Archiv für den Monat Mai 2010

Ein Demagogenkrimi als Raubkopie

Man muss schon auf den kollektiven Verlust des Kurzzeitgedächtnisses setzen, wenn man innerhalb von 18 Monaten das gleiche Muster bemüht, um von eindeutigen Sachverhalten abzulenken. Bereits mit dem Eintreten der Weltfinanzkrise im Herbst 2008 hatte die damalige wie heutige Kanzlerin eine Strategie verfolgt, die schlicht und einfach aus dem Arsenal der Demagogie stammt. Erstens suchte sie die Ursachen für die Krise zu kaschieren, zweitens aktivierte sie erfolgreich Ängste in der Bevölkerung und drittens gewann sie so Verständnis für die Stabilisierung der tatsächlichen Krisenursache durch staatliche Subvention. Der Satz „Die Sparbücher sind sicher“ war die Klimax der Perfidie, analog zu den Blümschen Konnotationen, wo es noch die Renten waren.

Die vornehmlich durch deutsche Banken mit staatlicher Beteiligung begangenen Spekulationsabenteuer auf dem US-Immobilienmarkt wurden von der Bundesregierung nie in ihrer tatsächlichen Dimension gewürdigt. Stattdessen stützte man sie und deklarierte sie als systemisch, um der Gesellschaft zu suggerieren, sie selbst gehe unter, wenn man die unseriösen Teile der Finanzwirtschaft sich selbst überließe. Die Krise wurde nicht dazu genutzt, um der Hochspekulation Grenzen zu setzen, was übrigens in den immer wieder gescholtenen USA geschehen ist. Proportional war die deutsche Beteiligung an der global überhitzten Spekulation wesentlich höher als die amerikanische, aber wo das Ressentiment hilft, da wird es mobilisiert.

Wie ein Stich ins Herz eines jeden Gutgläubigen mutet es daher an, mit ansehen zu müssen, wer in die hochspekulativen Kreditgeschäfte in Griechenland erneut verwoben ist und wer wiederum für die Kompensation zur Kasse gebeten werden soll. Die als Bad Bank deklarierte Hypo Real Estate, ja, wir hören richtig, hängt wieder richtig satt im Fiasko, und abermals prescht Frau Merkel vor, und appelliert an die Ängste der Bevölkerung. Diesmal lautet das Zitat „Wir schützen das Ersparte unserer Bürger“. Unabhängig von dem Versuch, eine eindeutige Zusage an ein internationales Rettungspaket aus wahltaktischen Gründen wegen der Landtagswahlen in NRW hinauszuzögern gewollt zu haben, was per se an Verantwortungslosigkeit nicht mehr zu überbieten ist, ist die Rettung der griechischen Volkswirtschaft tatsächlich systemisch. Die Lage, über die sich momentan das Boulevard so sehr beklagt, das Leben der Griechen respektive ihres Staatsapparates und seiner Beschäftigten über die Verhältnisse, wurde nur möglich durch die fortwährenden Kredite vor allem deutscher und französischer Institute. Deren Politik steht allerdings wiederum nicht auf dem Prüfstand.

Bei der Griechenlandkrise haben wir es mit einer Raubkopie der Weltwirtschaftskrise zu tun. Die zu beobachtende Handlung entspricht einem Kriminalstück, bei dem es um schweren Betrug geht und dessen Folgen immer in die gleiche Richtung deuten. Die spannende Frage bleibt, wann Demagogen wie Täter endlich auffliegen.

Der jüdische Underdog und das Fragile des amerikanischen Traums

Philip Roth. Empörung

Das Wesen großer Literatur, so kann man getrost behaupten, besteht darin, die universalen Topoi der menschlichen Existenz aus der konkreten Erfahrung einer historischen Epoche zu aktualisieren. Der jüdisch-amerikanische Schriftsteller Philip Roth gehört zweifelsohne zu den wenigen lebenden Schriftstellern, denen dieses immer wieder gelingt. Mit Werken wie Der menschliche Makel, Operation Shylock, Ein amerikanisches Idyll, Sabbaths Theater oder Das sterbendeTier ist ihm dieses immer wieder gelungen. Roth gilt als einer der produktivsten unter den amerikanischen Schriftstellern und in der letzten Dekade erscheint fast jährlich ein neuer Roman, manchmal zu dem Preis nicht stetiger Güte. Mit dem 2008 erschienen Roman Empörung (Indignation) jedoch konnte Roth erneut zeigen, zu welchen Qualitäten er fähig ist.

Der Roman spielt in den USA des Jahres 1951, dem zweiten Jahr des Korea-Krieges. Hauptfigur ist der Sohn eines in Newark lebenden jüdischen Koscher-Metzgers, Marcus Messner. Die Familie lebt in einem armen, aber intakten Viertel auf der anderen Hudsonseite der Metropole New York, neben der jüdischen gibt es noch eine große italienische Gemeinde. Marcus Messner besucht zunächst ein kleineres, bescheidenes College in Newark, wo er and der Seite der Kinder aus den Nachbarfamilien durchaus gute Noten nach Hause bringt. Er hilft seinen Eltern in der Metzgerei und lernt früh, dass man nicht immer mögen muss, was man tut, dass aber gemacht werden muss, was zu machen ist. Ab einem bestimmten Zeitpunkt entwickelt der Vater jedoch eine Art fürsorglicher Paranoia, er steigert sich in die Befürchtung, sein Sohn käme auf die schiefe Bahn und er beginnt ihn zu verfolgen.

Marcus wächst dieser Zustand ins Unerträgliche und er entschließt sich, um der Verfolgung und Reglementierung zu entkommen, in das fern gelegene Winesburg College in Ohio zu gehen. Dort reüssiert er weiter in seinen Fächern, kollidiert aber zunehmend mit den Mittelstandskonventionen. Er tritt weder einer Verbindung bei, und anstatt sich im Kommers zu suhlen jobbt er in einer Bar, um das nötige Geld zu verdienen. Er macht seine ersten sexuellen Erfahrungen mit einem Mädchen, das bereits einen Entzug hinter sich hat und grenzt sich damit noch mehr aus. In nahezu historisch anmutenden Dialogen mit dem Rektor der Schule, in dem dieser ihm das Oktroi der Konvention plausibel machen will und Marcus Messner auf sein einfaches, bürgerliches amerikanisches Freiheitsrecht jenseits der Religion und Ideologie pocht, wird die die Unauflösbarkeit dieser Freiheiten mit den tatsächlichen Lebensbedingungen des jüdischen Underdogs deutlich. Marcus scheitert letztendlich an der Weigerung, am obligatorischen Gottesdienst teilzunehmen und kommt daher nicht zu dem Recht, auf einer Universität zu studieren, sondern er landet auf einem Schlachtfeld im fernen Korea, wo er knapp zwanzigjährig sein von Hoffnungen und Leistungen geprägtes Leben verliert.

Neben einer nahezu typisch Rothschen Variante des Vater-Sohn-Konfliktes brilliert der Roman mit dem Universalthema, inwieweit das Allgemeine Recht dem Underdog zugänglich ist, zu welchem Preis er es erwirbt, und welchen Preis er zahlt, wenn er sich die Forderung nach einem Sonderverhalten verbittet.