Archiv für den Monat Mai 2011

Das Binäre in Reinkultur

The Oscar Peterson Trio. Night Train

Oscar Peterson schrieb eines der Hauptkapitel im modernen Jazz. Mit seinem Trio, Ray Brown am Bass und Ed Thigpen am Schlagzeug, hat er eines jener Alben aufgenommen, die zu den Annalen dieses großartigen Genres gehören. Wie nicht selten bei den Großen seiner Generation, ging er am 16. Dezember 1962 ins Studio zu den Radio Recorders in Hollywood und spielte in einer Session eine ganze Gemarkung des zeitgenössischen Jazz ein. Im Rahmen der Classics des Labels Verve wurde das Album unter dem Titel Night Train veröffentlicht. Wer Oscar Peterson in seinem großen Können auf einer einzigen CD dokumentiert wissen möchte, dem kann trotz der unzähligen erstklassigen Aufnahmen dieser Night Train durchaus reichen.

Die Aufnahmen beginnen mit einer ersten Version des Night Train, welche nicht nur als eine allgemeine Allegorie des Jazz überhaupt gesehen werden kann, sondern auch in exzellenter Weise dokumentiert, wie das Binäre im Jazz intoniert und durchgehalten werden kann. Trotz aller Dynamik, trotz unterschiedlicher Emphase und trotz einer beschleunigenden Bewegung spürt man mit jedem Atemzug die binäre Taktierung. Der Koloss Peterson dosiert seinen Herzschlag, der mit jedem Akkord zur Geltung kommt, im Maß aller Dinge des Jazz.

Die Auswahl der Stücke entspricht durchaus dem Gusto der Zeit, neben Night Train darf der C-Jam Blues ebenso wenig fehlen wie das den Süden als Wiege zelebrierenden Georgia On My Mind. Und der in der späteren Rezeption manchmal in die Ecke des Mainstream verwiesene Peterson scheut sich nicht, mit Stücken wie Bags´Groove und im Bonus Track Now´s The Time Klassiker des Bebop in einer Weise zu interpretieren, die diesem Genre wiederum in betörender Akzentuierung gerecht wird. Da sind die Tempi weder vemindert noch die Akkordfolgen vereinfacht, und dennoch wirken sie entspannt wie nie. Der eiserne binäre Schlag wirkt auf den beschleunigenden Impetus des Bebop wie ein Betablocker und macht somit die Konstitutionsprinzipien beobachtbarer.

Das Zentrum des Albums ist nicht durch Zufall Duke Ellingtons Things Ain´t What They Used To Be. In diesem Stück, das ganz im Sinne des Komponisten mit sanften Akkord-Andeutungen beginnt und durch die Bassläufe regelrecht zu seiner wahren Kontur provoziert wird, kommt die Vorwärtsbewegung des Jazz einzigartig zum Ausdruck. Mit einer im Ohr bleibenden Dynamik wird das turnusmäßige der Vergänglichkeit vertont. Things Ain´t What They Used To Be gerät auf dieser Einspielung zu einer philosophischen Abhandlung über den Wandel und seine ihm innewohnenden Strukturen. Das Vorwärtsstrebende wird ebenso deutlich wie das Zögern, das Zweifeln wie die Ekstase, um in einem Gleichmaß der Erkenntnis zu enden. Peterson verrät in viereinhalb Minuten die Dramaturgie eines ganzen Lebens. Ein Ereignis, das seinesgleichen sucht!

Mesut Özil und Manuel Neuer

Auch wenn vielen Leserinnen und Lesern die letzte Männerdomäne im Land per se suspekt ist: Der Fußball gibt immer wieder Aufschlüsse über gesellschaftliche Zusammenhänge. Sei es die Spielphilosophie, die sehr viel verrät über die psycho-soziale Disposition einer Gesellschaft, sei es das Verständnis des Raumes, das immer wieder Zeugnis ablegt über die geostrategische Dimension des eigenen Landes und seien es die Charaktere, die letztendlich das Spiel dominieren.

Brandaktuell können wir das Verhältnis von Migranten und deutscher Stammbevölkerung anhand zweier Spieler sehr gut beleuchten, die quasi täglich aufgrund ihrer Leistungen und Lebenswege in den Medien diskutiert werden. Beide stammen aus Gelsenkirchen, einem Ort, der fast schon museale Qualität besitzt, will man die typischen Lebensformen des klassischen Industrieproletariers des 20. Jahrhunderts illustrieren. Beide gingen den Weg des Fußballprofis und begannen ihre Karriere in dem Traditionsclub Schalke 04. Manuel Neuer, Jahrgang 1986, derzeit gehandelt als einer der besten Torhüter der Welt und Mesut Özil, Jahrgang 1988, Mittelfeldspieler und ebenfalls gehandelt als einer der Weltbesten, ersterer auch schon mal als „Die Wand Gottes“, letzterer als „göttliche Regie“ in den Himmel gehoben.

Das eigentlich interessante ist aber tatsächlich ihre Sozialisation und das sich daraus entwickelte Verhalten in Krisensituationen. Manuel Neuer, eher aus kleinbürgerlichen deutschen Verhältnissen, verband neben seinen sportlichen Fortschritten eine unbedingte Loyalität mit seinem Club, die erst brüchig wurde, als klar zu werden schien, dass Schalke 04 nicht das Format besaß, um ihm dauerhaft die Praxis in internationalen Wettbewerben zu bieten. Fast folgerichtig für einen derartigen deutschen Prototypen, orientierte er sich zu dem einzigen deutschen Verein hin, der das zumindest in der Vergangenheit konnte. Er ignorierte die den internationalen Markt per se. Die internationalen und die nationale Option wurden kommuniziert als eine Risikoabwägung.

Mesut Özil, unter anderem gemanagt durch seinen Vater, erkannte früh seinen gestiegenen Marktwert, verhandelte härter mit Schalke, ging früher nach Bremen und nutzte die WM, um nach Madrid zu wechseln. Er sah darin in erster Linie die Chancen, die er prompt nutzte. Er setzte sich in Madrid durch und wird in den spanischen Medien regelrecht zelebriert. Der Underdog mit Migrationshintergrund aus dem ultra-proletarischen Gelsenkirchen-Bismarck schaffte es in kurzer Zeit in die Hall of Fame des Weltfußballs und scheint sich in der spanischen Metropole pudelwohl zu fühlen.

Obwohl es sich bei Manuel Neuer und Mesut Özil um sympathische junge Leute mit außerordentlichen Fähigkeiten handelt, hat ihr Schicksal sie in sehr unterschiedliche Lebenswelten katapultiert. Die Mainstreamsozialisation eines Manuel Neuer trieb ihn aus Sicherheitsdenken in die bayrische Provinz. Dem Migranten, der sich hatte in einem feindlichen Milieu hoch kämpfen müssen, gelang der Sprung in die Welt.

Rechtszustände, Liquidierungsfragen und Überlebenswille

Ja, es ist schon eine bizarre Diskussion, die in Deutschland angesichts des gewaltsamen Todes Osama Bin Ladens geführt wird. Da werden Fragen gestellt, die den Rechtsstaat betreffen, da melden sich Friedensbeauftragte der Kirchen zu Wort, die die angesichts Osamas Tod jubelnden Menschen am Ground Zero in New York tadeln. Im TV verkündet der Übervater Helmut Schmidt, er werde dem Toten keine Träne nachweinen, aber rechtsstaatlich sei es wohl nicht in Ordnung, was dort, im fernen Pakistan in einer Villa gelaufen sei.

Die Darstellung der amerikanischen Administration beläuft sich auf die Aussage, dass ein Sonderkommando des amerikanischen Geheimdienstes Osama Bin Laden in einer Villa aufgespürt und gestellt, ihn aufgefordert habe, sich zu ergeben und dieser dann nach dessen Weigerung und Eröffnung eines Feuergefechtes getötet worden sei. Dabei habe er noch versucht, eine Frau als tödlichen Schild zu benutzen.

Die Biographie des Getöteten ist gesäumt von Ereignissen des Terrors, die Anzahl der Opfer, die auf seine intendierte Handlungsweise ins Jenseits befördert wurden, geht in die Tausende, wenn nicht Zigtausende. Die Opfer waren oft willkürlich, in der muslimischen Welt wurde immer beklagt, dass die Anzahl der getöteten Muslime mindestens genauso hoch sei wie die der Ungläubigen. Osama Bin Laden war ein Terrorist, er hat alle demokratischen Grundrechte negiert und sein Handeln verwies auf ein kriminelles Potenzial, wie es selten in einem Jahrhundert vorkommt. Von den politischen Zielen, die er verfolgte, bis hin zu den Koalitionspartnern, mit denen er sich verbündete, handelte es sich um einen Fundamentalisten, der vom Psychogramm bis zur perversen Tat ungeheure Analogien zu den Charakterstrukturen der faschistischen Massenmörder aufwies.

Angesichts dieser Informationen, die auf dem Präsentierteller der Öffentlichkeit liegen, ist es bemerkenswert, die Frage einer begrenzten Legalität einzelner demokratischer Staaten zur kritischen Anzweiflung der Rechtmäßigkeit des US-amerikanischen Handelns aufzuwerfen. Unter diesem Aspekt ließe sich auch das Vorgehen der Alliierten und vor allem dort der Amerikaner noch einmal neu von einer post-heroischen, längst erreichten suizidalen Endzeitstimmung beleuchten. Und schon wären wir endlich dort, wohin wir schon lange wollten: Nämlich den USA das Vergehen zu präsentieren, dessen sie sich gegenüber den Deutschen schuldig gemacht haben. Sie haben Deutschland, ohne es zu fragen, einfach von der faschistischen Pest befreit. Das ging zu weit und dieser Stachel sitzt bis heute tief.

Und hätten die USA im Kampf gegen den Faschismus nicht so gehandelt wie im Falle Bin Ladens, der sich auch subjektiv in einem Kriegszustand gegenüber den USA befand, dann wäre Berlin wohl heute noch die Reichshauptstadt und die Ukraine Deutschlands Kornkammer. Bei allem Verständnis für die Aversion gegen Krieg und Gewalt: Wer sich selbst nicht gegen Gewalt und Terror stemmt, der hat selbst aufgegeben zu sein!