Archiv für den Monat April 2010

Suizidale Akzeleration

Hunter S. Thompson. Fear and Loathing in Las Vegas

Kaum eine Zeit wurde von denen, die in ihr groß wurden, derartig glorifiziert und mythisiert wie die Sechziger. Und wie alle Zeiten, in denen sich etwas bewegte und veränderte, weisen auch die sechziger Jahre mit Büchern auf, die bis heute Kultstatus besitzen. Das liegt unter anderem daran, dass diejenigen, die an ihr teilhatten, noch leben und nicht selten dazu geneigt sind, den Mythos hochleben zu lassen. Nach Autoren wie Kerouac und Burroughs, die als Pioniere gelten konnten, weil sie Vorboten der sechziger Jahre waren, kann der 2005 durch eigene Hand gestorbene Hunter S. Thompson als einer derjenigen gelten, der das Jahrzehnt vom anderen Ende her anstrahlte. Sein Roman Fear and Loathing in Las Vegas, der 1971 erschien, wirft ein Licht auf das durchgeknallte Dasein jenseits der frühen emanzipatorischen Illusionen. Es ist eine Bilanz am Ende der Drogenkette, eine ziemlich fürchterliche, die von Selbstironie getränkt ist, die nicht mit dem Zeigefinger daherkommt, sondern die eigene Verstrickung am Ende einer Illusion zum Thema hat.

Die Handlung besteht darin, dass der Autor zusammen mit seinem Anwalt in einem Pickup auf dem Weg nach Las Vegas ist, um im Auftrag eines Verlages über ein Motorradrennen in der Wüste von Nevada zu berichten. Im Gepäck haben sie einen Drogenmix, der für eine ganze Kompanie ausreichte, Haschisch, Opium, Meskalin, Äther, Benzedrine, LSD und gehörige Mengen Alkohol. Von der ersten Seite bis zum Schluss wird der Leser Zeuge von einem horrenden Abusus dieser Drogen in der wildesten Reihenfolge und die aus den Augen eines der Konsumenten beschriebene eigentliche Handlung nimmt folglich eine Form an, die eher als das Ergebnis willkürlicher Assoziation eines nicht endenden Fenstersturzes beschrieben werden kann als eine Textur nach den traditionellen Schemata einer wie auch immer gearteten Epik. Ob das Duo nun den ersten Auftrag, die Reportage über ein Motorradrennen genauso vergeigt wie den zweiten, nämlich die Berichterstattung über eine Konferenz amerikanischer Polizisten über Drogenkriminalität, das alles ist letztendlich nicht entscheidend. Auch der Drogenkonsum der beiden Protagonisten bleibt letztlich uninteressant. Das, was bei Thompsons Buch besticht, sind die in der Wüstensonne aufblitzenden Erkenntnisfragmente, die seht gute Einblicke geben in die Naivität der westlichen Gesellschaft Ende der sechziger Jahre, die nicht mit dem umzugehen weiß, was sie in Frage stellt und die unbeschreibliche Leichtigkeit, mit der es gelang, die etablierten Institutionen an der Nase herumzuführen. Da bleibt kein Auge trocken und es kommt vieles wieder ins Gedächtnis, das die Unaufgeklärtheit der damaligen Welt wieder vor Augen führt.

Hunter S. Thompson wartet sogar mit einer Schlüsselszene auf, in der er die Erkenntnis aufblitzen lässt, wie sehr die Generation, die sich aufgemacht hatte, das Bewusstsein zu erweitern und die Erkenntnis zu vergrößern, mit den Mitteln, die sie wählte, einen kollektiven Selbstmord beging. Nicht alle, aber viele. Und selbst der Autor entging im wahrsten Sinne des Wortes diesem Schicksal nicht. 34 Jahre nach Fear and Loathing in Las Vegas. Mit 68 Jahren.

Europa im Sinkflug

Das, was als ein Vulkanausbruch in Island begann, hätte zu einem Paradigmenwechsel in der EU führen können. Das von den meisten Bürgerinnen und Bürgern als ein Rahmenwerk für wirtschaftliche Zusammenarbeit und ein weit umspannendes Regelwerk verstandene Gebilde, das sehr oft wegen seiner als weltfremd empfundenen Vorschriften einen schlechten Beigeschmack vermittelt, hätte sich vollkommen anders darstellen können. Stattdessen wurden Entscheidungen getroffen, die durchaus nachvollziehbar waren, aber zu keinem praktischen Handeln gegenüber der europäischen Bürgerschaft führten. Natürlich ist die Sicherheit, zumal wenn sie über Leben und Tod entscheidet, durch nichts zu ersetzen. Wenn die Flugsicherheit gefährdet erscheint, dann kann ein generelles Flugverbot als vernünftige Maßnahme gelten. Sich allerdings darauf zurückzuziehen, auch wenn Millionen von EU-Bürgern in allen möglichen Winkeln des Kontinents und darüber hinaus gestrandet sind, genau das ist die bürokratische Ignoranz, die zu den größten Akzeptanzproblemen der EU zählen.

Die vielen Schicksale gingen durch die Presse. Furchtbare Bedingungen auf den Flughäfen, Hoteliers, Transportunternehmen und öffentliche Verkehrsbetriebe, viele von ihnen nutzten in der Manier schlimmster Kriegsgewinnler die Not der Gestrandeten aus und zockten so richtig ab. Familien mit Kindern versanken in der Verschuldung, saßen in Bussen, Bahnen, Taxis oder Mietautos, die sie zu horrenden Preisen in Nötigungsverhältnissen erschwingen mussten und hatten dennoch das Ziel nicht vor Augen. Die EU beschränkte sich auf die Veröffentlichung von Bulletins hinsichtlich des aktuellen Standes des Flugverbots und unternahm ansonsten nichts. Die Eurokraten begriffen nicht die Chance, die sie gehabt hätten.

In einer Glosse schrieb ein britischer Labour-Abgeordneter, was hätte geschehen sollen und können. Alles, so der kluge Mann, begänne mit der Information. Er riet den Eurokraten, sich schleunigst auf den Weg dahin zu machen, wo sie am dringendsten gebraucht wurden. Warum, so fragte er, nicht Studenten örtlicher Universitäten, die mit der Sprache der Gestrandeten vertraut sind, damit beauftragt worden wären, in mobilen Informationszentren den Betroffenen beizuspringen? Und warum habe man nicht EU-weit das Militär mobilisiert und zur Evakuierung auf den Weg geschickt? Warum, so fuhr er fort, hätte man nicht EU Zug- und Busverbindungen organisiert und Konvois auf den Autobahnen fahren lassen? Warum wurden Unterkunft und Verpflegung nicht gestellt? Und letztendlich stellte er die Frage, ob nicht durch den Bruchteil der einmaligen Kürzung der EU-Agrarsubventionen die Kosten für derartige Aktionen wieder hätten eingespielt werden können?

Die Fragen des britischen Labour-Abgeordneten sind durch und durch vernünftig und demonstrieren, was viele Betroffene erwartet hätten. Von der praktischen Intelligenz scheinen die Protagonisten der EU so weit entfernt zu sein wie eh und je. Eine großartige Chance wurde vertan, um die Herzen vieler EU-Bürgerinnen und Bürger vom praktischen Nutzen dieses Zusammenschlusses zu überzeugen. Stattdessen wurde ein lange gehegtes Vorurteil profund bestätigt!

Vulkanwolke in der noerdlichen Hemisphaere, schwerer Regen in Lissabon

Aufgrund des Zusammenbruchs im europaeischen Flugverkehr sitzt der Autor des Blogs in Lissabon fest. In ueberfuellten Internetcafes, in denen gestrandete Europaer aus aller Herren Laender in explosiver Stimmung die Moeglichkeiten austarieren, wie sie per Zug, Auto oder Schiff zurueck in ihre Bestimmungslaender kommen koennen, ist es unmoeglich, mit der erforderlichen Kontemplation den Leserkreis mit aktuellen Ueberlegungen zu versorgen, die die harten Enden des volatilen Zeitgeistes zusammenfuehren. Stattdessen steigt der Konsum starken Cafes und grossformatiger Zigarren in den zahlreichen Cafes dieser Stadt, in der der Fado immer noch treffend die Gemuetslage einer Nation bestimmt, die aus den Hoehen der Kolonialmacht so tief gefallen ist. Hier wird noch gelesen und in den Cafehaeusern philosophiert, im Brasileira, vor dem in Bronze gegossen Pessoa, der Autor des Buchs der Unruhe mit steinern versonnener Mimik die Gecken der Neuzeit an sich vorueber ziehen laesst, ist die Reflexion der melancholischen Attituede sehr gut zu beobachten. Insofern kann der Zusammenbruch der Fluginfrastruktur als eine Gelegenheit begriffen werden, Eiblicke zu gewaehren, die ansonsten verborgen blieben. Bis demnaechst!