Archiv für den Monat März 2012

Neue Formen der Bürokratie

Klagen Organisationen über zuviel Eigendynamik, zu ausufernde Verfahren, mangelndes Tempo und zuviel Bürokratie, dann suchen sie nach einer Intervention, die es ermöglicht, den unerwünschten Entwicklungen an den Kragen zu gehen. In der soziologischen Systemtheorie sind die obigen Entwicklungen präzise und hinreichend beschrieben. Werden Organisationen zu groß, dann tendieren sie zu alledem. Durch Irritation und Verstörung lässt sich dagegen einiges machen. Und manche Führer großer Organisationen haben derartiges im Blut. Sie wissen, wann die Organisation Impulse braucht, um sie aus der Komfortzone zu katapultieren.

Oft aber wird die Beraterbranche bemüht, um das Geschäft der Verstörung zu erledigen. Das ist dann sinnvoll, wenn das Konglomerat von Interessen und Verwicklungen so komplex geworden ist, dass niemand ohne das Stigma der Befangenheit den Prozess mehr moderieren könnte. Oder die Auftraggeber behalten sich die Option vor, die Ergebnisse der Berater wieder zu schreddern, wenn die Verwerfungen zu groß zu werden drohen.

Der Beraterbranche selbst haftet der Ruf an, instrumentell gut aufgestellt und von dem Gedanken der Rationalisierung beflügelt zu sein. Ersteres ist stark kontaminiert durch den Begriff des Analysten, der bei seiner Etablierung vor ca. eineinhalb Jahrzehnten bei Sprachsensiblen noch physischen Schmerz ausgelöst hat, weil er den Blickwinkel des Analytikers um etliche Grade verflachte. Der Gedanke der Rationalisierung hingegen hat sich in der Branche selbst schon lange verflüchtigt, und die dunkelblauen Anzüge und Kostüme täuschen kaum noch darüber hinweg, dass sich das Metier mehr und mehr auf die Verlagerung, nicht aber auf die Eliminierung der Ressourcenverschwendung konzentriert hat.

Unter dem Vorwand der Rationalisierung werden alte Prozeduren gescreent und optimiert. Die neuen Prozesse werden in einer Intensität und Ausführlichkeit dokumentiert, die oftmals die Vermutung aufdrängt, als ginge es darum, einen Neuanfang nach Einsatz der Neutronenbombe zu garantieren. Die Dokumentationen selbst sind der Nukleus einer neuen, alle bisherigen Dimensionen sprengenden Bürokratie, die im Kleid der Rationalisierung zunächst viele zu täuschen in der Lage ist, bei ihrer Enthüllung und einer entsprechend starken Kritik in der Regel zu einer inszenierten, schmachvollen Demission der jeweiligen Berater führt.

Intrinsisch ist die Etablierung neuer, wesentlich gravierenderer bürokratischer Systeme durch die Protagonisten der Beraterbranche begründet in dem Misstrauen zu Menschen und deren Kompetenz. Das Instrument und der Prozess stehen in ihrem Weltbild immer über den Fähigkeiten und Fertigkeiten von Menschen. Letztere gelten als unberechenbar und Risikofaktoren. Kontrollsysteme und bis ins kleinste Detail beschriebene Routinen sollen es ermöglichen, dass ohne Wissen und Können das gemacht werden kann, was der Prozess erfordert. Das zugrunde liegende Menschenbild ist nicht nur von Misstrauen geprägt, es geht auch von der gnadenlosen Entmündigung der handelnden Subjekte aus. Wenn es eine Referenz für diese These gibt, dann ist es die Personalpolitik in der Beraterbranche selbst. Dagegen wirkt das alte Paradigma des Manchesterkapitalismus wie ein nostalgischer Traum. Modern ist das nicht, auch wenn das Marketing dieser Vorgehensweise es unter diesem Attribut verkauft.

Der originäre Gehalt von Ideen im Zeitalter ihrer kohortenhaften Importierbarkeit

Wer glaubte, dass es sich im Falle des ehemaligen Verteidigungsministers und seiner vermeintlichen Dissertation um eine Einzeltat gehandelt hatte, lag falsch. Dieses belegten zahlreiche Verfahren, die eingeleitet werden mussten, um analoge Vergehen zur Erlangung akademischer Grade und Würden zu enthüllen. Plötzlich traf man auf eine ganze Kohorte von Vertretern der politischen Klasse, die mit dem methodologischen Impetus des Copy and Paste akademische Arbeiten gefertigt hatte.

Selbst die quantitative Ausbreitung der Delinquenten verbarg aber immer noch die eigentliche Dimension dessen, was eigentlich zu einer Normalität geworden ist und längst nicht mehr auf die vermeintlich bösen Vertreter aus der Politik reduziert werden darf. Das Zeitalter des Internets und der problemlose Zugang zu Quellen hat es extrem erleichtert, Schriftstücke zu fertigen und diese als das eigene geistige Produkt auszugeben.

Ausgehend von jenem berühmten Aufsatz Walter Benjamins, in dem er beschrieb, welchen Wirkungsverlust das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit unterliege, müsste man heute den Faden weiter spinnen. Heute stellt sich die Frage, inwieweit der originäre Gehalt von Ideen noch eine Valenz besitzt im Zeitalter ihrer kohortenhaften Importierbarkeit aus dem Datenfriedhof der Weltgeschichte.

Und wir stellten fest, dass genau die Generation, die so virtuos das Netz beherrscht, sich dieser Möglichkeit quasi standardisiert bedient. Ihnen gelingt es, Quantitäten zu produzieren, die es so vorher noch nicht gab. Und sie vollbringen es, in chartgestützten Präsentationen, die state of the art Produkte eines jeden Genres an die Wand zu werfen. Ob das jenseits der instrumentellen Unterstützung auch noch gelänge, bleibt anzuzweifeln. Und wie viel originäres, eigenes Gedankengut sich in dem Präsentationsprodukt noch befindet, bleibt waghalsiger Spekulation überlassen.

Der Gedanke geht der Tat voraus, schrieb einst Heinrich Heine in seiner an Esprit und Sprachgewalt überragenden Schrift mit dem knorrigen Titel Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland. Nach allem, was dieser Schrift folgte, sollte er Recht behalten. Die Qualität der artikulierten Gedanken war immer ein zuverlässiger Gradmesser für das danach Geschehende. Bleibt man bei dieser These, so könnte angesichts der angehäuften Plagiate in Terra-Dimension die Prognose über die Dürftigkeit einer naheliegenden Zukunft nicht valider sein als je zuvor. Wer seine Originalität mit dem Diebstahl geistigen Eigentums anderer unterlegt, dem sollte man nicht die große Gestaltungskraft konzedieren.

Copy and Paste ist nicht ein singuläres Vergehen, sondern das Signet eines Zeitgeistes, der per se unkritisch geworden ist. Daher hilft es auch nicht, einzelne Akteure zu verdammen, denn sie machen nur das, was alle machen, wenn sie glauben, sie befänden sich auf einem guten Weg. Das tun sie natürlich nicht, denn das Kopieren ist die Anfangsübung des Ungelenken, bevor er zur höheren Stufe der Inspiration und des eigenen Ausdrucks reift. Auch im Denken! Und gerade da!

Demokratie en bloque

Was macht man in Deutschland, wenn eine Beugung des demokratischen Gedankens zu einem Desaster geführt hat? Ja, man beugt den Geist der Demokratie noch stärker. Wie anders könnte das begriffen werden, was sich angesichts der Neuwahl eines Bundespräsidenten hierzulande ereignet. Nach dem dirty fight der Kanzlerin hinter den Kulissen für ihren damaligen Kandidaten Christian Wulff, und vertraut man den damaligen Zeitzeugen, wurde dabei zuweilen schon einmal das Folterbesteck ausgepackt und ausführlich erläutert, wenn sich irgendwelche Querulanten mit Mandat ihres Rechts nicht entledigen lassen wollten, sich nach bestem Wissen und Gewissen für einen Kandidaten entscheiden zu wollen.

Nach Drohungen und Versprechungen erhielten wir den Präsidenten, der die wohl betrüblichste Vorstellung seit Installierung des Amtes nach dem großen Krieg abgeliefert hat. Daraus, so könnte man schließen, hätten selbst diejenigen lernen müssen, deren Amt es ist, durch die Einberufung der Bundesversammlung und Wahrnehmung des eigenen Mandates und Vorschlagsrechts für eine Nachfolge zu sorgen. Aber in alter, eher germanisch-tribalistischer Tradition einigte man sich wiederum hinter den Kulissen auf Joachim Gauck, dessen Fehler es nicht ist, genannt worden zu sein.

Aber welches Verständnis von Demokratie herrscht bei den Parteivorsitzenden, die es fertig brachten, aus insgesamt fünf Bundestagsfraktionen insgesamt nur einen Kandidaten vorzuschlagen. Da ist es kein Palliativ, dass die Linke mit einer eigenen Kandidatin aufwartet und schon gar nicht, dass die NPD die Chance der Stunde nutzt. Demokratie ist die Möglichkeit, zwischen verschiedenen, ernst zu nehmenden Alternativen wählen zu können. Wie wäre es, so müssen wir uns fragen, wenn neben Joachim Gauck noch zwei oder drei andere, kompetente und honorige Kandidatinnen und Kandidaten zur Wahl stünden? Und wie wäre es, wenn neben Gauck und Clarsfeld, die eher die Kraft aus ihrer Vergangenheit ziehen, auch noch jemand präsent gewesen wäre, der oder die mit hervorragenden Konzepten einen Vorschlag für die Zukunft gemacht hätte?

Doch das braucht man dank der Vorgehensweise einer leichten Mutation unterzogenen Blockparteien nicht durchzuspielen. Das Ergebnis erinnert an die alten Usancen aus den totalitären Kapiteln der Geschichte. Und die Reaktion des Plebs macht nicht unbedingt deutlich, dass bei dieser Praxis irgend etwas vermisst würde. Da stellt sich die mehr als berechtigte Frage, wie es sein kann, dass in einem Land, in dem der Geist der Demokratie immer noch so fremd ist wie das leuchtende, aber kalte Mondgestein, immer noch die Chuzpe zur vorherrschenden Haltung zählt, wenn es um das Aburteilen anderer Länder geht. Denen bescheinigt man dann schnell einmal generelle Unfähigkeit, und, man höre und staune, vor allem in Sachen Demokratie.

Ja, es ist nur die Wahl des Bundespräsidenten, der außer einer starken protokollarischen nur eine moralische Stellung besitzt. Insofern war der Schaden, den der Vorgänger durch seine mangelnde Selbstachtung angerichtet hat, nicht systemisch gefährdend. Geht man jedoch davon aus, dass an der Art und Weise, wie in einem bestimmten Prozess vorgegangen wird, selbst ablesbar ist, welcher Geist die Handelnden treibt, dann geht der neue Präsident mit einer schlechten Referenz ins Amt. Dafür kann er nichts, aber die Hypothek steht. Es bleibt zu hoffen, dass er sich davon befreien kann.