Archiv für den Monat November 2012

Diversity und Identität, Fälschung als Kollektivsymbol

Tom Wolfe. Back to Blood

Tom Wolfe wäre nicht Tom Wolfe, wenn es ihm nicht gelänge, einen Aufschrei der Entrüstung zu inszenieren. Der nunmehr über Achtzigjährige, der im kritischen Journalismus zuhause war, bevor er mit wahrhaft großen Romanen die Metropolen der USA aufs Korn nahm, um ihr Wesen ohne Camouflage der Weltöffentlichkeit zu präsentieren, hat nach Bonfire of Vanities, in dem er New York den Spiegel vorhielt und A Man in Full, in dem er den Medienhype in Atlanta persiflierte, nun mit seinem neuen Roman Back to Blood die Multi-Kulti-Metropole Miami auf den Seziertisch gelegt. Und kaum ist das Buch auf dem Markt, da hagelt es Kritik, die New York Times, das Zentralorgan der White Anglo Saxon Protestants, schmetterte ihm in vollem Bewusstsein des diskriminierenden Charakters der Rezension sein Alter entgegen, das ihn hindere, den Zeitgeist und seine Erscheinungen zu begreifen.

Back to Blood hingegen ist der Beweis für seine nach wie vor investigative Routine, seinen scharfen Blick für das Charakteristische und seine ätzende Ironie, wenn es darum geht, das Ideologische zu entlarven. Miami, die Hauptstadt des kubanischen Exils, mit seinen Communities aus Haitianern, Afro-Amerikanern, Russen und geriatrischen Ostküsten-Wasps, seiner kubanischen Dominanz und mexikanischen Illegalität ist das Mekka dessen, was sich der Zeitgeist immer noch als das Hohelied der Diversity zu feiern getraut. Und Tom Wolfe, der Frondeur, hat sich eine Geschichte ausgedacht, die allen, die in dem Diversity-Gewebe leben und die Schmach des provinziellen Schattendaseins ertragen müssen, sehr bekannt vorkommen muss.

In einer mehrsträngigen Erzählung erfährt der Leser, was es heißt, sich im konstitutionell liberalen Amerika als nativer Kubaner integrieren zu wollen, wenn er sich in dem sozialen Netzwerk und der Parallelwelt eines gar nicht mehr in dieser Form existierenden Kuba bewegt. Was es heißt, unter falscher francophoner Identität dem Sog haitianischer Banden zu entrinnen. Was es heißt, als russischer Immigrant unter der Wucht krimineller Oligarchen der gleichen Provenienz zu leiden. Was es heißt, mit der desolaten Erosion des weißen, protestantischen Amerikas zu kämpfen, wenn man dem naiven Glauben anhängt, in einer tradierten konstitutionellen Demokratie zu leben, die die Jagd nach Freiheit und Glück ins Buch der Nation geschrieben hat.

Natürlich schlagen diese Welten aufeinander und natürlich versucht eine Gemeinde wie die Miamis, ihr Inferioritätsgefühl durch eine Positionierung in der Kunstwelt zu befrieden. Doch auch das Mäzenatentum ist ein Abbild der Machtkämpfe und des Betrugs, der Gier nach Dominanz und Ansehen. Die Enthüllung der Fälschung als Handlungsprinzip in Politik und Kunst, ihrerseits eine Signatur selbstverständlicher Dekadenz, würde die Lektüre zu einem Desaster machen, gelänge es Wolfe nicht, dennoch einige der Figuren durch ihre charakterliche Stärke, die nichts gemein hat mit den menschlichen Schwächen, denen alle erliegen, zu rehabilitieren. Dann blitzen sie auf, die Ideale, wenn sich ein Kubaner der zweiten Generation nicht von dem Machtspiel aller Beteiligten vom rechten Weg abbringen lässt, oder ein junger WASP es nicht einsieht, vom Pfad der Wahrheitssuche zu lassen und ein Afro-Amerikaner seine Karriere aufs Spiel setzt, um zu verhindern, die gute Leistung eines Kubaners dem Spiel der Macht zu opfern.

Tom Wolfes Buch ist ein ein großartiges Indiz für die Komplexität unserer Lebenswelten, und nur wenige wie er besitzen die Klasse, sie in ihren schillernden Farben fluoreszieren zu lassen.

Obama zum Zweiten!

Im größten, mächtigsten Land des Westens wurde gewählt. Es war knapp, sehr knapp und es wurde deutlich, dass die Afro-Amerikaner und Kubaner letztendlich die Wahl entschieden haben. Präsident Barack Obama, der vor vier Jahren ins Amt kam und der so viele und sehr große Hoffnungen mit seinem Konzept des Change geweckt hatte, wurde im Amt bestätigt. Seine Referenzen sind Taten, die sich letztendlich nicht leugnen lassen. Er musste und wollte sich an seinen Vorhaben messen lassen. Die Referenzen, die er vorzuweisen hatte, waren im Vergleich zu vielen Regierungen vor ihm und in anderen Ländern nicht schlecht.

Mit der Etablierung der Gesundheitsreform hat er endlich, zum ersten Mal in der Geschichte, allen Bürgerinnen und Bürgern des Landes eine Grundversorgung in der Gesundheit erwirkt, die größte Ressentiments ausgelöst hat, war und ist sie doch ein Affront der alten Ideologie der Siedlergesellschaft, die den Staat als Intervention in die privaten Angelegenheiten betrachtet. Er hat mit den Schlägen gegen die Protagonisten von Al Quaida eine Linderung des Traumas erreicht, das seit dem 11. September große Teile der Amerikanerinnen und Amerikaner ereilt hat. Er hat dafür gesorgt, dass angesichts der Weltfinanzkrise in den USA Gesetze gegen das Hasardspiel der Spekulation verabschiedet wurden, von denen man in Europa nur träumt. Und er hat Schritte eingeleitet, um den Status der USA als Hegemonialmacht und Weltpolizisten gewaltig zu relativieren. All das verlief nicht ohne mächtigen Widerstand im eigenen Land und all das ist nicht so, als hätte es ohne weitere Arbeit gesicherten Bestand. Aber es zeigt, dass sich etwa bewegt hat, merklich, signifikant und vehement.

Dass die Wahlen dennoch so knapp ausgegangen sind, im Grunde sogar ein Patt festgestellt werden muss, demonstriert, wie tief die Gesellschaft der USA gespalten ist: Hinsichtlich der Auffassung über die Rolle des Staates, hinsichtlich der eigenen Rolle in der Welt und hinsichtlich der Suprematie der White Anglo Saxon Protestants in den Staatsämtern. In letzterem Punkt gab es während der ersten Amtszeit Obamas innerhalb der USA böse, zumTeil blutige Kämpfe, denn der Präsident machte ernst und etablierte viele Immigranten in hohen Staats- und Regierungsämtern und schuf damit Fakten der Integration, wie sie bestechender nicht sein können. Der Ausgang der Wahlen hat gezeigt, dass es nicht leichter werden wird, sondern die USA sich in einem Prozess der Transition befinden, die noch für viele Überraschungen und Rollbacks gut ist.

Nahezu amüsant, aber dann doch eher ärgerlich sind die Kommentare der namentlich deutschen Presse, die sich anmaßt, in einer Arroganz die Bilanzen zu schwärzen, auf die die amerikanische Gesellschaft letztendlich stolz sein kann. Denn nahezu alles, was an Obamas Amtszeit bekrittelt und hinterfragt wird, ragt weit über das systemimmanente Gewese hinaus, was sich die deutsche und die europäischen Demokratien seit der Weltfinanzkrise geleistet haben. Ohne Strategie, mit dem Euphemismus auf Sicht zu fahren, wurde nichts bewerkstelligt, was den Hochmut zuließe, über die Transformation der größten Demokratie der Neuzeit in dieser Weise zu urteilen. Was im eigenen Wirkungskreis als Hofberichterstattung nur noch Langeweile auslöst, entpuppt sich plötzlich im Blick über den Atlantik als blitzende Klinge des investigativen Journalismus. So ist das mit den Papiertigern.

Bleibt also nichts, als den Amerikanern weiterhin viel Glück zu wünschen und den Versuch zu machen, das eine oder andere von ihnen zu lernen.

Konzept-Kunst und Börse

Wie antik erscheint das Stöbern in der alten Begriffswelt von Kunst, in der man sich noch Gedanken machte über die Etymologie des Begriffs, als noch erklärt wurde, dass Kunst von kunnen, sprich können stammt und etwas zu tun hat mit der Beherrschung der Form, mit dem, was die Angelsachsen so treffend Craftsmanship nennen, die handwerkliche Meisterschaft. Und selbst die notwendige Erweiterung der Erklärung, die die spirituelle Dimension mit hinzu nahm, um neben der handwerklichen, artistischen Befähigung, das Inspirative, Transzendente und Hermeneutische mit in die Erklärung von Kunst aufzunehmen. So offen, so divers und so spekulativ die historischen Ansätze von Kunst auch sein mochten, sie alle umfassten das Tun des Schaffenden. Auch wenn nicht messbar in Kategorien der Ökonomie, dass es sich in den vor-industriellen Perioden sowieso um Unikate und Solitäre handelte, so hatte Kunst immer einen immensen Gebrauchswert für das einzelne Subjekt, mochte es sich auch um soziale Klassen handeln. Und die historische Dimension der artifiziellen Wertschöpfungsprozesse formten das, was wir heute, wenn wir den Begriff nicht inflationieren, das epochal Kulturelle nennen.

Immer wieder hat sich Kunst – erfolgreich – dagegen wehren können, ein manieristisches Artefakt der Ökonomie per se zu sein, wiewohl sie nie hat leugnen können, dass ihr Ausgangspunkt immer die realen Lebensverhältnisse ihrer Schöpfer waren. Insofern war Kunst doch immer auch eine Reproduktion der realen Verhältnisse, die ihr zugrunde lagen, auch wenn sie sich dagegen auflehnte. Insofern konnte sie ihren Doppelcharakter nie leugnen. Sie war affirmativ oder protestativ, und ehrlich gesagt, meistens beides. Und sie war ein Prozess der Wertschöpfung, der durch die Intervention menschlichen Schaffens in die Existenz toter Materie zustande kam.

Konzept-Kunst, wie sie nicht ohne Grund aus London, New York und Tokio so allmählich aus den Börsenmetropolen in die globalen Märkte schwappt, hat sich des Prozesses der Wertschöpfung gänzlich entledigt. Die Künstler, die die Idee haben, beauftragen andere, diese zu realisieren und ihre einzige Intervention ist die Signatur. Sie beauftragen Meister ihres Faches mit der Produktion eines Artefakts, meistens in einem Prozess, der verschiedene Produktionsperioden umfasst. Die Meister sind lokale Könner, die nahezu in einem komplexen Prozess der Entfremdung einzelne Arbeitsgänge verrichten, deren Gesamtprodukt der Auftraggeber mit seiner Signatur auf dem Markt veräußert. Es handelt sich wohl um den radikalsten Wandel in der gesamten Kunstgeschichte. Konzept-Kunst ist die realisierte Idee des Machen-Lassens und die konsequente Abkehr des Selber-Schaffens.

Insofern ist Konzept-Kunst eine nahezu perfekte Entsprechung für das Agieren der Börse, die sich zunehmend als eigenen Wertschöpfungsort begreift, obwohl die Kombination von und Spekulation mit anderen, von ihr kausal losgelösten Wertschöpfungsprozessen ihr Wesen ausmacht. Auch die Börse ist ein Ort des Machen-Lassens und fern von der Materialisierung eigener Leistung.

So weit, so gut, könnte man meinen. Das Hohe und Sinnstiftende von Kunst war immer ihre Eignung, an ihr selbst die Komplexität, die Stärke und Brüchigkeit dessen begreifen zu können, was sie zum Ausdruck zu bringen gedachte. Daher ist es weit bedeutender als jeder noch so verständliche Reflex, die Konzept-Kunst zu diskreditieren, ihre Komplexität, ihre Stärke und ihre Brüchigkeit auf sich wirken zu lassen, um die Dimension dessen zu begreifen, was die Börsenökonomie der Wertschöpfung anzutun in der Lage ist.