Archiv für den Monat Oktober 2011

Brisante Dokumente, ein Genre aus dem Jenseits

„Jede Freundschaft mit mir ist verderblich“: Joseph Roth und Stefan Zweig. Briefwechsel 1927 – 1938

Klassisch ist die Veröffentlichung von Briefwechseln nicht immer eine Bereicherung. Oft wird durchaus Profanes, das nichts Tieferes verbirgt, nicht dadurch besser, weil es aus der Feder renommierter Größen stammt. Der Briefwechsel zwischen den Schriftstellern Joseph Roth und Stefan Zweig hingegen gewährt tiefe Einblicke in die Tragödie des menschlichen Daseins. In einem Genre, das heute nicht mehr existierte, nämlich dem mit Hand oder Schreibmaschine geschriebenen physischen Brief, der Tage oder Wochen unterwegs war, zu unterschiedlichen Adressen des Exils, versuchen diese beiden Schriftsteller, das Band ihrer Freundschaft nicht zerreißen zu lassen.

Die Gemeinsamkeiten sind auf den ersten Blick groß: beide sind erfolgreiche Schriftsteller, beide stammen aus Österreich und beide sind Juden. In der Korrespondenz jedoch werden die Welten deutlich, die zwischen beiden liegen. Joseph Roth, der das Stigma des Ostjuden vor sich selbst nie ablegen konnte und stets glaubte, sich beweisen zu müssen, Joseph Roth, der sich vom Schicksal verfolgt glaubte und trotz großer literarischer Erfolge in ständiger Geldnot lebte, Joseph Roth, dem die Melange aus persönlichem Schicksal und politischem Debakel zu ungenießbar wurde und dem Alkohol verfiel. Dagegen Stefan Zweig, der Großbürger und Wiener, der Erfolgsautor und Wohlhabende, dem alles in den Schoß zu fallen schien, bis ihn das Unsägliche des Faschismus ungläubig in die Isolation, die Emigration und letztendlich in den Freitod trieb.

Die in dem vorliegenden Buch dokumentierte Korrespondenz der beiden beginnt mit dem scheinbar Alltäglichen, den Informationen über wechselnde Adressen und Verlage. Ein sehr impulsiver und ständig sich in Erinnerung bringender Joseph Roth und ein selten, dann aber überlegt und ausführlich antwortender Stefan Zweig. Erst mit dem Jahr 1933 wird die Korrespondenz politischer und der durch Diskriminierungen geschulte Ostjude Joseph Roth ist derjenige, der das Wesen des Faschismus sogleich schonungslos beschreibt und seinen Freund Zweig vor Illusionen warnt. Roth weiß bereits bei der Machtübernahme, wohin das alles führen wird: bei ihm zum frühen Tod und bei Europa zur Zerstörung. Da ist es Zweig, der es nicht glauben will und erst durch schmerzhafte Fehler, in dem er den falschen Leuten Vertrauen schenkt, zu einem Prozess der argen Erkenntnis kommt. Die Korrespondenz wird in den letzten fünf Jahren hitziger und gehetzter, bei Roth sind es Geldsorgen und die durch den Alkohol angegriffene Gesundheit, bei Zweig die Irritation über den sich selbst zerstörenden Freund und die untergehende Kultur, die die Lektüre zu einer mit Spannung geladenen Studie macht.

Die hier publizierten Briefe, die übrigens in einem ausführlichen Anhang sehr gut kommentiert sind und es dadurch auch historisch weniger vertrauten Leserinnen und Lesern ermöglichen, die Vorgänge nachvollziehen zu können, sind ein dramatisches Logbuch über die Freundschaft zweier Schriftsteller, die sie nicht vor dem Untergang bewahren konnte.

Mit dem Geigerzähler im Bett

Vor allem im südwestdeutschen Raum, da wo die Avantgarde der revolutionären Bewegung momentan beheimatet zu sein scheint, waren die Geigerzähler kurz nach dem Unfall des Atomkraftwerkes in Fukushima ausverkauft. Seitdem schlafen die Revolutionäre mit diesem Instrument und wenn es nachts zu knattern beginnt, dann sind es keine radioaktive Strahlen, sondern die energetischen Eruptionen der Weltrevolution. Es geht um Nachhaltigkeit schlechthin, den Kampf um ein faschistisches Baumonument, das man als Bahnhof erhalten will und für den Ausbau einer Bürokratie, die nichts auslässt, um der Selbstbestimmung des Individuums den Garaus zu machen.

Das, was sich in der Selbstwahrnehmung als das Revolutionärste erlebt, das in der jüngeren Geschichte in Deutschland zu verbuchen ist, erinnert in Vielem an eine Bewegung in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, die unter dem Slogan „Zurück, oh Mensch, zur Mutter Erde“ die eine oder andere Gemarkung für die Ideologieverdrossenheit und die Erosion der Demokratie gesetzt hat. Aus einer vermeintlichen Philanthropie hatte sich eine moralistische Intoleranz gebildet, die der Zivilisation mit ihren weltlichen Konstitutionsprinzipien den Kampf angesagt hatte. Auch dort herrschte die Vorstellung von der moralischen Überlegenheit der Graswurzler, und auch dort lag ein Keim für die Hybris von Herrenrasse.

Vieles von dem, was sich damals beobachten ließ, erlebt derzeit eine Renaissance. Die Hybris ist genauso geblieben wie manch unzivilisiertes Auftreten, das mit der Gerechtigkeit der Sache entschuldigt wird. Es scheint, als sei das einzig Beständige an der Existenz der Deutschen das Sektenwesen, denn herausragende säkuläre Errungenschaften lassen bis heute auf sich warten, während im Bacchanal des Sektierertums alle Rekorde gebrochen werden.

Die Bankenkrise, die sich als weltweites Phänomen entpuppt hat und als solches nur in seinen Ursachen politisch bekämpft werden könnte, wird natürlich und immer noch aus Kränkung für die nicht geleistete eigene Befreiung den USA in die Schuhe geschoben. Weder existierten dort Staatsbanken mit politischem Personal, die es derartig getrieben haben, wie die hiesigen Landesbanken, noch hat die Bundesrepublik als Lehre aus der Krise annähernd Maßnahmen gegen die Spekulation beschlossen wie die US-Regierung. Da ist es aus der Selbstwahrnehmung nur logisch, dass die hiesigen Beischläfer des Geigerzählers es der Widerstandsbewegung Occupy Wall Street absprechen, zu wissen, worum es in Wirklichkeit geht.

Angesichts der hiesigen lauen und unwirksamen Widerstandformen gegen finanzkapitalistische Exzesse, die weit hinter die Massenbasis der Bewegung gegen die Vernichtung des Feldhamsters zurückfällt und mit so herzigen Vorschlägen wie der Verstaatlichung der Banken (!) einhergeht , muss man sich schon fragen, ob es sich dabei um ein rein psychopathologisches Phänomen der Selbstüberschätzung schlechthin handelt, oder ob der Gedanke an die Herrenrasse selbst im Dachstübchen der Zivilisationskritiker unbeschadet überlebt hat.

Das taylorisierte Subjekt

In einem Werbefilm des Autobauers BMW wird die Vision eines Werkstattarbeitsplatzes der Zukunft beschrieben. Wie in einem wissenschaftlichen Labor steht ein Mensch, den man vor gar nicht allzu langer Zeit noch Automechaniker genannt hätte. Man kann beobachten, wie ein defektes Fahrzeug angeliefert wird und der gute Mann die Motorhaube öffnet. Von der Diagnose erfährt man leider nichts, sondern der Prozess beginnt sogleich mit der Reparatur. Dazu benötigt nun der Techniker der Zukunft eine multifunktionale Brille, die er sich aufsetzt und die ihn vermittels akustischer Instruktionen und sequenzieller Schaubilder Schritt für Schritt anweist, was zu machen ist. In einem klinisch reinen Prozess befolgt der Mann die Befehle und nach relativ kurzer Zeit sind die defekten Module ausgetauscht und neue eingesetzt. Zum Schluss nimmt ein glücklicher Mensch die Brille vom Kopf und hat seine Arbeit beendet.

Während Sigmund Freud den Menschen der Moderne als einen Prothesengott beschrieb, der seine natürlichen Anlagen mit Instrumenten verlängere und verstärke, um die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten, sah Karl Marx bereits gewisse Tendenzen in der fremdbestimmten Arbeit, die nicht mehr aus der Regie des handelnden Subjektes heraus vonstatten ging, sondern aus einem Entmündigungsverhältnis, das vertraglich geregelt ist und indem es ausschließlich um die Bereitstellung der Arbeit in Form von Zeit, aber nicht um deren inhaltliche Form der Verwirklichung geht.

Das Phänomen, um das es immer bei fremdbestimmter, zunehmend industriell geprägter und tayloristisch organisierter Arbeit ging, war die so genannte Entfremdung. Damit ist die sich verstetigende Irritation des Individuums gemeint, eine dauerhafte den Sinnstrukturen des eigenen Subjektes fremde Tätigkeit auszuführen, die das Gros der individuellen Energien beansprucht.

Seit der Gründung von Gewerkschaften war immer neben den ökonomischen Zielen der Organisation genauso prominent der Kampf gegen die entfremdete Arbeit ein Thema. Mit der zunehmenden Reduzierung industrieller Arbeit und der Digitalisierung der produktiven Prozesse wurde immer wieder von so genannten intelligenten Arbeitsplätzen gesprochen, die dem Subjekt, auch in der fremd bestimmten Arbeit, eine Autonomie in dem Prozess verleiht, die das Phänomen der Entfremdung zu einer historischen Erscheinung mache.

Sieht man sich als Beispiel die Werkstattvision aus dem Hause BMW an, dann ist sowohl der Prothesengott, den Freud ja in hohem Maße kritisch sah, und auch der entfremdete Industriearbeiter, wie Marx ihn vor Augen hatte, ein Ausbund an Autonomie und Selbstbestimmung. Die dort beschriebene und angestrebte Form der Arbeit macht das Subjekt zum Instrument des eigentlichen Instruments. der Roboter weist das humane Subjekt an, was zu tun ist und macht es somit zu einem Objekt der Maschine.

Historisch schließt sich somit die Digitalisierung der menschlichen Arbeit den verschiedenen Wellen der Revolutionierung von Arbeit an. In der ersten Phase wird die technische Innovation bestaunt, in der zweiten wird sie mit allen Attributen propagiert, die man bei der Vorgängerin so schmerzlich vermisst hat und in der dritten Phase wird deutlich, dass die Innovation das Grauen nur potenziert, wenn man die Diskussion über die Verfügungsgewalt über die Arbeit tabuisiert.