Wenn die Subvention das Entree zur Entmündigung darstellt, so muss die Frage erlaubt sein, wie ist es dann um die Kunst in der Republik bestellt. Alles wird gefördert, die Angebote werden ausgedehnt, und es ist längst nicht mehr erlaubt, nach den Kriterien für die Förderung zu fragen. Kaum ein Bereich erfährt soviel finanzielle Zuwendung, ohne das geklärt wäre, wofür. Die Antworten sind unpräzise und schwammig, es wird ins Blaue fabuliert. Da ist die Rede von so genannter kultureller Hoheit, da geht es um ein Erbe, das es zu bewahren gilt und da wird von einer Erziehung schwadroniert, deren Ziele im Ungewissen bleiben. In keinem Ressort wird die Wirkung geklärt, die erzielt werden soll.
Die Tradition, von der geredet wird, stellt ein eigenartiges Konglomerat von gesellschaftlichen Interessen dar, die zu entschlüsseln eher Erkenntnisse über Besitzstandsverhältnisse bringt als über einen Gesellschaftsentwurf, den man vorgibt zu verfolgen. Das Interessante dabei ist der Schulterschluss von Bildungsbürgertum und der ehemaligen Linken. Dass das Bürgertum seine Kunstformen als Diskurs über die eigene Befindlichkeit finanziert haben möchte, ist seit dem 19. Jahrhundert gesetzt, dass aber die Epigonen der Frankfurter Schule und selbst die historischen Protagonisten der Kritischen Theorie den Staat als den Garanten der Hohen Kultur ausmachten und die diffamierte Kulturindustrie als Feind Nummer Eins diskriminierte, weist auf den Nationalcharakter der Deutschen hin. Der Übervater Staat als Großer Erzieher hier, die Skepsis gegenüber dem Massengeschmack und den unkontrollierbaren Regungen des kritischen Subjektes dort.
Kunst konnte in ihrer historischen Dimension immer zweierlei bewirken. Sie konnte den Glanz und die Macht der Herrschaft illustrieren und die Befindlichkeit der herrschenden Klassen manifestieren oder sie wirkte revolutionär. Ersteres geschah aufgrund von Auftrag und Subvention, letzteres aus dem Prekariat und dem Untergrund. Kunst, die innovativ wirkte, kam nie aus den Arealen der Erbhöfe und der Staatsbürokratien, zu denen die öffentlich geförderte Kunst mehrheitlich verkommen ist, sondern sie kam aus den aufstrebenden Teilen einer Gesellschaft, die Herrschaft entlarvte und neue Dimensionen des Zusammenlebens konturierte.
Gegenwärtig fällt auf, dass nahezu jede Regung künstlerischen Schaffens, die noch nicht über öffentliche Förderung kontrolliert wird, förmlich danach schreit, in den Genuss der Subvention zu kommen, was letztendlich auch diese Segmente als affirmativ, das Bestehende bedienend enttarnt. Das ist ein schlechtes Zeichen. Denn eine Gesellschaft, die seitens der Produktion von Waren, seitens der geopolitischen Konstellationen und seitens der konstitutiven Werte derartigen Innovationsschüben ausgesetzt ist, wie das in der letzten Dekade zu verzeichnen war, benötigt dringend Inspiration und spirituelle Impulse. Staatlich bezahlte, verbeamtete und im Korsett von Laufbahnregelungen eingezwängte Träger der Kunstinstitutionen sind dafür nicht geeignet. Keine Subvention produziert einen couragierten Geist, der das Bestehende in Frage stellt.
Sieht man sich die Produkte und Leistungen dessen an, was im letzten Jahrzehnt aus den Beamtenapparaten der staatlich geförderten Künste hervorgebracht wurde, so lassen sich bestimmte Tendenzen feststellen, die unter den Überschriften Individualisierung, Defätismus, Pathologisierung und Pessimismus gut Platz finden. Kein Theaterstück hat den gesellschaftlichen Diskurs befeuert, kein Roman die Gemüter erhitzt, keine Skulptur den Konsens schockiert, kein Musikstück die Rezeptionsgewohnheit auf den Kopf gestellt. Staatliche Förderung und Subvention sind Garanten für die Friedhofsruhe auf einem Terrain, deren Bevölkerung sich als Kulturnation wähnt. Wer den Dreck nicht kennt, der schafft nichts Großes, und wer im bürokratischen Apparat seinen Speck verzehrt, produziert gepflegte Langeweile.
