Archiv für den Monat September 2009

Das Privileg und die Wahrheit

Privilegien an sich sind, so schwer es in unseren Zeiten zu vermitteln ist, keine schlechte Sache. Sie wurden erdacht, um Menschen, die eine herausgehobene Rolle oder Funktion hatten, die sie im Sinne und Auftrag der Gemeinschaft wahrnahmen, von den Gravitationskräften des Alltags zu befreien. In früheren Zeiten, wie zum Beispiel der Monarchie, war das auch so, nur besaßen die Potentaten die Privilegien auf Lebenszeit, und das tat ihnen selten gut, wie die Geschichte der Dekadenz uns lehrt. In Demokratien hingegen waren und sind Privilegien immer zeitlich begrenzt, d.h. sie werden verliehen für den Zeitraum, wo deren Nutznießer im Auftrag des Volkes Geschäfte wahrnehmen, um die Geschicke eines Landes oder einer Organisation treuhänderisch zu gestalten. Der Zweck des Privilegs ist, die Menschen, denen das Vertrauen geschenkt wurde, dazu zu befähigen, ihre gesamte Kraft auf den Auftrag zu konzentrieren.

Auch in Demokratien, so wissen wir, ist der Missbrauch von Privilegien an der Tagesordnung. Statt sie dem Zweck des Auftrages unterzuordnen, bilden sie für manch einen Emporkömmling den eigentlichen Zweck des Unternehmens, und nicht der Wunsch nach Gestaltung, sondern die bloße Gier nach Vergünstigung und Status. Das ist nicht erfreulich, aber es ändert nichts an der Notwendigkeit, Privilegien an diejenigen zu verleihen, die in einer komplexen Struktur einen professionellen Job machen sollen. Dieses wiederum stört die Apologeten des Sozialneids nicht, die auf der Folie des Missbrauchs ihr Geschäft zu betreiben, indem sie Missgunst und Verdacht auf alle zu leiten trachten, die den Mut und den Willen haben, im Sinne der Gemeinschaft zu agieren. Dabei leben diejenigen, die den Privilegien par excellence den Kampf angesagt haben, zumeist nicht schlecht und nicht selten genießen sie in Organisationen, die ihrerseits die Spaltung des Gemeinwesens schüren, genau das, was sie bekämpfen. Da lebt es sich ganz kommod, und es ist nicht übertrieben, diesen Zeitgenossen den Ehrentitel des Demagogen zu verleihen. Denn wer Wasser predigt, während er selber heimlich Wein trinkt, dem sollte man keinen Glauben schenken.

Dennoch birgt das Privilegium eine Gefahr, die stetig größer wird, je länger es genossen wird. Wer von den Mühen des Alltags befreit ist, mit seinen Widrigkeiten und Sorgen, mit seiner Mühsal und erforderlichen Disziplin, mit seiner Notwendigkeit, sich schnell zu entscheiden und sich selbst zu beschränken, der entfernt sich von den notwendigen Tugenden, die erforderlich sind, das Leben zu meistern. Aber genau dazu soll das Privileg befähigen, quasi auf einer höheren Stufe im Sinne der Gemeinschaft. Und je länger die Perioden der Befreiung von der Mühsal des Alltags dauern und je mehr sich die Privilegierten mischen und vom Alltag etablieren, desto weltfremder erscheint das, was sie zustande bringen.

Rare Exemplare sind diejenigen unter den Privilegierten geworden, die es vermögen, noch ein normales Leben jenseits des Auftrages zu leben und mit denen in Kontakt zu bleiben, die ihnen ihre Existenz als Gestalter, das höchste Privileg überhaupt, ermöglichen. So entfernen sie sich immer mehr von der Wahrheit, die ihrerseits nackt im Volke wandelt.

Die Permanenz der Diaspora

Edgar Hilsenrath. Berlin…Endstation

Der deutsche Jude Edgar Hilsenrath hat im Jahr 2006 einen weiteren Roman veröffentlicht, der das Thema seines Lebens in den Mittelpunkt stellt: Den Holocaust und das Elend des Exils. Mit dem Roman Berlin…Endstation greift Hilsenrath in das unerschöpfliche Erfahrungsreservoir des Exilierten, den es über Frankreich in die USA trieb und von wo er Jahrzehnte später nach Deutschland zurückging. Nicht ungewöhnlich, aber selten, nicht halsbrecherisch, aber couragiert. Die von Hilsenraths biographischer Substanz getränkte fiktive Figur Joseph Leschinsky, genannt Lesche, erfährt es kurz vor seiner geplanten Rückkehr nach Deutschland von einem jüdischen Kollegen im Emigrantencafé in der 86. Straße. In Deutschland, so bedeutet ihm dieser, brauchst du nach keinem Holocaust-Denkmal zu suchen, Deutschland ist ein einziges Holocaust-Denkmal, überall.

Lesche lässt sich nicht abhalten, er ist Schriftsteller, er braucht die deutsche Sprache, ihn treibt es über London und München nach Berlin, wo er sich niederlässt und sogar Fuß fasst. Romane, die die amerikanischen Verlage nicht drucken wollten, finden hier in kleinen Häusern ihre Resonanz, der findige, lebensbejahende Lesche, der dennoch seine Albträume und sein Trauma nie los wird, erwirbt sich in kurzer Zeit eine bescheidene Existenz. Als jüdischer Schriftsteller gewinnt er aber immer mehr das Gefühl, dass alle ihm zeigen wollen, nein, wir sind nicht so, wie du denkst, wir waren das nicht, oder wir haben aus der Geschichte gelernt. Lesche entdeckt das Thema des Holocaust gegen die Armenier im Jahr 1915 für sich, er recherchiert, inspiriert durch den berühmten Roman Franz Werfels, der schon vor dem industriellen Vernichtungszug gegen die deutschen Juden das Thema zu einer großen Metapher für die systematische Entwertung der Existenz und das Fanal einer Gegenwehr gegen deren Siegeszug machte.

Vor Lesches Haustür tauchen die ersten Nazi-Parolen gegen ihn auf, den jüdischen Schriftsteller, der sich nie wieder verstecken will. Lesche fliegt in die USA, nach San Francisco, um Material zu dem Armenierthema zu recherchieren, macht auf dem Rückweg einen Stopover in New York, wo er noch mal Gelegenheitsjobs wahrnimmt, um nicht zu vergessen, wie das war, besucht alte Freunde und kehrt nach Berlin zurück. Dort plant er den großen Armenierroman, arbeitet für eine Reportage über die Obdachlosen in Berlin, verliebt sich in eine junge Armenierin und macht den Eindruck, als gelänge ihm die Rückkehr. Doch kurz aufeinander folgende Schlaganfälle werfen ihn aus der Bahn und als er, rekonvaleszent, mit dem Rollstuhl durch sein Viertel fährt, lauern ihm Jungnazis auf und zertrümmern ihm mit einem Baseballschläger den Schädel.

Endstation Berlin liest sich wie die letzte Sequenz des Bewusstseins vor dem Tode, die die verhafteten biographischen Stationen noch einmal Revue passieren lassen. In der burschikosen Finesse, dem humordurchtränkten, unvernichtbaren Lebenswillen des Joseph Leschinsky und seines Weges durch die Romanhandlung zeigt sich die Irreversibilität des bereits Geschehenen. Die Vernichtung, die unsägliche, führt zu keinem Happy End. Auch wenn man sich bei der Lektüre immer wünscht, Lesche möge noch viele Bücher schreiben und auch verkaufen, seine Schelmenstücke fortsetzen und das Glück einer späten Liebe genießen. Das Urteil steht bereits in den längst veröffentlichten Annalen: Brutales Ende, kein Trost!

Stillstand als Ideal

Flatterten nicht so nach und nach die Wahlbenachrichtigungen in die Häuser, so bekämen wir gar nicht mit, dass wir vor einer entscheidenden Bundestagswahl stehen. In parlamentarischen Demokratien wird in bestimmten Zeiträumen darüber entschieden, in welche Richtung die politische Gestaltung der nächsten Jahre gehen soll. Für die eine oder andere grundsätzliche Richtung wirbt von den Kandidatinnen und Kandidaten eigentlich niemand. Wir hören viel Partikulares, da wird mal lockend der Käse in die eine oder andre Lobby gehalten, aber Grundsätzliches hören wir wenig.

Dabei hat die Wahl im Jahr 2005 sehr deutlich gemacht, dass unsere Gesellschaft gespalten ist in diejenigen, die aktiv im Wirtschaftsleben stehen und deren Belastung immer höher wird und denjenigen, die von Transfersystemen leben, aber eben auch immer schlechter. Die politische Auseinandersetzung wurde lange um eine Balance zwischen beiden Lagern geführt, die allerdings seit der Weltfinanzkrise nur noch ein schöner Traum bleiben kann. Irgendeine Seite wird gehörig leiden müssen, um das Vabanque der Banken und das staatsmonopolistische Co-Zockertum finanzieren zu können und die Wirtschaft wieder in Fahrt zu bringen. Die große Koalition, die den Balanceakt vier Jahre lang halbwegs garantierte, hat daher keine Zukunft mehr.

Die SPD hat sich insofern entschieden, als dass sie zum einen wieder die Orientierung an ihrem klassischen Klientel vollzieht und den gebenden Sozialstaat propagiert und zum anderen in einer Neukonzeption des nationalwirtschaftlichen Leistungsportfolios die Rettung sucht. Neue Arbeitsplätze in Millionendimension sollen vor allen im Bereich der erneuerbaren Energien und der kreativen Cluster entstehen. Letzteres ist mutig und hat eine Perspektive, ersteres ein alter Trick. Die Union hingegen hat eine Kanzlerin, die sich als Chamäleon versucht und die Politik mit einer Bräsigkeit zu entpolitisieren sucht, die schlichtweg provoziert. Das ist die Handschrift Kohls, des Aussitzers und der beschämenden Attitüde, dass die Okkupation des Kanzleramtes ein Wert an sich darstelle. Die Liberalen hingegen profitieren von dem berechtigten Überdruss gegenüber einer alle Lebensbereiche durchdringenden Bürokratie und einer Fiskalpolitik, die vielen Mittelständlern als Kriminalisierung von Leistung vorkommen muss. Die Grünen haben sich zu einer autoritären Regelungspartei entwickelt und vertreten immer noch die doktrinären Verdauungsphilosophen und die protestantische Lustfeindlichkeit, zuweilen noch mit einem Schuss Liberalismus, während die Linke immer mit dem Bonus spielt, nie an die Macht zu kommen und damit verantworten zu müssen, was man als Opposition so schön fordern kann.

So wenig attraktiv die verschiedenen Optionen erscheinen, eine Richtungsentscheidung wird wohl fallen, die sich zumindest zu entscheiden hat zwischen Wirtschaft und Sozialem. Das ist hart, aber nicht zu ändern. Diejenigen, die am liebsten bei der Balance blieben, haben keine Zukunft mehr. Davon gibt es nicht wenige und ob man einen Neuanfang mit denen machen kann, die den Stillstand symbolisieren und idealisieren, ist mehr als fraglich. Alternativen für die Protagonisten gibt es derzeit kaum. Und so ruhig es im Moment auch scheint, uns stehen turbulente Zeiten ins Haus.