Archiv für den Monat September 2011

Deutsche Belehrungen und türkische Fakten

Der Besuch des türkischen Präsidenten Abdullah Gül hat in Deutschland eine Reaktion ausgelöst, die befremdlicher nicht sein könnte. Der Tenor, der sich durch das Gros der Kommentare zieht, konzentriert sich auf Defizite der türkischen Demokratie, türkische Positionen zu Israel, die Einstellung der türkischen Regierung zu den in Deutschland lebenden Türken und das Selbstbewusstsein, mit dem der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan jüngst bei seinem Besuch in Kairo aufgetreten ist. Insgesamt besteht die Türkei in den Augen vieler nicht den Test, um sich für eine Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union zu qualifizieren.

Wie in vielen Fällen sind mangelndes Wissen im Allgemeinen, mangelndes historisches Wissen im Besonderen und politischer Illusionismus Ursache für die vorwiegend negative Berichterstattung. Sieht man sich die Fakten genauer an, dann rechtfertigen diese nicht die Begutachtungen, die in der Bundesrepublik von Politik und Medien ausgestellt werden.

Die seit 2003 gewählte AKP mit ihrem Ministerpräsidenten Erdogan an der Spitze hat die von Bülent Ecevits Republikanischer Volkspartei während dessen Regierung (1999-2002) eingeleiteten Reformen des Zivilrechts fortgesetzt und mit der Abschaffung der Todesstrafe und der Abschaffung der Folter keinen Zweifel gelassen. Zudem wurden Rechte der Teilautonomie für die nationalen Minderheiten gewährt. Es folgte eine breit angelegte Kampagne gegen die Korruption und der Laizismus wurde bis heute nicht angetastet. Die momentan so beklagte Entmachtung des Militärs, welches in der jüngeren Geschichte der Türkei dreimal durch einen Putsch die Demokratie außer Kraft gesetzt hat, kann man auch anders interpretieren.

Die Türkei unter der Regentschaft der AKP hat aus der Finanzkrise im Jahr 1998 in der Folge Schlüsse gezogen, die sich als richtig erwiesen haben. Das Land hat den maroden Banken eine geordnete Insolvenz gegönnt, die Anzahl der nationalen Kreditinstitute drastisch reduziert und ist der Basler Vereinbarung beigetreten, in der eine auskömmliche Eigenkapitalausstattung und das Risikomanagement von Banken geregelt ist. Die Konsequenz war, dass das Weltfinanzdesaster von 2008 nahezu spurlos an der Türkei vorbeigegangen ist und wir es heute mit einer solventen Volkswirtschaft und soliden Staatsfinanzen zu tun haben. Das wohl größte Verdienst der AKP, der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, ist in dem Gelingen zu suchen, ein relativ rückständiges und über Jahrzehnte schlecht geführtes Land mit ordnungspolitischen Maßnahmen und Investitionen in Infrastruktur und Bildung in die Moderne befördert zu haben, ohne die Bevölkerung massiv zu verängstigen und in die Arme fundamentalistischer Lösungsversprechen getrieben zu haben.

Zur Beurteilung einer Politik sollte man den Status quo ante zu Rate ziehen. Nur im Vergleich mit der Vergangenheit lässt sich beurteilen, ob eine Politik zielführend war und wie sie sich auf das betreffende Land ausgewirkt hat. Vergliche man die Entwicklung der beiden Länder, von denen hier die Rede ist, dann sollten diejenigen, die momentan die Rolle des herablassenden Lehrers einnehmen, in tiefer Demut schweigen. Wer nahezu nichts mehr zustande bringt, sollte Defizite bei anderen nicht überzeichnen.

Maos Parabeln und Dengs Pragmatismus

Henry Kissinger. China. Zwischen Tradition und Herausforderung

Wenn ein ehemaliger Politiker über die Zeit seines politischen Wirkens ein Buch schreibt, impliziert dieses nicht selten die Gefahr, dass die Darstellung dazu dienen soll, die eigenen Aktivitäten in einem sehr positiven Licht erscheinen zu lassen. Henry Kissinger, der ehemalige Politikprofessor und Außenminister unter den amerikanischen Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford, war in der Verantwortung, als die USA unter Nixon die Position des eigenen Landes in der sich ändernden globalen Machtkonstellation neu justierten. Das vor allem durch den Korea-Krieg in den fünfziger Jahren schwer belastete Verhältnis zu China sollte unter dem Aspekt der Auseinandersetzung um die Vormachtstellung in der Welt mit der damaligen Sowjetunion auf neue Füße gestellt werden, da die Widersprüche zwischen den einstigen Verbündeten im kommunistischen Lager deutlich wurden und Signale aus China kamen, die eindeutig gegen die Sowjetunion gerichtet waren.

Wohltuend und bereichernd sind die Verweise Kissingers in seinem Buch China. Zwischen Tradition und Herausforderung auf das historisch gewachsene Selbstverständnis Chinas seit seiner hegemonialen, aber nicht imperialen Vormachtstellung in der Welt. Der Rekurs auf den Sino-Zentrismus und die Erklärungen in Bezug auf die chinesische Denkweise hinsichtlich internationaler Beziehungen und der eigenen dominanten Stellung sowie die Einlassungen über den Opium-Krieg, den Niedergang des Kaiserreichs und die japanische Besatzung helfen, um die Positionen des Neuen Chinas, das unter Führung Mao Zedongs seit 1945 das Gesicht des Landes bestimmte, zu verstehen.

Die Kapitel des Buches, die sich mit Kissingers eigener Rolle in der Vorbereitung einer gemeinsamen diplomatischen und politischen Agenda zwischen China und den USA befassen, sind mitnichten eine Beweihräucherung der eigenen Rolle. Sie werden benutzt, um die politischen Entwicklungen des Landes vom Anti-Imperialismus bis zur Kulturrevolution und deren Schwanengesang zu erklären und die Positionen des Führungspersonals von Mao bis Zhou zu dechiffrieren. Besonders aufschlussreich sind die Kommentare zu den Wortprotokollen, die Kissinger ausführlich nutzt, um dem Leser aus dem Westen die an Parabeln angelegte Ausdrucksweise in die konkreten innen- wie außenpolitischen Zusammenhänge zu erklären. Dazu gehört ein sehr ausgeprägtes Verständnis der chinesischen Symbolik und feinsinnigen Diplomatie.

Auch die weiter führenden Kapitel, die sich auf den nach zwei Verbannungen wieder hoch gekommenen Deng beziehen und den Bruch darstellen zwischen dem Anliegen der Kulturrevolution, die tradierten Denkweisen niederzureißen und dem Desaster, welches dieser Bürgerkrieg im Land in Bezug auf die Intellektuellen und die Produktivkräfte angerichtet hatte, und den Übergang zu der Entwicklung darstellen, die die Volksrepublik zu einem Wirtschaftsgiganten und Global Player ersten Ranges gemacht haben, sind von Kenntnis gesäumt, kommen ohne Ressentiments aus und bestechen durch Objektivität.

Die chinesische Reformpolitik und der Aufstieg des Landes, der nicht korrespondierte mit einer breiten Demokratisierung des Landes, nutzt Kissinger nicht, wie viele andere westliche Beobachter, um den Stab über das Land zu brechen, sondern er versucht, die Spezifika der chinesischen Denkkultur zur Erklärung für Entwicklungen zur Hilfe zu nehmen. Das kann Verstimmung bei denjenigen auslösen, denen das Defizit an Demokratie nicht gefällt, was mehr als verständlich ist, und gerne eine negative Etikettierung hätten, was nicht weiter hilft. Um die Großmacht, die sich derzeit anschickt, mit wirtschaftlichen Mitteln ihre Märkte in den USA und Europa zu sichern, besser zu verstehen, eignet sich das Buch in hervorragender Weise.

Zwischen Bühne und Straße

Trombone Shorty. For True

Der 1986 in New Orleans geborene Troy Andrews, sicherlich als Trombone Shorty im Big Easy sozialisiert und jetzt auch unter diesem Namen vermarktet, hat für seine 25 Jahre bereits einiges vorzuweisen. Obwohl er nicht mehr der Generation angehört, die sich ausschließlich über die Straße hoch kämpfte und er stattdessen das renommierte New Orleans Center for the Creative Arts besuchte, hat er, so scheint es, den musikalischen Stoff der Straße mit der Muttermilch in sich aufgenommen. Mit sechzehn veröffentlichte er sein erstes Album, Swingin´Gate, damals bereits wohl beachtet, es folgten Praktika bei einigen Größen des Genres, bis er im letzten Jahr mit dem Album Backatown den Durchbruch schaffte.

War Backatown quasi das Signal, dass Trombone Shorty von einer längeren Entwicklungsreise zurück nach New Orleans zurückgekehrt war, so ist For True ein Bekenntnis zu diesen Wurzeln, wenn auch ein halbherziges. Denn Trombone Shorty ist natürlich auch ein Kind seiner Zeit und seine juvenilen Inspirationen kommen aus dem Hip Hop, seinerseits mit sehr starken Impulsen aus dem Funk. Auf For True erwartet den Hörer jedoch eine Mischung verschiedenster Ansätze und Genres. Quasi im Wechsel der fortlaufenden Titel beginnt mit Buckjump, For True, Langniape, Dumaine Street etc. quasi jedes zweite Stück mit dem klassischen, atemberaubenden Groove der Straßenmusik aus New Orleans, wie sie in den letzten zwei Jahrzehnten durch die Rebirth Brass Band kultiviert wurde. So ist es kein Wunder, dass Shorty Trombones eigene Band, die New Orleans Avenue, das Album zusammen mit der Rebirth Brass Band eröffnet.

Ungewöhnlich sind die alternierenden Titel, die ihrerseits nicht nur das Genre wechseln, sondern auch durch zahlreiche Gastinterpreten wie Lenny Kravitz, Jeff Beck, Warren Haynes, Kid Rock und Ledisi wie eine Promotion Tour in eigener Sache wirken. Die zum New Orleans Street Style korrespondierenden Stücke mit den Celebrities sind isoliert betrachtet nicht schlecht, aber man fragt sich schon, welchen Ton darin ein Shorty Trombone angibt oder warum sie dort sind, wo sie sind. Die Stilrichtungen werden dominiert durch die Gäste, und wie man der Liste der Namen entnehmen kann, wechseln Genres wie Rock und Blues mit Hip Hop und R&B. Alles ganz gefällig, mit einer von einem Hochtalent gespielten Posaune.

Die eigentliche Dynamik und das Atemberaubende an manchen Stellen wird inspiriert von dem Mardi-Gras-Spirit aus New Orleans, man merkt, dass Trombone Shorty dorther kommt und dorthin gehört. Stücke wie Big 12 zeigen, wie gewaltig diese Kraft ist, die sich auf den Straßen zusammenballt und in diesem Melting Pot noch einiges zusammenbringt. Und das macht das Album trotz der Inkonsistenz zu einem Ausrufungszeichen. Denn mit wem die Rebirth Brass Band spielt, der gehört schon zur ehrenwerten Familie. Ob es allerdings zum Paten reicht, liegt daran, ob Trombone Shorty auf den Kodex schwören wird. Es steht noch dahin…