Archiv für den Monat Dezember 2009

Die Dekonstruktion des kausalen Denkens

Das, was einst im Zuge der Aufklärung die Bannmeile des Obskurantismus und der Phänomenologie durchbrach, ist auf dem absteigenden Ast. Das eigentliche Attribut des vernunftbegabten Wesens, welches das Vermögen ausmacht, die Welt zu erklären, nämlich die antrainierte, elaborierte und durch alle Disziplinen exerzierte Erfassung der Kausalität, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. In allen Fragen, die eine existenzielle Dimension aufweisen, wird die Suche nach der Ursache systematisch und propagandistisch zunehmend ausgegrenzt. Es gleicht einem Tabubruch, wenn in Diskussionen nach den Ursachen für die zu erörternden Wirkungen gefragt wird und nicht selten kann erlebt werden, wie diejenigen, die diese häretische Frage sich noch zu stellen trauen, wie Narren aus einer anderen, überlebten Zeit traktiert werden.

Und es ist nicht unbedingt das böse Werk von Dunkelmännern, die dieses Spiel betreiben. Bei genauem Zuhören wird deutlich, dass das Ansinnen, Phänomene durch die Analyse von Ursachen erklären zu wollen, auf bloßes Unverständnis stößt. Der Eindruck scheint nicht zu täuschen, dass immer mehr Menschen des Informationszeitalters, in dem das Faktenwissen in einer nie gekannten Üppigkeit demokratisiert wurde, nicht mehr in der Lage sind, die Genese der Erscheinungen rekonstruieren zu können. Wir befinden uns zunehmend auf der Oberfläche, die Welt ist bunt und vielfältig, aber die Frage nach dem Warum übersteigt das intellektuelle und analytische Instrumentarium des zeitgenössischen Menschen.

Als Sigmund Freud sein epochales Werk der Psychoanalyse entwickelte, sprach er im Zusammenhang mit der modernen Menschwerdung von dem Phänomen des Prothesengottes. Er beschrieb damit den Zustand der humanen Überhöhung durch die Fähigkeit, sich instrumentell zu ermächtigen, sein Umfeld über seine natürlichen Eigenschaften hinaus beeinflussen zu können. Der Mensch herrschte über die Maschine und bewirkte ungeheure Gestaltungsprozesse, die auf seine Intelligenz im Zusammenhang mit Konstruktionen von Werkzeugen hinwiesen. Dass damit Brüche in der originären psychischen Struktur determiniert waren, steht auf einem anderen Blatt.

Die Entwicklung der Computer und die Explosion der artifiziellen Intelligenz scheinen die Befähigung des Menschen, über seine instrumentellen Appendices zu herrschen, beendet, ja umgekehrt zu haben. Zunehmend fühlen und begreifen sich Menschen bei der Betrachtung ihrer Existenz als Bediener von Computern, als Getriebene und Unterworfene. Das Phänomen der Massenexistenz von durch digitale Maschinerie Unterworfenen führt zu einer neuen Disposition des humanen Denkapparates, der seit dem Beginn der Aufklärung zum ersten Mal seine Vernunft einer systematischen Dekonstruktion unterworfen sieht. In einer Zeit, in der der Positivismus als Wissenschaft und Ideologie der quantitativen Beschreibung von Qualität Triumphe feiert und somit die Armseligkeit der globalen Digitalisierung kaschiert, entsteht eine neue Despotie, die auf der Dekonstruktion von Kausalität und Vernunft basiert. Gesellschaftliche Unterdrückung findet nicht mehr statt, wenn sie keiner mehr begreift oder sie als solche empfindet.

Atmosphärisches

Auch wenn die wabernden Nebel an dem Ort, wo der Neckar in den Rhein mündet am heutigen Morgen es nicht vermuten ließen – die Wende hat bereits vor einigen Tagen eingesetzt. Der Achspunkt ist erreicht und die Tage werden wieder länger, wie die Bauern sagen, jeden Tag um einen Hahnenschrei. Der Weg über die Brücke zum Markt war begleitet von einer seltsamen Ruhe, drüben, in der Innenstadt hatten die Geschäfte noch auf, selbst der Musikladen mit den wunderbaren Blasinstrumenten hatte die Gitter hochgezogen und der Meister mit seiner Lederschürze freundlich gewunken.

Am Geflügelstand, wo der Puter bestellt war, brachte mich der Mann zum Lachen, indem er sagte, wir hier, in unserer Stadt, wir haben das Herz auf der Zunge. In einem Dialekt, der so viel verrät über die die Zeit, die hier verstrichen ist und Zeugnis ablegt von den vielen Strömungen, die hier zusammen gekommen sind. Gleich hinterm Markt, im türkischen Viertel, war geschäftiges Treiben und es roch wie immer, fast wie auf dem geschlossenen Bazar zu Istanbul. Elegante Flaneure begrüßten sich in einer entspannten Stimmung und grüßten freundlich, was der einsetzende Platzregen nicht verhindern konnte.

Auf dem Weg zum Café dann die verlorenen Schritte derer, die kein Ziel mehr haben, mit leeren Blicken, die das Glück verloren haben. Sie wissen, dass sie in diesen Tagen die Einsamkeit so brachial spüren wie nie, wenn sich die Türen schließen und es öde wird auf den Straßen. Im Café selbst die Bruncher, laut, gestikulierend, die Sektgläser schwenkend und die Furcht vor der Stille herunter spülend. Bedienungen aus Südamerika schleppten den gebeizten Lachs und die käsigen Omelettes an die sich biegenden Tische, während draußen, vor dem Fenster, die Bettler sich ein letztes Almosen zu erjagen erhofften.

So wie es scheint, stehen die wenigen, noch von Menschen beherrschten Maschinen zunehmend still. Die Handphones werden leiser, und auf den Mail Accounts lockert sich der Terror der Nichtigkeiten. Jetzt, in den frühen Mittagsstunden drängt sich eine Ruhe in das Dasein, die den Mammon schmäht. Menschen, die sich sonst krawallierend durch die Straßenschluchten schieben, suchen den Blick der anderen, um sich zu vergewissern, dass man ihnen beisteht, wenn sie allein da stehen und sich nach dem Sinn fragen. Wo sie doch wissen, dass sie keine Antwort finden werden. Selbst die Rauesten werden plötzlich wachsweich und betteln mit ihren Pupillen um ein wenig Mitgefühl, weil sie ahnen, dass es das einzige ist, was sie noch retten kann. Es macht sich ein Zustand breit, von dem man hofft, dass er diese Tage überdauern möge, um den Weg dorthin zu finden, wohin sich sonst niemand wagt.

Wieder zuhause, hilft die Musik, diesen seltenen Glücksmoment zu konservieren, hier, bei mir, sind es die Klänge von Charlie Mariano, es war sein letztes Konzert und er wusste, dass bald alles vorbei war. Ihm gelang es, die existenzielle Ruhe in seinen Ton zu bringen. Das Sphärische liegt jenseits der Oberfläche, die nur ablenkt, die Wahrheit verbirgt. Die ruhende Welt ist reich wie nie zuvor.

Das Verschwinden existenzieller Robustheit

Nein, man muss nicht erst Biographien aus dem frühen 20. Jahrhundert lesen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was es heißt, sich seinen Platz in der Welt erkämpfen zu müssen. Manchmal reichen auch eher triviale Zufälle, um deutlich zu sehen, was in unserer Gesellschaft mit den Individuen passiert. Da fallen dann plötzlich Erscheinungen ins Auge, die sich am prominenten Rande des Weltgeschehens abspielen und dennoch symptomatisch sind für das, was sich bewegt.

Einen solchen Zufall bescherte der Fernsehsender des Westdeutschen Rundfunks in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Anlässlich des 100. Geburtstags von Borussia Dortmund wurde zunächst die Feier aus der Dortmunder Westfallenhalle übertragen, was uninteressant war, um danach mit der Übertragung von als historisch eingestuften Spielen zu beginnen. Als der Autor in diese lange Borussia Dortmund Nacht zappte, begann gerade das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister im Jahre 1997 in München, Dortmund gegen Juventus Turin. Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch wenn es als Schalker immer etwas schwer fällt, Dortmund hat das Spiel nicht nur mit 3:1 gewonnen, sondern insgesamt genial gespielt und sich den Titel verdient. Chapeau!

Aber das war es natürlich nicht, was ins Auge stach. Was einfach am Bildschirm hielt, war die Art und Weise, wie dort Fußball gespielt wurde. Das Spiel war sehr schnell, auf keinen Fall langsamer als das heute so gerühmte Tempo. Außerdem ging es nach heutigen Maßstäben außerordentlich zur Sache. Es wurde sehr hart und mit großem Körpereinsatz gespielt, während die Spieler nicht weniger athletisch als heute, nur anders proportioniert daher kamen. Ich stelle einmal die Behauptung auf, dass beide Teams heute eine gute Chance hätten, wenn sie sich mit Manchester United oder Real Madrid des Jahres 2009 messen müssten. Der große, gravierende Unterschied zu heute war allerdings, dass die dort gezeigte Härte als durchaus fair empfunden wurde, dass niemand theatralisch auf dem Rasen herumwinselte oder gar Karten für den Gegner forderte. Nach heutigen Maßstäben hätten allerdings sieben oder acht Spieler die Rote Karte sehen müssen, denn das, was aktuell als unsportlich angesehen wird, war 1997, also vor 12 Jahren, nicht der Rede wert!

Wenn sich in einer Sportart, die durchaus paradigmatischen Charakter für unsere Gesellschaft hat, sich in einem derartig kurzen Zeitraum die Empfindung gegenüber einem Wert wie Fairness oder die Sichtweise hinsichtlich der Regelauslegung so dramatisch ändert, dann ist es unvermeidlich, die Sicht auch auf die allgemeine Tendenz in der Gesellschaft zu wenden. Und hätten wir es nicht schon gewusst, so sehen wir uns sogleich vergewissert, dass eine Verweichlichung und Larmoyanz um sich gegriffen hat, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten nicht kannten. Die Debatten im Bundestag gleichen einem Kaffeekränzchen früherer Tage, Wirtschaftsorganisationen argumentieren zuweilen wie ein caritatives Genesungswerk, militärische Operationen werden mit zivilen Maßstäben beurteilt und Boxweltmeister machen Werbung für die Milchschnitte.

Übrigens sind fast alle Werke Charles Darwins anlässlich seines 200. Geburtstages wieder aufgelegt und als Lektüre für die Weihnachtstage eindringlich empfohlen!