Archiv für den Monat Juli 2010

Die Rebellion als Überlebensprogramm

Oskar Maria Graf. Wir sind Gefangene

Es ist eine Geschichte, wie sie dramatischer nicht sein könnte. Sie handelt von einem Jungen, der in eine oberbayrische Bäckerfamilie am Starnberger See hineingeboren wird und endet, im frühen Mannesalter, mit der Existenz eines Mannes, der Krieg, Psychartrie und Revolution durchlebt hat, als Nachkriegsschieber überlebt und sich die Frage nach der Zukunft stellt. Oskar Maria Graf hatte mit seiner Autobiographie den eigenen Lebensweg bis zum Ende der Münchner Räterepublik beschrieben und wurde mit diesem Werk über Nacht berühmt. Der Roman wurde in alle Weltsprachen übersetzt und galt als eines der großen Epen über den Ersten Weltkrieg und das Zeitalter der Revolution. Oskar Maria Graf, der gelernte Bäcker und Autodidakt, verfügte über die große Gabe des mündlichen Erzählens und er nahm kein Blatt vor den Mund. In der zeitgenössischen Rezeption überwog in der vielfältigen positiven Bilanz vor allem eines: Die bis zur Selbstentblößung reichende Ehrlichkeit.

Oskar Maria Graf beschreibt in Wir sind Gefangene seine Kindheit in Berg, zusammen mit seinen vielen Geschwistern, von denen einige den „Kindstod“ erlitten, von seinem Vater, der bald starb und dem ältesten Bruder, der verdorben war durch das Militär und die Bäckerei übernahm. Oskar musste als Kind mitarbeiten und wurde geschlagen. Schon früh entdeckt er seine Liebe zur Literatur, bestellt sich heimlich Bücher über einen Nachbarn, liest Heine, Schiller und vor allem Tolstoi. Quasi in der familiären Illegalität sucht er seine Emanzipation in der literarischen Bildung. Als sein Bruder davon erfährt, schlägt er ihn windelweich. Oskar flieht, kaum siebzehnjährig, nach München und sein Entschluss steht fest: Er will Schriftsteller werden. Graf landet in Schwabing, lebt von Gelegenheitsarbeiten, tut sich mit dem Maler Georg Schrimpf zusammen und die beiden tauchen in das wilde leben der Boheme ein und saugen mit ihr das Rebellentum noch mehr in sich auf. Er lernt Erich Mühsam kennen und begibt sich in anarchistische Kreise. Als der Krieg ausbricht, wird er gezogen, landet an der Ostfront und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Ein Jahr lang spricht er nicht und wird kurz vor Kriegsende aus der Nervenheilanstalt Haar entlassen. Zurück in München, kurz vor dem militärischen Zusammenbruch, deuten die Zeichen auf Revolution. Graf, der sich nach wie vor nicht mit dem Schreiben über Wasser halten kann, führt eine Wechselexistenz zwischen Revolutionär und Schieber, mal ist er auf Versammlungen, und dann, als es los geht, mit Kurt Eisner beim Sturm auf das Regierungsviertel dabei. Andererseits handelt er mit Seidenstrümpfen, Kognak, Schokolade und Zigaretten säuft Champagner und geht zu den Huren. Als die Räterepublik im Blut erstickt wird, weiß er, wo er steht, ohne zu leugnen, wo seine menschlichen Schwächen zu suchen sind.

Wir sind Gefangene ist bis heute ein atemberaubendes Buch, weil es befeuert durch die ungezügelte Wahrheit, die in ihm steckt. Eine exzellente Erzählung, eine Hommage an die autodidaktische Bildung und ein unbarmherziges Bekenntnis zur Menschlichkeit.

Das Kapstadter Plädoyer

Nein, es war keine Konferenz. Ein schnödes Fußballspiel hat etwas in Bewegung gesetzt, was sich bereits in den vorherigen Begegnungen angedeutet hatte und nun zu Überlegungen führen sollte, die weit über den Fußball hinausgehen. Zumindest in dem Land, dessen Nationalmannschaft derzeit mit ihrem Spielstil und den daraus resultierenden Erfolgen die Fachwelt beeindruckt. Die bekannten, jahrzehntelang für Erfolge stehenden Tugenden der Deutschen sind es nicht mehr allein, sie fallen sogar kaum noch auf in einem Spiel, das viele neue Aspekte aufblitzen lässt, die man vielen anderen sonst zugesprochen hätte, aber eben nicht den Deutschen. Das Spielsystem ist erfolgreich, es macht Spaß und es ist in hohem Maße attraktiv. Der gegenwärtig zelebrierte deutsche Fußball ist ein exzellentes Plädoyer für einen Paradigmenwechsel.

Alles, was in unserem Land politisch so unentschieden und festgefahren ist, das Spiel der politischen Klasse auf nichts als den Machterhalt, die allgegenwärtige abwartende Haltung, das Vermeiden von Initiative, die alles übertönende Klage über die Rahmenbedingungen, die Erklärungsakrobatik zur Vermeidung der Aktion, all das, was uns seit Jahren peinigt und nicht von der Stelle bringt, könnte sich in Nichts auflösen, folgte man dem gegenwärtigen Beispiel aus der Welt des Fußballs.

Die so einfach daher kommende, aber erfolgreiche Demonstration der Fußballer beinhaltet programmatisch sehr vieles von dem, woran es in Politik und Arbeitsleben leider sehr oft mangelt. Niemand bezweifelt, dass das Team über eine Strategie verfügt, an die die jeweils taktische Situation angepasst werden kann. Es handelt sich um ein vergleichsweise junges Team, dem aber doch nicht die Alten fehlen. Die Migranten spielen in diesem Ensemble das, was sie können und das ist zuweilen genial. Sie sind ein Potenzial im System und sie sind verpflichtet auf das System und das funktionierende Ganze. Neben der deutschen Präzision und Durchsetzungskraft entfaltet sich eine levantinische Verspieltheit und paart sich mit polnischer Finesse. Im Bewusstsein der Akteure gehört das alles zusammen und man scheint sich mit den unterschiedlichen Kompetenzen und Fähigkeiten zu schätzen. Was dabei heraus kommt ist kein xenophobisches Rivalisieren, sondern ein kollektives Hochgefühl, das die Strategie trägt. Man kann ins Schwärmen kommen bei dem, was diese Mannschaft zuwege bringt und mehr noch bei der Betrachtung, wie sie dieses vollbringt. Der Fußball ist wieder einmal zu einem Lehrstück geworden, wie Organisation funktionieren kann, wenn Strategie und Komposition stimmen.

Beim Transfer der programmatischen Blaupause vom Fußball auf die Gesellschaft droht schnell der Mut zu sinken, weil das gegenwärtige Gefüge nicht so wirkt, als wäre der Wille da, das Kapstadter Plädoyer zu unterschreiben und in die Praxis zu übertragen. Aber die Erkenntnis, wie es besser werden könnte, haben die Kicker der großen Masse besser vermitteln können, als jedes politische Programm. Das ist großartig und zeigt, wie wichtig der Fußball als Kollektivsymbol nach wie vor ist. Und schließlich darf man ja auch mal träumen, erst vom Endspiel, und dann noch von einer besseren Welt.

Eine Revolution, die bis heute nachklingt

Muddy Waters. Electric Mud

Tief aus dem Delta war er gekommen. Aus den sumpfigen Arealen des Mississippi, nach denen sich McKinley Morganfield auch nannte. Muddy Waters gehörte zu jener Generation von Bluesmusikern, die aus dem fernen Süden mit der Gitarre nach Norden, genauer gesagt, nach Chicago zog, um dort sein Glück zu suchen. Dass es ihm gelingen sollte, zusammen mit anderen schillernden Figuren wie Howlin Wolf, Willy Dixon und Sonny Boy Williamson ein neues Genre zu begründen, war ihm Ende der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts wohl kaum klar gewesen. Muddy Waters gehörte zu denen, die den Chicago Blues etablierten, eine Form, in der sich die Tradition des Südens mit der Urbanität des Nordens vereinte. Ziemlich genau zwanzig Jahre nach seiner Ankunft in Chicago setzte Muddy Waters allerdings erst zu seinem entscheidenden Schlag in der Geschichte des Blues an: Es erschien das Album Electric Mud.

Mit Erscheinen des Albums war die Welt erschüttert. Das Cover zeigte eine Voodoo-Kobra, im Inlay waren Bilder eines Muddy Waters zu sehen, auf denen er aussah wie heutige Rapper. Das Entscheidende jedoch waren die acht Songs, die die Genetik des Electric Rock festlegten. Die Stücke waren nicht einmal alle neu, aber sie wurden von Walters und Band komplett und durchgängig mit elektrischen Gitarren gespielt und bestachen durch die knorrigen, provokativ in die Rhythmik gesetzten Riffs, die zuweilen den Eindruck erweckten, in den Straßen Chicagos habe es gerade einen Car Crash gegeben. Und alle Titel wurden zu Fanalen für die neue Musik. Tausende von Bluesmusikern spielten sie seither nach, und wenn I Just Want To Make Love To You anklingt, und dort nur die ersten zwei Takte, dann löst das euphorische Stürme aus. I´m Your Hoochie Coochie Man bewirkt dasselbe und beide Texte zeugen von einer Zeit ungebrochener Maskulinität, in der das Womanizing mit der Rhythmik des Electric Blues assoziiert wurde. Let´s Spend The Night Together suggeriert da nichts anderes, und Mannish Boy schon gar nicht. Allenfalls bei Tom Cat schwingen leise Selbstzweifel mit, die allerdings nicht ernst gemeint sind.

Das Entscheidende an Electric Mud ist jedoch die Instrumentierung, die durchgehende steinerne Einhaltung des II-V-I-Schemas, die erbarmungslosen Riffs, die Härte wie Sanftmut auszudrücken in der Lage sind und die Souveränität, mit der diese Revolution präsentiert wurde.

Revolutionäres beweist sich absurderweise in der Geschichte danach in einer Kategorie wie Bestand. Aber den letzten Esprit erhält die historische Revolte in einem Dasein, in dem auch spätere Erneuerungsbewegungen darauf zurückgreifen. Und die Songs von Electric Mud, die leben weiter im Rap. Und die Kontinuität ist auch hier begründet im Affront: Der Blues wurde nicht nur elektrisch, er wurde mit Electric Mud, so lasziv da auch vieles rüber kam, zu einer Tonart der Rebellion.