Archiv für den Monat Oktober 2009

„Musst du lesenn, ist dich Cheimatt…“

Leo, ein exilierter Russe, lehrte uns das Schachspielen und Wodkatrinken. Er war schon hier, als es noch eine starke Sowjetunion gab und warum und wie er herüber gemacht hatte, wussten wir nicht. Er war untergekommen als Kalfaktor im Lyzeum unserer Stadt, einem von Nonnen betriebenen Mädchengymnasium mit angeschlossenem Internat. Leo wohnte dort, er war der einzige Mann, galt aber als Hüter der der ehrwürdigen Institution anvertrauten Mädels. Wenn wir mal dort waren, um gemeinsam zu „lernen“, stand irgendwann Leo in der Tür und mahnte zu einem längst überfälligen Schachspiel mit einem Wässerchen. Kurz danach befand sich eine Gesellschaft junger Männer um den betagten Mann mit dem rollenden R, der in seiner kleinen Mansarde eingemauert war durch die Schweins- und Rindslederrücken seiner Bücher. Meist wurde es dort oben heiß, es stank nach Schnaps und alle rauchten wie Schlote in der Hochkonjunktur, sodass man Glück hatte, wenn man das Schachbrett noch sehen konnte. Die Nonnen nahmen das in Kauf, hielt uns doch der intellektuelle Zerberus aus dem Osten von den Schülerinnen fern.

Und tatsächlich verstand es Leo, uns sowohl in die konkrete Schachpartie wie eine Menge Gedanken um dieses Spiel herum zu verwickeln. Bedächtig zog er an seiner nassen Pfeife, dass es laut knisterte und philosophierte herum. Wir stiegen immer darauf ein, weil er Ansichten vertrat, die sich manchmal mit unseren eigenen rebellischen Ideen deckten, was uns angesichts seines Alters verwirrte. Er konnte aber auch Standpunkte vertreten, die wir erst gar nicht verstanden, weil sie so anders waren als alles, was wir aus unseren Elternhäusern und in der Schule hörten. Dann saß er da, und man sah in ein Gesicht, das viel durchlitten haben musste, und ein weiser, trauriger Blick aus grauen Augen drang durch dicke Brillengläser direkt in unsere Herzen. Das war Leos Phänomen, denn er appellierte an den Geist und traf jedes Mal doch das Gemüt. Und wenn wir manchmal weinten, dann lag das nicht nur am Rauch und am Wodka, sondern an seiner Fähigkeit, uns aufzuregen, zu begeistern und zu treffen.

Wenn wir Leo nach seiner Heimat fragten, dann erzählte er uns ausschließlich von der großen russischen Literatur, von Puschkin und Lesskow, von Turgenjew und Gogol, von Dostojewski und Tolstoi, von Bulgakow und Majakowski. Und wenn er erzählte, dann atmeten die vielen Bücher in seinem Verschlag, sie begannen schwermütig zu summen, und wir alle hörten es und summten mit.

Zu Politik äußerte sich Leo nie und wenn wir ihn nach den Zuständen in seiner Heimat fragten, erzählte er immer nur von neuen Büchern und Romanen, die dort wieder gelesen würden. Als wir ihn einmal fragten, wie er uns Russland am liebsten beschreiben würde, antwortete er ohne zu zögern, dass Russland die Literatur sei und die Literatur Russland. Und seine grauen Augen strahlten uns viel sagend an. Dann hob er das Pinnchen mit dem Wodka, prostete uns zu und deklamierte: „Musst du lesenn, ist dich Cheimatt!“

Die Diversifikation der Bilanzen

Der griechische Historiker Polýbios wies unter genauer Kenntnis der menschlichen Natur, den eigenen Vorteil nicht aus den Augen zu verlieren, auf die Vorzüge des römischen Verfassungslebens hin. Die gegenseitige Kontrolle verschiedener Verfassungsorgane galt als Sicherheit dafür, jene Balance zu halten, die Demokratien brauchen, um zu existieren. In der Theorie über die Konstitution von Demokratien bleib diese Einsicht ein Evergreen und sie kann als conditio sine qua non der modernen Demokratien gelten. Montesquieu, jener Geist der Aufklärung, der die gesetzlichen Voraussetzungen für ein modernes demokratisches Gemeinwesen 1748 in seinem Werk Geist der Gesetze verschriftlichte, stanzte diese Wahrheit auf das Mutterband der bürgerlichen Gesellschaft und sie fand Einzug in die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika, jenem Auftakt zur Großen Französischen Revolution. Unter der Begrifflichkeit des Checks and Balances hat sich bis heute die Idee gehalten, dass Verfassungsorgane ihren Auftrag nur im Geiste des Gemeinwohls werden erfüllen können, wenn sie sich gegenseitig auf die Finger schauen und die Möglichkeit haben, die Notbremse bei Entwicklungen zu ziehen, die ein gefährliches Aussehen haben. In Deutschland wurde Checks and Balances sogar in das Aktienrecht mit aufgenommen, um das Verhältnis von Vorstand, Aktionärsversammlung und Aufsichtsrat zu regeln.

Die Kontrolle eines Organs durch ein anderes kann gewährleistet werden, wenn es eine Einigung auf die Instrumente der Amtsführung und ein transparentes Berichtswesen der jeweiligen Geschäftsführung gibt und der Vorgang der Kontrolle zeitlich und systematisch geregelt ist. Auch in unserem Land gibt es dazu verfassungsrechtlich gesicherte Vorschriften, die in der Regel eingehalten werden.

Der Schlüssel zur Herrschaft, auch in diesem Punkt reicht die Erkenntnis weit bis in die Antike zurück, ist das Geld. Wer genug über das Allgemeine Äquivalent verfügt, wie Marx es nannte, der kann sich Menschen und Material kaufen, arrangieren und organisieren und dafür bezahlen, dass gut über ihn berichtet wird. Das war schon immer so und waren die Herrschenden von Hause aus nicht reich, so griffen sie auf öffentliche Gelder zu. Dazu musste das Finanzgebaren verschleiert werden und oft hatte man Budgets mit Titeln wie Reptilienfonds oder Portokasse, um Dinge veranlassen zu können, die im jenseits der demokratischen Kontrolle liegen sollten. Eine andere Abstufung ist es, die defizitären Segmente eines Haushaltes aus der Hauptbilanz zu ziehen, um sie mit geliehenem Geld zu finanzieren. So liegt die zu kontrollierende Bilanz ganz passabel auf der Prüfbank und man kann suggerieren, selbst in schlechten Zeiten gut zu wirtschaften.

Der Versuch, die Bilanzen zu diversifizieren, ist nicht neu, aber angesichts der Dimension hat er eine groteske Qualität. In gutem Deutsch ist es schlichte Schönrechnerei, die verhindert, der Dramatik des Augenblicks direkt ins Auge sehen zu können, um einen politisch sinnvollen und abgestimmten Weg aus der Krise finden zu können. Zudem wird verschleiert, wie das Geld aufgrund ideell korrumpierter Amtsführung verschleudert wurde. Und es verletzt den Grundsatz des Checks and Balances, ein wahrhaft famoser Start für eine neue Regierung.

Operative Geschäftigkeit und dynamisches Warten

Leider und Gott sei Dank: die Langeweile der sechziger Jahre, die letztendlich zur Rebellion einer ganzen Generation und zu einem Kreativitätsschub sondergleichen geführt hat, diese Langeweile gibt es nicht mehr. Und Menschen, die seit den siebziger Jahren geboren wurden, kann man sie auch kaum noch erklären. Und wenn man es tut, so glauben sie einem nicht. Es ist schlicht nicht mehr vorstellbar, dass es in der Omnipräsenz dieser Provinz nichts gab, was einen jungen Menschen hätte inspirieren können: Radiostationen mit Marschmusik und Schlagern, in den beiden TV-Programmen Quizshows, kein Jugendtreff, kein Buchladen, kaum Sport. Kneipen, ja, die gab es und Kirchen, beides nur bedingt geeignet, um die Tristesse zu vergessen.

Sei es drum, mit der allgemeinen Beschleunigung technischer, kommunikativer und gesellschaftlicher Prozesse setzte nicht zeitgleich, wie übrigens nie, eine Beschleunigung humaner Reife ein. Die psychosozialen Voraussetzungen waren für einen überschau- und einhaltbaren Lebensrhythmus vorgesehen, aber nicht für den täglichen Speed Cocktail, den wir nun seit Jahrzehnten täglich verabreicht bekommen. Die Reflexion über das, was wir erleben, findet aufgrund der hoch frequenten Taktung kaum noch statt und irgendwie hat sich sogar ein common sense darüber gebildet, dass dieses zu einer soliden Existenz gar nicht mehr vonnöten ist. Das Ergebnis ist eine aktionsüberladene Bewusstseinsformung, die zu dramatischen Krisen führt, wenn sich einmal nichts ereignet. Weder die medialen Impulsgeber noch die Individuen halten es noch aus, dass einmal ein Stündchen ohne sensationsfähige Ereignisse im heiß geladenen Äther verstreicht.

Wie jede biologische und soziale Organisation, so verfügt auch die Befindlichkeit des frühen 21. Jahrhunderts über ein Immunsystem, das blitzartig greift, wenn die Versorgung mit der heißen Nachricht unterbrochen wird. Die wohl verbreitetste Form der Abwehr gegen die innere Verödung ist die operative Geschäftigkeit. Zu gut Deutsch beschreibt sie eine Vorgehensweise, in der allerhand geschieht, aber weder die einzelne noch die Summe aller Aktionen darauf hindeuten, dass ein bestimmter, sinnhafter Telos damit verfolgt würde, es sei denn, man akzeptiert den wahren Grund: Einen Plan gegen die innere Leere zu erstellen, die entsteht, wenn sich eine zeitlang nichts tut. Böse Zungen beschreiben diesen Zustand auch als eine kulturelle Substanzlosigkeit, aber, so müssen wir uns fragen, nützt es etwas, sich darüber zu mokieren, wenn es so ist? Ob es Strategien gegen die Instabilität psychogrammatischer Leere außer einer guten Bildung und einem Fundus fühlbarer Werte gibt, wird die Zukunft zu zeigen haben.

Ab und zu trifft man aber auch auf Zeitgenossen, die sich seit langem darauf verständigt haben, den Rausch der Akzeleration nicht mit gesellschaftlichem Sinn zu verwechseln. Sie arbeiten an Programmen und formulieren Visionen, die scheinbar mit der Erotik der schnellen täglichen Taktung nichts zu tun haben. Ihnen ist bewusst, dass es Zustände geben kann, die mehr Feuer enthalten als der profane Kick ohne Nachwirkung. Ihr Zustand kann als der des dynamischen Wartens beschrieben werden, und sie entwerfen das Regiebuch für die Zeit nach dem Hype.