Wie eine mächtige Welle erfassen die immer häufiger werdenden enthüllten Missbrauchsfälle die Republik. Angefangenen hatte es in katholischen Internaten, es folgten Knabenchöre und nun hat sie die Zentren der Reformpädagogik erfasst. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es in den letzten Jahrzehnten keine Ausnahmen waren, sondern die Regel. Pädagogen, die aufgrund ihrer Rolle die höchste Verantwortung tragen, die es in einem sozialen Gefüge geben kann, nämlich die fürsorgliche Anempfehlung von schutzbefohlenen, weil noch nicht entwickelten und gereiften Menschen, Pädagogen haben diese Rolle in krimineller und unverzeihlicher Manier missbraucht. Während in katholischen Organisationen die Fehlung trotz verschiedener Verschleierungsversuche letztendlich als unverzeihliches Vergehen eingestanden wird, was den Opfern auch nichts nützt, so haben in den letzten Tagen namhaften Reformpädagogen dieses Verhalten unterschritten. Es entblößt sich eine Fratze, wie sie grauenhafter nicht sein kann.
Hartmut von Hentig, die Ikone der Reformpädagogik schlechthin, deren salbungsvolle Texte bis heute bei jeder Schulfeier wie Psalmen rezitiert werden, hatte sich höchst persönlich zu den Vorfällen in der Odenwaldschule geäußert. Zufällig war dort einer der schlimmsten Akteure der dortige Schulleiter, der Gefährte Hentigs, den dieser ostentativ immer noch als seinen Freund bezeichnet. Und nicht nur das: Der Chefideologe des humanistischen Menschenbildes brachte es fertig, die Vorkommnisse den Verführungskünsten der anbefohlenen Knäblein zuzuschreiben. Da fehlen einfach nur noch die Worte, aber es muss mehr folgen.
Das Menschenbild der Reformpädagogik spart die Sexualität nicht aus, was als ein Fortschritt gegenüber den Positionen von deren Leugnung zu sehen ist. Doch im Gegensatz zur Aufklärung, die die Menschwerdung des Menschen als einen autonomen, geschützten Prozess betrachtet, haben die so genannten Reformer die Aufgabe des Schutzes missdeutet und aus dieser eine populistische Version der sexuellen Befreiung gemacht, die ihrerseits aber nur auf Seiten der Pädagogen, nicht aber auf der der Kinder lag. Bis zur dokumentierbaren Perversion des glorifizierten Hellenismus bei Nietzsche wurde alles bemüht, um die eigene ungezügelte Gier nach sexuellen Exzessen mit der Abhängigkeit ideologisch zu zelebrieren. Daher auch die Zurückweisung von irgendwelcher Schuld. Das wahnsinnige Theoriegebäude, in dem sich diese verderbten Pädagogen bewegen, erweist ihnen den Dienst der Rechtmäßigkeit, im Zweifelsfalle fühlen sie sich noch als die verkannten Verfechter eines Freiheitsgedankens, der mit der Gesellschaft allerdings nichts mehr gemeint hat.
Und trotz der Behäbigkeit und der Gravitationskraft des öffentlichen Schulwesens sei die Frage erlaubt und mit Vehemenz vorgetragen, ob die Zeit nicht überfällig ist, diesem menschenverachtenden Schabernack ein abruptes Ende zu bereiten und den privaten Anstalten schulischer Bildung mit einem vermeintlich ethischen Bildungsziel ein apodiktisches Ende zu bereiten! Recht und Gesetzmäßigkeit sind ein besserer Schutz als ideologisierte Pädagogik. Und ein Hartmut von Hentig, dessen salomonisches Alter ihn nicht schützt, hat mit seinem Gedankengut in Schulen nichts mehr verloren.
