Archiv für den Monat Dezember 2010

Besinnungslos im Weltgetöse

Mit dem Wunsch nach besinnlichen Weihnachtstagen verbindet sich die Hoffnung, dass die Zeitgenossen nach der ganzen vorweihnachtlichen und Jahresendhektik die Gelegenheit nutzen mögen, um zur Ruhe zu kommen und grundsätzlich einmal über ihr Dasein nachzudenken. Besonders letzteres ist in unserer Zeit zu einer Rarität geworden. Das, was man auch Selbstreflexion nennt, wird sogar zunehmend bewusst gemieden, weil es zumeist nur zu unbequemen Erkenntnissen führt. Da ist es kein Wunder, dass der Wunsch nach einer besinnlichen Zeit zumeist zur Floskel verkommen ist. Kaum sind die Geschenke ausgepackt, blinken schon wieder irgendwelche digitalen Geräte, die uns mit ihrer enervierenden Aufmerksamkeitskonkurrenz den letzten autonomen Gedanken vergraulen und uns wieder in den hektischen, aber nichts sagenden Alltag der Kommunikation ohne nennenswerte Botschaften zerren.

Und wenn wir schon, ausnahmsweise, ein wenig räsonieren, dann sollten wir uns von der Illusion lösen, dass nur wir, die graue, unförmige Masse, weit ab vom Wege der kritischen Rollenreflexion seien. Denn in der Politik, die existenziell unser Dasein doch so sehr in vielen Punkten des Lebens beeinflusst, dort scheint es gar nicht anders zu sein. Zum einen ist das verständlich, denn warum sollten die Akteure der Politik von den Gravitationskräften des Alltags verschont bleiben? Auch sie sind aus Fleisch und Blut, und auch ihnen wurde ein Großteil der möglichen sinnlichen Erfahrung einfach genommen. Auch sie werden getrieben von elektronischen Terminkalendern, von dem Druck schneller Floskelproduktion und dem Wettlauf um die mediale Präsenz. Lustig ist das nicht, und manch einer wird bitter böse sein, weil keine Zeit ist, um mal anständig nachdenken zu können.

Sympathy, is all we need my friend, könnte man da sagen, wenn es nicht um mehr ginge als die Gleichbehandlung von Individuen, jenseits ihrer gewählten Profession. Nein, angesichts der rasanten Entwicklung auf dieser Welt ist die Reflexion der politischen Rolle von Staaten und Nationen eine extrem wichtige und zuweilen auch hoch explosive Angelegenheit. Nach dem Untergang der bipolaren Welt der Supermächte USA und UdSSR in den Neunziger Jahren hat sich sehr viel getan. Die verbliebene Supermacht USA, die sich seit dem II. Weltkrieg als Patron der Deutschen verstanden hatte, befinden sich nach den grandiosen Irrtümern der Bush- Administration in einem überaus schmerzhaften Prozess der Neudefinition, China und Indien sind als ökonomische Giganten erwacht, die konjunkturelle Musik spielt in der Pazifikregion, die arabischen Ländern blasen zu einem finalen religiös-ideologischen Gefecht, weil absehbar die Ölquellen versickern werden und in einzelnen Nischen Europas entstehen Produktivkräfte, die den alten Zentren an den Lebensnerv gehen.

Da wäre eine gute Portion Besinnung mehr als angebracht. Und wir sind schlecht beraten, wenn wir uns dabei als unbeteiligte Beobachter fühlten und an einem solchen Prozess nicht aktiv teilnähmen. Denn das Zutrauen zu denen, die das beruflich tun müssten, hat in den letzten Jahren schwer gelitten. Und wenn wir schon anfangen zu reflektieren, sollten wir uns deutlich machen, dass unsere eigene Passivität vielen Überdruss mit verursacht hat!

Weihnachtsfeier

von Charles Bukowski

Meine Tochter sah aus wie eine junge
Katharine Hepburn bei der Weihnachtsfeier
ihrer Schule; da stand sie mit den anderen
in dem langen Kleid, das ich ihr gekauft
hatte, und lachte und strahlte und sang.

Sie sieht aus wie Katharine Hepburn
sagte ich zu ihrer Mutter, die links
von mir saß.
Sie sieht aus wie Katharine Hepburn
sagte ich zu meiner Freundin, die
rechts von mir saß.
Die Großmutter meiner Tochter saß
noch einen Stuhl weiter; zu ihr
sagte ich nichts.

Als Schauspielerin fand ich die Hepburn
nie besonders; aber ihre Ausstrahlung
gefiel mir. Klasse.
Jemand, mit dem man im Bett
vor dem Einschlafen noch eine
Stunde reden konnte.

Ich kann meiner Tochter ansehen,
dass mal eine schöne Frau aus ihr wird.
Wenn ich alt bin, wird sie mir vermutlich
mit einem lieben Lächeln die
Bettpfanne bringen.
Und wahrscheinlich wird sie einen
massigen Fernfahrer mit Plattfüßen
heiraten, der jeden Donnerstagabend
mit den Jungs kegeln geht.

Aber darum gehts jetzt nicht.
Es geht um heute.

Ihre Großmutter ist ein Habicht in
Menschengestalt. Ihre Mutter eine
psychotische Linksliberale mit einer
Liebe zum Leben.
Ihr Vater ist ein Arschloch.
Meine Tochter sah aus wie eine
junge Katharine Hepburn.

Nach der Weihnachtsfeier gingen wir
zu McDonald´s und aßen was und fütterten
die Spatzen. Weihnachten war in einer
Woche. Darum machten wir uns weniger
Gedanken als neun Zehntel der Stadt.
Das war unsere Sorte Klasse.
Wer Weihnachten ignoriert, hat etwas
begriffen.
Aber ein glückliches
Neues Jahr wünsch ich
euch allen.

Die hochmoderne Lyrik des 20. Jahrhunderts hätte noch einen Nobelpreis verdient

und Bob Dylan wird im nächsten Jahr 70!

Obwohl wir schon lange wissen, dass die Verleihung des Nobelpreises für Literatur sehr viel mit Geschäft und Politik zu tun hat und selten mit der literarischen Qualität, sollten wir nicht kampflos jede neue Scharlatanerie hinnehmen. Zwar ist dieser Preis schon an vielen Giganten vorbeigezogen, als seien sie kleine Komparsen im Spiel der Worte, und vielleicht wurden die Großen manchmal nur dadurch groß, dass sie, als der große Wagen des Tantalus mit seinen schwarzen Rossen vorfuhr, diesen Preis nicht im Gepäck auf die letzte Reise dabei hatten. Sie zogen wie der berühmte Wayfaring Stranger ins Jenseits, um den geschmähten Seelen des Diesseits eine letzte, erlösende Lesung zu bescheren. Trotz alledem, unter uns sind noch Wenige, und die wollen wir mit dem Lorbeerkranz noch sehen, weil sie alle Ketten gesprengt haben und deren Werk mehr bewirkt hat als jede Zellteilung oder Kernspaltung.

Das Gesamtwerk Bob Dylans kann nicht rezipiert werden wie eine Diskographie oder Lyrikbände. Allein der Umstand, dass wir es nicht nur mit der verbalen Komposition zu einem lyrischen Werk zu tun haben, sondern auch noch mit dessen Vertonung, zeigt, dass zweierlei Qualitäten zur Disposition stehen. Hinzu kommt eine Attitüde, die nicht nur rebellisch, sondern tief modern ist. Die Offenheit Dylans für Neues und die stete Weigerung, sich an ein Klischee binden zu lassen, hat immer wieder dafür gesorgt, dass seine Anhängerschaft tief irritiert und enttäuscht wird. Die Verweigerung der Verstetigung war das Produktionsprinzip seines Lebenswerkes, welches einzelne Poeme hervorbrachte, die als die Hochlyrik des 20. Jahrhunderts bezeichnet werden müssen.

Von den vielen Liedern, die als Beleg angeführt werden könnten, sei hier exklusiv All Along The Watchtower genannt. Nicht nur, weil es in dem Scheidejahr 1968 erschien, sondern weil es wie kein anderes die Gleichzeitigkeit der unterschiedlichsten Bewegungsformen verkörpert. Der Dialog des Jokers mit dem Dieb, wie die Kulisse allgemein, waren dem Mittelalter entlehnt, diente allerdings einer Metaphorik für den Wertverlust der Moderne und die Irrationalität der Handelnden. Dass gerade die rituellen Korrektive der Gesellschaft diejenigen wurden, die deren Zustand am nüchternsten analysierten, gehört zu den großen dramaturgischen Erkenntnissen der Moderne. Dass diese dann noch nach einem Ausweg aus dem Schlamassel riefen, war die Krönung einer Komposition, die ganz beiläufig daher kam, aber wie nichts anderes die Verfestigung des technologischen Zeitalters hinterfragte.

Zu den großen Glücksfällen dieser lyrischen Geschichte gehörte die Interpretation eben dieses Songs durch den Innovator des Electric Blues per se, Jimi Hendrix, der dieser grandiosen Lyrik eine kosmisch-moderne Stimme gab. Da war Großes im Gange, und das wäre doch einfach mal ein Nobelpreis wert!