Ein russisches Sprichwort besagt, dass über einem freien Mann nur noch der Himmel sei. Selbiges zitiert, ist die Reaktion nicht selten ein ungläubiges Lächeln über die Botschaft. Mit der wachsenden Komplexität gesellschaftlicher Zusammenhänge und der damit einhergehenden Ausdifferenzierung von Macht scheint es, dass die Menschen an ein frei bestimmtes Selbst mehr glauben. Nicht, dass das Ziel nicht im Raum stünde! Nein, das freie, von Zwängen freie Individuum steht am Himmel wie der letzte Programmpunkt einer Gesellschaft, die ansonsten kaum noch Sinnstiftung zu spenden vermag. Dennoch ist der Zweifel an diesem letzten Fanal der Freiheit mehr als angebracht. Alles deutet darauf hin, dass ein Erfolg nur denen vorbehalten zu sein scheint, die als die wenigen, mit allen Privilegien ausgestatteten Glücklichen auszumachen sind. Der große Rest darf träumen, oder, auch das ein Massenphänomen, er beginnt an sich selbst zu zweifeln.
John Lennon skizzierte die Aporie, in denen die große Masse steckt, unvergesslich in seinem Working Class Hero. „They hurt you at home and they hit you at school. They hate you if you´re clever and they despise a fool, til you´re so fucking crazy that you can´t follow their rules.” Die Unterdrückung des Individuums durch antrainierte Reflexe und durch die institutionellen Gewalten, gespickt mit einer Moral, die die Anerkennung der Underdogs verhindert, produziert ein von Selbstzweifeln gesteuertes Ich, das nicht mehr in der Lage ist, die Regeln adäquat zu befolgen und zum Scheitern verurteilt ist. Fast könnte man sagen, in diesen Zeilen stecke die soziologische Analyse für das zwanghafte Dilemma des klassischen, heute in den Zentren der Welt nur noch schemenhaft vorhandenen Proletariats. So wundert es kaum, dass der aus Liverpool stammende John Lennon in seinen Zeilen zwar gegen das Schicksal aufbegehrte, aber die Vergeblichkeit bereits erkannte.
Theodor Wiesengrund Adorno, der große Gelehrte der in der Moderne gescheiterten Aufklärung, abstrahierte in seinen Überlegungen vom Proletariat und suchte die Lösung in einem selbstrefenziellen Individuum. Auch er stieß auf den Zusammenhang von Machtzusammenhängen und Ohnmachtsgefühl. In seiner denkerischen Kälte erkannte er den Selbstzweifel als ein Prinzip der affirmativen Anerkennung von Machtverhältnissen, ließ ihn aber in seinen Überlegungen nicht zu. Um in seiner Diktion zu bleiben, bezeichnete er das Inferioritätsgefühl als ein Delektieren an der eigenen Unzulänglichkeit. „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“
Damit sind wir an dem Punkt, der das Selbstbewusstsein in die Überlegung der Befreiung zurückholt. Die lakonische Äußerung, dass das Leben der mächtigen Dominanz das falsche ist, gibt den Hinweis, um den es geht. Lasst euch nicht dumm machen, sondern hört auf eure eigene Stimme, sie weiß, was gut für euch ist, solange sie reflektiert, was eine andere Qualität bedeutet. Insofern ist das eingangs zitierte russische Sprichwort von einer großen Weisheit. Über uns nur noch der Himmel, faszinierende Aussichten!
