Nicht selten ist es hilfreich, sich in anderen Sprach- oder gar Kulturkreisen umzusehen, wenn man dazu inspiriert werden will, ein bestimmtes Phänomen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Während man in Deutschland kurz und brutal das Fernbleiben von einer Pflicht oder einem Ereignis unter der Vorgabe einer Erkrankung erklärt, spricht man von Krankfeiern. Es drückt die Doppelbödigkeit aus, unter der die Handlung geschieht. Analytisch scharf, wie wir nun einmal gerne sind, entlarven wir damit eine eher lustvolle Gelegenheit wie das Feiern mit dem Vorwand, unter dem wir dies tun, nämlich einer Krankheit, als ein zutiefst lasterhaftes und frivoles Manöver. So ist es auch kein Wunder, dass die vorgegebene Krankheit keinen realistischen Hintergrund haben kann und es folglich eine betrügerische und damit kriminelle Handlung ist.
Die französische Entsprechung zum deutschen Krankfeiern ist die Maladie opportune. Direkt übersetzt handelt es sich dabei um eine günstige oder willkommene Krankheit. Es springt sofort ins Auge, dass die französische Metaphorik offen lässt, ob es sich tatsächlich um eine Krankheit handelt, die zu einem gar nicht unrechten Zeitpunkt ausbricht, oder ob es eine erfundene Unpässlichkeit ist, mit der man seine personelle Abstinenz begründet. Wie dem auch sei, Maladie opportune ist sanfter und versprüht nicht gleich den Charme von klirrenden Handschellen. Der französische Sprachgebrauch dokumentiert eine weit größere Affinität zur Diplomatie. Wem zugestanden wird, wirklich krank zu sein, der verliert sein Gesicht ebenso wenig wie derjenige, der an einem leeren Verhandlungstisch sitzt und den Rest der Runde fragt, ob es sich wohl um eine Maladie opportune handele. Die Reaktion wird in Deutschland Zorn und Entrüstung, in Frankreich dagegen wohl eher ein süffisantes Lächeln sein.
Obwohl das Beispiel Rückschlüsse auf den unterschiedlichen emotionalen Nationalcharakter zulässt, sollte man nicht den Fehler begehen, sich auf eine Verabsolutierung einzulassen. Denn so rigoros und radikal die Deutschen in ihrer Sprach- und Bilderwelt oft daher kommen, so zögerlich und verängstigt sind sie, wenn aus ihrer messerscharfen Analyse eine praktische Handlung werden soll. Andersherum sind die Franzosen bei aller hohen Schule der Diplomatie immer sehr konkret, ja nahezu schroff, wenn es um ihre ureigensten Interessen geht. Da gibt es dann kein eloquentes Präludium mehr, sondern gleich geht alles Mögliche zu Bruch und es wird Gift und Galle gespuckt. Man kann also sagen, auch Völker sind überaus komplizierte Wesen, die über ein großes Repertoire im Denken, Fühlen und Handeln verfügen.
Und so wäre es nicht Recht, die verschiedenen Völker gegeneinander auszuspielen, sondern ihren emotionalen Reichtum zu preisen. Andererseits, ganz im Sinne der Diplomatie, sollte man in der Lage sein, im eigenen Hause Tacheles zu reden, so richtig deutsch und scharf, alles andere, so würden unsere Nachbarn sagen, wäre eine Maladie fatale.

Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.