spiel der menschlichen Gesellschaft in ihrer Individualität, mit allen Stärken, Fehlern und Brüchen glaubhaft und verständlich machen. Vom Vollblutpolitiker bis zum Medienzar, von der reichen Tochter, die an Wohlstandsverwahrlosung leidet bis zum homosexuellen Journalisten, vom loyalen schwarzen Chauffeur bis zum Kriegsversehrten, der zum Kommunisten mutierte, von den Damen der Partygesellschaft bis zu korrupten Unternehmern sind alle Elemente versammelt, die den Gärungsprozess von Politik ausmachen.

Die Handlungsstränge, die Vidal in der Erzählung gekonnt miteinander verknüpft erzeugen den Wunsch, von diesen Geschichten nicht mehr loszulassen und vermitteln die Erkenntnis, dass die große Geschichte ohne diese nichtigen kleinen nicht gedacht werden kann. Umso erschreckender ist es zu erkennen, dass sich hinter dieser menschlichen Tragödie, die sich hinter allen Geschichten verbirgt das Scheitern aller die einzige Gemeinsamkeit der Protagonisten zu sein scheint. Und das vor dem Hintergrund, dass die USA genau zu dieser Zeit und von dieser Stadt Washington aus zu der bedeutenden Weltmacht des XX. Jahrhunderts wurde. einer der Protagonisten bringt es auf den Punkt: Aus dem Blickwinkel der Oberschicht ist Politik nichts anderes als Improvisation von Individuen, während man unten glaube, Politik folge elaborierten Konzepten. Das ist große Literatur!