Archiv für den Monat August 2010

Google und der Katholizismus

Nein, es ist nicht zum Spaßen! Die Überlegung, dass alle möglichen Daten irgendwo gespeichert werden ist ein beunruhigendes Gefühl. Historisch ist die Skepsis gegenüber einem Staat, der so etwas macht, seit langem gesetzt. Die peinliche Buchführung über das Volk ist so suspekt wie die individuelle Freiheitsliebe alt. Nun, da wir seit mehr als einer Dekade in immer größeren Kohorten im weltweiten Netz operieren und mit der Gewissheit, dass dieses zumeist in Foren geschieht, die in privater Hand sind, hat das alles noch eine ganz andere Dimension angenommen. Die fortschreitende Partizipation an den Netzoperationen geschieht hingegen freiwillig und ist durch eine Kritik a posteriori nicht aus der Welt zu schaffen. Immer mehr Menschen geben sich und ihre Daten ohne äußeren Zwang frei, teils aus Informationsbedürfnis, teils als Preis dafür und teils aus einem versteckten oder offenen Exhibitionismus.

Die Firma Google, mit ihren Expansionsraten eine der erfolgreichsten der Welt, bietet seit einigen Jahren mit ihrem Service Streetview einen Dienst an, der auch hierzulande häufig und gerne in Anspruch genommen wird. So ist es vielen ein Hobby, kurz vor dem Urlaub die Straße, in der man in New York wohnen, in London sich treffen oder in Rom etwas besichtigen will, sich die Gegend einmal genauer anzuschauen. Nicht selten hört man Geschichten, wie groß die Freude ist, jemandes Auto oder eine Person selbst mit Streetview identifiziert zu haben.

Seitdem die Kamerawagen von Streetview nun auch in Deutschland herumfahren, um das gleiche Angebote für Interessenten aus anderen Ländern und Kontinenten zu machen, ist die Empörung groß. Es kann doch nicht sein, so heißt es, dass meine Wohnung oder mein Haus für alle Welt sichtbar ausgestellt wird, ohne dass man gefragt hat oder ich es will. Die Überlegung ist natürlich berechtigt und ist nur deshalb ein wenig suspekt, weil sie ansonsten ganz nett in das eigene Informationsportfolio passte.

Auffallend ist, dass Google, ein durch und durch amerikanisches und damit protestantisches Produkt, doch etwas irritiert war durch die Reaktionen vor allem in Europa. Sieht man genauer hin, dann gibt es keine oder kaum kritische Reaktionen aus Skandinavien, den Niederlanden, der Schweiz und Großbritannien, während vor allem in Deutschland, Frankreich und sogar in dem ansonsten für seine Nonchalance bekannten Italien böse Proteste formuliert wurden. Das Protestantische, welches von seinem Ethos her vor allem von der Maxime lebt, nichts zu verbergen zu haben und transparent zu sein, spiegelt sich in den Aktivitäten von Google genauso wieder wie in den Ländern, in denen das protestantische Weltbild das Leben dominiert.

In den Ländern, in denen der Katholizismus ein gewichtiges Wort hat, sind hingegen große Vorbehalte zu finden, die sich auf einen doppelmoralischen Kodex zurückführen lassen: Die große Neugierde in Bezug auf das Leben der anderen und die hohen Mauern, um sein eigenes Ich zu schützen.

Der Mythos von der allgemeinen Beschleunigung

Der unbestrittene Mythos unserer Zeit ist der der Beschleunigung. In keinem Metier wird er angezweifelt und überall werden Evidenzen zitiert, um ihn zu untermauern. Bei Betrachtung unserer Alltagsroutinen spricht auch vieles dafür. Zweifelsohne bekommen wir Informationen über Ereignisse sehr viel schneller zur Kenntnis, als das noch vor einigen Jahren der Fall war. Ständig ticken irgendwo die News-Spucker zu allen möglichen Themen. Jeder elektronische Brief meldet seine Ankunft, rund um die Uhr. Kalender werden ferngesteuert aktualisiert. Auch die Distanz spielt keine Rolle mehr, ein hier erforderliches ärztliches Zweitgutachten kann wegen der Zeitverschiebung durchaus im indischen Bangalore erstellt werden und liegt bereits am nächsten Morgen vor. Immer und überall sind wir Zeugen von Beschleunigung.

Angesichts eines ungetrübten Gefühls, das viele Zeitgenossen beschleicht, stellt sich allerdings die berechtigte Frage, inwieweit wir uns wirklich schneller bewegen. Irgendwie kommen nämlich immer mehr Menschen zu dem Schluss, dass man zwar gehetzter wirkt, aber die wichtigen Sachen heutzutage schlechter und langsamer funktionieren als in früheren Zeiten.

Ein guter Indikator für die Beantwortung der Frage, ob sich unsere Lebensverhältnisse beschleunigt haben, sind basale Geschäftsprozesse. Wie lange dauert es, um ein Brot oder eine Zeitung zu kaufen, wie lange braucht ein Paket von A nach B, wie lange dauert es, um den Telefonanbieter zu wechseln, wie lange braucht man, um für sein Kind einen Krippenplatz zu finden, wie lange braucht das Finanzamt für einen Steuerbescheid oder worauf muss sich ein Wirt einrichten, um einen Gastronomiebetrieb genehmigt zu bekommen? Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Leser schon bei der Auflistung einiger profaner Fragen zu dem Ergebnis gekommen, sind, das zu befürchten war: Unser eigener Alltag ist vehement beschleunigt, aber das Leben hat dadurch nicht an Fahrt gewonnen. Die einzelnen Prozesse sind komplexer geworden, aber ob sie deshalb besser sind, ist zu bezweifeln.

Neben der anwachsenden Komplexität ist ein anderes Phänomen zu beobachten. Es handelt sich dabei um den Mythos des Konsenses. Entscheidungen werden, im Gegensatz zu den Prozessen, langsamer, weil versucht wird, den kleinsten gemeinsamen Nenner für alles zu finden, auch wenn das nicht geht. Der Mangel an Selbstverantwortung führt zu einem nominell kollektiv verantworteten Amalgam ohne signifikante Identität. Die Grundlage für eine qualitative Lebensveränderung ist jedoch die Entscheidung.

So erleben wir unser eigenes Leben als zunehmend hektischer, weil wir ständig begleitet werden vom Flackern der Signallampen und Summen der Kommunikationsmembranen. Und dann erleben wir, das wir für unser eigenes Dasein immer weniger Zeit zur Verfügung haben, obwohl das meiste, was uns selbst betrifft, in keiner Weise schneller vonstatten geht, als uns unsere Umwelt suggeriert.

Mit Paul Theroux in der Deutschen Bahn

Dem US-Amerikaner Paul Theroux verdanken wir zahlreiche Bücher von unschätzbarem Wert. Das besondere an ihnen ist ihr Charakter. Es handelt sich nämlich um Reiseberichte als Passagier der großen und berühmten Bahnlinien dieser Welt. Paul Theroux scheint überall gewesen zu sein, er reiste von Berlin über Moskau bis Shanghai (Riding the Iron Rooster), von Kairo bis Kapstadt (Dark Star Safari), Im Great Railway Bazar sogar von London über den Balkan bis nach Südostasien, im Old Patagonian Express von den USA bis nach Argentinien und entlang der legendären Moskito-Küste (The Mosquito Coast). Er brauchte dafür Jahrzehnte und setzte dafür etwas ein, das wir als ein kaum noch erschwingliches Privileg zu schätzen gelernt haben, nämlich Zeit.

Das Bestechende an Theroux´ Reiseberichten ist die Fähigkeit des Beobachters, aufgrund profaner Beobachtungen Rückschlüsse auf die kulturellen Riten, die soziologischen Implikationen, die gesellschaftlichen Gepflogenheiten und das allgemeine Sittenleben zu ziehen. Mit geübtem, unbestechlichem Auge beobachtete Theroux auf allen Reisen, wie die Völker, durch deren Areale er in Zügen fuhr, wie diese Völker disponiert sind und welche Zukunftserwartungen ihnen zu attestieren waren. Das ist der Fundus aus den vorliegenden Reiseberichten, die niemand ignorieren sollte, der sich für das Zusammenleben anderer Völker interessiert.

Kürzlich nun, bei einer meiner Reisen mit der Deutschen Bahn, bei der ausnahmsweise einmal nichts schief ging, sondern alles korrekt und fahrplanmäßig, kam mir gerade wegen der Normalität dennoch der Gedanke in den Sinn, was Paul Theroux mit seinem geübten Blick wohl auffiele, wenn er mit der Deutschen Bahn von Hamburg nach München führe.

Wenn er ein feines Gehör hätte, so würde er als erstes mit vor allen ostdeutschen Akzenten des Bordpersonals konfrontiert, das sich vor allem in der Artikulation der englischsprachigen Ansagen ein Alleinstellungsmerkmal erworben hat. Zudem käme ihm wahrscheinlich die Frequenz der Ansagen in den Sinn, die er als sehr hoch empfinden müsste. Außerdem fragte er sich sicherlich, warum die Züge in unserem Land immer so voll sind, dass ein Drittel der Reisenden immer zu stehen haben, obwohl sie ordnungsgemäß ihr Ticket bezahlt haben. Er sähe in ego-fokussierte Gesichter, die in der Regel wenig Lebensfreude ausstrahlten und sicherlich fiel ihm auf, dass das Handphone eine Multifunktion in unserem Kulturkeis wahrnimmt. Es dient der lauthalsen Protzerei, als Schutz gegen die Vereinsamung in vollen Zügen und als Empfängermedium für die Monologe toter Seelen. Ihm fiele bestimmt noch vieles andere auf, aber allein diese wenigen Punkte würde Fragen in ihm auslösen.

So drängte sich das Rätsel auf, was schief gelaufen sei in einer Gesellschaft, in der die Gelegenheit einer Zufallskommunikation oder Reisebekanntschaft, auf der seit Jahrtausenden die wunderbarsten Sozialkontakte entstanden sind, nahezu krampfhaft verhindert würden, in denen ein Transportunternehmen alles täte, um seine Attraktivität zu senken und den Gedanken an weiteres Reisen zu einem Trauma machte. Paul Theroux würde den Kopf schütteln, denn so etwas ist ihm von Kairo bis Kapstadt, von London nach Bangkok und von New York nach Buenos Aires noch nicht unter gekommen.