Archiv für den Monat Mai 2010

Narzisstische Verblendungen

Man sage nicht, die Menschen hätten nicht schon immer hier und da ein Faible dafür gehabt, in ihre Eigenheiten ein wenig verliebt zu sein. Immer schaukelte die menschliche Existenz zwischen einem Bild, das die Zeitgenossen von einem hatten und dem eigenen hin und her. Und selbst beide Wahrnehmungswelten waren keine Garantie für eine treffende Darstellung. Dass das schon immer so war, zeigen uns die bis heute verwendeten Begrifflichkeiten aus der Antike. Wir verwenden sie, weil sie mythisch begründet sind und durch einfache Bilder selbst komplizierte Zusammenhänge gut begreiflich machen können. Ob Ödipus, Pygmalion oder Narziss, uns sind die Bilder geläufig. Und obwohl die Fähigkeit vorhanden ist, das eine oder andere Phänomen anhand eines Einzelfalls zu erklären, ist die kritische Sensorik in Bezug auf die Etablierung von Massenphänomenen, die sich in unserem zeitgenössischen Alltag durchsetzen, nicht in der Dimension vorhanden, die angebracht wäre.

Vor wenigen Monaten stellte sich der heutige Außenminister unseres Landes vor laufende Kameras und deklamierte, „Vor Ihnen steht die Freiheitsstatue der Bundesrepublik Deutschland!“ Anlass war ein Wahlergebnis, gedacht war das Ganze als eine kleine Provokation gegenüber dem politischen Gegner und entpuppt hat es sich im Nachhinein als eine durchaus ernst gemeinte Selbsteinschätzung. Kurz darauf, als der Mann eines der wichtigsten politischen Ämter der Nation endlich inne hatte und seitens der Opposition in erste Bedrängnis kam, deklamierte er, wieder vor laufenden Kameras und Massenpublikum: „Ihr kauft mir nicht den Schneid ab!“ Beide Ereignisse gehören zusammen und sind die beste Aktualisierung, die der Mythos des Narziss erfahren konnte.

Demnach war Narkissos ein sechzehnjähriger Jüngling, der sich aus Stolz der Liebe der Nymphe Echo entzog. Der Fluch, der ihn darauf traf, verurteilte ihn dazu, sein eigenes Spiegelbild in jedem Wasser lieben zu müssen, obwohl er es nie berühren konnte und es sich ihm immer wieder entzog. Er konnte sein eigenes Spiegelbild weder berühren noch sich von ihm lösen, darüber verging er und verwandelte sich in eine Narzisse. Der Mythos lehrt uns, dass der Kontakt mit der Wahrnehmung durch die anderen genau so zum Leben gehört, wie das eigene Empfinden. Indem Narziss Echo aus Stolz verschmäht, wird er verurteilt in einer Welt des Scheins leben zu müssen und das Unglück ist ihm gewiss.

Der Fall des Politikers, der zum Anlass genommen wurde, den Mythos des Narziss aufzugreifen, ist in seiner Einzigartigkeit gut dazu geeignet, die Aktualität der Erscheinung zu illustrieren, eine Einzelerscheinung ist er jedoch nicht. Ganz im Gegenteil! Vieles deutet darauf hin, dass es zu den absurden Logiken der Zeitgeschichte gehört, unter der Überschrift der Kommunikation die Fähigkeit zu verlieren oder verloren zu haben, Rückmeldungen auf die eigenen Wirkungen nicht mehr verarbeiten zu können. Es drängt sich der Verdacht auf, dass wir es mit einer gesellschaftlichen Verwahrlosung zu tun haben, da es nicht mehr als selbstverständlich gilt, zustimmende wie dissonante Wahrnehmungen zum Ausdruck zu bringen. Dahinter verbirgt sich eine Gleichgültigkeit gegenüber den anderen Akteuren. Das ausbleibende Feed Back führt zur idealisierten Selbstüberhöhung bei gleichzeitiger sozialer Isolation. Und so wundert es dann nicht mehr, dass ein armer Tropf auf den Bonner Rheinwiesen steht und glaubt, er sei Miss Liberty!

Der Süden fühlt anders!

Pee Wee Ellis. Different Rooms

Der aus Florida stammende Saxophonist Alfred „Pee Wee“ Ellis hat einen langen Weg hinter sich. Nicht nur geographisch. Vom tiefen Florida, über Texas, die ganze Ostküste rauf bis schließlich nach New York, wo sie alle hin wollten und wollen, wenn sie ein Instrument wie das Saxophon spielen und das nicht nur virtuos, sondern mit einem ganz speziellen Gefühl. Pee Wee Ellis blieb nicht auf der Strecke, er schaffte es bis zum Big Apple, aber er ging nicht darin auf. Obwohl er mit vielen Größen von Ron Carter bis Sonny Rollins dort spielte, stellte er früh fest, dass sein Charakteristikum der Süden war und blieb. So war es auch nicht verwunderlich, dass Ellis zusammen mit Maceo Parker und Fred Wesley lange Jahre zum Bläsersatz bei James Brown gehörte. Die Mitglieder dieses Satzes, aus dem typische Südstaatensolisten entsprangen, die den Funk für den Jazz entdeckten oder umgekehrt, teilen bis heute die Freude am Groove des Chitlin Circuit und man ertappt sie immer wieder dabei, wie sie zusammen spielen.

Pee Wee Ellis hat in seinem siebten Lebensjahrzehnt mit Different Rooms eine weitere CD produziert. Das Bestechende an dem Album ist seine Unbestechlichkeit. Genau wie Parker oder Wesley macht Pee Wee Ellis bei all den Songs genau das, was er immer gemacht hat und was er kann. Er inszeniert auf seinem Tenor den leicht morbiden Lifestyle des amerikanischen Südens, und wenn er in seiner unnachahmlichen Art die von der Hitze ermatteten Licks phrasiert, dann strömt selbst hier in Mitteleuropa ein Geruch von fauligem Meer, Shellfish und knoblauchgeladener Chilisauce aus dem Lautsprecher.

Der Einstieg mit I Heard It Through The Grapevine ist so klassisch und bekannt, und dennoch entsteht der Eindruck, als wäre man zum ersten Mal da, in der bulligen Langeweile, die keine Steigerung mehr kennt, die nur gelindert wird durch die salbungsvollen Untermalungen von Ellis Tenor. Zusammen mit Joe Gallardo gelingt ihm im folgenden All Four Seasons die Illusion von einem Wandel abzuwehren, der sowieso nie stattfinden wird. Das gleich einem Rondo immer wieder aufgegriffene Thema verhöhnt die Ordnung, die den Wechsel vorsieht und die Posaune verrät das Geheimnis der Vielfalt im alltäglichen Rhythmus. Und in Different Rooms wird entschlüsselt, warum es nun mal anders zugeht in den Tropen. Dort, wo das Leben schneller entsteht und viel schneller vergeht. Der ungeheure Reichtum, der durch die Fruchtbarkeit beschert wird, lässt bei aller Deutlichkeit des Vergänglichen keine Trauer zu. Ellis dokumentiert mit einem schier unendlichen Solo, das überhaupt nicht als Anstrengung wirkt, eben diese Widersprüchlichkeit, auch weil es sich in die Routine einfügt, als hätte es gar nicht existiert.

Jedes Stück aus Different Rooms ist eine Hommage an die Schwere und die Leichtigkeit des Südens. Pee Wee Ellis beherrscht wie eh und je das höhnisch schwermütige Volumen seines Tenors, und würde man nicht irgendwann versonnen aus dem Fenster schauen, wähnte man sich auf der Catfish Row. Deep Down South!

Afrikanische Protagonisten im transatlantischen Sklavenhandel

Randy J. Sparks. Die Prinzen von Calabar. Eine atlantische Odyssee

Bestimmte Darstellungen halten sich hartnäckig, sowohl in den historischen Wissenschaften wie in der politischen Kommunikation ihrer Ergebnisse. Das entspricht nicht immer dem tatsächlichen Sachverhalt und dient nicht immer dem, was wir oft so selbstverständlich die Wahrheit nennen. Ein Beispiel für ein Geschichtsbild, welches der näheren Recherche aus heutiger Sicht nicht mehr standzuhalten vermag, ist der transatlantische Sklavenhandel im 18. Jahrhundert. Bis heute hält sich die Version, dass die Gefangennahme und der Transport afrikanischer Sklaven exklusiv das Werk des Weißen Mannes war. Der amerikanische Historiker Randy J. Sparks von der Tulane University of New Orleans hat durch die Aufarbeitung eines spektakulären Falles Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die das bisherige Bild vom Sklavenhandel gehörig korrigieren.

Anhand des Falles der Verschleppung von zwei Mitgliedern einer westafrikanischen Herrscherfamilie durch englische Sklavenhändler aus dem Hafen von Calabar, die selbst Sklavenhändler waren und in einer siebenjährigen Odyssee in die Karibik, nach Virginia und England umherirrten, rekonstruiert Sparks die Beziehungen zwischen englischen und afrikanischen Sklavenhändlern. Die englischen Sklavenhändler kauften an der westafrikanischen Küste ihre lebende Ware von Mitgliedern afrikanischer Clans ab, die die Jagd nach Sklaven im Inland betrieben. Aus diesem Handel, der nicht vereinzelt und zufällig vonstatten ging, sondern die Regel war und systematisch betrieben wurde, entstanden zum Teil sehr kultivierte Beziehungen. Nicht selten nahmen die englischen Sklavenhändler den Nachwuchs der afrikanischen Geschäftspartner mit nach England, wo sie in die Sitten und Gebräuche eingeführt wurden und dadurch die gegenseitigen Beziehungen stabilisieren halfen. Neben dem reinen Kaufgeschäft entstand eine Kooperation beim Transport der Sklaven in die Karibik und dabei entwickelte sich eine transatlantische, kreolische Elite, die als polyglott und interkulturell ausgewiesen gelten konnte.

Die Entführung der beiden Mitglieder aus einem Herrscherhaus führte nichtsdestotrotz zu erheblichen Verwicklungen und ihr Schicksal kann als einer der Anlässe gewertet werden, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu einer politischen Bewegung in England führte, die schrittweise über Dekrete in den Jahren 1792 und 1803 schließlich zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1809 führte.

Wohltuend nüchtern und ohne jedes Kokettieren mit einem historischen Revisionismus stellt Sparks das Ineinanderspielen der verschiedenen Kulturkreise bei einem der furchtbarsten Geschäfte der Neuzeit dar. Die Verliere sind nach wie vor die afrikanischen Sklaven und zu den Gewinnern zählen neben den englischen Händlern auch die beteiligten afrikanischen Herrschaftshäuser. Auch hier führten veränderte Kommunikationsmöglichkeiten zu einer Aufweichung der Lager, die Schicksale von Prinzen freilich erweckten in der englischen Gesellschaft erst den Impuls zum Protest. Der edle Wilde musste dort von aristokratischem Geblüt sein, sonst lag das Menschliche fern wie eh und je. Doch selbst die in diesem Fall Geretteten fuhren nach ihrer glücklichen Rückkehr nach Calabar mit dem Sklavenhandel fort.