Archiv für den Monat Januar 2010

Eine Entmythologisierung der Neuen Welt

Robert Louis Stevenson: Emigrant aus Leidenschaft

Im Jahr 1879 machte sich Robert Louis Stevenson an Bord eines Auswandererschiffes von Schottland auf den Weg in die USA, um zu der Frau zu gelangen, die er später heiraten sollte. Die Schiffspassage nach New York und die folgende Zugreise nach San Francisco nutzte der damals schon bekannte Schriftsteller, um inkognito das ganze Unternehmen zu studieren. Dabei gelangen ihm exzellente Sozialstudien über die verschiedenen Typen von Emigranten, die durch ihren Charakter sehr stark in eine tabulose Sozialkritik gingen, sodass die Familie Stevensons bis nach seinem Tod das Erscheinen dieser Aufzeichnungen verhindern konnte. Stevensons Reisebericht ist ein lesenswertes, meisterhaft geschriebenes Buch, das zahlreiche Aufschlüsse über die Psychogramme der Auswanderer, die Befindlichkeit des Alten Europa und das Verhältnis der Neuen Welt zu seinen Wurzeln vermittelt.

Dabei bricht Stevenson in sehr beeindruckender Weise mit bestimmten Klischees, die bis in unsere Tage überdauert haben. Seinen Beobachtungen zufolge sind es nicht die Jungen, Hungrigen, Talentierten und Tatendurstigen, die ihrer Heimat den Rücken kehren, sondern in der Mehrheit eher Menschen mittleren Alters, die mit ihren Familien vor Missgeschicken und Lastern fliehen wollen, die sie durch ihre Eigenschaften aber mit im Gepäck tragen. Sie unterliegen einer Illusion, die gewaltiger nicht sein kann und Stevenson entlarvt den Selbstbetrug mit aller Schärfe. Auch den Konservatismus der Arbeiterklasse nimmt er aufs Korn und illustriert dieses an zahlreichen Beispielen. Die soziale Stratifikation auf dem Schiff, die sich an der Zugehörigkeit zu verschiednen Decks unterschiedlicher Preisordnung bis hin zu den blinden Passagieren festmachen lässt, verhilft ihm ebenfalls zu Beobachtungen, die von ihrer sozialen Wirkung großartig sind. So beschreibt Stevenson, wie die Kinder der unterschiedlichen sozialen Klassen immer wieder gerne an der Reling spielen und herumklettern. Während die Eltern der höheren Gesellschaft sofort intervenieren und wegen der Gefahr ihre Kinder dort weg holen, beobachtet er, wie die Mütter aus der Working Class mehr Geduld mit ihren Kleinen haben, weil es für sie schlimmer sei, dass sie ihren Mut verlören, als dass sie sich den Hals brächen.

Bildet New York nur eine kurze Zwischenstation, so reicht die lange Zugfahrt quer durch den Kontinent nach San Francisco dazu aus, um die Dimension des Landes ebenso zu erfassen wie die die soziale Abgrenzung der Emigrantengruppen untereinander, die nach einem subtil ausgeklügelten System sogar bereits in der Neuen Welt formalisiert ist. Stevenson hat ein Auge für die Ureinwohner, denen er immer wieder begegnet und deren Schicksal er ebenso anprangert wie er einer Romantisierung der Siedlergeschichte und des Goldrausches mit seinen bestialischen Kämpfen den Boden entzieht. Trotz seines scharfen Blickes und manch kalter Analyse werden die Beobachtungen getragen von einem hohen Respekt gegenüber den Leistungen der Zivilisation und einem großen Humanismus. Und auch Stevenson trägt zu der Erkenntnis bei, dass die Emigration zu den großen Labors der Erkenntnis zu zählen ist, in denen das Wesen der menschlichen Existenz studiert werden kann.

Das Imperium übernimmt die Regie

Präsident Obama hat keine Sekunde gezögert. Bei Bekanntwerden des verheerenden Erdbebens in Haiti hat er die Vereinigten Staaten in der Verantwortung gesehen. Noch in der Nacht wandte er sich über sein weltweites Netzwerk in einem Brief an seine Sympathisanten und bat um Unterstützung für die anstehenden Hilfsaktionen. Gleichzeitig gab er als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte die Order, die Hilfe vor Ort zu organisieren. Zunächst 6.000, mittlerweile 10.000 US-Soldaten wurden in die Krisenregion geschickt, Flugzeugträger nahmen Kurs auf die Karibik und in kurzer Zeit war der Flughafen in Port au Prince besetzt und gesichert. Die Organisation der Hilfe wird seitdem von einer Weltmacht beherrscht, die einzig in der Lage ist, System und Koordination in das dort herrschende Chaos zu bringen. Angesichts der ersten Berichte kann man einen Eindruck davon gewinnen, worin die Vorzüge einer imperialen Macht liegen.

Es spricht nicht nur für das neue Selbstverständnis der USA, dass sie sich in diesem Fall einer Naturkatastrophe in der Pflicht sehen. Natürlich sprechen auch Sicherheitsinteressen für diese Aktion, war doch Haiti schon in der Vergangenheit mit seiner desolaten Struktur und durch zwei Jahrhunderte des permanenten Elends in einem disparaten Zustand, der Elend, Kriminalität und Instabilität geradezu provozierte. Und wieder war es der französische Kolonialismus, der ein Erbe hinterlassen hatte, um deren Verheerungen sich letztendlich die USA kümmerten. Mit der Unabhängigkeit im Jahre 1804, als sich Haiti als die erste Republik ehemaliger Sklaven definierte, in der die Sklaverei formell abgeschafft war, hatte sich das zwar bürgerliche, aber immer noch koloniale Frankreich mit einem Diktum aus der Affäre gezogen, dass Haiti noch über Dekaden Reparationen zahlen ließ, die durch ihre Höhe eine Dimension hatten, dass das Land nie auf die Beine kam. Ohne Infrastruktur, ohne Bildung, ohne Gesundheitswesen, ohne Verwaltung und ohne eine Elite, die in positivem Sinne diesen Namen verdient hätte. Wieder machte Frankreich wie kein anderes Land deutlich, dass die Formalisierung der bürgerlichen Demokratie im eigenen Land nicht notwendig verbunden war mit einer Demokratisierung des eigenen Verständnisses von einem zukunftsfähigen Völkerrecht. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im eigenen Land verhinderten nicht die Fortführung des kolonialen Gestus.

Wie im Falle Indochinas, so wird am Beispiel Haitis in diesen Tagen deutlich, wie treu und dankbar die USA den Unterstützern aus der Vergangenheit sind. Wenige Schiffe mit Waffenlieferungen, organisiert von dem Opernlibrettisten Beaumarchais und der Einsatz einiger junger Adeliger wie General Lafayette aus dem monarchistischen Frankreich, die auf das Werben Benjamin Franklins in Paris reagierten, um den Unabhängigkeitskrieg gegen England zu unterstützen, reichten aus, um ein Gefühl von Dankbarkeit bis in die heutigen Tage zu erhalten. Das Imperium steht zu seinem Erbe.

Verteilungspsychologie und Massenkorruption

Fast jede Regierung in der Geschichte der Bundesrepublik stand zu Beginn ihrer Amtszeit vor dem gleichen Problem. In den Wahlkämpfen waren sie mit Ausnahme der frühen Aufbaujahre vor das Volk getreten und hatten materielle Verbesserungen versprochen. In der Zeit eines entfesselten Wachstums entsprach das durchaus den Möglichkeiten und vor allem die Verbesserung der Lebensverhältnisse derer, die hart gearbeitet hatten und zur Stunde des Neubeginns im wahrsten Sinne des Wortes bei Null anfingen, war mehr als gerecht.

Was sich im Laufe der Zeit aus diesem zunächst erfolgreichen Politikkonzept entwickelte, war das Versäumnis, politische Zielsetzungen mit einer strategischen Dimension zu formulieren. Stattdessen wurde die Arithmetik der Verteilung immer komplizierter und absurder. Mit der sozialen Stratifikation und Diversifizierung der Gesellschaft wurden, je nach politischem Lager, die potenziellen eigenen Klientelgruppen fein säuberlich dokumentiert und durch eine Aufreihung von Einzelmaßnahmen, die die Verteilung von materiellen Vorteilen zum Inhalt hatten, bedient. Auch das wurde immer kleinteiliger und spezieller. Die vorläufigen Ergebnisse dieser Entwicklung sehen wir heute. Der politische Diskurs wird geführt über einzelne Gebühren, spezielle Steuervergünstigungen, gesonderte Besteuerungen, absetzbare Pauschalen, Einzelzuwendungen etc. etc., ohne dass eine politische Programmatik noch erkennbar wäre. Es entsteht der Eindruck, dass die Parteistrategien nicht mehr aus politischen Notwendigkeiten und einem Gestaltungswillen heraus entstehen, sondern das Werk von Finanzmathematikern geworden ist.

Die Bevölkerung, die sich mehrheitlich und periodisch von dem politischen Geschäft enttäuscht zeigt, wird hingegen voll von der Zuwendungsdiskussion absorbiert und kann mitnichten für sich reklamieren, eine politisch in die Zukunft weisende Programmatik zu fordern. Die Debatten drehen sich dort um die Verteilung von Vorteilen und Gütern, deren Sinn gar nicht mehr hinterfragt wird. Der Begriff der Gerechtigkeit wird aus den jeweiligen Kontoständen abgelesen und ist allenfalls noch ein Indiz für den Sozialneid. Der einseitige Verweis auf den Schachercharakter der Politik greift nicht, ohne die Schachermentalität der Massen mit auf dem Zettel zu haben.

Interessant ist es, sich die Entwicklung selbst unter dem Aspekt der langweiligen monetären Materialität anzusehen. Es ist nämlich festzustellen, dass es gar keinen Einfluss auf die wahre Entwicklung der Lebensverhältnisse hat. Die Prosperität einer Volkswirtschaft hängt ab vom Entwicklungsstand der Produktivkräfte, den verfügbaren Ressourcen, den Anteilen an Märkten und der Qualität und Befindlichkeit der sie treibenden Menschen. Vor allem letztere lassen eine positive Prognose auf die Perspektiven in der Zukunft zu. Eine auf Weltfremdheit beruhende Psychologie der Verteilung und eine tradierte Erwartung einer korrumpierenden Ausgabenpolitik sind nicht dazu geeignet, Probleme zu lösen und Neues zu wagen.