Archiv für den Monat September 2010

Exzessive Figuren

Colum McCann. Der Tänzer

Es gehört eine Menge Selbstvertrauen dazu, mit nur 37 Jahren sich an einen Roman zu wagen, der eine Figur zum Thema hat, die real und legendär war. Der irische Schriftsteller Colum McCann wählte als Stoff das Leben des Rudolf Nurejew, der 1993 gestorben war und zu den phänomenalsten Gestalten des Ballet gehörte. Niemand hat das Publikum mehr fasziniert und gespalten, nahezu außerirdisch durch seine Bühnenpräsenz und kaum zu ertragen durch seinen Egoismus, seine Exzesse und seine Rücksichtslosigkeit.

Colum McCann hat sich bei der Komposition des Romans für einen multiplen Perspektivismus entschieden, in dem er Zeitgenossen und Lebensgefährten erzählen lässt. Der Protagonist bleibt Nurejew, der jedoch nie unmittelbar auftritt, sondern dessen Partitur gestaltet wird von Edelkomparsen, die die einzelnen Figuren zu einem Ganzen zusammensetzen. Daraus entsteht ein Bild, das fasziniert und gleichzeitig entmythisiert, der alles überragender Tänzer wird eine reale Gestalt, mit ihren Fähigkeiten, Gebrechen und Wunden.

Die Biographie des Tänzers ist ein Dokument des 20. Jahrhunderts, in seiner Zerrissenheit und Absurdität, in seiner Einfalt und Freiheit. In seiner Heimatstadt Ufa, der Waffenschmiede der UdSSR, tanzt Rudnik Nurejew bereits als kleines tatarisches Kind vor den die Lazarette überfüllenden gemetzelten Rotgardisten, die von der Front zurück gebracht werden. Gegen die Widerstände des Vaters, der, wie sollte es anders sein, den begabten Rudnik lieber als Ingenieur oder Arzt gesehen hätte, nimmt er heimlich Tanzunterricht bei Dissidenten, schafft den Sprung nach Leningrad ans Kirow-Theater, leidet unter dem Rigorismus des Regimes, dem natürlich die Homosexualität Nurejews ein Dorn im Auge ist und flieht folgerichtig bei der ersten Auslandstournee in Paris.

Es folgt ein Siegeszug um die Welt, Paris, London und New York werden seine Domizile, er erlangt Ruhm und Reichtum, lebt exzessiv und grotesk. Seine sexuellen Extravaganzen erschüttern selbst das liberale New York, doch dem Magier der Bühne wird alles verziehen. Es ist nicht die künstlerische Qualität, die seinen Ruhm begründet, sondern seine magische Präsenz, die einzigartig ist und ihm Auftritte wie in Wien beschert, nach dem er 89 Vorhänge bekommt!

Der Stachel im Fleisch Nurejews bleibt die Trennung von der Familie, das Wissen um die Trostlosigkeit ihres Daseins und seine Machtlosigkeit, daran etwas zu ändern. Viele seiner Extravaganzen erscheinen als Kompensationshandlungen für diese Impotenz, das Unvermögen, das Schicksal zu ändern. Nurejew hört nicht auf zu tanzen, als es an der Zeit ist, er geht den langsamen Weg nach unten, ohne sich zu beklagen, und stirbt mit 55 als Tribut an seinen exzessiven Lebenswandel.

Colum McCann ist ein Roman gelungen, in dem der Konnex von Ruhm und Verletzlichkeit so deutlich wird wie selten.

Brennende Hütten zum Y2K

Government Mule. Mulennium

Zehn Jahre nach der Nacht zum neuen Jahrtausend wird ein Tondokument zugänglich gemacht, das diesem Jahrhundertwechsel angemessen ist. Die US-amerikanische Rockband Government Mule hatte am 31.12.1999 zu einem Konzert geladen und sich mit Pomp und Glorie vom 20. Jahrhundert und der in ihr gelebten Rockmusik verabschiedet. Die Band um Warren Haynes und Allen Woody, beide ehemalige Mitglieder der Allman Brothers Band, ist mit diesem geschichtlichen Hintergrund genügend prädestiniert gewesen, um in Form eines Konzertes Bilanz zu ziehen.

Im treffendsten Sinne eines Hardrockspektakels tischte Government Mule dem Publikum Titel auf, die aus der Rockgeschichte des 20. Jahrhunderts stammten und interpretierte sie in einer Weise, die die authentischen Akteure wie King Crimson, The Beatles, Led Zeppelin in der Erinnerung wie ein Ensemble von Buchhaltern erscheinen lässt. Natürlich durfte an jenem Abend ein Stück wie 21st Century Schizoid Man nicht fehlen. Und hatte man die Version von King Crimson noch im Kopf, konnte man sich an elektrisierende, rockige Schläge und Impulse erinnern, die eine synthetisch anmutende Stimme trugen. Bei Government Mule wird daraus der Schrei der bezwungenen Bestie, der die Gewissheit zu entnehmen ist, dass es kein Entrinnen der Psychischen Zerrissenheit mehr gibt.

Dazed an Confused, der Led Zeppelin Song, der von seiner Thematik in eine ähnliche Richtung weist, ist in seiner hier inszenierten Dramatisierung noch einmal ein dumpferer Schlag auf das Unterbewusste. Man hat bei dem gesamten Konzert den Eindruck, dass Government Mule bei diesem Auftritt deutlich machen wollte, wie gut die Diagnostik des Zeitgeistes durch die Rockszene des letzten Jahrhunderts funktioniert hat.

Bei der Beatles Stück Helter Skelter ist es nicht anders, die Orientierungslosigkeit und ihre Steigerung ins Unerträgliche durch Beschleunigung wird auch in dieser Inszenierung manifest und lässt keinen Zweifel zu: Am Vorabend des 21. Jahrhunderts war das filigrane Gewebe der humanen Sensibilität bereits geschreddert und kaum eine Band hat dieses drastischer zum Ausdruck gebracht wie Government Mule.

Hoch interessant sind die Bluesparts, die so etwas darstellen wie die Refugien im Orkan der Auflösung. Da sind Titel wie Blues Is Alright und The Power Of Soul nahezu eine programmatische Aussage. Schon das 20. Jahrhundert hat die menschliche Psyche technokratisch zerlegt, das 21. wird sie, so könnte man meinen, noch mehr zerfasern, wären da nicht Sphären wie Blues und Soul, die mit einer nicht messbaren Spiritualität ein Gegengift gegen die Zerstörung sind. Wirklich, mehr als nur ein Konzert!

Lost In Desolation?

Es gibt Zustände, denen eine Dimension anhaftet, die in der eigenen Landessprache kaum zum Ausdruck gebracht werden kann. Das Englische desolation, das man direkt mit Trostlosigkeit oder Verwüstung übersetzen kann, sagt noch mehr aus. Es bedeutet auch eine Ohnmacht, die aus einer tiefen Orientierungslosigkeit und Sinnentleerung entstehen kann. Die gegenwärtige politische Situation in Deutschland bringt vieles mit sich, das treffend mit dem Begriff desolation überschrieben werden kann.

Wir sind Zeugen eigenartiger Entwicklungen, die mit formaler Logik nicht mehr erklärt werden können. Eine Regierung, die ihre Mehrheit bekam, weil sie Entlastung und Entbürokratisierung versprach, ist mit ihrer Bildung quasi an der eigenen Unzulänglichkeit implodiert und an ihr gehen die leidenschaftlich geführten Diskussionen über notwendige Politik nahezu spurlos vorbei. Die Opposition ihrerseits gewinnt stetig an Zuspruch, ist in sich jedoch heterogen und widersprüchlich, was wiederum logisch ist, und dokumentiert Trends, die mit dem eigenen Willen wenig zu tun haben.

Die GRÜNEN gehören zu den großen Gewinnern, obwohl gerade sie es sind, die zunehmend die Politik einer in rasendem Tempo verwahrlosenden neuen Elite vertreten und mit Reglementierungswahn und dem Totschläger der political correctness eine Atmosphäre im Land geschaffen haben, die als Meinungsdiktatur empfunden wird und eine neue, außerparlamentarische Opposition generiert. Bei der Linken, auch vom Dilettantismus und dem Vakuum der Regierung profitierend, formieren sich nach wie vor die staatsorientierten Dogmatiker, die einem Zentralismus huldigen, der von der Mehrheit abgelehnt wird.

Einzig der Sozialdemokratie gelingt es nicht, sich positiv zu profilieren und sich in eine neue Kontur zu bringen. So martialisch sich der neue Vorsitzende und seine Generalsekretärin auch geben, sie kommen über ein Schwanken zwischen Opportunismus wie der absurden Koketterie mit Volksentscheiden und parteilicher Zuchtrute wie im Fall Sarazin nicht hinaus. Eine Strategie, die der Partei einen Weg weist, der über die Existenz des aussterbenden Proletariats hinauswiese, ist nicht in Sicht. Die Prognose, dass die Partei im Lager der Opposition zwischen Grünen, der Linken und vielleicht einer eher konservativen Bürgerbewegung aufgerieben wird, gewinnt dramatisch an Wahrscheinlichkeit.

Das, was trostlos erscheint, kann sich jedoch als ein gesellschaftliches Gemisch entpuppen, das einen gewaltigen Trend gebiert, der weit von den momentan noch wahrscheinlichen Spekulationen liegen wird. So, wie der etatistische Dirigismus der Kanzlerin zunehmend demontiert wird, genauso viele Indizien sprechen dafür, dass sich eine Revolte gegen die neuen Formen des Dogmatismus formieren wird, der sich durch die zunehmend hysterisierten Akteure mehr uns mehr aus den Sympathien verabschiedet.

Die Zeichen stehen eigentlich nicht schlecht für eine Neufindung der Gesellschaft, in deren Zentrum das sich selbst reflektierende bürgerliche Subjekt steht. Das ist keine trostlose Situation, auch wenn es noch dauern kann. Lediglich die Phalanx derer, die meinen, sie könnten den Bürgern verbieten, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen, wird sich mit der Perspektive des lost in desolation vertraut machen müssen.