Archiv für den Monat Februar 2012

Die Ära des restringierten Codes

Die in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Blüte stehende Soziolinguistik kam aus den USA und befasste sich mit dem Phänomen der Korrelation von Sprachkompetenz und der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen. Die These, dass eine kausale Beziehung zwischen sozialer Gruppe und Sprachkompetenz bestehe, war älter und mit europäischen Namen wie Wygotzki und Piaget verbunden. Das amerikanische Derivat und erstmals von Basil Bernstein formulierte Theorem ging nicht nur weiter, sondern hatte noch weit reichendere Folgen. Zwar unterschied Bernstein unterschiedliche Codes, wie er es nannte, nämlich den elaborierten und den restringierten, attestierte aber den Trägern des eingeschränkten, von der Komplexität eher spärlichen Codes eine gesellschaftlich ausreichende Ausdrucks- und Kommunikationskraft. Und prompt setzte eine Entwicklung ein, an deren Ende die gesellschaftliche Akzeptanz sprachlicher Inkompetenz stand.

Das Phänomen lässt sich sehr leicht verifizieren. Hört man heute Tondokumente mit Diskussionen und Gesprächen von Immigranten aus den USA der zwanziger bis fünfziger Jahre, so fällt auf, dass diese fast ausschließlich ein Hochenglisch sprechen und nur an ihrer Akzentuierung zu erkennen sind. Nach den in der Soziolinguistik entwickelten Theorien, die im Zusammenhang zu sehen sind mit der politischen Tendenz, mit normativen Forderungen an Einwanderer zurückhaltender zu werden, konnte ein in verschiedene Slangs zerfallender und an Niveau einbüßender Code des Umgangs- und Verkehrssprachlichen verzeichnet werden.

Die Digitalisierung der Kommunikation hatte keine gesellschaftspolitischen Ursachen, brachte dafür aber ungeheure Wirkungen mit sich. Eine davon unterstütze die Entwicklung der Sprache von der Komplexität zur Sparsamkeit. Aus der Notwendigkeit der Eindeutigkeit von Maschinensprache geboren, wurden Programme entwickelt, die mit eindeutiger, aber wenig varianzreicher Sprache bedient werden mussten. Spätestens mit der Einführung des Short Message Service (SMS) wurde offensichtlich, dass die Tendenz zur Maschinisierung der Sprache einen neuen qualitativen Sprung gemacht hatte. Ein weiterer, noch gewaltigerer Sprung wird derzeit durch die phonetische Befehlbarkeit der nächsten Maschinengeneration eingeleitet.

Das Ergebnis der beschriebenen Entwicklungen ist die Demolierung elaborierter Ausdrucksfähigkeit und einer Simplifizierung von Botschaften. Das epistemologische Axiom, dass Sprache Form des Denkens ist, erhält dadurch eine dramatische Deutung. Wenn Sprache sich vom Komplexen zum Einfachen, Dürftigen entwickelt, so müssen wir konstatieren, dann dokumentiert dieses bereits den Status des restringierten Denkens. Oder anders herum buchstabiert, die Dürftigkeit von Umgangs- und Verkehrssprache ist ein Indiz für den geistigen Verfall.

Der Umgang mit der digitalisierten Kommunikation ist folglich bei Weitem zu unkritisch, denn wenn er im Übermaß propagiert wird, fördert er die Produktion von Untertanen.

Und die Inquisition ist schon unterwegs…

Noch ist der neue Bundespräsident nicht gewählt, und schon werden die ersten Stimmen aus dem Lager laut, aus welchem ursprünglich der Vorschlag zu seiner Person kam, dass dieser Mann im Grunde genommen nicht wählbar sei. Oberflächlich betrachtet ist das überraschend, sieht man genauer hin, kann es gar nicht anders sein. Denn einerseits wollte man, auch schon vor zwei Jahren, dem Konzept der Kanzlerin, das die Neutralisierung des letzten politischen Gegners im eigenen Lager als Leitmotiv hatte, einen Entwurf entgegensetzen, der eine völlig andere Qualität besaß als ein politisches Begräbnis erster Klasse. Mit Herrn Gauck sollte das Modell des aufrechten, streitbaren und unbequemen Demokraten gesetzt werden, um der Kollusion im politischen System die Anklage zu überreichen.

In der Zwischenzeit aber ging das Leben weiter und es hat sich gezeigt, dass der Kandidat seiner Linie treu geblieben ist, diejenigen, die ihn vorschlugen, ihn aber zumindest zu einem erheblichen Teil nur als taktische Variante im Ärmel hatten. Zum Entsetzen der jetzt wie Moderpilze aus dem Boden schießenden neuzeitlichen Inquisitoren nämlich hat der Mann sich zu dem höchst umstrittenen Buch des ehemaligen Berliner Senators Sarrazin geäußert. Und, was ihm nun zum Vorwurf gemacht wird, er hat die Chuzpe besessen, dem Autor großen Mut zuzugestehen, ein derart brisantes Thema wie die Integration und die an ihr beteiligte, staatlich geförderte Industrie des Scheiterns offen anzusprechen und zu kritisieren. Da sprach aus dem Kandidaten genau das, was vorher für ihn bemüht wurde, nämlich das Aufrechte, Streitbare und Unbequeme. Des Gleichen wirft man ihm vor im Hinblick auf seine Positionierung in der Weltfinanzkrise. Auch dort hatte er sich nicht in den absurden Chor der Kritiker eines vermeintlichen Neoliberalismus eingereiht, sondern die Habgier der neuen Mittelklasse, die die Finanzinstitute auf abenteuerliche Beutezüge schickte, angeprangert.

Das schmeckt natürlich denen nicht, die ihrerseits das Demokratische stets für sich reklamieren, ihrem Verhalten nach aber das Erbe des Großinquisitors Torquemada für sich beanspruchen. Das passt nicht zu dem taktischen Zug, diesen Präsidenten etablieren zu wollen und wird bereits offensichtlich, bevor er überhaupt gewählt wurde. Im Grunde genommen kann unserer Republik nichts Besseres passieren, denn wenn einer in der Lage ist, die herrschende Ideologie, nämlich die der Political Correctness und der damit verbundenen Spiritualisierung von Politik zu entlarven, dann ist es dieser Kandidat. Der kommt zwar aus der Religion, aber aus einer Zeit, als man das im Osten noch brutal von der Politik trennte, und er wird wissen, wann es an der Zeit ist, politisch zu handeln und wann es besser wäre, das Gebetbuch aufzuschlagen.

Richtig interessant wird es auch noch dadurch, dass momentan die Parteien des die Bürgerschaft zunehmend entmündigenden Zeitgeistes in der Opposition weilen und die Chefideologen der aktuellen Inquisition sich erst auf eine neue Regierungsübernahme vorbereiten. Die Kanzlerin wird an dem neuen Präsidenten noch ihre Freude haben, die Opposition wird böse erwachen. Um die mächtige Welle der Gegen-Aufklärung zu stoppen, dafür ist ein Bundespräsident zu schwach. Mithelfen, ihr Unheil transparent zu machen, kann er sehr wohl.

Königsmacher, für eine Nacht!

So, als gäbe es kein Morgen mehr, gingen die Vertreter der Parteien an das, was sie die Prozedur zur Findung eines neuen Bundespräsidenten nannten. Nach dem nicht mehr erträglichen Gezerre um den alten Repräsentanten Nummer Eins sollte das wie eine Befreiung wirken. Tatsächlich tat es mehr als gut, den anderen gehen zu sehen, dennoch hatte das, was folgte, auch einen Beigeschmack, der alles andere als erfrischend wirkte. Es war nämlich ein schaler. Wir erlebten offene Runden live im Fernsehen und wurden über geschlossene zumindest unterrichtet. Und wir erlebten die politische Klasse in aufgeräumter Festtagsstimmung. Man war sich von Anfang an einig, dass die immer öfter formulierte Forderung nach Direktwahl des Bundespräsidenten gar nicht, aber auch gar nicht in die Tüte kommt.

Sie, die nun schon in Regelmäßigkeit vorexerziert hatten, wie sehr es um politische Macht und Einflussnahme geht und weniger um Qualifikation und politische Legitimation, wollen unter keinen Umständen das Volk bei der Entscheidung zur Besetzung des höchsten Amtes im Staate dabei haben. Und als hätten sie geahnt, dass es diesmal eng würde, wenn sie ihr letztes Monopol begründen müssten, einigten sie sich in einer Nacht- und Nebelaktion auf Joachim Gauck, den die Kanzlerin in Berlin quasi aus einem Taxi zerrte und ins Kanzleramt befahl. Nach dem Vorgänger konnten alle keine Fehler mehr machen, und so blieb der Schein gewahrt.

Was sich allerdings hinter der aggressiven Verteidigung der gegenwärtigen Prozeduren bei der Präsidentenfindung verbirgt, ist der absolute Machtverlust der politischen Klasse. Sie, die sich längst nicht mehr mit der tatsächlichen Macht bei Wirtschaft und Verbänden anlegt und das Wort Mandat entfremdet hat, hat kaum noch etwas, wo sie selbst gestalten kann. Quasi systemisch ist der mediale Opportunismus so weit gediehen, dass sie selbst es gar nicht mehr wagen, mit Vorschlägen und Konzepten in eine öffentliche Konkurrenz zu gehen.

Einen sehr guten Einblick in das Selbstbewusstsein der politischen Klasse liefern die Vorbereitungen auf die nächsten Bundestagswahlen. Sowohl Regierung wie Opposition setzen auf Portale und Internetforen, in denen sie den auch quantitativ messbaren Volkswillen absaugen und in ihr vermeintlich eigenes Programm ummünzen wollen. Verkauft wird das Ganze als neue, direkte und unmittelbare Form der Demokratie, was als Erklärung schon das Indiz für die Staatskrise ist. Es ist schon ein starkes Stück, allen Ernstes zu glauben, rein quantitative Verfahren zur Ermittlung eines Meinungsbildes sei die Königsform der Demokratie. Bestenfalls verbergen sich hinter diesem Unsinn ganz profane Interessen unpolitischer Natur.

Eine solche Position ist Defätismus pur, ist die Niederlagenstrategie und die Aufgabe des eigentlichen Mediums der Demokratie, nämlich der Streit und der Diskurs. Nur wenn sich verschiedene Konzeptionen oder Pogramme in einer leidenschaftlich geführten aneinander reiben, werden sie die Qualität besitzen, um sich durchzusetzen. Und wie weit wir von solchen, nämlich den besten Formen der Demokratie entfernt sind, sehen wir, wie die Politik auf die Medien schielt, bevor sie sich traut, zaghafte Visionen vom Morgen in den Äther zu stammeln. Da ist es doch mal richtig schön, so wie in alten, vor-demokratischen Zeiten, sich für eine Nacht in der Rolle von Königsmachern zu wägen.