Soul aus Detroit moduliert britischen Rock

Bettye LaVette. Interpretations: The British Rock Songbook

Geboren wurde sie 1946 in Michigan, aufgewachsen ist sie in Detroit, in der goldenen Zeit der Automobilindustrie, die längst nicht immer so glorreich war. Wirtschaftskrisen, Massenarbeitslosigkeit und dann immer wieder der Boom. Die Ups and Downs einer Region manifestierten sich in einer Musikszene, die Geschichte geschrieben hat. Bettye LaVette drang schon bald mit ihrer Stimme durch, sie stand mit Cab Calloway monatelang auf der Bühne und tingelte mit dem Maniak James Brown durchs Land. Detroit hatte mit ihr eine weibliche Stimme des Soul, die alles ausdrückte, worum es ging: Viel Gefühl, erlebte Verletzung und eine ungebrochene Passion. Den großen Durchbruch in den Kommerz schaffte sie nie, aus den Herzen der Soulwelt ist sie jedoch nicht wegzudenken.

In den letzten Jahren drang Bettye LaVette vor allem mit zwei Alben mehr ins Zentrum der europäischen Aufmerksamkeit: I´ve Got My Own Hell To Raise und The Scene Of Crime, beides subkutan wirkende Geschichten, die nur der Soul zu schreiben vermag. Mit Interpretations: The British Rock Songbook wagt Bettye LaVette nun etwas, das allzu leicht auch mächtig daneben gehen kann. Sie greift aus dem Repertoire der britischen Rockgeschichte die erfolgreichsten Songs heraus und interpretiert sie neu. Die Gefahr, die darin besteht, Gassenhauer, die jedem seit Jahrzehnten in bestimmten Versionen im Ohr klingen, aus dem europäischen Gefühlskontext zu nehmen und ihnen eine Stimme des reflektiven, teils gesprochenen Soul zu geben, ist gewaltig, denn die Entfremdung des lieb Gewonnen wird nicht selten mit Verachtung bestraft.

In Interpretations sind so finden sich Monumente wie Don´t Let me Be Misunderstood, It Don´t Come Easy, Maybe I´m Amazed, Nights In White Satin oder Don´t Let The Sun Go Down On Me. In insgesamt 13 Songs zeigt Bettye Lavette, dass sie großen Respekt vor diesen Evergreens des Rock hat, aber sie demonstriert andererseits recht dreist, dass sie es ist, die nun diese Geschichten erzählt. In Wish You Were Here, das eigentlich zur privaten Erbmasse von Pink Floyd gehört, verrät nur noch die Instrumentierung, woher das Thema entlehnt ist, Bettye LaVette jedoch macht daraus einen profanen Soul, der keinen Platz hat für Heldenverehrung. Man muss bei allen Interpretationen genau hinhören, um das eigentliche Thema noch zu identifizieren. Die Chuzpe, die dahinter steckt, wird einem erst klar, wenn man das Album mehrmals gehört hat, weil das Gefühl, das sich aus LaVettes Stimme heraus kristallisiert, einfach nicht vermuten lässt, wie pragmatisch die Sängerin an den Stoff gegangen ist.

Bettye Lavette steht für die Authentizität des Soul per se. Deshalb sollte man nicht erwarten, dass sie etwas Europäisches anders interpretiert als ihr eigenes Metier, das in Europa zwar geliebt, aber nie beheimatet sein kann. Vielleicht bekommt man mit Interpretations eine Ahnung davon, wie es sich anhören würde, wenn die Seele des Soul eine europäische wäre.