Archiv für den Monat Juli 2010

Thunderclaps of Fate

Many a good man has been destroyed by the stroke of a moment. William Boyd is resuming this experience in a thrilling piece of criminal action, surrounded by economic and political motives.

Adam Kindred, born and grown up in England, well educated and in the first years of his professional development living in the USA, comes back to London for an interview to get a job as a climatologist. By random he meets another scientist in an Italian restaurant who looses some important papers there. Kindred brings them to his apartment and witnesses the last breath taking moments of this scientist, who has been stabbed. Unfortunately Kindred follows the last advice of the scientist and removes the knife of his body, so that he will be suspected of murder.

Kindred goes incognito and with him his old identity is fading out. He lives under a bridge in Chelsea, gets acquainted with the social fringe of society and is taking his meals in a welfare service of a church. Meanwhile an English plant of drug industry which was testing a new product with children to fight asthma comes into the spotlight because it faked scientific reports about the effects of the product and denies the sudden death of about 14 children who took part of the programme. We learn that the murdered scientist would have been an obstacle launching the market.

An ex soldiers of the special service is hunting Kindred by his own methods, trying to kill him before he can publish the documents he possesses from the scientist. For Kindred it is a race with the devil which he will, on the long run win.

Boyds Ordinary Thunderstorms is a well webbed plot about some clichés of economic criminality. The metaphoric title, referring to the professional field of the protagonist, seems to be the real gain of the story. Existentially we all should be aware that we can be driven into a miserable fate just by one stroke, not caused by our own intention.

The text is designed by a narrative force, not too strong, but strong enough to fire your own curiosity. On the other hand there is a more contemplative dimension to think about the incalculability of our own biography. Who starts reading will not stop before the end.

Cherie Ribéry

Wollen wir nicht skandalisieren und keine Vorurteile pflegen. Es ist ratsam, sich die Chronologie dessen, was momentan die französische wie die deutsche Presse beschäftigt, uns kurz zu vergegenwärtigen. Schon Monate vor der Weltmeisterschaft in Südafrika erfuhren wir, dass auch gegen den Bayern-Profi Frank Ribéry ermittelt werde, und zwar wegen des sexuellen Kontaktes zu einer minderjährigen Prostituierten in einem Pariser Bordell und auch noch anderswo. Als handele es sich um ein Mannschaftsbulletin wurde in diesem Kontext die Information publiziert, bei dem Pariser Edelbordell handele es sich um ein Etablissement, in dem regelmäßig die französische Nationalmannschaft verkehre. Das klang nicht nur lapidar, sondern es regte in Frankreich die Öffentlichkeit auch nicht sonderlich auf, denn es hätte vor der WM, für die man sich schon skandalös genug qualifiziert hatte, die Stimmung unnötig getrübt. Lediglich die französischen Ermittlungsbehörden machten das, wozu sie durch das Gesetz angehalten sind, sie untersuchten den Fall.

Während der WM war der Fall kein Thema, die französische Nationalmannschaft sorgte durch eine desaströse Leistung für großen Unmut, vor allem in Frankreich. Hinzu kam ein kompletter moralischer Verfall der Mannschaft zum Vorschein, der sich in Drohungen, wüsten Beschimpfungen und Rüpeleien manifestierte, die das klägliche Spiel auf dem Feld noch überschatteten. Selbst Präsident Sarkozy griff in die Diskussion ein und prägte das Wort „inacceptable“. Die Truppe schied aus und kam als Scherbenhaufen auf dem Pariser Flughafen Orly an.

Während die französische Öffentlichkeit nach den Ursachen für das Debakel suchte, die von mangelnder Disziplin des nicht mehr vorhandenen Teams bis hin zu einer gescheiterten Integrationspolitik gesehen wurden, kamen die französischen Untersuchungsbehörden zu dem Ergebnis, dass im Falle Ribéry, und rufen wir uns das noch einmal in Erinnerung, wegen einer sexuellen Beziehung zu einer minderjährigen Prostituierten, ein Verfahren zu eröffnen sei.

Nun kam die Stunde des FC Bayern, oder, um diesem Verein gerecht zu werden, der Herren Rummenigge und Hoeneß. Sie traten ihrerseits vor die Presse mit einer abenteuerlichen Sündenbocktheorie. Ribéry wurde, unabhängig vom den Ergebnissen eines hoheitlichen Gerichtsverfahrens, zum Opfer deklariert. Man brauche, so die beiden Sportsmänner, einen Sündenbock für die Schlechtleistungen der französischen Nationalmannschaft. Ob Ribéry im Rahmen des französischen Rechts schuldig gesprochen wird oder nicht, die beiden Bayernbosse wuschen ihn rein, um ihre sportlichen Erfolge nicht zu gefährden.

Mal abgesehen von der Vorbildfunktion, die Fußballprofis für junge Menschen haben, transportieren wir den Fall doch einfach einmal gedanklich nach Deutschland. Stellt euch vor, vor der WM wäre ein deutscher Stürmer in den Verdacht geraten, sexuelle Kontakte zu einer minderjährigen Prostituierten gehabt zu haben, und stellt euch vor, man hätte auch noch beschwichtigend hinzu gefügt, das sei in einem Bordell geschehen, wohin unsere Nationalmannschaft regelmäßig nach den Spielen ginge. Was hätten wir erwartet? Von den Ermittlungsbehörden, vom DFB und den Vereinen? Momentan steht der komplette FC Bayern unanständig weit im Abseits.

Der Groove, der eine Marke ist

Prince. 20TEN

Viele haben schon nicht mehr daran geglaubt. Doch wie ein Blitz aus einem überladenen Sommerhimmel schlug er wieder ein. Prince Rogers Nelson, nunmehr 52, der Mann, den alle nur unter dem Namen Prince kennen, dessen er zwischendurch so überdrüssig war, dass er auch den wieder ablegte, der Mann, den man am Pop und R&B-Himmel sah, von dem aber der alternde Miles Davis sagte, der sei einer der wenigen, mit denen er noch über Musik reden könne, dieser Prince ist wieder da. Nach fast einem Jahrzehnt außerhalb oder mit bescheidener Öffentlichkeit, in dem er sein Domizil in Minneapolis verlassen und zwischen Los Angeles und London gependelt war, nach dieser Zeit erscheint seine Majestät des R&B auf der Berliner Waldbühne und stellt sein neues Album, 20TEN, vor. Diejenigen, die zugegen waren, konnten den Groove, der durch ihre Gedärme drang nicht in Worte fassen und stammelten nichts sagende Begeisterung aus sich heraus. Und das Album, das verschenkte Prince ganz nach dem Motto „Sekt für die Bauern, der Fürst ist in Laune“ als kostenlose Beilage des Magazins Rolling Stone und pfiff gleichzeitig noch auf die Zunft der Plattenfirmen, die ihm schon immer ein Dorn im Auge waren.

20TEN ist kein Album, das den Orkus des Bahnbrechenden beinhalten würde. Es zeigt jedoch einen Prince, der seine Coolness bewahrt und seine Varianz verbreitert hat. Mit Titeln wie Compassion, Future Soul Song, Sticky Like Glue und Lavaux wird die Bedeutung des R&B, Soul und Funk quasi schon aus der Vertextung deutlich und das Keyboard-Staccato bei Compassion ruft die Südstaatengenres in den Dienst. Bei dem Stück Everybody Loves Me hingegen schlägt ein durch Gitarrenriffs getragener Rock´n Roll-Stomp durch und elektrisiert mit Vehemenz. In einem unbetitelten Bonusstück kommt eine Version des R&B zum Tragen, wie sie in der Zukunft geformt sein könnte.

Auch mit seinen Texten liefert Prince eine Dimension, die lange Zeit leider niemand verbalisiert hatte. Es spricht der alte Rebell, wenn es heißt Life back home depresses me/ Just another form of Slavery. Mit dieser Notation zitiert der Rebell die literarische Tradition eines Thomas Wolfe mit You can´t go home again, einer Erkenntnis, die aus der Siedlergesellschaft mit einer demokratischen Grundströmung erwachsen ist. Und in Act OF God ist der offen politische Prince präsent, der seine Gedanken zu Irakkrieg und Weltwirtschaftskrise schweifen lässt.

Wenn ein Album musikalisch großartig gemacht ist, wenn es durch Bein und Mark geht, wenn die Texte ein seltenes Niveau haben, wenn es Nuancen anklingen lässt, die in der Zukunft Wirkung haben könnten und wenn es zudem noch frei Haus geliefert wird, wie sollte man es dann wohl bewerten? Es wie ein kühler Wind in einer drückenden Hochsommernacht, der erfrischt und dennoch die Gewissheit am Leben hält, dass es bald wieder höllisch heiß wird.