Archiv für den Monat November 2012

Gestorben wird immer

Ethnologen wie Mythenforscher sind sich in einem Punkt zumeist einig: Der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft wird in starkem Maße neben den vordergründigen Techniken von der Art und Weise des Umgangs mit den festen Größen der natürlichen Existenz bestimmt. Gesellschaften, die rituell gesicherte und somit vernünftige Erklärungen für die Geburt wie den Tod aufweisen, produzieren auch auf anderen, existenziell bedeutenden Feldern lebenswichtige Sinnzusammenhänge. Von den Fruchtbarkeitsritualen der Hopi bis zu den Todesmythen Roms sprechen bis heute Weisheiten zu uns, die etwas aussagen über die Definition des Menschen in seinem sozialen Umfeld.

Besonders der Tod ist in nahezu allen Zivilisationen ein hermeneutisches Prinzip für das Leben. Oder, um es anders auszudrücken, in dem die post-existenziellen Formen des tödlichen Daseins aufgemalt werden, wird verdeutlicht, welche Zinssysteme für das diesseitige, materielle Leben Geltung haben. Wer im Diesseits tüchtig ist, dem wird es das Jenseits vergelten und wer im Diesseits das schlechte Handeln bevorzugt, der wird im Jenseits Böses zu erwarten haben. Selbst das mystische Leben in den vor-aufgeklärten Gesellschaften beschert uns heute eine Erkenntnis, über die wir stets erhaben gewesen schienen: Dass nämlich selbst der Mensch des Mittelalters aufgeklärter war als der gemeine Zeitgenosse der Moderne. Das mittelalterliche und antike Wissen um die Vergänglichkeit der Welt und die Gewissheit, dass das irdische Dasein nicht automatisch Glück und Erfüllung beinhalte, macht die Zeitzeugen jener Epochen zu kritischeren Wesen als jene Träumer unserer Tage, die hordenweise der Mystifikation erliegen, Glück und Erfüllung seien ein verbrieftes Bürgerrecht.

Wer so der Ideologie wie der Idealisierung erliegt, dem fällt es auch nicht schwer, weitere Axiome der menschlichen Existenz auszublenden. Der glaubt dann auch tatsächlich, dass das ewig Juvenile käuflich und der Tod vermeidbar ist. Der Sinn des Todes, unser Dasein inmitten der Gesellschaft mit einem Bezugsrahmen auszustatten, ist verloren gegangen, die Definition des Seins als etwas zu Leistendem, noch vor wenigen Jahrzehnten ein Leitmotiv der revolutionär definierten Existenzialisten, einfach ausgeblendet und zu den Akten gelegt.

Wäre da nicht noch etwas anderes, das die mystifizierte Gesellschaft nicht dennoch dazu triebe, sich mit dem Tod zu beschäftigen! Wie die Masern und Windpocken nämlich zur Kindheit zählen, so ist die Fokussierung auf den Tod ein Symptom für die gesellschaftliche Dekadenz. Das Morbide, zumeist auch mit dem Charakteristikum des Charme benannt, ist es, was momentan dazu antreibt, sich mit dem Tod so kampagnenhaft zu beschäftigen. Bei allen Beiträgen, die über die Kanäle der öffentlich-rechtlichen Sender ausgestrahlt werden, geht es exklusiv um das Hinsinken in das Nichts. Bezüge, die es erlaubten, aus der Gewissheit der Vergänglichkeit ein Zinssystem auf die Diesseitigkeit zu entwickeln, werden vergeblich gesucht.

Ob die Römer den Dahingegangenen Goldmünzen als Lohn für den Fährmann auf die Augen legten, ob die der Antike verhafteten Europäer dem Fahrer von Tantalus Wagen ein Mahl anboten, ob die Oberbayern ein schöne Leich feierten oder die Marching Bands von New Orleans im binären Groove den Friedhof wieder verließen, sie alle wussten, was anscheinend in unseren Tagen dem Programm der psychopathologischen Verdrängung zum Opfer gefallen ist: Gestorben wird immer. Und jeder stirbt für sich allein.

Die alten Meister und der Zeitgeist

T.C. Boyle. San Miguel

T. Coraghessan Boyle hat die amerikanische Literatur der letzten Jahrzehnte zweifelsohne in hohem Maße bereichert. Was zunächst als ein frenetischer Literaturduktus eines Freaks erschien, mauserte sich im Laufe der Jahre zu einem ernst zu nehmenden Genre, das exklusiv mit dem Namen Boyle verknüpft ist. Water Music als Auftakt und Referenz an die Freaks der Weltentdeckung, Worlds End als phänomenaler Beitrag zum Entstehungsmythos der USA und Tortilla Curtain als grandiose Aktualisierung von John Steinbecks Grapes of Wrath! T. Coraghessan Boyle schrieb auch weniger beachtete und wesentlich leisere Bücher, aber allen war gemein, dass wir es mit einem Erzähler ersten Ranges zu tun haben, der epische Tiefe mit einer lodernden Dramaturgie zu vereinigen weiß.

T.C. Boyles neuester Roman, San Miguel, beginnt mit einem Aufschlag, der gefährlicher nicht sein könnte. Boyle stellt seiner eigenen Erzählung ein Zitat des unvergessenen W.H. Auden voran, der nach einem Besuch des Musée des Beaux Arts von sich gegeben hatte, dass die alten Meister in der Frage der Darstellung des Leidens nie falsch waren, weil sie wussten, den leidenden Menschen darzustellen, sei es, wie er sich setzte, wie jemand ein Fenster öffnete oder wie er eine Straße entlang trottete. Sollte dieses Zitat die Herausforderung an die Erzählung über die kalifornische Insel San Miguel sein, dann war das Ziel zu ehrgeizig formuliert.

Boyle erzählt einmal die Geschichte eines Paares, das 1888 auf die Santa Barbara vorgelagerte Insel siedelt, um sein Dasein aus der Schafzucht zu bestreiten und einmal die eines anderen Paares, das den gleichen Versuch 1930 unternimmt. Boyle wäre nicht Boyle, wenn er nicht diese beiden Erzählungen verwöbe und wenn er sie nicht zum Anlass nähme, die Befindlichkeit dieser beiden Epochen anzudeuten. Es fällt auf, dass die Protagonistinnen die Frauen sind. Sie erscheinen in beiden Fällen die starken, menschlichen Persönlichkeiten zu sein, die dennoch ihren tragischen Charakter nicht abstreifen können. Deren Partner hingegen sind trotz subjektiver Motivation zum guten Handeln lädierte, abgründige Helden, die ihre psychischen und physischen Versehrungen aus Bürgerkrieg und Krieg mitgebracht haben. Allein die Kollision dieser Charaktere verhieße nichts Gutes, käme da nicht noch der Umstand hinzu, auf dieser Insel stets am Existenzminimum und abgeschnitten von der Zivilisation zu leben.

Und diese Mixtur ist es auch, die das Buch lesenswert macht: Archetypische Charaktere, Geschlechter spezifisch versteht sich, soziale Härte und abseitig zivilisatorisch. Das sieht alles aus wie ein Labor, in dem die menschlichen Triebe und Befindlichkeiten ausgeleuchtet werden sollen, was Boyle zum Teil hervorragend gelingt, und was er leider manchmal unterlässt. Die todkranke Marantha kommt dem in dem Auden-Zitat formulierten Anspruch noch am nächsten, deren Tochter Edith, die flieht, um Schauspielerin zu werden, zerstäubt in der Oberflächlichkeit und Elise, die Dritte, verflacht als bildungsbürgerliches Heimchen. In dem Boyle die Frauen als tragische Figuren portraitiert oder zu portraitieren sucht, während die Männer in ihrer charakterlichen Dimension einem flachen Krimi zu entspringen scheinen, hat sich Boyle einem Zeittrend hingegeben, der letztendlich dazu führen musste, dass das Buch misslungen ist. Man fragt sich, was daraus hätte entstehen können, wenn er die Leidensgeschichte des Bürgerkriegsveteranen Waters näher beleuchtet hätte oder die Biographie des Inselfaktotums Jimmie, die wahre Tragik beinhaltet, mehr gewürdigt hätte?

Nichtsdestotrotz hat das Buch geniale Passagen, in denen Beobachtungsgabe und epische Qualität aufblitzen, hinsichtlich der kompositorischen Güte bleibt das Werk jedoch hinter den Erwartungen zurück, die der Name des Autors weckt.

Utopische Provinz und Sinn der melancholischen Existenz

Das Enjoy Jazz Festival in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen scheint sich zu einem Ort der utopischen Provinz zu entwickeln. Schon im Jahr 2005 führte das traditionell in Ludwigshafen stattfindende Abschlusskonzert zu einem Welterfolg des Jazz, in dem Ornette Coleman seiner schon vor Jahrzehnten intonierten avantgardistischen Botschaft eine längere Halbwertzeit einblies. Im letzten Jahr war es Sonny Rollins, der dem Hardbob Konturen der Ewigkeit verlieh. Und nun, im November 2012, kamen Archie Shepp, Yusef Lateef, Reggie Workman, Hamid Drake und Mulgrew Miller in das Ludwigshafener Feierabendhaus, um in dieser Formation Gäste aus aller Welt in ihren Bann zu ziehen.

Dieses Konzert stand außerhalb aller profanen Zweifel, dass hohes Alter die Frage von Qualität kontaminiere. Nein, um den als Arrangeur fungierenden Archie Shepp, den Literaturwissenschaftler, Jazz-Avantgardisten, Revolutionär und zornigen alten Mann, entspann sich ein Happening, das Trennlinien der Disziplinen verschwimmen ließ und eine neue Dimension des Hörens und Begreifens schuf. Was als Jazz-Avantgarde engagiert worden war, produzierte zwei multi-mediale Lehrstunden über die mehr als zweihundertjährige Geschichte des nordamerikanischen Kontinents. Es begann mit der Kakophonie der Entstehung, dem Kampf gegen eine nicht kultivierte Natur, ging über die Etablierung einer Gesellschaft, die in ihrer Klassenstruktur brüchig blieb bis hin zu der Botschaft des Blues, der in einer urbanen, modernen Fiktion des Zusammenlebens mündete.

Archie Shepp erklärte das Projekt mit schroffen Regieanweisungen, Yusef Lateef demonstrierte die multi-perspektivischen Aspekte dieser Kultur mit wissender Milde, Mulgrew Miller legte den melodiösen Teppich des Zeitgeistes, Reggie Workman trieb das Ganze unerbittlich mit der Vorwärtsneigung des Industrialismus und Hamid Drake war das Symbol für die perkussive Verschmelzung von Subjekt und instrumenteller Umgebung.

Da war es unerheblich, welche Stücke das Ensemble auswählte. Von der Chronologie hatten sich die Akteure festgelegt, von den Referenzstücken war es einerlei: An diesem Abend konnten sie alles demonstrieren, weil sie es wollten und sie kein höheres Wesen davon abhalten konnte. Nach der kakophonischen Einlassung, in der Yusef Lateef auf allerlei selbstgefertigten Klangkörpern blies, durchwirkte Shepp das Repertoire mit eigenen Stücken und Standards, die die Welt in dieser nassen Novembernacht stehen ließen. Archie Shepps In A Sentimental Mood ist dazu geeignet, die Lasten des Daseins als den eigentlichen Sinn der melancholischen Existenz zu begreifen und sein Stück Steam, eine Referenz für seinen bei Rasenunruhen in Philadelphia umgekommenen Cousin, ließ die ganze Wucht der Emanzipationskämpfe des 20. Jahrhunderts für einen Augenblick auf die Bühne zurückkehren. Und Kwanza, die bekannte Eigenkomposition mit dem Verweis auf die afrikanischen Wurzeln, tötete ohne Reue die Illusion, sich ohne die Implikationen der industriellen Moderne befreien zu können. Gerade in dieser Interpretation wurde das Solitäre, Authentische des nordamerikanischen Jazz deutlich, der die ethnischen Wurzeln nicht leugnet, aber den zivilisatorischen Prozess nicht missen will.

Dass der Blues das Konzert beendete, war da nur folgerichtig, und dass Yusef Lateef, ein Mann im zweiundneunzigsten Jahr, CC Rider auf der Oboe blies, war alleine ein Ereignis von einzigartiger Prägung. Als hätte es tausende Interpretationen nie gegeben, schien nur diese eine folgerichtig und so erfüllt, dass sie den Wunsch nach Ewigkeit im Publikum brennen ließ. Wäre da in der Zugabe nicht Don´t Get Much Around Anymore gewesen, natürlich ein Ellington-Stück, das die ironische Distanz der Akteure zu sich selbst augenzwinkernd inszenierte. Großartig, unwiederholbar, phänomenal. Danke!