Archiv für den Monat Mai 2011

Jazzig, sozial-romantisch, lakonisch und schnoddrig

Blood, Sweat & Tears, What Goes Up! Best Of

Die ausklingenden sechziger und beginnenden siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts können aus heutiger Sicht als die Sternstunden der musikalischen Innovation bezeichnet werden. In jeweils wenigen Jahren entstand eine Popkultur, deren Name eng mit den Beatles oder Stones verbunden ist. In derselben Zeit revolutionierte Jimi Hendrix den Electric Blues, schuf ein Bob Dylan ein eine neue Dimension des Rock und überall, wo Stöpsel in die elektrischen Gitarren gesteckt wurden, entstanden Formen der Musik, von denen die Epigonen nachher Jahrzehnte zehrten.

Die 1967 in New York gegründete Band Blood, Sweat & Tears war ebenfalls etwas Neuartiges, weil es ihr gelang, die Bläserinstrumentierung mit ihrem eigenen Genre des Jazz in die neuen Formen des Rock und Blues aufzunehmen. Zu jener Zeit, als in der Szene jedes Saxophon und jede Trompete als ein Irrläufer aus irgendeiner Militärkapelle abgetan wurde, setzten sich der Keyboarder Al Kooper und der Ausnahmetrompeter Randy Brecker zusammen und formierten eine gar bläserlastige Band, die einschlug wie ein Meteor.

Bis zum heutigen Tag sind Hits wie And When I Die, Hi-Di-Ho, Smiling Phases oder Spinning Wheel Fanale dieser Innovation. Und es spricht bis heute für diese Band, dass in allen Fällen die Originale besser sind als die vielen Versuche, sie zu covern.
Umso mehr freut man sich, eine Doppel-CD von Blood, Sweat & Tears erwerben zu können, auf der diese Marksteine des Brass-Rocks zu hören sind.

What Goes Up. Best Of ist jedoch ein Album, das mehr zu bieten hat als die bloße Reminiszenz einiger Hits. Der erste Titel, Refugee From Yuhupitz, deutet die Virtuosität eines Randy Breckers in seinen Jazzlinien bereits an. House In The Country ist eher ein Zeitdokument über die sozial-romantischen Träume einer Aussteigergeneration, wohingegen You´ve Made Me So Very Happy eine beachtliche epische Qualität erreicht. Auf der zweiten CD brillieren Stücke wie Mama Gets High, einem lakonischen Blues, der der Pietät regelrecht das Fell über die Ohren zieht, dem Hancock –Klassiker Maiden Voyage, interpretiert in einem erstaunlichen Nuancenreichtum sowie Mean Ole World als Live-Version, die als schnoddriger Rock daher kommt und auch von der Wahl der Reihenfolge der Stücke einen sehr guten Geschmack beweist.

Blood, Sweat & Tears! Ein Churchill-Zitat, das die turbulente, aber bereits in Ansätzen saturierte Rockwelt jener Tage mächtig verstörte und mit einem grandiosen Bläsersatz der Musik der Rebellen die Wärme dieser Instrumentierung wieder zurück gab, und hat mit diesem überarbeiteten und klanglich akzeptablen Album eine Stimme bekommen, die man sich immer mal wieder anhören sollte.

Die Parabel als Notwendigkeit der emotionalen Kühlung

Angesichts der oft hitzigen und teils überhitzten Diskussionen, die aus den heißen Botschaften der medialen Welt gespeist werden, stellt sich die berechtigte Sorge nach dem Verbleib kühler Rationalität ein. Letztere kommt immer mehr zu kurz, das Tempo und die Emotion bestimmen unsere Diskussionen. Und dieses, obwohl wir vor vielen Fragestellungen stehen, die richtungsweisend und von großer strategischer Bedeutung sind.

In den frühen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts, als das Theater noch stand für einen Ort, an dem das Geschehen dargestellt und reflektiert wurde, platzierte der Dramaturg und Stückeschreiber Berthold Brecht mit seiner Theorie der Verfremdung eine Strategie der Inszenierung, die bewusst Kühle und Distanz schuf, um das Wirken der Ratio zu begünstigen. Unter der Überschrift der Parabel komponierte er alltagstypische Handlungen, die entweder geographisch, kulturell oder historisch weit genug entfernt waren, um nicht gleich die typischen Reflexe der Betroffenheit und Parteilichkeit der Betrachtenden auszulösen. So ließen sich diese zunächst auf die Handlung ein, um nach und nach die Parallele zum eigenen Sein zu entdecken. Vom Kaukasischen Kreidekreis, über den Guten Menschen von Sezuan bis hin zum allseits bekannten Surabaya Jonny schlich sich vor dem Hintergrund der Exotik Vernunft in den gesellschaftlichen Diskurs. Das Ferne hatte sehr viel mit den eigenen Problemen zu tun, wurde aber nüchternder diskutiert.

Die in dem Kleinen Organon zum Theater von Berthold Brecht fest gehaltenen Überlegungen sind heute nach wie vor lesenswert. Zum einen geben sie noch weitere Einblicke in sein Konstrukt der Entfremdung, zum anderen verdeutlichen sie noch einmal den so genial intendierten Effekt der Rationalisierung. Für uns, die wir als einzigem Effekt fast ausschließlich der medialen Überhitzung ausgesetzt sind, wäre es in hohem Maße spannend, aus pädagogischen und didaktischen Erwägungen die Parabel wieder zu entdecken.

Nicht selten wird die Parabel auch als Lehrstück bezeichnet, weil sie offensichtliche Unwahrscheinlichkeiten, die sich in der emotionalen Wallung nahezu systematisch einschleichen, sofort zu erkennen. Die Distanz scheint genau die Medizin zu sein, die wir brauchen, um zu schärferen Urteilen zu kommen.

Und so wären wir mit der Aufforderung konfrontiert, die stärker werdende Regelungsdichte auf eine Handlung an einem Hofe im fernen China zu verlegen, das Erschleichen von akademischen Graden in ein Land in den Tropen, das Aufbegehren gegen einen neuen geplanten Bahnhof in das ferne Alaska oder die exterritoriale Tötung eines internationalen Terroristen in die Ära der Kreuzzüge. Wir sollten die Geschichten aufschreiben und uns im Verlauf des Niederschreibens fragen, was wohl dort in der Ferne die logischen Reaktionen und Argumente wären und wie sich korrumpierte und weise Völker in der einen oder anderen Situation entschieden. Das wäre spannend und erkenntnisreich, und, die Prognose sei gewagt, in den meisten Fällen auch verblüffend.

The World is in an Uproar…

Es ist kein Geheimnis mehr, dass ein übertriebener Moralismus einen sehr dogmatischen Zug hat. Die Steigerung des eigenen Anspruches zu einer alles andere überstrahlenden Größe hat etwas Autoritäres und ist weit von dem entfernt, was als aufklärerische Toleranz und demokratische Grundüberzeugung gelten könnte. Wir erleben in Deutschland gegenwärtig einen Radikalismus moralistischer Prägung, der, sollte er ein Vorbote weiterer politischer Entwicklungen sein, ein Beben nach sich ziehen könnte, das ungeheure Ausmaße hat. Was als gut gemeinte humanitäre Einlassung zuweilen daher kommt, entpuppt sich in der Regel als demagogisches Ränkespiel, als zynische Entgleisung und als diktatorischer Impuls.

Die Reaktionen auf die Liquidierung des Massenmörders Osama Bin Laden waren schon ein Hinweis, der zu denken geben sollte. Hat man sein Gedächtnis nicht bereits an der Garderobe zum Beinhaus der freien Meinung abgegeben, dann sollte man sich vergegenwärtigen, dass just die Figuren, die am heftigsten gegen die Rechtlosigkeit des amerikanischen Vorgehens wetterten, keine moralische Bedenken kannten, als ihr erster Außenminister vehement für das Bombardement der Zivilbevölkerung von Belgrad eintrat, ohne dass nach Völkerrecht von einem Krieg gesprochen werden konnte. Und eben diese Figuren sitzen einmal im Jahr in der ersten Reihe, wenn die Stauffenberg-Festspiele eröffnet werden, bei denen dicke Krokodilstränen geweint werden über ein missglücktes Attentat von weltgeschichtlichem Format.

Hinzu kommen die Volksgerichtshöfe auf der Payroll der Medien. Kaum hatte der einstige Playboy der Nation, Gunther Sachs, seinem an der Schwelle der Alzheimer-Erkrankung stehenden Leben ein markiges Ende mit der Verwendung eines Flobert-Stutzens gesetzt, da wurde nicht nur von einem kollektiven Schock der deutschen Bevölkerung hinsichtlich dieser pathologisch möglichen Altersperspektive geschrieben, sondern ein neuer Schauprozess unter der Regie des Quotenjunkies Plasberg angekündigt, indem Gunther Sachs selbst auf der Anklagebank sitzt. Gegenstand der Verhandlung ist die Frage, ob der willentlich durch eine Kugel Hingeschiedene im Recht gewesen sei, dieses zu tun. Angesichts so mancher Vorläuferprozesse, die gefährlich mit der Aura daherkommen, bei den Moskauer Prozessen sei es weniger spektakulär zugegangen, sollte man aus Selbstschutz lieber nicht einschalten.

Nichtsdestotrotz werden wir den Eindruck nicht los, dass wir durch den kollektiven Verlust an Bildung und Haltung auf einen Punkt zustreben, der die Welt einer gefestigten Demokratie in der Lage ist, aus den Angeln zu heben. Das Recht auf Selbstverteidigung wie das Recht der individuellen Entscheidung über das eigene Schicksal wird systematisch unterminiert, unabhängig davon, ob andere davon überhaupt betroffen sind. Der Grad der Bevormundung beginnt bei Speisevorschriften, geht über großartig geplante steuerliche Diskriminierungen, strafrechtliche Verfolgung bis zu Denk- und Sprechverboten. Wer da noch glaubt, das habe etwas mit Demokratie zu tun, der hat Wesentliches versäumt zu registrieren.