Archiv für den Monat Juli 2010

Maladie opportune

Nicht selten ist es hilfreich, sich in anderen Sprach- oder gar Kulturkreisen umzusehen, wenn man dazu inspiriert werden will, ein bestimmtes Phänomen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Während man in Deutschland kurz und brutal das Fernbleiben von einer Pflicht oder einem Ereignis unter der Vorgabe einer Erkrankung erklärt, spricht man von Krankfeiern. Es drückt die Doppelbödigkeit aus, unter der die Handlung geschieht. Analytisch scharf, wie wir nun einmal gerne sind, entlarven wir damit eine eher lustvolle Gelegenheit wie das Feiern mit dem Vorwand, unter dem wir dies tun, nämlich einer Krankheit, als ein zutiefst lasterhaftes und frivoles Manöver. So ist es auch kein Wunder, dass die vorgegebene Krankheit keinen realistischen Hintergrund haben kann und es folglich eine betrügerische und damit kriminelle Handlung ist.

Die französische Entsprechung zum deutschen Krankfeiern ist die Maladie opportune. Direkt übersetzt handelt es sich dabei um eine günstige oder willkommene Krankheit. Es springt sofort ins Auge, dass die französische Metaphorik offen lässt, ob es sich tatsächlich um eine Krankheit handelt, die zu einem gar nicht unrechten Zeitpunkt ausbricht, oder ob es eine erfundene Unpässlichkeit ist, mit der man seine personelle Abstinenz begründet. Wie dem auch sei, Maladie opportune ist sanfter und versprüht nicht gleich den Charme von klirrenden Handschellen. Der französische Sprachgebrauch dokumentiert eine weit größere Affinität zur Diplomatie. Wem zugestanden wird, wirklich krank zu sein, der verliert sein Gesicht ebenso wenig wie derjenige, der an einem leeren Verhandlungstisch sitzt und den Rest der Runde fragt, ob es sich wohl um eine Maladie opportune handele. Die Reaktion wird in Deutschland Zorn und Entrüstung, in Frankreich dagegen wohl eher ein süffisantes Lächeln sein.

Obwohl das Beispiel Rückschlüsse auf den unterschiedlichen emotionalen Nationalcharakter zulässt, sollte man nicht den Fehler begehen, sich auf eine Verabsolutierung einzulassen. Denn so rigoros und radikal die Deutschen in ihrer Sprach- und Bilderwelt oft daher kommen, so zögerlich und verängstigt sind sie, wenn aus ihrer messerscharfen Analyse eine praktische Handlung werden soll. Andersherum sind die Franzosen bei aller hohen Schule der Diplomatie immer sehr konkret, ja nahezu schroff, wenn es um ihre ureigensten Interessen geht. Da gibt es dann kein eloquentes Präludium mehr, sondern gleich geht alles Mögliche zu Bruch und es wird Gift und Galle gespuckt. Man kann also sagen, auch Völker sind überaus komplizierte Wesen, die über ein großes Repertoire im Denken, Fühlen und Handeln verfügen.

Und so wäre es nicht Recht, die verschiedenen Völker gegeneinander auszuspielen, sondern ihren emotionalen Reichtum zu preisen. Andererseits, ganz im Sinne der Diplomatie, sollte man in der Lage sein, im eigenen Hause Tacheles zu reden, so richtig deutsch und scharf, alles andere, so würden unsere Nachbarn sagen, wäre eine Maladie fatale.

Mangelnde Bildung richtet die Demokratie zugrunde

Das, was bereits wieder als eine Marginalie im großen Stockprozess namens Bildung gehandelt wird, ist eine weitere, schwerwiegende Attacke gegen die Demokratie. Da nützt ein Volksentscheid, bei dem in bildungsreichen Stadtteilen wie Ottmarschen oder Blankenese mehr als doppelt so viele Bürgerinnen und Bürger zur Abstimmung gegangen sind wie in den Gebieten mit großer Arbeitslosigkeit und schlechten Bildungsergebnissen gar nichts. Ganz im Gegenteil! Der Volksentscheid in Hamburg beweist, dass die aktive demokratische Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen in hohem Maße vom Bildungsgrad der Bürgerschaft abhängt. Und anhand vieler zynischer Kommentare der Reformgegner, die gerade die wenig Gebildeten aufgrund dieses Zustandes zu stigmatisieren suchen zeigt sich, dass die durch ein Bildungsprivileg Gesegneten sich nicht als Garanten des demokratischen Prozesses eignen.

Fast genötigt wird man, die marxistische Diktion zu reaktivieren, wonach auch die Demokratie eine Herrschafts- und Unterdrückungsform ist, in der die Bourgeoisie das Proletariat zu Kreuze zwingt und von den Früchten der Arbeit mit Gewalt zurück hält. Die plötzliche Phalanx innerhalb der Bundes-CDU, angeführt von der Bundesbildungsministerin, macht deutlich, dass diese Bundesregierung die durch das bestehende Schulsystem etablierte Klassenteilung aufrechterhalten will. Welche ideologischen Manöver auch noch folgen werden, sie werden dieses Ansinnen nicht kaschieren können.

Eine Politik, die sich bis dato durch nichts hat ausweisen können, was auch nur andeutungsweise die Kontur einer Strategie gehabt hätte, dokumentiert mit ihrer Positionierung in der Schulfrage, dass die Schlacht am Kalten Buffet bereits eingeläutet wurde. Denn es geht nicht mehr um Perspektiven, sondern um das Tafelsilber, das der eigenen Meute vorbehalten werden soll. Wer keine Strategie besitzt, der kämpft lediglich noch um das Bestehende.

Die Politik, so wie sie sich heute in vielerlei Hinsicht präsentiert, hat jahrzehntelang von einem Prozess der allmählichen Bildungserosion und einer damit einhergehenden Entmündigung profitiert. Der Klientelismus ist das eigentliche Modell, das daraus generiert wurde. Denn die Klientelpolitik existiert nicht nur für Apotheker, Rechtsanwälte oder Hotelbesitzer, qualitativ läuft die gleiche Show auch für Hartz IV-Empfänger, Arbeitslose oder Leiharbeiter. Es wäre doch ein Gräuel, wenn vor allem letztere dazu befähigt wären, ihre eigenen Interessen zu artikulieren und zu organisieren. Nur ihr Bildungsgrad ermöglicht es, dass sie sich die vermeintlichen Fürsprecher noch mit halber Aufmerksamkeit anhören, wenn überhaupt.

Das Bündnis gegen eine Verbesserung des Schulsystems für die sozial schlecht Gestellten ist eine Vereinigung zur Aushöhlung der Demokratie. Der homo democraticus ist jemand, der Pflichten gegenüber einem Gemeinwesen empfindet. Er ist kein Schnorrer, und er empfände Scham, wenn er sich in einer solchen Rolle ertappte.

Kontaminierte Eliten

Wenn es eines Beispiels bedurfte, um die Abwendung des Hamburger Ersten Bürgermeisters von seinem Amte zu illustrieren, so waren es wenige Stunden später die Kommentare von triumphierenden Eltern, die die Schulreform durch das Plebiszit verhindert hatten. Als hätte George Grosz, dessen überzeichnete Skizzierungen der Berliner Parvenüs der 20iger Jahre unvergessen sind, als hätte jener George Grosz noch einmal die ewigen Jagdgründe verlassen, um die Nachfahren der hanseatischen Pfeffersäcke zu karikieren. Schweiß- und schminkverschmiert grölten sie dort in die willigen Mikrofone, jetzt werde es Champagner geben, denn die Kontaminierung „unserer“ Gymnasien sei verhindert worden. Da war dann selbst dem skeptischen Beobachter klar, warum sich ein Ole von Beust, der für die Reform geworben hatte, vor Scham und Ekel in das Private entflohen war.

Weder das Muster noch die Qualität der Argumentation spielen hierzulande eine Rolle, wenn es um eine Reform des Bildungswesens geht. Die mehr als eine Dekade erhobenen Daten zur Bewertung der Ergebnisse unseres Bildungssystems ebenso wenig. Was nahezu alle Länder dieser Welt schaffen, nämlich die Homogenität der lernenden Kohorten bis zum 14., 15. oder 16. Lebensjahr, ist wieder einmal durch einen deutschen Sonderweg traditionell aufgehoben. Es mutet an wie eine feudalistische Zwangsveranstaltung, die auf dem Blutrecht beruht, dass Kinder im Alter von zehn Jahren separiert und in unterschiedliche lernende Erfahrungswelten gepresst werden, ohne dass eine erwähnenswerte Permissivität zwischen den unterschiedlichen Schultypen noch gewährleistet wäre. So bleiben die Unterschichten wie die Oberschichten unter sich, obwohl die Bezahlung der Gymnasien freilich von allen zu tragen ist. Wir wissen, und das revidiert auch kein so genannter Volksentscheid, dass die frühe Separierung das Stigma der sozialen Herkunft verstärkt und die Chance auf eine spätere Bildungsentwicklung minimiert.

Für den Nachwuchs unserer selbst ernannten neuen Eliten, die für ihre Kinder auch keine Ganztagsschulen wollen, weil das die Transportwege vom Reit- zum Fechtunterricht stören würde, die alle einen iPod in der Tasche tragen und deren Eltern sich nicht zu schade sind, Staranwälte zur Verteidigung der Lehrmittelfreiheit zu engagieren, für diesen Nachwuchs gilt es die gut bezahlten Jobs der Zukunft zu sichern. In diesem Kampf verwandeln sich die liebenden Eltern zu keifenden Hyänen, die schon mal in der Lage sind, mit Korruptionsversuchen die Teilnahme ihres Nachwuchses in Begabtenprogrammen sichern zu wollen.

Hamburg ist kein Einzelfall, sondern seit dem Sonntag ein Symbol für eine moralisch mehr und mehr deteriorierende Elite, die sich im Zentrum der Gesellschaft wähnt, aber bereits ins weite Abseits manövriert hat. Kontaminiert vom Virus des Eigensinns und der Selbstsucht, ist sie für eine gesellschaftlich getragene Perspektive nahezu nutzlos geworden. Die Chancen im Alten Rom für Migranten, Karriere zu machen und Ruhm zu ernten, waren weitaus größer als in Deutschland im 21. Jahrhundert. Die Elite war nicht dekadenter als sie es heute ist, aber weitaus kosmopolitischer.