Archiv für den Monat Juli 2011

Liebe und Tod auf Utøya

Im Grunde genommen haben wieder alle Recht. Das Desaster, von dem wir aus Norwegen hören, wird von allen Seiten in Überschallgeschwindigkeit erklärt. Da waren zunächst diejenigen, die schon von einem islamistischen Hintergrund des Bombenanschlags und des Massenmordes sprachen, bevor man überhaupt wusste, was passiert war. Dann kamen die aus der Deckung, die natürlich wussten, dass es ein Rechter oder Neonazi war, der das alles verbrochen hatte. Letzteres erwies sich, wenn man es ohne Etiketten nicht erträgt, als die tatsächliche Meldung. Und wie bestellt bekamen wir alle Standardargumente, die in unzähligen anderen Fällen dieser Art bemüht werden, auch jetzt wieder zu hören: Der Mann verlustierte sich an Gewalt verherrlichenden Videospielen, er war in rechten Foren im Internet, er war Mitglied eines Schützenvereins und er hatte Zugang zu hochtechnischen Waffen. Die Industrie funktioniert. Wie ein Springteufel sprudeln die Argumente hervor, die Nachrichtensendungen überhäufen die Interessierten mit immer wieder denselben Bildern und Gesten. Nur kritische Fragen finden nicht statt. So funktionieren Diktaturen.

In diesem Fall allerdings wird in der nicht medialen Öffentlichkeit heftig diskutiert. Es geht dabei um die Frage, wie es sein kann, dass sich, wie auf der Insel Utøya geschehen, nahezu 600 Jugendliche an der Grenze des Erwachsenenaltes über 1 1/2 Stunden haben wie die Lämmer von einer einzigen Person haben abschlachten lassen, ohne auch nur für einen Moment auf den Gedanken gekommen zu sein, sich zu wehren. Das Risiko, nichts zu unternehmen, konnten sie bereits nach wenigen Minuten abschätzen, es war der sichere Tod. Etwas dagegen zu unternehmen, hätte dieses Risiko von vornherein dramatisch minimiert. Jedoch nichts von dem geschah und natürlich wird es unzählige Argumente dafür geben, dass nichts geschehen ist. Nur eben kein vernünftiges. Und nicht trotz, sondern wegen des jugendlichen Alters derer, die dort versammelt waren, ist die Tatsache eines nicht wenigstens aufgeblitzten Widerstandes die eigentliche Tragödie.

Das Wesen eines freien Menschen ist die Fähigkeit, seinen Willen zu erkennen und zu artikulieren, es ist das Vermögen, diesen Willen in einer größeren Situation einzuordnen und die Selbstachtung, auch in schwierigen Situationen für diesen Willen gegen Druck einzustehen. Auf Utøya wurde deutlich, dass diese Grundvoraussetzung von Freiheit bei vielen jungen Menschen in unserem Kulturraum nicht mehr auszumachen ist. Es ist das Resultat von vornehmlich nach Harmonie strebenden Entmündigungsideologien, die suggerieren, dass Wehrhaftigkeit und Selbsterhaltungstrieb militante, despektierliche Eigenschaften seien, die es zu bekämpfen gelte, komme da, was da wolle. Es ist die Krönung politischer Dekadenz, gegen die nun der politische Widerstand organisiert werden muss.

In ihrem Roman Liebe und Tod auf Bali schrieb Vicki Baum über den Widerstand des balinesischen Königshauses gegen die Unterwerfung unter das niederländische Kolonialjoch. Um ihre Unabhängigkeit zu wahren, zogen sie in den Kampf gegen die militärisch haushoch überlegenen Invasoren. Als sie feststellten, dass der Kampf nicht zu gewinnen war, stürzten sie sich kollektiv in ihre Dolche. Der Tod war ihnen genehmer als die Sklaverei. Das Buch sei allen empfohlen, die allzu gerne glauben, der Preis der Freiheit sei irgendwo ein für allemal bezahlt. Und es möge alle zum Nachdenken anregen, die der Auffassung sind, die Alimentierung großer Kompensationsindustrien, wie der der Traumatologie, der Integration, der Sozialhilfe und wie sie alle heißen, bewahrten jedes einzelne Individuum davor, für die Freiheit und das Leben kämpfen zu müssen.

Eine Sternstunde des Jazz

Weather Report. Live in Offenbach 1978

Auch wenn alle Studentinnen und Studenten von Musikhochschulen, deren Professoren vom Fusion geprägt sind und die sich in Eis konserviert haben, um die Zeit stillstehen zu lassen, fluchen: Es gab eine Zeit, da war Fusion eine Wohltat, weil es das Genre überhaupt war, das sich öffnete, um frischen Wind in den Jazz und die musikalische Entwicklung insgesamt hereinzulassen. Die Band Weather Report, ihrerseits von ehemaligen Mitgliedern einer Miles Davis Formation gegründet, war eine artistisch geniale und spirituell revolutionäre Formation. Joe Zawinul (Keyboard) und Wayne Shorter (Tenorsaxophon) als Gründungsmitglieder bildeten von 1970 an das Skelett eines oft wechselnden Ensembles, zu dem Mitte der siebziger Jahre noch der legendäre Jaco Pastorius (Bass) und Peter Erskine (Drums) stießen. Die Hochphase der Band, die tiefe Spuren in der neueren Geschichte des Jazz hinterließ, kann als von 1976 bis 1985, ihrem Ende, angesetzt werden. In dieser Zeit fand das Konzert in Offenbach statt, dessen Mitschnitt heute als die Dokumentation einer Sternstunde des Jazz angesehen werden muss.

Auf zwei CDs mit insgesamt 18 Titeln erleben die Hörer mit Black Market und Scarlet Woman einen schleppenden Beginn, was insofern schade ist, als dass Black Market eine derartig sensationelle Rezeption erlebte, dass man das Stück in einer dynamischeren Erinnerung haben möchte. Schließlich wirkte das Stück auf den afrikanischen Kontinent zurück und war sogar über 20 Jahre hin die Erkennungsmelodie von Radio Dakar im Senegal gewesen. Aber spätestens bei The Pursuit of the Woman with the Feathered Hat bekommt man mit dem wuchtig intonierten, melodiös-rhythmisierten Bass eines Jaco Pastorius eine historische Lektion über die mögliche Leichtigkeit radikaler Veränderungen. Bei River People, wie die meisten Songs der Playlist heute ein Evergreen in der Diskographie von Innovatoren, sind Band wie Publikum bereits auf Betriebtemperatur und Skurrilität wie Dynamik der Arrangements werden deutlich.

Bei Delores/Portrait of Tracy/ Third Stone from the Sun präsentiert Weather Report einen Medley aus dem Inspirationsdepot eines Wayne Shorters, eines Jaco Pastorius und eines Jimi Hendrix und macht allein damit deutlich, dass sie zeitgenössisch mit zu dem Edelsten gehörten, was das Genre zu bieten hatte. Das Fest wird fortgesetzt mit In A Silent Way und Teen Town, steuert auf Zawinuls Welthit Birdland zu, in dem das große Erbe des Bebop in die damalige Gegenwart gezogen und der Eindruck einer funktionierenden Tradition suggeriert wird. Und mit Elegant People und Badia/ Boogie Woogie Waltz wird der Eindruck gleich wieder mit der Selbstverständlichkeit einer revolutionären Aktion ins Experimentelle außer Kraft gesetzt.

Die Aufnahmen sind in einer guten Qualität und bescheren uns die grandiose Stimmung, die diese Ausnahmeband in der Lage war zu vermitteln, und zwar mit ungewohnten Weisen, verstörenden Interpretationsmustern und schriller Intonation!

Cartesianische Logik & Systemische Empathie

Wir sollten uns davor hüten, der Hybris zu verfallen, das Phänomen der Globalisierung als ein Novum zu sehen. Historiker verweisen auf frühere Perioden der Weltgeschichte, in der analoge Entwicklungen zu verzeichnen und zu beobachten waren. Zwar existieren selbst bei den Historikern unterschiedliche Schulen, wobei die eine vor allem darauf verweist, das Phänomen sei so alt wie die Menschheit und die Hochphasen des Römischen Reiches umfassten viele Charakteristika, die auch heute zu beobachten seien, während andere wiederum Phasen verschiedener Globalisierungswellen in einem spezifisch modernen Sinne mit dem 15. Jahrhundert ausmachen, als die Expansion Europas in die Welt begann.

Es scheint immer nützlich zu sein, sich nicht in den Rausch der Erstmaligkeit zu begeben, weil die Rationalität in der Regel darunter leidet. Insofern ist es unerheblich, welcher Auffassung man sich anschließt. Interessant dagegen ist vor allem die Frage, was denn die Weltkulturen und ihren Zugang der jeweiligen Zivilisation ausmacht. Sind es Produktionsverhältnisse, Produktivkräfte, Technologien oder Wirtschaftsdaten, wie viele zeitgenössische und so abscheulich benannte Analysten zu suggerieren suchen? Oder ist es ein kultureller Denk- und Erklärungsansatz, der sowohl in den materiellen Lebensbedingungen als auch in dem spirituell erlebten Zivilisationsprozess erlebt worden ist?

Die ungeheure Warenansammlung, von der Karl Marx in den einleitenden Gedanken seines Kapitals sprach, bediente nach seiner zutreffenden Auffassung nur die Phänomenologie und half nicht, die Funktionsweise der Wertschöpfung zu entschlüsseln. Indem er den cartesianisch begründeten Leistungsbegriff in die Wertschöpfung einführte, konnte er die Wertschöpfung erklären und das Phänomen der Ware entzaubern. Und so wie der logisch-rationale Streich des Westlers den Kosmos des Messbaren zu erschließen hilft, genauso bedarf es eines Zugangs, der die spirituell-intuitiven Dimensionen der menschlichen Gesellschaften durchdringt.

Das aus Medizin und Psychologie entwickelte Modell der beiden Gehirnhälften, welches die unterschiedlichen kognitiven wie emotionalen Welten des Individuums zu erschließen hilft, ist längst in die Erklärungsmuster der Weltkulturen vorgedrungen und hat bereits entscheidend dazu beigetragen, die unterschiedlichen Prozesse im Weltverständnis und in der Strategieentwicklung geographisch positionierter Kulturen und Gesellschaften zu erschließen. Demnach stoßen wir zunehmend auf die Prototypen der cartesianischen Logik im Westen und der Systemischen Empathie im Osten.

Die große Chance für die Entwicklung aller Gesellschaften liegt in dem sich verstärkenden Zugang zu den jeweiligen Denkweisen des anderen Kulturkreises durch die zunehmende Durchmischung der Erfahrungswelten aufgrund von Migration, und zwar auch und vornehmlich der Eliten. Es ist von vordringlicher Bedeutung, den Diskurs von Ost und West hinsichtlich der unterschiedlichen Erlebbarkeit der Welt einem großen Publikum zugänglich zu machen, weil sonst ein weiteres, nicht mehr zu dimensionierendes Zerwürfnis droht.