So wie es scheint, leben wir in einem Land des Patts. Seit Jahren liefern sich hauptsächlich zwei Konzepte ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die als konservativ-liberal eingestufte Vorstellung, die durch mehr wirtschaftliche Freiheit und Deregulierung und ein Vertrauen in die Heilungskräfte der Märkte setzt, nach der sich die erforderliche Neugestaltung der Demokratie vollziehen soll. Und die als sozial verantwortlich und demokratisch Begriffene Idee, den Sozialstaat durch vermehrte etatistische Steuerung nur selbst retten zu können. Beide Konzeptionen liefern sich an der Oberfläche eine harte Auseinandersetzung, in den Wahlergebnissen sieht es so aus, als gäbe es weder für die eine oder andere Programmatik eine Mehrheit. Mit geringen Nuancierungen scheint sich die Gesellschaft in zwei ungefähr gleich große Lager zu spalten, die eine zumindest im parlamentarischen System kaum noch mögliche Politikfähigkeit zur Folge hat. Es sieht so aus, als ränge der globale Spekulationskapitalismus mit der nationalen Sozialdemokratie im Volke um eine Mehrheit, auch wenn die Ränder zunehmend poröser werden, was das Regieren zusätzlich erschwert.
Bei näherem Hinsehen wird allerdings deutlich, dass die vermeintliche Homogenität der beiden polarisierenden Programme gar nicht existiert. Die Etikettgierung vermittelt einen irritierenden Eindruck, der durch wenig belegt wird. Die Politik der konservativen Kanzlerin seit dem Jahre 2005 könnte in der Form dirigistischer kaum sein und erinnert in vielem an die alte Leidenschaft, die aus der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus gespeist wurde. Zudem ist die Art und Weise, wie sie versucht, mit einer nie da gewesenen pluralistischen Dimension des Lobbyismus umzugehen, eher opportunistisch als konsequent. Sehr sozialdemokratisch sieht das aus, und zwischenzeitlich führte es zu dem Coup, der originären Sozialdemokratie dadurch lebenswichtige Stimmen zu entreißen. Die Sozialdemokratie selbst konnte mit einem verstärkten staatlichen Dirigismus kaum noch punkten. Die vielleicht große Tragik dieser Partei liegt darin, dass sie den Mut besaß, die notwendigen Justierungen an die globalen Rahmenbedingungen zu wagen und dadurch böse von der eigenen Klientel bestraft wurde. Darin besteht nach wie vor die Aporie dieser Partei, die zwar den Blick für die Herausforderungen eines neuen Staatsdesigns erkannt, aber die Massenbasis für eine Neugestaltung verloren hat und deshalb halbherzig versucht, sich durch eine Retropolitik zu retten. Sowohl die liberalistischen, die ökologisch-regulatorischen als auch die enthemmt etatistischen Strömungen, die die beiden Grundkonzepte erodieren, ändern jedoch nichts an der Frage einer grundsätzlich neuen und notwendigen politischen Philosophie.
Nichts kann mehr auf die Dringlichkeit einer Veränderung in der politischen Programmatik in der Republik verweisen wie die neuerliche Krise im Finanzsystem der EU und der zurückliegenden und der noch anstehenden Eruptionen auf den Weltfinanzmärkten. Während diese Herausforderungen in den dunklen Nachthimmel wachsen, stehen sich die Lager verharrend gegenüber und pflegen die Usancen des Mikado, was zu nichts führt und die Wahrscheinlichkeit sozial verträglicher Erneuerung stetig verschlechtert.

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