Archiv für den Monat April 2012

Französische Zustände

Wenn eine europäische Großmacht sich in den letzten Jahrzehnten als imprägniert gegen den globalen Wandel gezeigt hat, dann war das Frankreich. Während Großbritannien den Wandel von einer Industrienation zu einer extremen Version eines Finanzdienstleistunggszentrums mutierte und Deutschland mit der Wiedervereinigung für das Experiment steht, staatlichen Zentralismus in die Verkehrsformen der Demokratie zu gießen, dann war das Paradigma der Großen Nation das der Großen Nation. Punkt. Egal, wie die Präsidenten hießen, man setzte auf Vormachtstellung und klassische Domänen. Die Schlüsselindustrien überlebten durch staatliche Subvention und protektionistische Maßnahmen, die Kernenergie ist das Zentrum der Energieversorgung wie der staatliche Zentralismus nach wie vor die hierarchisch organisierte Verteilung der Macht ist. Letztendlich blieb man bei den stereotypen Vorstellungen über Integration. Sie erfolgt nach wie vor nur über die Denkschemata der alten Kolonialmacht.

Auch der letzte Präsident, der sich als den Paradigmenwechsel schlechthin verkaufen ließ, weil er mit seinem ungarischen Migrationshintergrund und seiner daraus entstandenen unbändigen Liebe zu Frankreichs Größe argumentierte, verschwand im Tagesgeschäft wie eine kleine, aber eher lausige Kopie des Korsen, der Frankreich einst zu imperialer Macht verholfen hatte, dessen Beitrag mit dem Code Civil zur Stabilisierung der europäischen Demokratie mal eben unter den medialen Teppich gekehrt wurde.

Imperial waren sie, die außenpolitischen Ansätze Sarkozys, allemal. Angefangen mit dem Plan der Entente Mediterranée, der mit der wachsenden Destabilisierung der arabischen Tyranneien ein schnelles Ende fand. Und auch in diesem Spiel lavierte der gegenwärtige Präsident ein bisschen wirr durch die Ereignisse, im Falle Tunesiens war die französische Luftwaffe schon auf Flughöhe, um Ben Ali zu retten, in Libyen wurde sie dann letztendlich gegen den Herrscher losgeschickt, als dessen Sohn im lokalen Fernsehen die Spendengelder Gaddafis für Sarkozys Wahlkämpfe thematisierte. Reformen im Lande waren Fehlanzeige. Die eher faden Standardisierungsversuche der Brüsseler Sozialpolitik blieben das Einzige, was aus dem Präsidentenpalast auf das Volk losgelassen wurde.

Gegen diese Tristesse nun mobilisiert der zweite Mann hinter Strauss-Kahn, dessen New Yorker Debakel die Aspiration auf das Präsidentenamt beendete. Monsieur Hollande seinerseits setzt auf klassische Sozialistenpolitik aus dem letzten Jahrtausend, Reichensteuer rauf, Rentenalter runter, und damit ist seine Erneuerungsphilosophie am Ende. Marie Le Pen und Jean Luc Mélenchon sind diejenigen, die mit ihrem Rechtsradikalismus die arbeitslose Jugend ansprechen und zahlenmäßig für Überraschungen sorgen werden. Insgesamt sieht es wohl so aus, dass Sarkozy mit seinem Großmannsgehabe der Bevölkerung dermaßen auf die Nerven gegangen ist, dass der blasse und reformunfähige Hollande sogar das Rennen machen könnte.

Für ein Land, dem das Verdienst immer noch im Haben steht, der modernen europäischen Zivilisation das politische System beschert zu haben, das über lange Zeit dazu in der Lage war, die brennenden Fragen der Epoche zu beantworten, sind das düstere Aussichten. Nicht, dass von den anderen Kraftzentren Europas die großen Innovationsschübe für die neue Welt, die sich in und um uns ausbreitet, ausgingen. Aber zumindest bestimmte Lösungsansätze kommen dort zur Formulierung. Frankreich selbst hat sich in eine kulturelle und politische Isolation begeben, die ihr nun mehr und mehr teuer zu stehen kommt.

Resilienz und Ambiguität

In der Welt der Technik gilt als Binsenwahrheit, dass sich die Entwicklung von der einfachen Idee über eine komplexe erste Realisierung hin zu einem einfachen Allerweltsutensil beschreiben lässt. Was die Philosophie und die aus ihr abgeleiteten verschiedenen Geistes- und Sozialwissenschaften eher belächelt haben, scheint sich durchaus auch auf ihrem Terrain abzuspielen. Längst ist man dort auch abgekommen von schlichten polaren Begriffspaaren, die nichts anderes beschrieben als Stabilität und Instabilität, Revolution und Restauration, Materialismus und Sensualismus. Immer sah man Geschichte als die Spannung zwischen sich widersprechenden Begriffspaaren, selten als ein Prozess, der existenziell ist und beides bedingt.

Mit der Erkenntnis, dass sich existenzielle Fortbewegung, individuell oder gesellschaftlich, von einem schlichten Wunsch über eine dichte Erlebniswelt bis hin zu einer profanen Routine entwickelt, haben die polaren, oder, wie es ein bestimmtes Milieu formuliert, antagonistisch geprägten Begriffe nicht mehr die Erklärungsmacht einstiger Zeit. Selbst die großen Figuren der Geschichte müssen von ihrem Wirken her neu interpretiert werden, wenn wir den Prozess von einem stabilen Zustand, der erzeugten Phase revolutionärer Veränderung hin zu einer anderen Stabilität definieren. Ideal ist und bleibt es, wenn die Subjekte das Ganze als Einheit begreifen und folglich in einer Dimension handeln, die den Polarisierern als zunehmend verdächtig gilt.

Die meisten Stabilisatoren der Geschichte haben das Bild des Reaktionären geprägt, und die meisten Revolutionäre das des Zerstörers. Die interessanten Figuren sind jedoch diejenigen, die Stabilität und Veränderung als eine Einheit gedacht haben. In der Neuzeit stechen deshalb für die erste Kategorie Figuren wie Otto von Bismarck hervor, für die zweite zweifelsohne Nelson Mandela. Sie überstrahlen alles, weil sie den Prozess von Erhaltung und Veränderung zu Ende, oder besser gesagt, zu einem neuen Anfang dachten.

Die Dimension der Einheit widersprüchlicher Phasen erfordert aufgrund der bipolaren Abnutzungsgeschichte vieler Begriffe eine neue Terminologie, die sowohl die Erkenntnis der sich widersprechenden Einheit ermöglicht als auch eine neue Definition von Zuständen erfordert, die in ihrem Wert auch von der anderen Seite geschätzt werden können. Mit dem Begriff der Resilienz ist das geschehen, weil er Stabilität mit der Umschreibung der Widerstandskraft gegen Unruhe und Störungen anreichert. Und die Ambiguität erklärt, dass die Unwägbarkeit zwar das Chaos, aber auch die Möglichkeit der Ruhe und des Aushaltens mit sich bringt.

Kräfte, die sich der bewussten Gestaltung gesellschaftlicher, sozialer und organisationsbezogener Prozesse verschreiben, sollten daher sowohl Resilienz herstellen als auch Ambiguität vertragen können. Einem Zustand relativer Ruhe folgt in der Regel eine Phase schneller Veränderung. Und umgekehrt. Und beides kommt zu häufig vor, als dass man sich nur für das Eine entscheiden dürfte.

Orientalische Komplexität

Folgte man der Diskussion um das Gedicht des Nobelpreisträgers Günter Grass, dann wäre die Welt ein schlichtes Gebilde. Bekanntlich ist dieses aber nicht der Fall. Hinzu kommt, dass das, was sich Naher und Mittlerer Osten nennt, schon immer nicht nur für die westliche Perspektive als ein schier undurchdringliches Gewirr dargestellt hat. Trotzdem sollten zumindest diejenigen, die sich über einen längeren Zeitraum mit der dortigen geopolitischen Lage beschäftigt haben, etwas mehr als ein anti-israelisches Plakat oder eine iranische Horrormaske in der Tasche haben.

Die Dominanz des arabischen Raumes ist über die Ressource Öl seit dem II. Weltkrieg und der Entkolonialisierung des afrikanischen Kontinents durch ein Bündnis des Westens mit Saudi-Arabien festgelegt worden. Saudi-Arabien, das Königreich mit der schwärzesten Seele, das sich nach Innen als Rudiment der Sklavenhaltergesellschaft etabliert hat und weltweit terroristische Bewegungen unterstützt, ist seinerseits bestens mit der westlichen Welt verwoben und finanziell in Form von Aktienpaketen selbst zum Bestandteil des Westens geworden.

Gegen das sunnitische Saudi-Arabien hat sich seit dem Jahr 1978, als der Schah von Persien in die Wüste geschickt wurde, zunehmend der schiitische Iran positioniert und ersterem mehr und mehr die Hegemonie in der arabischen Welt streitig gemacht. Der Krieg gegen den Irak in den neunziger Jahren hat einen Vorgeschmack auf die Brisanz dieser Auseinandersetzung gegeben. Seit dieser Zeit verfolgt Saudi-Arabien gezielt die Strategie, den Widerspruch zwischen dem Staat Israel und dem Iran – den es nicht minder mit Saudi-Arabien gibt – in den Fokus der Weltöffentlichkeit zu stellen, um eine Auseinandersetzung beider Seiten zu initiieren.

Weder Israel noch der Iran haben ein Interesse an einem derartigen Konflikt. Israel hat genug damit zu tun, die ständigen Versuche zum Beispiel Syriens über den Libanon abzuwehren, während der Iran über den Zugriff auf exterritoriales Öl den saudischen Hahn zudrehen will. Die Saudis ihrerseits drängen die USA zu einem Schlag gegen den Iran, die USA sind allerdings nach dem desaströsen Bush-Engagement vor allem im Irak alles andere als von einer derartigen Option begeistert. Auch Israel sähe lieber die USA in Aktion als sich selbst und sieht sich momentan in der undankbaren Rolle, zumindest die Bereitschaft zu einem Schlag gegen wen auch immer suggerieren zu müssen, um die USA doch noch zu bewegen, selbst in Aktion zu treten.

An dem wesentlichen Interessenkonflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran ändert das alles nichts. Es macht aber deutlich, dass der Westen längst instrumentalisiert worden ist, und zwar durch die schwärzeste aller Koalitionsoptionen. Israel nun als Aggressor Nummer Eins darzustellen, dokumentiert mehr als ein schlichtes Gemüt. Den Iran zum Hauptstörenfried zu stempeln, zeugt auch nicht von mehr Einblick. Saudi-Arabien als das zu identifizieren, was es ist, ist allerdings mittlerweile im Westen nicht nur ein Indiz für geopolitische Intelligenz, sondern auch für Courage.