Archiv für den Monat August 2010

Soul aus Detroit moduliert britischen Rock

Bettye LaVette. Interpretations: The British Rock Songbook

Geboren wurde sie 1946 in Michigan, aufgewachsen ist sie in Detroit, in der goldenen Zeit der Automobilindustrie, die längst nicht immer so glorreich war. Wirtschaftskrisen, Massenarbeitslosigkeit und dann immer wieder der Boom. Die Ups and Downs einer Region manifestierten sich in einer Musikszene, die Geschichte geschrieben hat. Bettye LaVette drang schon bald mit ihrer Stimme durch, sie stand mit Cab Calloway monatelang auf der Bühne und tingelte mit dem Maniak James Brown durchs Land. Detroit hatte mit ihr eine weibliche Stimme des Soul, die alles ausdrückte, worum es ging: Viel Gefühl, erlebte Verletzung und eine ungebrochene Passion. Den großen Durchbruch in den Kommerz schaffte sie nie, aus den Herzen der Soulwelt ist sie jedoch nicht wegzudenken.

In den letzten Jahren drang Bettye LaVette vor allem mit zwei Alben mehr ins Zentrum der europäischen Aufmerksamkeit: I´ve Got My Own Hell To Raise und The Scene Of Crime, beides subkutan wirkende Geschichten, die nur der Soul zu schreiben vermag. Mit Interpretations: The British Rock Songbook wagt Bettye LaVette nun etwas, das allzu leicht auch mächtig daneben gehen kann. Sie greift aus dem Repertoire der britischen Rockgeschichte die erfolgreichsten Songs heraus und interpretiert sie neu. Die Gefahr, die darin besteht, Gassenhauer, die jedem seit Jahrzehnten in bestimmten Versionen im Ohr klingen, aus dem europäischen Gefühlskontext zu nehmen und ihnen eine Stimme des reflektiven, teils gesprochenen Soul zu geben, ist gewaltig, denn die Entfremdung des lieb Gewonnen wird nicht selten mit Verachtung bestraft.

In Interpretations sind so finden sich Monumente wie Don´t Let me Be Misunderstood, It Don´t Come Easy, Maybe I´m Amazed, Nights In White Satin oder Don´t Let The Sun Go Down On Me. In insgesamt 13 Songs zeigt Bettye Lavette, dass sie großen Respekt vor diesen Evergreens des Rock hat, aber sie demonstriert andererseits recht dreist, dass sie es ist, die nun diese Geschichten erzählt. In Wish You Were Here, das eigentlich zur privaten Erbmasse von Pink Floyd gehört, verrät nur noch die Instrumentierung, woher das Thema entlehnt ist, Bettye LaVette jedoch macht daraus einen profanen Soul, der keinen Platz hat für Heldenverehrung. Man muss bei allen Interpretationen genau hinhören, um das eigentliche Thema noch zu identifizieren. Die Chuzpe, die dahinter steckt, wird einem erst klar, wenn man das Album mehrmals gehört hat, weil das Gefühl, das sich aus LaVettes Stimme heraus kristallisiert, einfach nicht vermuten lässt, wie pragmatisch die Sängerin an den Stoff gegangen ist.

Bettye Lavette steht für die Authentizität des Soul per se. Deshalb sollte man nicht erwarten, dass sie etwas Europäisches anders interpretiert als ihr eigenes Metier, das in Europa zwar geliebt, aber nie beheimatet sein kann. Vielleicht bekommt man mit Interpretations eine Ahnung davon, wie es sich anhören würde, wenn die Seele des Soul eine europäische wäre.

Die Kondratjew-Zyklen und die Globalisierung

Der russische Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew veröffentlichte in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts mehrere Aufsätze, in denen er eine Theorie der langen Wellen entwickelte. Kondratjew ging es darum, den unterschiedlichen Konjunktur- und Technologiephasen des Kapitalismus seit seiner frühen Entstehung eine Überschrift zu geben, die das Wesen einer industriellen Ära am Besten beschrieb. Obwohl er zeitgenössisch selbst nur zweieinhalb jener Wellen beschreiben konnte, beriefen sich zahlreiche Ökonomen auf sein Modell und entwickelten es weiter. Kondratjew selbst wurde 1938 während der stalinistischen Säuberungen nach bereits acht verbüßten Jahren Zwangsarbeit erschossen.

Die langen Wellen der kapitalistischen Entwicklung begannen mit der Frühmechanisierung und der ersten Industrialisierung in Deutschland und wurden als Dampfmaschinen-Kondratjew (1780-1849) benannt. Die zweite Welle erfasst demnach die eigentliche (zweite) industrielle Revolution und gilt als Eisenbahn-Kondratjew (1840-1890). Fortgesetzt wird die Betrachtungsweise mit dem Elektrotechnik- und Schwermaschinen-Kondratjew (1890-1940), sowie dem Einzweck-Automatisierungs-Kondratjew (1940-1990) und als 5. Welle dem Informations- und Kommunikations-Kondratjew (seit 1990). Die grundlegende Theorie ist bis heute umstritten, die Bezeichnung der Wellen, die Kondratjew beschreiben wollte, nicht.

Unabhängig davon, ob man mit einem wissenschaftlichen Instrumentarium logische Konsistenz und Kohärenz einer Theorie stiften kann, hilfreich scheint der Gedanke zu sein, dass bestimmte Basisinnovationen dazu führen, den gesamten ökonomischen Prozess grundlegend zu prägen und eine Ära zu stiften, in der die materielle Neuheit bis in die Kollektivsymbolik reicht. Denken wir an die gegenwärtige lange Welle der Information- und Kommunikation, so reichen die unser aller Leben durchdringenden Metaphern von Sender-Empfänger-Modellen bis hin zu Schnittstellen und Kommunikationsarchitektur. Insofern birgt die Theorie noch viele Felder, die bestellt werden könnten, weil sie durchaus die Prognose des Erkenntniszuwachses erlauben.

Und obwohl die Kondratjew-Theorie nur als Marginalie in den heutigen Lehrbüchern der Ökonomie zu finden ist, ist der Diskurs um eine Definition des bevorstehenden 6. Kondratjew längst entbrannt. Und, unumstritten sind die Innovationsfelder Biotechnologie, Nanotechnologie, Kernfusionsenergie, die Technologie regenerativer Energien sowie psychosoziale Gesundheit und Kompetenz. Ihnen wird das Potenzial attestiert, im Sinne der kondratjewschen langen Wellen die gesamte volkswirtschaftliche Entwicklung grundlegend zu bestimmen.

So hilfreich das Modell ist, und es könnte durchaus einmal von den politischen Mandatsträgern wahrgenommen werden, es erfährt eine Komplizierung durch die teilweise asynchrone Entwicklung der Weltökonomie. Da kann dann schon einmal der dritte auf den fünften Kondratjew treffen und ins synergetische Nirwana führen. Dennoch: Wem an Orientierung in einer an Komplexitätssuperlativen reichen Zeit liegt, dem kann das Modell hilfreich sein.

Sinus – Migrantenmilieus

Nicht selten erscheint große Komplexität als Brei. Zu viele Aspekte machen es unmöglich, Konturen zu erkennen und jedes Praxisbeispiel kann mit einem anderen widerlegt werden. So tobt oft jahrelang ein Diskurs, dessen Ende niemand absehen kann und dessen Verlauf für fast alle Beteiligten unbefriedigend ist. Das Thema Migration und Integration ist nahezu ein Paradebeispiel für den beschriebenen Zustand. Ursache dafür sind verschiedene Faktoren: Das Faktum der Einwanderung als Massenphänomen wurde über Dekaden geleugnet, der neuen Qualität des Phänomens wollte man beikommen mit antiquierten Rezepten aus dem 19. Jahrhundert, das nationale Selbstbild war unscharf, das Selbstbewusstsein leidet unter einem Trauma und eine Vorstellung über ein Zusammenleben wurde nicht entwickelt. Unabhängig von der eigenen Fehl- und Minderleistung wuchs das Phänomen qualitativ wie quantitativ.

Erst mit Entwicklung zumindest sozialwissenschaftlich fundierter und valider Untersuchungen wurde es möglich, die ins immense gewachsene Komplexität zu reduzieren und die einzelnen Bezugsfelder genauer zu definieren. So stützt sich das jetzt vorliegende Jahresgutachten „Einwanderungsgesellschaft 2010“ auf die Sinus-Migrantenmilieus, die in ihrer Differenzierung weiterhelfen.

So sind die verschiedenen soziologisch definierten Migrantengruppen wie folgt erfasst: das religiös verwurzelte Milieu, das traditionelle Arbeitermilieu und das entwurzelte Milieu, die zusammen fast genau ein Drittel der Migranten ausmachen, liegen im Integrationsindex niedrig und machen das eigentliche Problempotenzial aus, welches in starkem Maße auf mangelnde Bildung, mangelnde Sprachkenntnisse und eine an unterschiedlich vorhandenen und ausgebildeten Erziehungswerten festgemacht werden kann. Das hedonistisch-subkulturelle Milieu mit 15 Prozent bildet eine Ausnahme, da es sehr stark an einer Neudefinition der eigenen Rolle arbeitet, aber dennoch einen sozialen Aufstieg nicht bewerkstelligt. Das statusorientierte und das adaptiv bürgerliche Milieu liegen mit ca. 28 Prozent im Mittelfeld des Integrationsindexes und dem intellektuell-kosmopolitischen wie dem multikulturellen Performermilieu mit 24 Prozent gelingen eine grundlegende Modernisierung wie der soziale Aufstieg.

Unabhängig von der irritierenden Terminologie, derer sich die Sozialwissenschaften zunehmend bedienen, indem sie kultur-affine Begriffe unreflektiert in die Soziologie überführen, kann festgestellt werden, dass der Erfolg von Integration von zwei Faktoren abhängt: Von Bildung, die Qualifikation und eine kritische Selbstreflexion beinhaltet und von der Möglichkeit sozialen Aufstiegs.

Es wird deutlich, dass die Frage der Integration die gleichen Themenfelder beinhaltet wie in den identisch kritischen deutschen Milieus. Auch bei unserer indigenen wie autochthonen Bevölkerung sind die Bildungsdefizite wie die daraus resultierenden Hemmnisse des sozialen Aufstiegs Ursache für die gesellschaftliche Ausgrenzung. Wenn das nicht ein Grund ist, zu fraternisieren!