Archiv für den Monat September 2009

Krisen als Chance des Neuanfangs

Thomas Wolfe. You Can´t Go Home Again

Der amerikanische Autor Thomas Wolfe wurde nur 38 Jahre alt. Geboren 1900 in Asheville, North Carolina, starb er bereits 1938 in New York City, wohin es ihn früh trieb. Wolfe gehörte zu der Gruppe der Erneuerer, die im Chelsea Hotel lebten und Zeugen der größten Krise der USA durch den Börsenkrach 1929 wurden. Wolfe kannte New York City als Ort der Befreiung von der provinziellen Enge, erkannte aber auch die Brüchigkeit der Fassade und die Abgründe jenseits der großen Kulissen. Der Roman You Can´t Go Home Again trägt zahlreiche autobiographische Züge, gehört aber zu Wolfes unvollendeten Projekten und erschien post mortem 1940. Zahlreiche Passagen vermitteln den Eindruck von Basismaterial, das Wolfe nicht mehr in die Textur des Romans mit eigener Hand einfügen konnte. You Can´t Go Home Again ist ein kolossales Kompendium eines groß angelegten Romans.

Zentrale Figur ist der junge, aus den Südstaaten stammende Schriftsteller George Webber, dem es mit Hilfe seiner verheirateten Geliebten und zum Establishment gehörenden Esther Jack gelingt, einen Verlag für seinen Erstlingsroman zu finden. Thema des Romans ist das Leben und die Figuren seiner Heimatstadt, die schonungslos in ihren Sozialbeziehungen dargestellt werden. Zum Entsetzen des naiven Schriftstellers Webber sind die Reaktionen aus seiner Heimat harsch und bedrohlich und er findet heraus, dass er besser nicht noch einmal dorthin zurückkehrt. Auf einer letzten Reise dorthin, kurz vor der Veröffentlichung des Romans, entdeckt er die Veränderungen, die aber nicht zum Besseren geführt haben. Auch dort herrscht das Spekulationsfieber, der Rausch, der zu unseriösen Geschäften führt. So ist es kein Wunder, das parallel zum New Yorker Börsenkrach auch in seiner Heimat der Crash kommt, die Selbstmorde der Ruinierten zur Unzahl werden und die Malaise kaum noch zu beschreiben ist.

George Webber zieht eigene Konsequenzen. Er trennt sich von der etablierten Freundin und begibt sich unter die Underdogs in Brooklyn, wo er Jahre lebt und wie ein Eremit an seinem zweiten Roman schreibt. Er studiert die Lebensverhältnisse der Menschen seines Umfeldes und will dem Phänomen näher kommen, wie sich der amerikanische Mythos aus dem täglichen Brot der Verdammten nährt. Es ist ein schreckliches Unterfangen, Webber sieht Amerika auf dem falschen Weg, aber er begreift auch, dass die Potenziale für die Zukunft gerade dort zu suchen sind, wo das Licht dünn und die Portemonnaies leer sind. Als Webber seinen zweiten Roman nach sechs Jahren veröffentlichen will, begibt er sich außer Landes, um abermals vor bösen Überraschungen geschützt zu sein. Auf Reisen nach London, Berlin und Paris erlebt er die Versnobung der englischen Eliten, die Saat des gegenseitigen Misstrauens in einem totalitären Deutschland und die eitle Dekadenz in einem krisenhaften Frankreich. Währenddessen wird sein Roman in den heimatlichen USA zustimmend und nachdenklich aufgenommen, was er als ein Indiz für die positiven Perspektiven des jungen Amerika sieht. Wolfes Roman ist eine Hommage an die Skepsis und den Zweifel, im individuellen wie im makrokosmischen Sinne, jedoch nie ohne den Verweis auf die Notwendigkeit des Neubeginns, denn ein Zurück, das gibt es nie.

Rondo macabre

Das, was den Fernsehzuschauern als das große Finale vor der Bundestagswahl und die große Gelegenheit gepriesen worden war, sich noch ein qualifiziertes Bild von den Protagonisten im Kampf um das Kanzleramt machen zu können, entpuppte sich nicht als ein Duell, in dem mit unterschiedlichen Perspektiven und Konzepten gerungen wurde. Vielmehr ging es darum, auf eine gemeinsame Legislaturperiode zurückzublicken und sich in unterschiedlichen Nuancen und Details der Regierungsführung zu unterscheiden. Die Perspektive, die sich daraus für die potenziellen Wählerinnen und Wähler ergab, war mehr als desolat. Es wurden keine signifikanten Unterschiede sichtbar, die Voraussetzung für eine wirkliche Wahl sind.

Das geflügelte Wort von Altbundeskanzler Helmut Schmidt, dass derjenige, der Visionen habe, sofort zum Arzt müsse, stammt aus einer Zeit, in der hinsichtlich einer florierenden Wirtschaft, die zwar auch ihre ersten Strukturkrisen hatte und hinsichtlich einer außenpolitischen Schirmherrschaft durch die USA, die von vielen Lasten befreite, der Zynismus einer starken Geschäftsführung derartig lapidar zu kontern wusste. Da konnte ein Pragmatiker noch das Alltagsgeschäft zum Programm machen, ohne sich den Vorwurf einzuhandeln, Richtungsentscheidungen zu verschlafen. Fast dreißig Jahre später blicken wir auf Ereignisse wie die deutsche Einheit und die wachsende Globalisierung, die Genese einer neuen geopolitischen Weltordnung, eine radikale Internationalisierung der Arbeitsmärkte und zwei Weltfinanzkrisen zurück, die andeuten, dass sie in Zukunft akzelerieren werden. Da wird ein Weiter so! zum Debakel. Nicht nur, weil es höchste Zeit ist, sich auf die gegenwärtigen Bedingungen in der Welt einzustellen, sondern auch, weil in den vergangenen Dekaden die gleiche Parole schon strategische Nachteile hervorgebracht hat, die es immer schwerer zu korrigieren wird.

Das Duell der beiden Kanzlerkandidaten ließ diese entscheidende Thematik aus oder streifte sie allenfalls als subalternes Dekor. Nichts wurde formuliert, wie z.B. die Bildung in diesem Land, einhellig ja als ein wesentliches Produktivelement gepriesen, nach vorne gebracht wird. Es gab keine Vorstellung darüber, mit welchen Fähigkeiten und Fertigkeiten und mit welchen Werten die jungen Menschen ausgestattet sein müssen, um in dieser Welt zu bestehen. Es gab keine Aussagen zu der Qualität der Infrastruktur in diesem Lande, die augenfällig deterioriert und keinem Vergleich zu europäischen Randzonen mehr standhält. Ebenfalls keine Aussagen wurden getroffen über die Rolle des Landes in internationalem Maßstab, wie sich die Politik einbetten muss in internationale Bündnisse und welchen Weg man gehen will, um eine klare Marschroute für militärische Verpflichtungen und Handlungsspielräume zu haben. Und ebenso wenig war zu hören über eine strukturell begleitete Wirtschaftsentwicklung, z.B. der Frage, wie man umgehen will mit Segmenten der Bildungsmisere und internationalen Beschäftigungsstrukturen oder in welche innovativen Sektoren man investieren will. Letztendlich waren auch die Rituale in Bezug auf die Demokratie fatal, weil sie von einem Bild der Gesellschaft ausgingen, das so schon lange nicht mehr existiert.

Die Journalisten glaubten, mit der Etikettierung des Duells als ein eigentliches Duett einen Coup gelandet zu haben. Mag sein, aber hinsichtlich der Perspektiven von Politik war es ein Rondo macabre, die Wiederholung altbekannter Themen und Weisen, aus denen nichts hervorging, was die Zukunft erahnen ließe.

Eskapismus und Globalisierung

Das alte Wort des Globetrotters hat zu Missverständnissen geführt, die nicht zu unterschätzen sind. Nicht, dass diejenigen, die sich historisch die Bezeichnung des Globetrotters redlich verdient hatten, dafür verantwortlich machen zu wollen, was heute an Mystifikation hinsichtlich einer falsch verstandenen Globalisierung die Runde macht. Die Globetrotter waren zumeist Freidenker und Abenteurer, die aus der Enge der Heimat in die Welt getrieben wurden, um ihren Horizont zu erweitern, Kenntnisse zu erwerben und der alten Heimat dazu zu verhelfen, die weite Welt etwas besser zu begreifen. Sie nahmen vieles auf sich, riskierten nicht selten ihr Leben und trugen dazu bei, dass es in manch dunklem Heimatland etwas lichter wurde, was die Welterkenntnis anbetraf.

Dann gab es diejenigen, die sich aufmachten, weil sie in der eigenen Welt nicht mehr zurechtkamen oder -fanden. Viele von ihnen fühlten sich eingeengt oder gestresst hinsichtlich der existenziellen Anforderungen, die die Heimat an sie stellte. Sie wollten dem entrinnen und sie wurden bekannt unter der Chiffre Aussteiger. Nimmt man die Metapher ernst, so verließen sie einen fahrenden Zug, weil sie das Bestimmungsziel nicht mehr erstrebenswert fanden. Auch ihre Motive sind nicht unbedingt zu kritisieren, denn schon Goethe wusste, dass der Mensch frei und sein Feld die Welt ist. Doch im Gegensatz zu Auswanderern, die wiederum in einem anderen Land ihre eigene Existenz errichten wollten, suchten die Aussteiger mehrheitlich Orte auf, die sie für geeignet hielten, sich auf keine zivilisierte Teilnahme an einem Gesellschaftsgebilde mehr einzulassen. Sie suchten Nischen, wo sie ihr Dasein in der gewünschten Form des Müßiggangs fristen konnten. Bedenkt man, dass es auf der Welt kaum Gesellschaften zu geben scheint, in denen man ohne ursprünglichen Besitz ein Leben ohne Leistung führen kann, dann liegt die Erkenntnis nahe, dass das Projekt des Aussteigens tendenziell zum Scheitern verurteilt ist.

So trifft man sie dennoch an, in vielen Ländern am Rande der großen Zivilisationen, zum Teil aus wirtschaftlich starken und komplexen Staaten kommend, wie sie sich entwickelt haben zu einer Kaste, die noch weit unter der untersten ihrer Gastländer figuriert. Je länger sie schon dort sind, desto desolater ihre Lage, desto größer die Kluft zwischen ihrem einst so großen Anspruch und dem täglichen Dasein. Man trifft sie zumeist dort, wo sich vielleicht die Touristen aus ihren eigenen Heimatländern herumtreiben, denen sie irgendwelche erbärmlichen Handarbeiten anbieten und Schauermärchen über ihre wunderbare Existenz erzählen. Dabei spielen sie die letzte Rolle und bezeichnen sich als die Pioniere der Globalisierung.

Letztere jedoch ist und war in den früheren, historischen Wellen immer ein Konstrukt gewaltiger Anstrengungen, die eigenen Leistungssphären zu erweitern, mit großer wirtschaftlicher Macht und mit kultureller Überlegenheit. Die Epochen der Globalisierung standen und stehen unter dem Zeichen der Perfektionierung und Optimierung. Aber auch sie produzierten die Flucht und das Aussteigertum. Der Eskapismus ist die Schattenseite der Globalisierung.