Archiv für den Monat März 2013

Le jour de gloire est arrivé?

Mein Gott, hat sich die Welt verändert! Meistens denken wir dabei an die Technik, die Zeiten, als es noch keinen Anrufbeantworter, keine CD-Player, keine Holographie, keine Einheitliche Feldtheorie und keine virtuelle Realität gab. Zu der Realität, die wir vorfanden, gehörten Frauen, die Panik bekamen, wenn samstags der Fernseher kaputt war und der Mann nicht Sportschau gucken konnte und die montags, auch bei wolkigem Himmel, zum Einkaufen erschienen und dabei Sonnenbrillen trugen, weil sie Opfer ehelicher Gewalt geworden waren. Bankkonten durften sie später erst selbst eröffnen genauso wie sich entscheiden, ob sie arbeiten gingen oder nicht. Und als die erste Ministerin im Kabinett Adenauer erschien, redete er die Riege mit „meine Herren“ an. Auf den Protest der Ministerin, sie sei eine Dame, schrie dieser ziemlich echauffiert: „Hier sind Sie immer noch ein Herr!“

Seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich vieles getan und es geschah nicht von selbst. Frauen standen auf, um sich Rechte zu erkämpfen und Männer machten mit. Alles, was heute als die Errungenschaften der Frauenbewegungen gepriesen wird, wäre undenkbar ohne eine Generation von Männern, die mitmachten bei der Neudefinition der Rollen. Heute, rückblickend, wurden heftige und ebenso naive Diskussionen geführt. Bücher mit Titeln, die die heute Jungen eher befremdlich fänden, erhitzten die Gemüter, von der Funktion des Orgasmus in der spätkapitalistischen Gesellschaft, über Bornemanns Patriarchat bis zu Wesels Mythos vom Matriarchat. Der sexuellen Befreiung folgte so manche Prüderie und neben dem allmählichen Wandel der realen Lebenswelten hielten sich die Hard-Core-Ideologinnen, die dem eigenen Geschlecht nicht halfen, sondern einen Mühlstein nach dem anderen um den Hals hängten.

Heute, gut vierzig Jahre später, sind die verschiedenen Konturen immer noch sichtbar und vieles ist noch nicht erreicht. Vom Zeitgeist ist das Maskuline in der Defensive, was angesichts der anthropologischen Axiome verkraftbar, gesellschaftlich gesehen nicht glücklich ist. Aber das sind Petitessen angesichts der grandiosen Erfolge, trotz der Widerstände des Machismo und trotz der Inquisitorinnen im eigenen Lager. Erfrischend die Erkenntnis, das Dogmatismus und Inquisitorenlogik geschlechterunabhängig jeder Bewegung schaden und das Leichengift eines jeden Emanzipationsgedankens darstellen.

Vielleicht gehört auch zur Normalität, dass die Überhöhungen ein Ende finden. Deutschland wird an entscheidenden Stellen von Frauen dominiert, Angela Merkel, Liz Mohn und Hilde Springer mögen dafür stehen. Macht, ansonsten ein eindeutiges Signum für Erotik, scheint angesichts derartiger Konstellationen zuweilen das Gegenteil zu bewirken. Es ist gut, dass derartige Illusionen geplatzt sind, Frauen die sich mit der Macht einlassen, handeln so, wie Mächtige das immer getan haben, sonst wären sie nicht da, wo sie sind.

Lauscht man Dialogen der Jungen, dann erscheinen die jungen Frauen oft so wie vor vierzig Jahren die Männer, und bei den jungen Männern ist es nicht selten umgekehrt. Die Dominanz liegt bei den Frauen, und die Männer, sozialisiert in einer Welt, in der vieles im Fluss war, erscheinen oft als Vertreter der moderaten Belanglosigkeit. Da braucht man weder Dreispitz noch Messingfernrohr, um einen erneuten Wandel vorauszuahnen. Und das gehört vielleicht zu den Lehren eines halben Jahrhunderts der Rollenreflexion: Der Schlüssel für die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern liegt nicht in der Dominanz, sondern in der Autonomie beider. Diese Erkenntnis ist radikal und wird noch vieles revolutionieren. Vieles ist geschehen. Noch mehr muss verändert werden.

Symbolpolitik

Sie wird zunehmend zum Massenphänomen des Westens. Ob in der Bundesrepublik, in Frankreich oder Großbritannien, und zunehmend leider auch in den USA: Die Entmachtung der Parlamente und politischen Parteien hat ein Vakuum an tatsächlicher Gestaltungsmöglichkeit geschaffen. Die Beeinflussung der Geschehnisse, die das Wesen einer demokratischen Öffentlichkeit betreffen, ist so gut wie dahin. Politik als Arm der wählenden Bevölkerung vermag es nicht mehr, durch Gesetze und Verordnungen das Verhalten der verschiedenen sozialen Klassen und Subkulturen zu regeln. Längst operieren Unternehmen in globalem Maßstab und suchen sich für die verschiedenen Segmente ihres Wirtschaftens überall dort Niederlassungen, wo die Bedingungen für sie am günstigsten sind. Und längt ist das Monopol auf Hochqualifikation, Disziplin und Leistungsbereitschaft bei den Arbeitnehmerschaften des Westens nicht mehr weltmarktführend. Und längst gehen, um im Arbeitnehmerlager zu bleiben, Spezialisten und Hochleistungsträger in die Regionen der Welt, wo sie sich am besten entfalten können.

Zurück bleiben Länder mit relativ festen Strukturen und einer zunehmend reduzierten Reformfähigkeit. Die große Attraktion, sich für eine politische Partei zu entscheiden bestand jedoch immer darin, ihnen die Fähigkeit zuzugestehen, die wesentlichen Prozesse, die zur Gestaltung des gesellschaftlichen Daseins beitragen, gestalten zu können. Aber was, wenn die meisten Protagonisten, die man früher auf dem nationalen Territorium zum Gestaltungsduell stellen konnte, nur noch dann erscheinen, wenn sie es wollen? Und was, wenn die Strukturen, deren Veränderung einer Verbesserung vorauszugehen haben, nicht mehr durchführbar sind, weil Partikularinteressen so gut organisiert sind, dass sie jeden guten Einfall an ihren Lobbys zerbröseln lassen?

Auf der Suche nach einer emotionalen Mobilisierbarkeit ist die Politik in den meisten Ländern schnell fündig geworden. Statt tatsächlicher Gestaltung der Lebensverhältnisse fand man emotional beladene Einzelfälle. An ihnen werden die gegenwärtig sehr hoch gehandelten moralischen Ansprüche abgearbeitet. Eine lebenspraktische Relevanz haben sie nicht. Dabei erfahren die Parlamente eine sehr große Unterstützung durch die medialen Talkshows, die den politischen Einzelfall durchdeklinieren bis zum Erbrechen, um auszutarieren, wohin der Mainstream in Sachen Moralität tendiert. Je unbedeutender die Fälle für das Gemeinwesen in seiner Gesamtheit, desto hochgeladener kommen sie daher. Ob Adoptionsrecht oder fiskalischer Status von Homosexuellen, ob Beschneidungsurteil, ob rechtmäßige oder unrechtmäßige Doktortitel und selbst bei Projekten wie Stuttgart 21, niemals handelt es sich um Kontroversen, die eine derartige Überhitzung rechtfertigten, weil meistens Minderheiten und Teilregionen direkt davon betroffen sind und ein gesellschaftlicher Konsens und eine handlungsfähige Politik diese Fragen ohne großes Aufheben lösen könnten. Die wahrhaft großen Brocken, mit denen sich Gesellschaften auseinandersetzen, die noch eine Rolle in der Zukunft zu spielen gedenken, bleiben außen vor. Weder wird über die Zukunft der Arbeit, noch über Beiträge von Bürgern an das Gemeinwesen – bis auf die klassische Steuererhöhung versteht sich -, noch über die Zukunft unqualifizierter Arbeit, noch über eine zielgerichtete wie ökologisch und ökonomisch vertretbare Energieversorgung, noch über zivile Konfliktbewältigung oder die Rechte des Individuums und seine Verpflichtungen gegenüber dem Gemeinwesen gesprochen.

Je machtloser Politik geworden ist, desto geladener die Symbolpolitik, desto belangloser die Debatten, desto größer die Sehnsucht nach Bewahrung der Strukturen. Denn wer ahnt, dass er nicht mehr gestalten kann, will zumindest am Bewährten festhalten, solange es geht. Die Besitzstandskämpfe der Gegenwart sind ein Offenbarungseid gegenüber der Gestaltung und die Emphase, mit der die moralische Entrüstung vor allem aus dem Lager der politisch Korrekten vorgetragen wird, gleicht schon lange dem sinnfreien Gestammel derer, die der Verstand schon längst verlassen hat.

21. Century Blues

Jimi Hendrix. People, Hell and Angels

Nein, es ist immer noch etwas Besonderes, wenn Aufnahmen von Jimi Hendrix erscheinen! Jetzt, quasi zum 70. Geburtstag, vierzig Jahre nach seinem Tod, hat die Erbengemeinschaft wieder einmal Material frei gegeben und unter dem Titel People, Hell and Angels auf den Markt gebracht. Es handelt sich um Aufnahmen, die in wechselnder Bandkonstellation in verschiedenen Studios eingespielt wurden und seitdem ein Konservendasein fristeten. Alle, die durch die Musik Jimi Hendrix´ zu seinen Lebzeiten wachgerüttelt wurden und eine neue Welt entdeckten und seitdem für diesen Musiker und seine Musik schwärmen, sollten sich folgendes vor Augen führen: Bei People, Hell and Angels handelt es sich nicht um eines von Hendrix selbst autorisiertes Album, was zu seinen Lebzeiten eine große Bedeutung hatte. Damals war die Zeit der Konzeptalben, was Are You Experienced, Electric Ladyland und Axis. Bold As Love wie kaum andere Alben deutlich machten. Bei People, Hell and Angels sprechen wir von einzelnen Stücken, die in unterschiedlichen Studios zu unterschiedlichen Zeitpunkten aufgenommen wurden und die bis heute nichts verband.

Besonders bei der Begutachtung unveröffentlichten Materials wird immer versucht, Prognosen darüber anzustellen, in welche Richtung sich der Ausnahmemusiker wohl entwickelt haben mochte. Bei dem vorliegenden Album ist es eher hinderlich. Die 12 veröffentlichten Stücke zeigen vor allem zwei Seiten des Musikers. In Earth Blues, Somewhere und dem von ihm übrigens hinreichend bekannten (nicht in dieser Version) Hear My Train Coming, Bleeding Heart ist der Electric Blues zu hören, für den Hendrix neben seinen rockigen Superhits nach vielen Jahren der Ausblendung ebenso geschätzt war. In diesen Stücken wird die Tradition deutlich, der er entstammte und die den Namen Chicago als Markenzeichen in sich trägt wie keine andere, auch wenn der Mann aus Seattle sich fast nie dort aufhielt.

Let Me Move You sollte auf keinen Fall als Experiment missverstanden werden. Dabei handelt es sich um eine Aufnahme, die mehr an Hendrix´ Lehrzeit auf dem Chitlin`Circuit in Bands wie der Solomon Burkes erinnert als alles andere, Rhythm & Blues mit Bläsern, gespielt in den überhitzten Joints der Südstaaten. Easy Blues, Crash Landing und Inside Out sind ebenfalls Einspielungen, die von ihrer Qualität über alles erhaben, aber auch nicht als Innovationen des großen Innovators missdeutet werden dürfen. Die beiden folgenden Tunes, Hey Gypsy Boy und vor allem Mojo Man heben sich deutlich von den bekannten Bluesqualitäten ab, es sind Wegweiser in eine neue Zeit des Blues. Selbst wenn man das Wissen um die Geschichte ausblendete würde vor allem Mojo Man, mit Bläsern und von Sänger Albert Allen perfekt inszeniert wie spätere Soulnummern, quasi eine Flaschenpost an James Brown, heute mächtig für Furore sorgen.

People, Hell and Angels ist eine Kollektion bisher unveröffentlichten Materials, das vor allem den Blueser Jimi Hendrix zum Vorschein kommen lässt. Dass er auch das war, war ebenso bekannt wie seine Wurzeln im Electric Blues und seine Bühnenlehrzeit beim Rhythm & Blues. Dass er auch in diesem Genre in der Lage war, alles auf den Kopf zu stellen, hat sich erst nach seinem Tod immer mehr verdeutlicht. Hendrix kam aus dem Blues und er war in der Lage, ihn über sich selbst hinaus ins nächste Jahrtausend zu spielen!